laut.de-Kritik

Tim Burton meets Pavarotti auf LSD? Alter, nee!

Review von

The Dark Tenor heißt der neueste Streich aus der Klassik-trifft-Pop-Ecke. Man ist von Gregorian bis Schiller schon Einiges an ungenießbarer Kitschsoße gewohnt. Geht das auch besser? Dieses Mal zielt das Konzept auf die dunklen Seelen der Goth-Gemeinde. Heraus kommen 14 Lieder, die klassische Evergreens von Beethoven, Mozart und Co. mit selbst komponiertem Schwarzwurzelschmalz mischen.

Die Grundidee überzeugt als optische Inszenierung zunächst auf ganzer Linie. Statt perlenweiß bezahnter Grinsekatzen, die stocksteif auf der Bühne stehen, gibt es einen anonymen maskierten Mann, der mit Tattoos, gothischem Silberschmuck und Magierumhang bemantelt eine ganz neue Kunstfigur samt mystischer Hintergrundstory verkörpert. Dieser ebenso gelackte wie trashige Ansatz macht als unterhaltender Mummenschanz erst einmal Spaß. Man liebt schließlich auch Alice Cooper und Ghost B.C.

Das ändert sich jedoch schlagartig, sobald man die CD in den Player schiebt. Weit gruseliger als das Styling klingt nämlich die Musik. "Ich fiel in ein Koma. Und plötzlich tobte in mir ein Kampf zwischen Gut und Böse", heißt es im Video zum Opener "The Beginning". Wäre er doch nur liegen geblieben, statt diese Platte zu machen und die Hörer in selbiges zu versetzen!

Denn leider unterscheidet sich die "Symphony Of Light" musikalisch durch rein gar nichts von jenem grindigen Sakro-Pop-Schmand, den die allseits bekannten Nivellierer (zuletzt Schlafes Bruder) seit Äonen für das unbedarfte Musikvolk anrühren. Die Eigenwahrnehmung des Projekts lautet: "Tim Burton meets Pavarotti auf LSD". Alter, nee! Im Gegenteil: Schimmliges Boxerhymnen-Pathos gießt so lange den toten "Conquest Of Paradise"-Gaul auf, bis Vangelis mutmaßlich freiwillig ins Grab springt, nur um darin angemessen rotieren zu können.

Wer glaubt, ich übertreibe, der soll nur mal versuchen, das Album ohne Skiptaste nonstop zu ertragen. Selbst die Geduld eines Zen-Meisters würde hier nicht unerheblich auf die Probe gestellt. Der Grundfehler ist schnell ausgemacht: Die klassischen Originale brauchen kein modernistisches Lifting, erst recht keinen unpassend hineingequetschten Pomp samt Gesang.

Wenn man so etwas dennoch interpretieren möchte, muss man sich des Stoffes mit Inspiration, Liebe und Originalität annehmen. Jacques Loussier etwa zeigte bereits vor Jahrzehnten, dass eine zeitgemäße Neudeutung von Bach und Konsorten in großer Würde möglich ist. Hier werden die magischen Originale hingegen konsequent verkrüppelt. Keim sympathischer Zug!

Auch Deine Lakaien seien hier als Vorzeigebeispiel genannt: Ihre Eigenkompositionen profitieren oft von Ernst Horns klassisch geschultem Ansatz ("Acoustic", 1995). Der dunkle Tenor hingegen lässt jeden Anflug eigener Ideen konsequent vor der Türe. So dienen Ludwig vans berühmte "5. Sinfonie" und die anderen Meisterwerke nur als Kleiderbügel für Ramschware, gegen die noch das abgeschmackteste Musical wie eine künstlerische Offenbarung wirkt. Nein, hier werden die großen Komponisten vergangener Tage nicht geehrt und auch nicht respektvoll zitiert. Lieber beutet man sie für die ideenloseste Tapetenmusik des Jahres aus.

Stimmlich kann man dem singende Finsterling keinen Vorwurf machen. Zwischen Tenor und Countertenor pendelnd, macht er seine Sache handwerklich zehnmal besser als die ganzen Schmalspur-Operettas wie Nightwish und ähnliche Horrorkombos. Natürlich hat man gesanglich hier nie das Niveau von Caruso, sondern höchstens von Casapietra am Start. Aber für akademisch soliden Durchschnitt ist man nach den ersten Momenten schon sehr dankbar.

Besonders schlimm trifft es Allegris "Miserere" (ca. 1630). Nichtssagende Percussion und ein ebenso öliges wie belangloses Gesangsmelodram degradieren das wundervolle Thema zum bloßen Alibigedudel. Selbst diesen unrühmlichem Moment vergeigt der Allerwelts-Chor komplett. Bei den höchsten Stellen - seit 400 Jahren die dramatischen Höhepunkte des Stücks - erreicht man nicht die Hälfte von Skala und Charisma echter Gänsehautinterpreten wie etwa dem berühmten britischen King's College Choir.

Das musikalisch Grauen ist jedoch alles andere als Zufall. Die Mannschaft, die sich der Dark Tenor für Songwriting, Arrangements und Produktion zulegt, ist in Deutschland bislang vor allem für provinzielle Massenware bekannt. Producer Bernd Wendlandt betreut unter anderem Silbermond und Lena Meyer-Landrut. Tom Olbrich hat das furchtbare WM-Lied "Auf Uns" von Andreas Bourani mit verbrochen. Und Thomas Remm jazzte bereits die singenden Missverständnisse Eisblume sowie Jeanette Biedermann zu Stars des H&M-Gothic und Soap-Opera-Trallala hoch. Da überrascht es wenig, dass die Platte derart oberflächlich und pathetisch klingt.

Nachdem dieses Team des Grauens im nichtssagend aufgeblähten "The Hunger" die gute alte Königin der Nacht ("Zaubrflöte", 1791) zur Nebelkrähe und Fußnote degradiert und nebenher Händel mitleidlos in übel sülzigem Lounge-Sound ersäuft, ist die wohl mieseste Scheibe des Jahres dann endlich zu Ende. Zu schade, dass eine schöne Grundidee am bewussten Kommerzkalkül in Erwartung eines tauben Publikums scheitert.

Trackliste

  1. 1. The Beginning
  2. 2. Heart Of Gold
  3. 3. River Flows On The Edge (feat. Yiruma)
  4. 4. Love Is Light
  5. 5. River Of Life
  6. 6. Haunted Hearts
  7. 7. Miserere
  8. 8. The Hunger
  9. 9. Ode An Die Freude
  10. 10. Like A Hero
  11. 11. After The Nightmare
  12. 12. A Stranger Like You
  13. 13. Lascia Ch'io Pianga (feat. Angelzoom)
  14. 14. Tag Des Zorns (Lakme - Dies Irae)

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LAUT.DE-PORTRÄT The Dark Tenor

The Dark Tenor ist anders als seine normalerweise oft steifen Klassik-Kollegen. Zwar hat er jahrelang bei seiner Mutter das Geigespielen gelernt, ist …

9 Kommentare mit 9 Antworten

  • Vor 4 Jahren

    Gestern mal quergehört.
    Eigentlich ist dieses Album eine ziemlich radikale Verschwendung von Talent. Der Bombast wirkt stellenweise deplaziert, die Arrangements machen die Melodien größtenteils kaputt. Am schlimmsten trifft es dabei den Tenor selbst. Eigentlich würde ich für eine solche Musik einen Heldentenor erwarten; Peter Hofmann hat ja schon vor Jahrzehnten gezeigt, daß man mit dieser Kombination wenigstens passable Ergebnisse erzielen kann. Irgendein strahlender Sänger, der das Arrangement im Zaum hält und vorne den Ton angibt - das wäre ein gangbarer Weg. Stattdessen schätze ich den Interpreten eher als lyrischen Tenor ein, und an dieser Stelle hätte ich eher zu einem ruhigeren Arrangement mit einigen Ausbrüchen als Kontrast geraten, mit einem eher melancholisch-bedrohlichen statt einem lautstark-dramatischen Unterton. Der Tenor und seine (gar nicht mal sooo schlechte) Leistung wird eher unschön mit Zuckerwasser zugedeckt. Zusammen mit den bereits zu Tode genudelten Klassikanleihen (warum bedienen sich eigentlich immer alle Produzenten bei denselben Stücken? Beethoven hat noch anderes geschrieben als die fünfte Sinfonie und Smetana hat auch deutlich mehr als die "Moldau" zu bieten ...) ergibt sich ein eher lauwarmes, kommerziell anbiederndes Bildchen und keins von einem Künstler, der Wert auf Eigenständigkeit legt. Nach dem Querhören glaube ich, die Maske hat noch andere Gründe als dieses Dark-Tenor-Konzept. Ich glaube, der schämt sich ...

    Gruß
    Skywise

  • Vor 4 Jahren

    ich sach ja: eher casapietra als caruso; aber der ansatz - und da gebe ich dir recht - ist durchschaubar: denen ist es latte, was die klassik zu bieten hat und was ludwig van und co sonst noch machten. wer kein problem damit hat, alles zu schänden und zu verkrüppeln, der ist natürlich ausschließlich am maximalen wiedererkennungswert interessiert. zynischste scheibe des jahres! :hiss:

  • Vor 3 Jahren

    Hier haben sich ja ein paar Berufsmeckerer zusammengefunden, die ihre Dreckkuebel ueber einen Kuenstler ausschuetten, der ein neues Konzept vorgestellt hat. Ein ausgebildeter Tenor mit starker Stimme bedient sich des Mainstreams der Klassik (na und?), um einer weitestgehend unbedarften Generation Lust auf die alten Meister zu machen. Dieses Konzept scheint mit all seinen musikalischen und kompositorischen Experimenten aufzugehen.
    The Dark Tenor ist ein grosses Talent und laesst sich hoffentlich nicht von uebellaunigen anmassenden Schreiberlingen davon abhalten, weiter seinem Weg zu folgen.

    • Vor 3 Jahren

      McNees, bin absolut deiner Meinung. TDT hat es wirklich geschafft die Generationen zu verbinden. Und das möchte er mit seiner Musik schaffen. Ich hatte nie Bezug zur Klassik, jetzt habe ich mich schon mit vielen Stücken auseinandergesetzt, ein lieber alter Herr, der schon 70 Jahre klassik und Oper hört ist begeistert, warum sollte, wie er so daneben liegen?! Auch seine Stimme zeigt alle Facetten eines ausgebildeten Tenors und er schafft, was viele Künstler vergeblich versuchen, das ist das Herz eines Zuhörers zu berühren. Ich hoffe noch sehr viel von ihm zu hören!!!!!

    • Vor 3 Jahren

      Hi pepe2828,
      stell doch Deine netten Zeilen als Bewertung bei amazon ein, egal, ob Du dort gekauft hast - auf dieser Plattform lesen es sehr viel mehr Leute, als hier. Da hilft es den Künstlern. Vielen Dank + LG

    • Vor 3 Jahren

      Hi Mc Ness hab Bewertung schon lange dort abgegeben. Wenn du seine Musik auch magst und Lust hast schau bei uns vorbei. FC symphony of light, ist eine geschlossene Gruppe.i

    • Vor 3 Jahren

      Ist auch besser so. Ihr gehört alle in die Geschlossene.

    • Vor 3 Jahren

      an Unregistered:
      Die Schmähungen der Einfältigen muss man sich mit Gleichmut anhören!
      oder für Spatzenhirne: Was kümmert es den Adler, wenn ihn die Spatzen schmähn - hoch oben in den Lüften, lässt er den A.... sie sehn!

    • Vor 3 Jahren

      Hier bei uns tut es auch ein modernes "Du Hurensohn!"

    • Vor 3 Jahren

      Selbst wenn's getrollt sein sollte ...
      :D :D :D

    • Vor 3 Jahren

      @Unregistered: Über solch verbitterten Kommis wie Deinen kann ich nur mitleidig lachen. Wenn dir seine Musik nicht passt, verzieh dich in deine dunkles Kämmerchen und hör was auch immer DIR gefällt....
      @pepe2828: Da bin ich ganz Deiner Meinung, bis dato hat es keiner geschafft, mir mit seiner Musik eine Brücke zur Klassik zu bauen.
      Naja, jedem Tierchen sein Plesierchen - lassen wir die Mecker-Ärs...e da oben weiter ihrer Lieblingsbeschäftigung nachgehen, anderen alles madig machen zu wollen. Die sind unverbesserlich.

    • Vor 3 Jahren

      Wenn selbst Dark Tenor Fans mitleidig über einen lachen können, muss man schon am absoluten Tiefpunkt angekommen sein.

  • Vor 3 Jahren

    Es gibt in der Gothic Szene einige Klassikprofis - gar Prominente - die aber selbst keine schwarzen Projekte haben oder beides bestmöglich trennen, jeden Anschein vermeiden zu versuchen sie würden Crossover machen. Das ist einfach widerlicher Produzentenpop, der Herr Dark Tenor hätte man besser Leute aus der Szene gefragt und das Projekt selbst entwickelt anstatt sich da so ein Retortenprojekt überstülpen zu lassen. Aber ich vermute ohnehin dass der zur Szene keine Verbindung hat. Und zu Nightwish: Meines Erachtens eben Durchschnitt - aber das ist eben schon weitaus mehr als im restlichen Pop üblich, wo viele Leute überhaupt nicht singen können. Und Floor Jansen deckt gesanglich schon einiges ab, sie ist keine schlechte Wahl.

  • Vor 3 Jahren

    Ich kenne mich zwar nicht mit Oper aus oder Tenören. Daher habe ich auch nicht diese sprachlichen Schreibklang wie sie oh Autor. Doch ich habe eine Begabung wie manch anderer auch, der mit klassischer Musik aufgewachsen ist und auch eine professionelle Gesangsausbildung durchlaufen hat. Ich habe ein Gänsehautgefühl, wenn ein Lied perfekt ist, Seele besitzt und Authentizität herüberbringt. Das hat dieser Tenor mit ähm ja dünner Stimme nicht geschafft. Er nimmt sich 0815 Klassiker, genauso wie Yiruma und meint ihm noch den nötigen Feinschliff zu geben. Entweder geht er dabei in der Musik unter oder vergeigt es total. Ich frage mich überhaupt, wieso er bei Youtube und Co. solche tollen Bewertungen erhält. Hat denn niemand Daniel Kübelböck gehört oder ähnliche schräge Stimmen bei den ersten Folgen von DSDS. Nur weil jemand auf Tenor macht und eine Maske trägt kann er noch lange nicht singen. Da kann ich selbst noch besser als Frau eine männliche Tenorstimme nachahmen. Dünn, dünner, Dünnpfiff! Inszenierung toll. Stimmer unterirdisch. Tja wenn man mit Gewalt versucht einen Sänger in ein unpassendes Projekt hineinzuzwängen, oder war das eher umgekehrt. Hmmmm. Vielleicht sollte er ja Pop machen. Seine dünne Stimme würde da allemal ausreichen!

  • Vor einem Jahr

    ich bin durch RTL auf TDT aufmerksam geworden, habe mir dann viele seiner Lieder auf youtube angeschaut und habe mir am gleichen Abend noch ein VIP-Ticket für eines seiner Konzert besorgt. Und ich muss sagen ich bin von seiner Persönlichen Art wie auch von seiner musikalischen Gabe sehr begeistert. Und ich würde immer wieder auf ein Konzert geben.