laut.de-Kritik

Mit viel Groove und Östrogen gegen überholte Rollenklischees.

Review von

Mit "Masseduction" legte Annie Clark alias St. Vincent vor vier Jahren ein zeitkritisches Werk vor, das sich als ironischer Kommentar zur Beiläufigkeit vieler Produktionen im Pop verstehen ließ. Nun lässt sie auf "Daddy's Home" den Rock'n'Roll, den Funk und den Glam der 70er- und 80er-Jahre wiederaufleben.

Schon im von Bill Benz gedrehten Video zum ersten Vorboten "Pay Your Way In Pain" mit seiner verwaschenen Optik und den discohaften Posen der 38-Jährigen sprudeln Glitter und Glamour über. Dazu hörte man knarzige elektronische Klänge, schmissige Soul-Chöre, locker aus der Hüfte geschüttelte Funk-Akkorde und eine markante Melodie, die an David Bowies "Fame" erinnerte. "Daddy's Home" hat jedoch weitaus mehr zu bieten als Bowie-Zitate.

Schon der Opener sieht St. Vincent auch ganz in der Tradition des Blues, wie sie dem Kulturmagazin "ttt - titel, thesen, temperamente", das jeden Sonntag auf Das Erste läuft, kürzlich verriet: "Das Lied "Pay Your Way In Pain" ist für mich ein Blues für 2021. Man denke nur an die vielen großen Blues-Themen wie: 'Ich besitze kein Geld' oder 'Ich wurde von der Gesellschaft ausgeschlossen'. Wir leben in einer Welt, die Menschen oft zwingt, sich zu entscheiden: zwischen Würde und Überleben."

Über das Album berichtete sie zudem im Vorfeld der Veröffentlichung: ""Daddy's Home" sammelt Storys über das Ausgeliefertsein in der Innenstadt von NYC. Die Absätze der vergangenen Nacht im morgendlichen Zug. Glamour, der schon seit drei Tagen anhält."

Letzten Endes kreist die Platte um Menschen, die tagtäglich um ein besseres Leben kämpfen, jedoch nicht immer alles richtig machen. Zudem geht es der Sängerin, Musikerin, Songwriterin und Produzentin darum, Menschen nicht all zu schnell vorzuverurteilen, da sie sich auch zum Besseren ändern können. So hat sie sich für das Album, das sie wieder einmal zusammen mit Jack Antonoff produzierte und das mit zahlreichen Gastmusiker/innen entstand, von der Cancel Culture inspirieren lassen.

Hintergrund bildete vor zwei Jahren die Entlassung ihres Vaters aus dem Gefängnis, der 2010 wegen Wirtschaftsbetruges verurteilt wurde. Danach fing sie an, Songs zu schreiben. Für ihre Stücke griff sie tief in Daddys Plattenkiste, um Inspiration aus den Werken zu beziehen, die sie mit ihm als kleines Mädchen gehört hatte: LPs, die sie wahrscheinlich mehr als jede andere Musik in ihrem Leben geprägt haben.

Insgesamt umgibt das ganze Album eine zeitlose Aura, die an die Scheiben Janelle Monáes denken lässt. Nur hat der Sound mehr Geerdetes, Traditionelles als bei der R'n'B-Sängerin. All zu zeitgeistige Töne wie auf dem Vorgänger braucht man somit hier nicht zu erwarten, dafür aber eine Menge Groove und eine Menge Östrogen. Den überholten Rollenklischees ihrer Väter verpasst St. Vincent nämlich auf ironische wie treffsichere Weise eine Absage, wobei sich popkulturelle Zitate wie ein roter Faden durch das Werk ziehen.

Das Bowieske streift sie in "Down And Out Downtown" zunächst erstmal ab zugunsten souliger Großstadtklänge, die ins New York Anfang der 70er entführen, während sich ihre Stimme gekonnt zwischen laszivem Hauchen und sehnsuchtsvoller Emotionalität bewegt. Das anschließende Titelstück wartet schließlich mit verschlepptem Solo- und Chorgesang sowie furztrockenen Funk-Grooves auf. Dazu lässt sich die US-Amerikanerin in der Mitte zu einer genussvollen Schreieinlage hinreißen, so dass der Song auch Eins zu Eins von Prince hätte stammen können.

Verträumter fällt dagegen "Live In The Dream" aus, das schlaftrunkene Sitar-Sounds und jazzige Akkorde durchziehen. Immer wieder schälen sich elegante Streicher und gefühlvolle Soul-Momente heraus. Wenn noch gegen Ende ein sphärisches Gitarrensolo hinzukommt, das die Geister David Gilmours heraufbeschwört, dann hebt man als Hörer ab.

Ein textliches Pink Floyd-Zitat folgt in "The Melting Of The Sun", einer Ode an die Leistungen bedeutsamer weiblicher Künstlerinnen im Pop wie Nina Simone, Joni Mitchell oder Tori Amos, auf dem Fuß, heißt es doch in dem Stück: "Hello on the dark side of the moon." Dazu klingen das Schlagzeug und die Gitarre sowie der psychedelisch im Raum schwebende Gesang St. Vincents so tight wie auf dem 73er-Meisterwerk der Briten.

Danach reiht sich weiterhin Highlight an Highlight, zusammengehalten von drei "Humming"-Interludes, die sich wie Vinylplatten aus den 40er- und 50er-Jahren anhören. Es gibt keine einzige Schwachstelle auf dieser Platte, kein Song, der ansatzweise abstinkt, auch nicht "Down" mit seinen stolpernden Rhythmen und den dominanten Stimmeffekten, die wie ein musikalisches Überbleibsel von "Masseduction" anmuten. Dafür haut der mitreißende Refrain viel zu sehr aus den Sesseln.

Melancholischere Töne schlägt die US-Amerikanerin in der letzten Hälfte an. "Somebody Like Me" lebt von nostalgischen Country-Klängen, märchenhaften Streichern und ihrer herzzerreißenden Stimmführung, die auch mal ins leicht Kindliche abdriftet. In "My Baby Wants A Baby" singt sie zu rhythmischen Drum-Sounds, begleitender Akustikgitarre, funkigen Grooves und fetzigen Bläsersätzen von gleichgeschlechtlicher Liebe, als wäre sie schon immer gesellschaftlich etwas Selbstverständliches gewesen. Dabei kommt einem David Bowies 76er-Version von Nina Simones "Wild Is The Wind" in den Sinn, nur mit mehr Schmackes.

Ganz anders "...At The Holiday Party", das mit zurückgelehnten Schlagzeug-Tönen, funkiger Begleitung und idyllischen Bläsersätzen sowie der gleichermaßen angerauten wie süßlichen Stimme St. Vincents ganz im Zeichen Carole King'scher Entspanntheit steht. Noch zuckersüßer gerät "Candy Darling", das sich auf eine Transgender-Ikone bezieht, die in zahlreichen Andy Warhol-Filmen mitspielte und das Cover von Antony & The Johnsons "I Am A Bird Now" zierte. Lou Reed widmete ihr auf dem selbstbetitelten The Velvet Underground-Album von 1969 den Song "Candy Says". Ebenso wie aus dem Stück der New Yorker spricht auch aus dieser Nummer eine tiefe Melancholie, wenn die US-Amerikanerin zu schleppenden Drums, Wah-Wah-Effekten an der Gitarre und angejazzten Rhythmen die Silben genussvoll dehnt.

Insgesamt fühlt sich "Daddy's Home" wie eine Schatztruhe an, die einige grandiose Erinnerungsstücke zu Tage fördert, immer stil- und selbstbewusst dargeboten. Bei aller Zitierfreude wirkt das Album aber nie nostalgisch verklärend. St. Vincent gelingt das Meisterwerk, das sie uns bis zum jetzigen Zeitpunkt schuldig geblieben ist.

Trackliste

  1. 1. Pay Your Way In Pain
  2. 2. Down And Out Downtown
  3. 3. Daddy's Home
  4. 4. Live In The Dream
  5. 5. The Melting Of The Sun
  6. 6. Humming (Interlude 1)
  7. 7. The Laughing Man
  8. 8. Down
  9. 9. Humming (Interlude 2)
  10. 10. Somebody Like Me
  11. 11. My Baby Wants A Baby
  12. 12. …At The Holiday Party
  13. 13. Candy Darling
  14. 14. Humming (Interlude 3)

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7 Kommentare mit 28 Antworten

  • Vor einem Monat

    Was für tolle Musik ???? von St. Vincent jedes Lied auf dem Album Daddy's Home steht für sich.

  • Vor einem Monat

    Sie wischt halt mal wieder den Fußboden mit sämtlichen Plastiksängerinnen samt ihrer 200 Songwriter und Produzenten, die gerade erfolgreich sind. Kennt man.

    • Vor einem Monat

      Wäre übrigens schön, wenn in Rezensionen nicht permanent darauf hingewiesen werden würde, wie weiblich eine Sängerin doch sei. Sie ist ganz einfach Musikerin. Punkt.

      Mit ganz wenigen Ausnahmen wird bei männlichen Sängern ja auch nicht dauernd erwähnt, wie viel Testosteron sie haben, wie männlich ihre Themen sind und wie sie mit ihrer Rolle als Mann in der Gesellschaft umgehen.

      Verstehe nicht wie es schick geworden ist, Frauen als exotische Tiere zu betrachten.

    • Vor einem Monat

      "Wäre übrigens schön, wenn in Rezensionen nicht permanent darauf hingewiesen werden würde, wie weiblich eine Sängerin doch sei."

      Wie viele Rezensionen von Toni kennst du denn noch, in der die Musik einer Künstlerin hinsichtlich ihrer Weiblichkeit besprochen wird?

    • Vor einem Monat

      Bis auf wenige Ausnahmen merke ich mir selten, wer einen Text geschrieben hat. Ich sage nur: Wenn eine Frau eine Platte veröffentlicht, die auf laut.de besprochen wird, dann wird in der Rezension oft mehrfach auf ihre Weiblichkeit hingewiesen. Als sei eine Künstlerin ein seltenes Exemplar in einem Zoo, auf dessen Unterschiede zu "Menschen" man sehr erstaunliche Hinweise einstreuen kann.

    • Vor einem Monat

      Toni scheint eine angenehme Ausnahme zu sein, da haste Recht.

    • Vor einem Monat

      Nur dass diese "Plastiksängerinnen" mehr für female empowerment und feminism getan haben, als st. vincent. Siehe Beyoncé, die dort wegweisend war.

    • Vor einem Monat

      Können wir erstmal darüber reden, wo in diesem Text "permanent darauf hingewiesen [wird], wie weiblich eine Sängerin doch sei"?

    • Vor einem Monat

      Dieser Kommentar wurde wegen eines Verstoßes gegen die Hausordnung durch einen laut.de-Moderator entfernt.

    • Vor einem Monat

      @DerWeiseHai: Würde denn da irgendwer widersprechen? Ist das nicht schon längst algemeinhin bekannt? Nicht sehr zielführend, ma anmerken.

    • Vor einem Monat

      Ja mei, er gibt halt nicht gerne Fehler zu. Wir sind doch alle hier, um zu lernen. Ich finde, wir müssen ihm einfach immer wieder die Hand reichen. Wir haben schon auch Verantwortung für Ragism.

    • Vor einem Monat

      Capslock - hatte schon eingeräumt, daß der Text hier relativ frei davon ist.

      Ich bezweifle aber, daß einem der anderen Experten hier aufgefallen ist, daß bei männlichen Künstlern regelmäßig Testosteron erwähnt wird. Oder halt Männlichkeit, Rolle des Mannes etc. Wer halbwegs undumm ist, dürfte gemerkt haben, daß Männer, die anlaßlos die Frauhaftigkeit von Frauen erwähnen, sehr viel mehr Teil eines Problems sind als die anderen Trottel, die dumme Tittensprüche klopfen.

      C452, hab gegen Beyoncé hier null geschrieben. Die finde ich auch sehr respektabel. Glaube aber trotzdem, daß Beyoncé weniger für "Female Empowerment" (*seufz*) getan hat als die Frauen, die im Alltag souverän für sich einstehen. Ist doch albern, heutigen Götzen, die Popstars nun mal sind, besonderen gesellschaftlichen Einfluß zuzusprechen.

    • Vor einem Monat

      "halbwegs undumm"
      :D

    • Vor einem Monat

      "Ich bezweifle aber, daß einem der anderen Experten hier aufgefallen ist, daß bei männlichen Künstlern regelmäßig Testosteron erwähnt wird."

      Kann ich nichtmal wirklich mitgehen. Sowohl in hartwurstigeren musikalischen Gefilden sowie bei bestimmten Ausprägungen des Raps passiert das eigentlich recht häufig. Würde locker n Fuffi drauf wetten, dass in der Gesamtheit der laut-Rezis das Wort Testosteron öfter vorkommt als Östrogen.

    • Vor einem Monat

      @laut: Könntet ihr vielleicht an dieser Stelle baldmöglichst reingrätschen, indem ihr einer Praktikantinnen [-innen / -nen] eine statistische Analyse auftragt? Das wäre super, denn uns hier einfach ohne Fakten im luftleeren Ragism-Raum schweben zu lassen, ist schon frech. Dennoch bin ich eher bei Gleep Glorp. Testosteron wird doch bestimmt oft im Kontext "einfältig, dumm" und Östrogen im Kontext "Sirene auf dem Meerfelsen singt und der dämliche Seemann wird schon auf sie hereinfallen" verwendet.

    • Vor einem Monat

      Wenn das mit dem Fuffi steht, kann ich da gerne mal schnell 'nen Zähler zusammenschmeißen. ;-)

    • Vor einem Monat

      "Nur dass diese "Plastiksängerinnen" mehr für female empowerment und feminism getan haben, als st. vincent. Siehe Beyoncé, die dort wegweisend war."

      Auch wenn ich mit ihrem (Solo) Output wenig anfangen kann, würde ich Beyonce nicht als Plastiksängerin betiteln, dafür ist sie viel zu gut und mit einer krassen Stimme gesegnet.

    • Vor einem Monat

      Gut, das mit Deutschrap als Debilenbeschallung kann ich unterschreiben. Diese... Musiker... machen das auch explizit zum Thema. Ich verstehe es halt nicht in anderen Musikrichtungen, in denen Geschlecht, Gender usw. eben nicht zum Thema gemacht wird. Kommen Euch die Hinweise, wie fraulich eine Künstlerin und wie hervorhebenswert ihre Perspektive als Frau sei, nicht auch etwas zweifelhaft vor?

    • Vor einem Monat

      "Sirene auf dem Meerfelsen singt und der dämliche Seemann wird schon auf sie hereinfallen"

      Meinungen und Sätze, die ich so üblicher- wie fälschlicherweise bloß von Individuen erwarte, die am tiefsten Grunde ihres Herzens eine psychotisch anmutende, unerschütterliche Ünerzeugung tragen, Nina Hagen hab nicht die bessere Version von Rammsteins Seemann aufgenommen. Verabscheuungswürdig, solche emotionalen Fehlleistungen!

    • Vor einem Monat

      Die Grütze versteht doch echt kein Mensch :lol:

    • Vor einem Monat

      Vielleicht mal weniger Bier, mehr Bett im Wochendurchschnitt? Soll ja selbst bei Menschen im mittleren noch zu signifikantem Rückgewinn bereits verödet geglaubten kognitiven Potentials führen.

      Hab z.B. dieses Jahr nach der Fastenzeit auch noch gar nicht wieder so richtig mit Alk angefangen und direkt im beruflichen Umfeld gespürt, wie viel weniger Bock alle anderen auf Konferenzen etc. mit mir haben, wenn ich plötzlich ohne erkennbare submanische Episode übers DNP-Maß hinaus Mal wieder was reißen will. :D

    • Vor einem Monat

      Hätte vielleicht daran denken können, daß die durchschnittlichen laut-Kommentierer nur jedes Jahr mal eine Frau zu Gesicht bekommen, und zwar wenn sie zu Weihnachten Mutti besuchen. Da ergibt es schon Sinn, wenn Weiblichkeit für niemanden etwas anderes als außergewöhnlich sein darf.

    • Vor einem Monat

      Mhh, da könntest du in der Tat recht haben. War schon etwas viel Bier in den letzten Wochen und jetzt kommt auch noch die EM :rolleyes:.

  • Vor einem Monat

    Und ein weiteres im Grunde tolles Album, das durch Jack Antonoff unhörbar produziert wurde.