22. Oktober 2020

"Verschwörungstheorien triggern mich persönlich"

Interview geführt von

Zwischen täglich wechselnden Twitter-Debatten und der eigenen Rückkehr in den Untergrund mit "Mörder Ohne Gesicht" der Hirntot Posse um Blokkmonsta, Perverz, Uzi und Dr. Faustus blickt Schwartz auf ein umtriebiges Jahr zurück.

Auf seinem Twitter-Profil bringt er es auf eine griffige Formel. "Hassrapper & Liebesdichter" bilden die beiden gegensätzlichen Pole des öffentlichen Schaffens von Schwartz. Die erste Hälfte dieses krisenhaften Jahres stand ganz im Zeichen seiner literarischen Arbeit. Nach den beiden Horrorstorys "Als der blaue Vogel blind wurde" und "Als der blaue Vogel Suaheli sprach" folgte im Mai sein dritter Gedichtband "Skorpionmond" im Ach Je Verlag, in dem er sich etwa in der lyrischen Selbstbeschreibung "Definition am Radix" als "feinfühlig" und "überempfindlich" charakterisiert.

Das Gegenmodell zur feingeistigen Schreibarbeit bedient er mit seiner Rap-Persona. Nachdem er sich als Teil von Hirntot Records zwei Jahre zumindest auf dem Papier in den gehobenen Kreisen der Universal Music Group bewegt hatte, endete im Sommer die Zusammenarbeit. An der Seite des Osnabrücker Vertriebs distri verspricht die Hirntot Posse um Blokkmonsta, Perverz, Uzi, Dr. Faustus und Schwartz eine "brachiale und rücksichtslose Rückkehr zu alter Form", die sich diesen Herbst im Album "Mörder Ohne Gesicht" niederschlägt.

Mitte Oktober steht er zum telefonischen Interview bereit, um über die Kompilation der Hirntot Posse, seinen Anspruch an Rap-Texte und musikalische Vorlieben zu sprechen. Als rastloser Twitterer behält er zudem die tagesaktuellen Debatten im Auge und äußert sich umfangreich zu den von Attila Hildmann und Michael Wendler befeuerten Verschwörungserzählungen, Dieter Nuhrs Pogrom-Vergleichen oder der Diskrepanz zwischen einem bewunderten Künstler und der dahinter stehenden problembehafteten Privatperson.

Die Ankündigung der Kompilation "Mörder Ohne Gesicht" liest sich wie eine Abrechnung mit Universal Music, wo ihr Ende 2018 untergekommen seid. Wie kam der Vertrag damals zustande?

Das haben Nils Davis und Blokkmonsta angeleiert. Mir wurde dann eines Tages gesagt, dass wir jetzt bei Universal seien. In der Praxis hat sich für mich erstmal nichts geändert. Es war nicht so, dass ich auf einmal bei irgendwem weisungsgebunden gewesen wäre. Ich kann dem entsprechend leider auch nicht sagen, warum es wieder aufgelöst wurde, aber der Back-Katalog war definitiv ein Faktor. Da sind eben ein paar Sachen drin, bei denen sie gemerkt haben, dass die Musik ja doch ein bisschen heftiger ist. [lacht]

2019 folgten dann nur "Knastmacken" und "Zu Hart Für Den Staat" von Blokkmonsta und "Schatten" von dir. An Silvester hat sich Blokkmonsta fast schon entschuldigt, dass für eure "Verhältnisse wenig erschienen" sei. Warum rollte die Maschinerie so langsam an?

Für die anderen kann ich nicht sprechen, aber ich kann für meinen Teil sagen, dass ich an den sechs Track der "Schatten"-EP länger gearbeitet habe, als an meinen letzten zwei vorherigen Alben. Wir haben angefangen, unsere Musik anders zu gestalten. Ursprünglich komme ich aus der G-Funk-Ecke, aber das funktioniert heute natürlich nicht mehr. Zum einen musste ich einen eigenen, zeitgemäßeren Sound finden, zum anderen bin ich halt auch keine 18 mehr. Nils Davis war im Endeffekt der Mastermind, der mir gesagt hat, es gehe nicht mehr wie früher. Wir haben nicht mehr 2008, sondern mittlerweile 2019. Dazwischen liegen zehn Jahre. Zwischen den 70ern und 80ern oder den 80ern und 90ern hat sich die Musikindustrie auch komplett gewandelt. Ich bin halt echt nicht mehr der Jüngste und der Boomer-Vorwurf trifft halt doch irgendwo zu. Wenn man geistig ein bisschen festgefahren ist, muss man den Kopf wieder freibekommen und sich für neue Sachen öffnen, um nicht ein verbitterter alter Sack zu werden, der alles Neue Scheiße findet. Deswegen war die EP für mich extrem harte Arbeit.

Viele Leute neigen dazu, die Musik und die kulturellen Einflüsse ihrer Jugend zum Standard zu erheben, an dem sich alles ausrichten muss.

Ja, an meiner Doppel-CD "Schwartz Auf Weiss" habe ich ein Jahr gearbeitet. Da habe ich genau das gemacht. Ich habe unheimlich viele Songs gecovert, die ich selbst todesgefeiert habe. Das ist auch nach wie vor ein ziemlich gutes und persönliches Album, aber es ist eben vom Sound her aus der Zeit gefallen. Trap ist eine Musikrichtung, die ich nie wirklich gefühlt habe. Das ist nicht meine Rhythmik, das ist nicht mein Stil, das ganze Drogennehmen ist nicht meins. Deswegen habe ich mich bei der "Schatten"-EP eher an der UK-Musik wie dem Grime-Sound von Skepta orientiert. Das höre ich auch selbst gerne. Die sind teilweise elektronisch angehaucht, sehr basslastig und minimalistisch. In den Sound habe ich mich eingefunden. Das war ein hartes Stück Arbeit.

Dennoch stellt ihr "Mörder Ohne Gesicht" als "brachiale und rücksichtslose Rückkehr zu alter Form" dar. Woran machst du das fest?

Das ist der Sound, der Hirntot 2006-2008 geprägt hat. Teilweise haben wir sehr alte Beats genommen. Das Ding hat einen siebenminütigen Posse-Track, was voll aus der Zeit gefallen ist. Das macht ja heute keiner mehr. Und wenn es jemand macht, dann sind da 30 Rapper drauf und nicht fünf Leute, von denen jeder einen 16er macht. "Mörder Ohne Gesicht" ist ein Zeichen dafür, dass wir immer noch können, wenn wir wollen. Und die Sachen sind extrem geil.

Der Titel passt ja auch. Immerhin bedecken alle Hirntot-Rapper auf die eine oder andere Weise ihr Gesicht und damit ein Stück auch ihre bürgerliche Identität. Warum ist das von Bedeutung?

Früher hatte das ganz pragmatische Gründe. Wir wollten das Private und das Musikalische komplett trennen. Das machst du am besten, indem du dich vermummst. Drei, vier Jahre nach der Gründung schrieben die Zeitungen im Zuge der Gerichtsprozesse: "Blokkmonsta – Nicht mal seine Fans kennen sein Gesicht." Da wurde ein Mythos geschürt, sodass wir es dann beibehalten haben. Heute bin ich sehr froh darum, dass nicht jeder mein Gesicht kennt, weil ich dadurch mein bürgerliches Leben von der Kunst trennen kann. Es passiert relativ häufig sogar, dass ich im Hafencenter oder den Arkaden im Imbiss stehe und Leute laufen an mir in einem Hirntot-T-Shirt vorbei, weil sie mich nicht erkennen. Das ist ganz witzig.

Auf "Mörder Ohne Gesicht" lässt du im vorbeigehen mal den Namen Helmut Newton fallen. Selbst auf dem Album "Der Spermanist" streust du Schopenhauer und Nietzsche ein. Das wirkt so, als wolltest du unter Beweis stellen, kein ungebildeter Straßenrapper zu sein. Wie groß ist deine intellektuelle Eitelkeit?

[Lacht] Das ist tatsächlich eine gute Frage. Ich glaube, sie ist nicht mehr so groß wie sie einmal war, aber sie ist natürlich vorhanden. Allerdings nicht in Bezug darauf, dass ich sage, ich bin schlauer als ihr. Leute sagen immer 'Was für ein Idiot, hör' dir dessen Texte mal an', und denen zeige ich damit: 'Wer ist hier der Idiot, wenn du die ganzen Anspielungen auf Schopenhauer, Marquis de Sade und die Zitate anderer Schriftsteller nicht erkennst?' Mal direkter, mal indirekter habe ich schon immer mit Zitaten und Bildern gearbeitet. Auch nicht nur aus der Hochkultur. Bei dem Part auf "Mörder Ohne Gesicht" habe ich wörtlich die Horrorcore-Rap-Gruppe Simken Heights aus Michigan übersetzt: "Opfer lutschen meine Knarre, so als wär's mein Schwanz." Das erkennt dann auch nur jemand, der es eben kennt. Bei diesem Song habe ich Helmut Newton vor dem Hintergrund eingebaut, dass er damals als frauenfeindlich galt. Wenn ich so einen Text mache, dann baue ich auch einen Fotografen ein, der damals schon einen analogen Shitstorm bekommen hat, damit der Bezug hergestellt ist.

Welche Bedeutung haben diese Zitate für deine Texte?

Es ist eine Spielerei und nicht so, dass ich einen Text schreibe und Anspielungen auf den Simplicissimus und das Nibelungenlied reinpacken muss, damit das läuft. Es ist immer noch Rap und der funktioniert in erster Linie über den Vortrag, die Stimme, die Präsenz, den Vibe und Schlagworte, weniger über einen durchdachten Text. Du musst gute Oneliner raushauen. Wie viele Songs gibt es, in denen eine zusammenhängende Geschichte erzählt wird? Bei dem amerikanischen Rap, den ich höre, ist das relativ selten. Ice-T ist mein Lieblingsrapper seit ich zehn bin. Wenn du das "Home Invasion"-Album nimmst, sagt er im Endeffekt immer das Gleiche: Ich mache, was ich will. Ihr könnt euch alle selbst ficken. Das sagt er in gewissen Variationen auf 19 Songs. Was Rap angeht, herrscht in Deutschland ein großes Missverständnis. Viele nicht rapaffine Rezipienten denken immer noch, der Text sei so wichtig. Da müsse eine Aussage drin sein, aber das ist alles Blödsinn. Es gibt diese Art Rap auch und der will ich auch gar nicht das Existenzrecht absprechen, aber wenn du dir die ganzen frühen Rap-Sachen anhörst wie LL Cool J und die N.W.A., dann sind das immer nur Schlagworte und kurz angerissene Anekdoten.

"Ich bin davon überzeugt, dass Attila Hildmann wirklich denkt, dass er irgendwann als Märtyrer sterben wird."

Die Haltung erklärt auf jeden Fall, weshalb du die ganzen Themen, die dich offensichtlich auf Twitter beschäftigen, nie in Songs einfließen lässt.

Das hat andere Gründe. Twitter ist ja ein sehr zeitgebundenes Medium. Gestern hat der Wendler zum Beispiel gesagt: 'Ich scheiß auf DSDS. Attila Hildmann hat mich erweckt. Ich mache jetzt meinen eigenen Telegram-Channel.' Wenn ich jetzt einen Song dazu machen würde, wäre er vollkommen an diese Situation gebunden. Heutzutage passiert das alles so schnell. Ich müsste jetzt quasi einen Song zu dem Thema raushauen, damit der halbwegs aktuell ist. In einer Woche interessiert das schon wieder keinen mehr. Ich finde es generell sehr schwierig, tagespolitische Themen zu nehmen und daraus Songs zu machen. Das Ganze funktioniert weitaus besser, wenn du das allgemeine Thema nimmst.

Wie könnte das aussehen?

Wir haben 2010 mit DeineLtan auf Blokkmonstas "Mit Der Maske" den Song "Staatsfeinde" gemacht. Damals wurden CDs von uns beschlagnahmt, was sich zum Glück geändert hat. Tamas kam jetzt zu uns und wollte für "Hysterie" "Staatsfeinde 2" machen. Für mich war klar, wenn ich einen Song mit dem Titel "Staatsfeinde" mache, dann geht der ganz klar gegen AfD, Björn Höcke und Co. Deutschland hat sich in den letzten zehn Jahren massiv verändert, zumindest was die Art betrifft wie Diskurse geführt werden. Ich könnte mich jetzt nicht mehr hinstellen und sagen, der scheiß Staat wolle uns den Mund verbieten. 2008 war das unser Gefühl, als wir wegen Gewaltverherrlichung die schweineteuren Prozesse aufgedrückt bekamen und uns irgendwie keiner erklären konnte, warum das, was wir sagen, nicht mehr unter die Kunstfreiheit falle. Das ist ja zum Glück seit Ewigkeiten nicht mehr der Fall gewesen. Den letzten Prozess haben wir 2013/2014 gehabt. 2015 hat die Flüchtlingskrise angefangen und zum ersten Mal ist sichtbar geworden, wie viele Nazis es überhaupt gibt und wie die sich organisieren. Wenn man von Rassismus nicht unmittelbar betroffen war, hat man das ja kaum mitbekommen. Man hat den Eindruck bekommen, dass der Staat jetzt richtige Probleme hat, um die er sich kümmern muss. Deswegen lassen sie uns in Ruhe.

Denkst du, dass ihr gar nicht mehr so auffallt, weil die Kommunikation allgemein schroffer und Leute radikaler geworden sind?

Es ist mir schon aufgefallen, dass Diskurse weitaus unerbittlicher geführt werden. Zu einigen Themen habe ich beispielsweise eine etwas differenziertere Meinung, aber da spare ich es mir oft, sie zu äußern. Wenn es zum Beispiel um identitätspolitische Anliegen von Minderheiten wie der Black Community oder Trans-Personen geht, bin ich dafür und finde es gut, wenn diese Leute mehr Sichtbarkeit bekommen. Und auch wenn ich mit deren Positionen nicht immer zu 100% übereinstimme, muss ich ja deswegen nicht herumdiskutieren. Ich denke halt oft: Ist es jetzt wirklich nötig, dass ich zu einem Thema noch meine Meinung sage? Muss ausgerechnet ich als Nicht-Betroffener wirklich etwas dazu beitragen, dass das Thema anders betrachtet wird? Immer häufiger sehe ich, dass das nicht so ist. Nehmen wir das Thema Polizeigewalt. Ich habe zwar auch schon als Opfer ungerechtfertigte Polizeigewalt erfahren, aber wenn Leute sagen, die deutsche Polizei sei so gewalttätig, dann ist mein erster Gedanke dazu: Jetzt entspannt euch mal. Es ist nicht so, dass du kontrolliert wirst und sofort Gefahr läufst, erschossen zu werden. Dennoch muss man klar sagen, dass südländisch aussehende Personen einfach öfter kontrolliert werden, als deutsch aussehende. Die Erfahrung habe ich zum Beispiel gemacht, wenn ich mit Türken oder Arabern unterwegs bin. In der Kontrolle bin ich derjenige, der am wenigsten beachtet wird. Ich bin halt der Alman.

Du hast gesagt, dass du bei vielen Themen überlegst, ob du dazu noch etwas sagen musst, um der Debatte einen neuen Impuls zu geben. Wenn ich Twitter verfolge, habe ich den Eindruck, dass du in der links-liberalen Blase sehr engagiert bist. Offensichtlich ist es dir ja doch wichtig, dich immer wieder zu äußern.

Wir leben in einer Zeit, in der sich herauskristallisiert, dass sehr viele Dinge, die wir als gebürtige Deutsche als normal empfinden, für viele Menschen eben nicht normal sind. Das ist eine sehr interessante gesellschaftliche Entwicklung. Ich finde es gut, wenn Leute aus ihrem Leben über Dinge berichten, die man nie wahrgenommen hat, weil man sie als selbstverständlich betrachtet. Es ist vermutlich politisches Engagement, aber ich würde es nicht so bezeichnen. Wir sind eine Gesellschaft. Wir müssen irgendwann mal ein bisschen weiterkommen. Ich würde mich überhaupt nicht als Feminist bezeichnen, aber Männer und Frauen machen einfach unglaublich unterschiedliche Erfahrungen im Alltag. Letztens hat eine Influencerin gefragt: 'Was würdet ihr machen, wenn es einen Tag lang das andere Geschlecht nicht gäbe?' Die meisten Typen meinten: 'Das gleiche wie immer, PlayStation zocken.' Die Mehrheit der ausgewählten Frauen meinten: 'Ich würde endlich mal abends alleine auf die Straße gehen können und anziehen, was ich will.' Auch wenn wir uns als relativ progressiv verstehen, gibt es im Alltag ganz deutliche Diskrepanzen. Es ist vollkommen richtig, dass solche Sachen zur Sprache kommen.

Ein wiederkehrendes Thema deiner Tweets sind die grassierenden Verschwörungserzählungen.

Darauf gehe ich richtig steil. Das Thema triggert mich persönlich. Ich weiß nicht, woran das liegt, aber es macht mich unglaublich sauer. Das ist ein Phänomen, das ich noch nicht ganz greifen kann. Ob Attila Hildmann oder der Wendler, das sind irgendwelche Leute, die auf einmal komplett Meltdown schieben. Das beschäftigt mich massiv. Was muss passieren, dass ein Mensch dahin kommt, so eine Scheiße zu erzählen? Ich habe dazu eine eigene Theorie. Zum einen legt das Internet die Welt in ihrer ganzen Komplexität offen. Wenn ich auf Wikipedia grinde, passiert es mir manchmal, dass ich vom alten Bosporanischen Reich in drei Stunden bei den Schmelzwerten von Styropor angelangt bin. Die Welt ist einfach unglaublich komplex und riesengroß. Zum anderen hast als Gegenstück eine ganz komische Form von Mittelbarkeit, von parasozialer Nähe. Donald Trump ist auf Twitter. Der ist quasi direkt nebenan und ich kann ihn antwittern. Oder nehmen wir Jan Böhmermann. Wenn ich ihn schreibe 'Hey, Jan Böhmermann, du Polizistensohn', dann blockt er mich und ich sage: 'Ey, geil, Böhmermann hat auf mich reagiert.' Du hast zum einen eine unglaublich komplexe und weitschweifige Welt und auf der anderen Seite eine suggerierte unglaubliche Nähe zu allem. Ich glaube, dass diese beiden Dinge in einem eklatanten Widerspruch zueinander stehen. Diesen Widerspruch mit sich selbst zu vereinen, ist relativ schwierig. Deswegen fliehen viele Menschen in diese Erzählungen, die alles ganz klar machen.

In der Praxis fliehen sie dann in Erzählungen über pädophile Eliten.

Jeffrey Epstein war ein Kinderschänder und zu recht im Knast. Es kann sein, dass irgendwelche Miteingeweihten ihn umgebracht haben, aber deswegen gibt es nicht dieses Netzwerk von pädophilen Eliten, die untereinander Kinder tauschen. Damit führst du narrative Elemente ein, die aus der Realität ein Märchen machen. Du hast die Bösen, die vernichtet werden müssen. Natürlich gibt es pädophile Menschen. Natürlich gibt es reiche Menschen, die pädophil sind und Kinder schänden, leider Gottes, aber deswegen wird niemand sagen: Jetzt renne ich wie der Punisher los, bringe alle um und danach ist die Welt in Ordnung. Viele können die ganzen Grausamkeiten auf der Welt nicht als Einzelstücke nehmen, sondern brauchen dafür ein fertiges Bild. Mein Kumpel, der Philosoph Jan Skudlarek, befasst sich sehr viel mit dem Thema Verschwörungstheorien. Seit Corona, sagt er, gab es fünf oder sechs Daten, die genannt worden sind, an denen irgendwas Schlimmes passieren soll. Da sollte das Internet abgestellt werden oder ein Atomkraftwerk gesprengt werden. Es passierte nichts, aber es hat die gar nicht gejuckt. Dann kam halt der nächste Termin. Die leben in einem ständigen Countdown. Jetzt bald passiert was. Es ist gefährlich, wenn du in einem ständigen Alarmzustand bist, weil du denkst, das Datum rücke immer näher. Ich finde das Thema unglaublich interessant, weil es sehr viel über die Psyche der Menschen aussagt. Diese Verschwörungsgeschichten gab es schon immer, aber das Internet ist auf jeden Fall ein ganz massiver Verstärker davon und führt dazu, dass solche Leute sich organisieren können. Als wollten diese Menschen aus der Realität einen zweistündigen Spielfilm machen.

"'American Beauty' ist auch einer meiner Lieblingsfilme. Aber kannst du Kevin Spacey noch unbefangen zugucken wie er eine Rolle spielt?"

Zu deiner Theorie, dass es um das Spannungsverhältnis zwischen Unmittelbarkeit und einer grenzenlos komplizierten Welt geht, passt das Beispiel Wendler ganz gut, wenn er sich hinstellt und quasi eine offizielle Ansage an die Bundeskanzlerin macht, die sich dafür ohnehin nicht interessiert.

Ja, das ist die Sache mit dem Größenwahn. Der hat ja durchaus Leute, die ihn wahrnehmen. Attila Hildmann hat auch gesehen, dass in seinem Telegram-Channel 50.000 User sind. Eine Zeitlang habe ich mit Kumpels immer Screenshots aus diesen Channels ausgetauscht. Wir haben uns bepisst vor Lachen. Irgendwann hat Hildmann gesagt: 'So kann das nichts werden mit der Revolution, von 50.000 sind am Samstag nur 30 Personen gekommen.' Der hat wirklich gedacht, dass er 50.000 Menschen mobilisiert. Dass von dieser Anzahl 40.000 Zaungäste sind, die sich die Comedy-Show reinziehen, kommt dem gar nicht in den Sinn. Ich glaube manchmal, dass sie eigentlich wissen, dass sie Scheiße labern. Es gibt ein militärhistorisches psychologisches Phänomen. Leute wissen, dass eine Schlacht längst verloren ist, aber sagen trotzdem, wir rennen jetzt weiter und gewinnen. Das ist eine Form von Massenpsychose, die auch im Kleinen greifen kann.

Das nennt sich Aufwandsrechtfertigung. In Yuval Hararis 'Homo Deus' kommt dein Beispiel vor. Wenn du einen bestimmten Aufwand betrieben und Verluste erlitten hast, musst du rückwirkend rechtfertigen, weshalb du das getan hast. Damit es nicht sinnlos war, musst du weiter darauf losrennen, obwohl die Sache verloren ist.

Genau, du hast eine bestimmte Energie in etwas gesteckt und kannst jetzt nicht sagen, ich bin gescheitert, denn sonst wäre alles vorher für die Katz gewesen. Du musst bis zum bitteren Ende durchziehen. Ich bin davon überzeugt, dass Hildmann wirklich denkt, dass er irgendwann erschossen und als Märtyrer sterben wird. Genauso bin ich mir aber sicher, dass tief in seinem Inneren, wo er nicht drankommt, die Erkenntnis ist: Alter, ich habe gerade echt Scheiße gebaut. Das kann er sich nicht eingestehen. Er würde ja vor sich selbst und all seinen Gefolgsleuten das Gesicht verlieren, wenn er jetzt sagt: 'Leute, passt mal auf. Alles, was ich gesagt habe, war Blödsinn. Ich habe jetzt mal angefangen, richtige Bücher zu lesen. Ich merke, das ganze Thema ist doch ein bisschen komplexer, als man denken könnte. Sorry für meine ganze Action.' Sowas kann er nicht bringen. Der muss jetzt bis zum bitteren Ende durchziehen.

Ist das auch der Grund, weshalb die Republikaner keinen Zentimeter von Trump abrücken?

Ich glaube ja. Es ja ein offenes Geheimnis, dass die eigenen Mitarbeiter des Präsidenten ihren Chef hassen. Bill Clinton, George W. Bush und Barack Obama wurden von ihren Untergebenen genauso gehasst wie die meisten Menschen halt ihren Chef hassen. Die Berater kommen dahin, präsentieren ihre Sachen und wenn sie Pech haben, entscheidet der Präsident so, dass die Arbeit von drei Monaten für den Arsch ist. Das Verhältnis ist immer problematisch. Bei Trump muss das so krass sein, dass sein Stab wirklich sagt, man könne mit diesem Typen echt nicht reden. Es ist ihm auch vollkommen egal, was die Leute sagen. Die Republikaner haben in dem Sinne keine Alternative. Die können niemanden aufstellen, der so krass polarisiert wie er. Jeder Republikaner, der nach Trump kommt, ist nicht mal mehr ein Abklatsch. Wir dachten ja damals, schlimmer als George W. Bush kann es nicht werden.

Wie der Kabarettist Hagen Rether sagt: Rückblickend waren es die goldenen Jahre.

Ja, ich war damals etwa 20 Jahre alt und habe angefangen, mir eine Meinung zu solchen Themen zu bilden. George W. Bush ist ja verglichen mit Trump wirklich ein Segen gewesen. Der war einfach nur ein fundamentaler evangelikaler Christ, der früher ein Alkoholproblem hatte und sich auf einer göttlichen Mission wähnte. Das war zumindest etwas, womit du arbeiten konntest. Bei Trump weißt du ja nicht, was er morgen macht. Er könnte sagen: 'Ich habe Sushi gegessen, das Scheiße war, und schlecht geschlafen. Jetzt greifen wir Japan für das scheiß Suschi an.' Mit sowas musst du bei dem Typen ja rechnen. Der ist absolut unberechenbar. Das gereicht ihm auch zum Vorteil, weil die Aufmerksamkeit beispiellos ist, die die Republikaner durch ihn bekommen. Der ist andauernd präsent. Ich glaube, deswegen sagen sie sich: OK, er ist halt ein Kotzbrocken, aber wenn wir an der Macht bleiben wollen, müssen wir den Typen behalten.

Mir hat auch dein Tweet zu Dieter Nuhr gut gefallen: "Würde Dieter Nuhr lieber mit Fackel und Mistgabel durch die Straße jagen als nur im Internet zu beleidigen."

[Lacht] Ich persönlich fand Dieter Nuhr nie groß auffällig und nie sonderlich gut. Ich wusste, dass es ihn gibt, er seine Show macht und er anscheinend eher mitte-konservativ-rechts als liberal-links ist. Ich finde es aber dämlich, ihn aus der Sendung vertreiben zu wollen. Das wird über kurz oder lang der Markt selbst regeln. Er soll sein Programm meinetwegen in der ARD machen. Was mich bei ihm wirklich gestört hat, wo ich auch in einem Meinungsfindungsprozess war oder auch noch bin, war damals die Sache zu diesem Beef, sage ich jetzt mal, zwischen Trump und Greta Thunberg. Da fand ich krass, dass sich Nuhr Greta als Spottobjekt rausgepickt hat. Wenn du es mal bildlich siehst: Auf der einen Seite hast du den amerikanischen Präsidenten – Goliath – und auf der anderen Seite hast du so ein kleines Mädel – David. Über wen machst du dich jetzt lustig? Über Goliath oder über David? Und Nuhr hat sich wirklich auf Greta eingeschossen. Klar, das kannst du machen, aber clever ist es nicht unbedingt. In so einem Duell machst du halt nicht die Kleene fertig. Das ist einfach bescheuert.

Du hast den Tweet veröffentlicht, nachdem Nuhr auf Phoenix auf einem warmen Sessel saß und im Gespräch Shitstorms als die humane Variante des Pogroms bezeichnete.

Entweder macht er das wirklich mit Absicht, weil er solche Reaktionen haben will, oder er ist einfach ein Trottel. In Deutschland überlegst du es dir gut, bevor du einen Nazi- oder Pogrom-Vergleich bringst. Und der haut den mit so einer Nonchalance aus der Hüfte raus: 'Shitstorms sind quasi Pogrome.' Und dann sagt der Interviewer auch noch: 'Warten Sie mal, Sie vergleichen gerade einen Shitstorm mit den Pogromen?' Und er sagt: 'War überspitzt, ich bin ja auch Satiriker.' Ich bin voll dafür, Satire und Kunst darf alles. Das ist vollkommen OK, aber wenn du solche Dinger raushaust, bei denen du einfach merkst, dass der Typ Scheiße labert und sich dann hinter der Satire versteckt, dann darf man ruhig mal sagen: 'Bro, darüber reden wir jetzt nochmal.' Da muss man ganz klar sagen, dass sich die Welt geändert hat. Wir haben 2020 und nicht mehr 1997, als das ganz provokant war, wenn ein Comedian auf der Bühne stand und gesagt hat: 'Haha, Heil Hitler, haha.' Dafür ist einfach eine viel größere Sensibilität da. Wenn du dann ein Ding auf so eine Art und Weise bringst, musst du dich halt auf Gegenwind einstellen. Da habe ich gedacht, da mache ich jetzt auch mit. Wer so austeilen kann, der kann auch einstecken. [lacht]

Für mich ist Nuhr auch eine Reizfigur, weil ich ihn vor vielen Jahren mal ganz gut fand.

Ja, das geht mir bei Rick James so, dem Sänger von "Superfreak". Ich liebe seine Musik wirklich. "Superfreak" und "Give It To Me Baby" sind Songs, die ich mit jeder Faser meines Körpers gehört habe. Ich tanze ja echt selten, aber es gibt eine Kneipe hier in Tempelhof, wo man die Musik selber machen kann, und manchmal sage ich da: 'Bro, spiel mal "Give it to me Baby".' Ich schwöre, ich stehe auf der Tanzfläche und drehe ab. Und dann hat mir Nils Davis die Geschichte von Rick James und Frances Alley erzählt. Rick James hat zusammen mit seiner Lebensgefährtin Tanya Hijazi eine junge Frau bei sich wohnen lassen und über mehrere Tage und Wochen gefoltert. Er hat sie geschlagen, mit einer Crackpfeife verbrannt, verprügelt, das ganze Programm. Wenn dein Lieblingskünstler so eine Scheiße gemacht hat, dann ist es echt schwer, den vorurteilsfrei goutieren zu können. Ich arbeite gerade an einem neuen Gedichtband. Da habe ich ein recht langes Gedicht über die Diskrepanz zwischen so einem krassen, geilen Musiker und so einem räudigen, dreckigen Menschen geschrieben.

Bei jemandem, der Satire oder Kabarett macht, geht es ja um die Aussage und was er vermitteln will. Und da ist es bei Nuhr in eine ganz unangenehme Richtung gegangen über die Jahre. Bei der Musik kannst du es noch eher trennen, oder?

Klar, bei der Musik hast du erstmal nur den Sound. Ein tanzbarer Song bleibt ein tanzbarer Song, auch wenn der Urheber ein Arschloch war. Schwieriger wird es zum Beispiel bei Filmen. Bei Kevin Spacey kam irgendwann heraus, dass er reihenweise junge Schauspieler belästigt hat. "American Beauty" ist auch einer meiner Lieblingsfilme. Aber kannst du dem Menschen noch unbefangen zugucken wie er eine Rolle spielt? Lisa Ludwig, die früher bei der "Vice" war, hat über dieses Dilemma einen sehr guten Artikel geschrieben. Kannst du den Film noch unbefangen genießen? Kannst du das ausblenden? Ich finde das bei der Musik weitaus einfacher, als bei Filmen. Ich höre ja auch Gangster-Rap, der von Authentizität lebt. Ich höre sehr viel aus der Bay Area. Mac Dre war in Oakland Drogenbaron und saß den größten Teil seines Lebens im Knast. Natürlich hat der Scheiße gebaut. Bei Rap kann man es ein bisschen mit gewissen Umständen rechtfertigen. Das sind Leute, die relativ chancenlos aufgewachsen sind und nur die Wahl zwischen einer Gang und Musik als Ausweg aus diesem Dreck hatten. MC Eiht meinte mal, sie hatten halt keine Wahl. Wenn du Samstag Abend zum Liquor Store gefahren bist, der zufälligerweise im Gebiet einer anderen Gang liegt, dann musstest du damit rechnen, in eine Schlägerei oder Schießerei zu geraten. Kevin Spacey konnte am Filmset schon die Finger von dem Schauspieler lassen. Rick James konnte auch das Mädel einfach in Ruhe lassen. Das ist ein Unterschied.

Weiterlesen

LAUT.DE-PORTRÄT Schwartz

Schwartz ist Rapper und Produzent und veröffentlicht auf dem Berliner Label Hirntot Records. Genauso wie sämtliche Signings dieser Plattenfirma hat …

8 Kommentare mit 18 Antworten

  • Vor einem Monat

    "von Minderheiten [..] oder Trans-Personen geht, bin ich dafür und finde es gut, wenn diese Leute mehr Sichtbarkeit bekommen" zum glück ist sein labelboss kein ausgewiesener (transfeindlicher) homophob

    • Vor einem Monat

      Blokkmonsta:
      An dem Tag, wo das passiert ist, hatten wir eigentlich geplant, mit Smoky ein Covershooting zu machen für „Zu Hart Für Den Markt“ und die scheinen uns auf jeden Fall schon vorher für einen längeren Zeitraum abgehört zu haben. Die hatten auch richtige, ausgedruckte Fotos von uns, die sie dann später mit uns verglichen haben. Eigentlich hatten wir geplant, zwei Statisten Strapsen anzuziehen, ihnen eine Knarre in den Mund zu drücken und im Hintegrrund diese Regenbogenflaggen zu verbrennen

      rap.de: Du scheinst jedoch etwas gegen Homosexuelle zu haben, da du auch meinst es gehöre verboten

      Blokkmonsta: Ich hab nichts gegen Schwule, sind ja auch Menschen wie ich und du. Aber was die machen find ich halt übertrieben ekelhaft, und wenn ich an sowas nur denke muss ich schon kotzen. Können die ja machen wie sie wollen, aber ich will davon nichts mitkriegen

      Uzi: Wir haben Probleme mit Homosexualität, wir wurden so aufgezogen, keine Ahnung. Das ist einfach so. Das liegt, denke ich, auch an der Erziehung

      rap.de: Aber du hast ja einen Kopf und die Chance, dir selber Dinge beizubringen oder sie zu hinterfragen. Warum ist die Hemmschwelle davor, was gegen Schwule zu sagen soviel kleiner, als die, was gegen Ausländer zu sagen?

      Uzi: Weil wir unter Ausländern aufgewachsen sind. Das sind unsere Freunde und alles

      rap.de: Wenn du unter Schwulen aufgewachsen wärst, hättest du das Problem nicht?

      Blokkmonsta: Ich wäre nie unter Schwulen aufgewachsen! Man kann auch im Raum stehen lassen, ob es anders wäre, wenn ich es kennen würde, denn ich will es weder kennen noch will ich es kennenlernen.

      https://rap.de/c37-interview/6162-blokkmon…

  • Vor einem Monat

    Torque, was ist denn dein Problem mit Schwartz, dass Du Dich hier so überintensiv an ihm abarbeitest? Scheint dich ja ganzschön zu triggern. :lol:

  • Vor einem Monat

    Mich triggert die gleichgeschaltete Presse... wem das nicht auffällt der tut mir ehrlich gesagt leid.... Es gibt keine Theorie... Nur Praktik