laut.de-Kritik

Adieu, Mainstream: im alten Stil zu neuen Ufern.

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"Nach einer Zeit voll Aufs und Abs verabschieden wir uns aus der Universal Music Group", ließ Hirntot Records im Juli über alle Kanäle verkünden: "Viele Türen hat uns dieser Deal geöffnet, doch noch mehr Schranken aufgezeigt." Sie kehren zum Rap-Vertrieb Distri zurück, da der "Mainstream" weiterhin nicht bereit sei, "Musik so zu behandeln wie Filme oder Videospiele". Blokkmonsta, Schwartz, Uzi, Perverz und Dr. Faustus versprechen nach bekömmlicheren Alben wie "Zu Hart Für Den Staat" mit "Mörder Ohne Gesicht" eine "brachiale und rücksichtslose Rückkehr zu alter Form".

Den Neuanfang begehen Blokkmonsta und Uzi mit einem Rückblick. Zu einem Instrumental im Fieberwahn hangeln sie sich durch die Hirntot-Historie, die auch die bundesweit beschlagnahmte EP "1. Mai Steinschlag" nicht ausspart, die der Rapper laut eigener Aussage "finanziell, körperlich und psychisch sehr stark bereut" habe. Im anschließenden Titelsong ergänzen Schwartz, Dr. Faustus und Perverz die Szenerie, um sich ihren abgründigen Fantasien hinzugeben. Ein Synthie-Gerüst, ergänzt um ein überschaubar komplexes Pianospiel, rundet die Horrorfilmmusik carpenterscher Prägung ab.

"Es ist der Mörder ohne Gesicht. Unerkannt jetzt schon seit Jahren. Wer er ist, weiß man nicht." Von Schwartz' Sonnenbrille über Blokkmonstas Sturmhaube bis zur martialischen Maske des hier nicht vertretenen Rakos verbergen alle Rapper des Hirntot-Lagers ihre Identität. Umso interessierter zeigen sich die todbringenden Kunstfiguren daran, was sie hinter den metaphorischen Masken ihrer Opfer vorfinden: "Entfern' die Augen, denn dein Blick sieht mir zu traurig aus. Keine Diskussionen, viel mehr bohr' ich in dei'm Schädel 'rum. Denn was ich wissen will, ist tief verborgen im Gehirn."

In "Cheese" nähern sich die beiden Aushängeschilder des Labels ihren Anschauungsobjekten mit der Kamera, wobei Blokkmonsta den Begriff 'Shooting' arg wörtlich nimmt: "Baller' alle weg, die in den Lauf renn'. 9-mm-Kugeln treffen in den Bauch, wenn keine kugelsichere Weste deine Haute schützt." Schwartz streift sich zwar auch keine Samthandschuhe über, kommt aber dagegen mit einer etwas feinsinnigeren Aura daher, die mit dem Vergleich zu Helmut Newton eine gewisse Eitelkeit offenbart. Dazu sprüht das alles niederwalzende Instrumental nur so vor purem Wahnsinn.

Mit "AK47eva" widmet Blokkmonsta dem Sturmgewehr seiner Wahl ein Liebeslied, das dank nur überschaubarer Gesangsdosis weniger aus dem Ruder läuft als das gefühlige "Jane Doe" aus dem vergangenen Jahr. Für die feinere Note ist bei Hirntot Records offensichtlich Perverz zuständig. "Nullpunkt" läuft nicht nur musikalisch auf dem Zahnfleisch, sondern fällt mit melodiös vorgetragenen Versen über Depression und Freitod völlig aus dem vorgegebenen gewittrigen Rahmen: "Lege dann den Strang an. Es ist wundervoll zu schweben, mit den Füßen in der Luft."

Glücklicherweise wirft Blokkmonsta im Anschluss "Die Kreissäge" an, um den Hörer wieder aus der seelischen Misere zu führen. Wenn die hohen, wohl das Werkzeug imitierenden Elemente auf die Reibeisenstimme des Leichenzerteilers treffen, ergibt das zwar irgendwo Sinn, aber um das Ergebnis "hörbar" zu nennen, muss der Rezipient schon einmal ein Ohr zudrücken. Auf die musikalische Metzelei folgt Sirenengeheul, die die "Cleaner" auf den Plan rufen. Uzi, Dr. Faustus und Perverz räumen die menschlichen Überreste hinter ihrem Label-Kollegen auf.

"Es Ist, Wie Es Ist" greift schließlich den bedrohlichen Leitsatz aus Martin Scorseses "The Irishman" auf. "Großfamilienstress wurde auf mich abgewälzt, denn sie wussten, ich hab' Zugang zu der Unterwelt", geht Blokkmonsta einigermaßen kryptisch mit Chapter One ins Gericht. Gottlob trat Jayo von Distri noch rechtzeitig als Rettungsanker vor dem gutbürgerlichen Schicksal auf: "Lernte, selbst wie ein Anwalt zu reden. Doch nach einiger Zeit wird dir klar, du passt nicht in die Welt und willst auch nicht so leben." Mit "Mörder Ohne Gesicht" rudert Hirntot im alten Stil zu neuen Ufern.

Trackliste

  1. 1. Chronik (Blokkmonsta & Uzi)
  2. 2. Mörder Ohne Gesicht (Hirntot Posse)
  3. 3. Cheese (Blokkmonsta & Schwartz)
  4. 4. AK47eva (Blokkmonsta)
  5. 5. Nullpunkt (Perverz)
  6. 6. Die Kreissäge (Blokkmonsta)
  7. 7. Cleaner (Uzi, Dr. Faustus & Perverz)
  8. 8. Es Ist, Wie Es Ist (Blokkmonsta)
  9. 9. Beton An Den Füssen (Blokkmonsta & Perverz)
  10. 10. Wir Sterben Sowieso (Blokkmonsta & Uzi)

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5 Kommentare mit 10 Antworten

  • Vor 22 Tagen

    Seit jeher ein schlechter Witz... Außer Taktloss' temporären Ausflügen in dieses Genre (zumindest im Ansatz, weil skurrile Kunstfigur) war alles Deutsche in Richtung Horrorcore immerschon unfassbar peinlich und wack.

    • Vor 21 Tagen

      Hm, was ist mit "Soziopath" oder "Menschenfeind"? Kann ich bis heute unpeinlich hören. War aber wohl auch ironisch gebrochen.

      Das hier und Kaisa und Schwartz, etc. finde ich aber auch wack af, auch wenn Garri und Sodi da die Buchse feucht wird bei.

    • Vor 21 Tagen

      nö. die frühen sachen von hirntot haben mich neben kaisa, basstard und 4.9.0 auf den geschmack von rap gebracht. die blokkmonsta freetracks von damals waren richtig hass auf beats. selten soviel hass und feindseligkeit außerhalb von stromgitarrenmusik gehört. stumpf und primitiv :phones:
      darüber hinaus sind HT eine Unterart von horrorkore. Horrokore war mehr basstard und 4.9.0 friedhofchiller. dj korx usw. und basstard und friedhofchiller haben richtig geile stücke abgeliefert

    • Vor 21 Tagen

      Du bist da sicher Spezialist, aber ich hatte bei Kaisa und co immer den Eindruck das sie versuchen das ernsthaft rüberzubringen und das war mir zu schauspielhaft. Bei Hollywood und JAW war es mir offensichtlich, dass es maßlose Übertreibung als Stilmittel ist.

    • Vor 20 Tagen

      Früher konnt ich mir Basstard und 490 gut anhören, seit ich clipping. kenne sind erstgenannte nur noch lächerlich. Bei Jotta, Fave und Hank hatte ich nie Horrorkore-Vibes, außer vielleicht bei dem ein oder anderen Track auf Soziopath.

    • Vor 20 Tagen

      clipping. wirklich SO gut?? :suspect: ja, von basstard und hirntot ist leider nicht alles gut gealtert. einiges ist aber meilenstein. 490 hingegen ist gut gealtert. haben die in den 2010er jahren überhaupt released? außer jetzt auf distributionz samplern?

    • Vor 20 Tagen

      Für mich war "There existed an Addiction to Blood" eines der Top Alben des letzten Jahres. Läuft immer noch hin und wieder. Superdichte Atmosphäre, verstörrende Texte (ich bin nun wirklich nicht dünnhutig) und ein sehr eigenständig-experimentelles Soundgewand.

      490 hab ich nur Anfang der Nuller gehört, dann Interesse verloren, ähnlich wie bei Basstard

    • Vor 18 Tagen

      Basstard konnt ich auch nur in den Takti Kollabos ertragen, für mehr reichte es nicht. JAW hab ich auch eher als Teilzeit-Soziopathenmucke denn als Horrorcore wahrgenommen, hatte ein paar wenige Highlights.

      Und bei Hirntot ist der Name halt Programm

  • Vor 22 Tagen

    Schon immer endlos scheisse. 1/5 für diesen Kernschrott!

  • Vor 22 Tagen

    Gutes Ding. Hört halt Mero. Fero oder die Spasten von Banger Musik

  • Vor 22 Tagen

    Musik von und für Ewig-Pubertierende.

  • Vor 21 Tagen

    ich hätte schon bock. gerade die letzten veröffentlichungen von tamas und ruff + umfeld zeigen eigentlich wie verrohend und explizit aktuell deutschrap sein kann. da könnte blokk eigentlich auch mal wieder richtig derbe vom leder ziehen. ich finde es geil, dass "meine AK" vom "hart an der grenze" sampler von frauenarzt und manny marc hier fortgesetzt wird. mal schauen, habe die letzten jahre kaum wirklich hirntot gepumpt