laut.de-Kritik

Eine instrumentale Offenbarung.

Review von

Dass eine Band nach dem Abschied ihres langjährigen Sängers einen Neuanfang als Instrumental-Combo wagt, passiert doch eher selten. Tides Of Man wären ein Beispiel, die vor einigen Jahren von einer Metalcore-affinen Coheed And Cambria-Version zu entzerrtem Postrock konvertierten. Night Verses vollzogen einen ähnlichen Wandel, nachdem Mitte 2017 Vokalist Doug Robinson ging – entzerrt ist hier allerdings nichts. Im Mutationsprozess scheinen den verbleibenden Musikern ein paar zusätzliche Gliedmaßen gewachsen zu sein ...

Auch die ersten beiden Alben der Amerikaner überzeugen mit ausgefeilten Arrangements, toller instrumentaler Atmosphäre und technischer Raffinesse. Was Aric Improta (Schlagzeug), Nick DiPerro (Gitarre) und Reilly Herrera (Bass) nun auf "From The Gallery Of Sleep" abfeuern, lässt aber selbst erfahrene Tech-Metal- und Mathcore-Hörer mit den Ohren schlackern. Zwar übernehmen sie gewisse Elemente der früheren, zwischen Karnivool, Russian Circles und Converge pendelnden Sounds, die neue Identität weckt jedoch zuallererst Assoziationen zu Animals As Leaders und Between The Buried And Me.

Um Missverständnisse bei alten Fans zu vermeiden schickten Night Verses Anfang 2018 bereits drei Songs als EP voraus, titelgebend dabei der Opener "Copper Wasp". Angesichts Improtas wahnwitzigem Hi-Hat-Intro und dem nicht minder überfordernden Two-Hand-Tapping DiPerros wähnt man sich zunächst im feuchten Traum aller Frickel-Enthusiasten. Doch nach dreißig Sekunden wechselt die Band in einen ruhigeren Part, der mit cleaner Gitarre und filigraner Percussion etwas an emotionale Leprous-Momente erinnert. Den Mittelteil dominieren elektronische Soundscapes und ein Slowdive-weiches Delay-Lead, bevor ein schweres Post Metal-Riff alles plattwalzt und der Song mit einem sludgetauglichen Wah-Wah-Solo endet.

Im Verlauf von knapp fünf Minuten zeigen die Musiker schon im ersten Song, dass sie nicht nur hervorragende Techniker sind, sondern auch spannende Kompositionsstrukturen, dynamische Atmosphäre, Groove und Melodien drauf haben und in der Lage sind, unterschiedliche Stimmungen und Parts schlüssig zu verknüpfen. "From The Gallery Of Sleep" ist zwar ein Fest für Frickel-Nerds, nur sehr selten steht aber die Technik im Vordergrund. In gleich drei entspannten Ambient-Nummern pausiert das Rechenzentrum sogar nahezu komplett und man schwelgt zum Beispiel in Akustikgitarren-Melodien ("Harmonic Sleep Engine"), träumerischen Synthie-Pads ("Glitch In The You I Thought I Knew") und taucht in mit harmonischen Soli sowie Spoken-Word-Samples verzierte philosophische Überlegungen zur Beschaffenheit von Licht ("Infinity Beach"). Letzteres erinnert – auch dank Improtas Handtrommeln – entfernt an die esoterischen Instrumentals Soulflys.

Handtrommeln setzt der inzwischen auch bei Fever 333 aktive Drummer außerdem in "Vantablonde" ein, in dem Night Verses mit südasiatischen Harmonien experimentieren. In "Vice Wave" schielen sie gen Orient. Beide Songs können als tolle Beispiele dafür durchgehen, dass man auf "From The Gallery Of Sleep" oft nicht einmal sicher feststellen kann, wer in welchem Part die kompositorische Hoheit hat. Alle drei Musiker spielen sehr markante Lines. Und stöbert man ein bisschen durch Improtas YouTube-Kanal findet man zum Beispiel Stücke, bei denen das komplette Drumfundament stand, bevor auch nur ein Ton auf einem Saiteninstrument gespielt wurde (etwa die bereits 2015 entstandene "Drum Chain" mit u.a. Anup Sastry, Billy Rymer und Alex Bent). Letztlich ist ohnehin egal, wer jeweils den Ausschlag gegeben hat – entfesselte Highspeed-Groove-Duelle wie zwischen Improta und einem manisch slappenden Herrera im Mittelteil von "Vice Wave" sind so oder so ein Genuss. Augenzwinkernd schicken Night Verses ausgerechnet diesem Part ein Sample hinterher, das Menschen mit Computern vergleicht.

Über 60 Minuten lang überrashen Night Verses immer wieder aufs Neue. Bei einem derart anspruchsvollen Instrumental-Album wie "From The Gallery Of Sleep" die Spannung über ganze 13 Songs hoch zu halten, ist wirklich keine Selbstverständlichkeit. Night Verses schaffen nicht nur das, sondern knallen ihren Hörern kurz vor Schluss noch den Zehnminüter "Phoenix IV: Levitation" vor den Latz. Hier demonstrieren sie zwischen Laserkanonen-Intro und abschließendem The Ocean-Riff noch einmal in größtmöglichem Facettenreichtum virtuos, warum sie auch ohne Sänger bestens funktionieren – ja, wahrscheinlich sogar besser als mit. Bloß den Fade-Out in "Copper Wasp" hätte man vielleicht eleganter lösen können.

Trackliste

  1. 1. Copper Wasp
  2. 2. Trading Shadows
  3. 3. Vice Wave
  4. 4. Vantablonde
  5. 5. Lira
  6. 6. No Moon
  7. 7. Glitch In The You I Thought I Knew
  8. 8. No.0
  9. 9. Balboa
  10. 10. Earthless
  11. 11. Harmonic Sleep Engine
  12. 12. Phoenix IV: Levitation
  13. 13. Infinity Beach

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