Immer mehr Künstler geben ihre Preise zurück, Rücktritt im Ethik-Beirat, Sponsoren springen ab - der Echo steht vor einem Scherbenhaufen. Und nun?

Johannesburg/Berlin (joga) - Nach dem Notos Quartett, Klaus Voormann, dem Pianist Igor Levit und dem Dirigent Enoch zu Guttenberg haben nun auch Marius Müller-Westernhagen und Mitglieder der Wise Guys ihre Echo-Auszeichnungen zurückgegeben. In einem Facebook-Post warf Westernhagen den Echo-Verantwortlichen die "Verherrlichung von Erfolg und Popularität um jeden Preis" vor, "eine neue Stufe der Verrohung" sei erreicht.

Unterdessen hat auch ein Mitglied des heftig kritisierten Ethik-Beirats seinen Rücktritt eingereicht. Der Präsident des Deutschen Kulturrates, Christian Höppner, erklärte, es sei ein Fehler gewesen, Kollegah und Farid Bang den Echo zu verleihen. Ihre Texte seien "widerlich".

"Widerliche Texte"

Der Ethik-Beirat des Echo hatte sich vor der Verleihung des Preises mit den Texten des Albums "JBG 3" von Kollegah und Farid Bang befasst. Die Mehrheit der Mitglieder des Rates hatte entschieden, dass in den Texten des Albums die "künstlerische Freiheit nicht so wesentlich übertreten wird, dass ein Ausschluss gerechtfertigt wäre".

In seiner Erklärung nannte Höppner den Preis in dieser Form "nicht mehr tragbar" und forderte ein Abrücken von der bisherigen Vergabe-Praxis, in der vor allem die Verkaufszahlen ausschlaggebend sind. Am Mittwoch Abend kündigte ein FAZ-Bericht zufolge Sponsor Voelkel seinen Rückzug an. Der Autohersteller Skoda drohte ebenfalls mit seinem Rückzug, wenn keine "eine rasche und eindeutige Aufarbeitung durch den Veranstalter" erfolge.

Für Helene Fischer war der Abend "magisch"

Auch wenn zum Beispiel eine Helene Fischer auch 2018 bei der Verleihung "dieses wunderschönen Preises" einen "magischen und berührenden Moment" erlebt haben will, gehört nicht viel dazu, um zu prognostizieren, dass der Echo in dieser Form am Ende ist.

Selbst der Bundesverband Musikindustrie zeigte sich in einem Statement "erschüttert", will Konsequenzen ziehen und den Preis auf "ein neues, solides Fundament" stellen.

Wie das aussehen könnte, zeigt ein Blick auf andere Länder, etwa auf den US-amerikanischen Grammy, der traditionell von einer mit Musikern und Produzenten besetzten Jury, der Recording Academy vergeben wird. Oder auf den vor einigen Jahren ebenfalls runderneuerten Swiss Music Award.

Vorbild Grammy

In der Schweiz erfolgt die Siegerermittlung in den verschiedenen Kategorien auf verschiedene Weise. Auch hier spielen Verkaufszahlen eine Rolle, aber es gibt eben auch ein Publikums-Voting und eine sogenannte Academy, deren 51 Mitglieder die gesamte Schweizer Musikindustrie repräsentieren und für ein Jahr gewählt werden.

Wenn die deutsche Musikindustrie weiter einen jährlichen Preis vergeben will, wird sie also tatsächlich von der Dominanz der Verkaufszahlen und der von Westernhagen bemängelten "Verherrlichung von Erfolg" abrücken und statt dessen eine gut legitimierte Jury bilden müssen. Ob man dann nicht auch gleich den alten und mittlerweile ziemlich belasteten Namen "Echo" über Bord wirft, ist demgegenüber ziemlich zweitrangig.

Fotos

Westernhagen

Westernhagen,  | © laut.de (Fotograf: Rainerkeuenhof) Westernhagen,  | © laut.de (Fotograf: Rainerkeuenhof) Westernhagen,  | © laut.de (Fotograf: Rainerkeuenhof) Westernhagen,  | © laut.de (Fotograf: Rainerkeuenhof) Westernhagen,  | © laut.de (Fotograf: Rainerkeuenhof) Westernhagen,  | © laut.de (Fotograf: Rainerkeuenhof) Westernhagen,  | © laut.de (Fotograf: Rainerkeuenhof) Westernhagen,  | © laut.de (Fotograf: Rainerkeuenhof) Westernhagen,  | © laut.de (Fotograf: Rainerkeuenhof) Westernhagen,  | © laut.de (Fotograf: Rainerkeuenhof) Westernhagen,  | © laut.de (Fotograf: Rainerkeuenhof) Westernhagen,  | © laut.de (Fotograf: Rainerkeuenhof)

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13 Kommentare mit 41 Antworten

  • Vor 2 Jahren

    Wenn ausgerechnet die Welt UND Fler die gehaltvollsten Presseerzeugnisse bzw. Statements abliefern zur Debatte, steht's wirklich echt schlecht um den Journalismus...

    https://www.welt.de/kultur/article17545190…

    https://www.nzz.ch/feuilleton/farid-ist-ke…

    • Vor 2 Jahren

      Dieser Kommentar wurde vor 2 Jahren durch den Autor entfernt.

    • Vor 2 Jahren

      Ne, tut mir Leid, aber gerade das Fler-Interview ist ja einfach nur so eine strunzdumme, sich gegen jede Kritik immunisierende Aneinandereihung von Scheinargumenten, dass es einfach nur noch ein schlechter Witz ist. Der Welt-Artikel ist da nicht ganz so schlimm aber auch nicht zu 100% argumentativ kohärent.

    • Vor 2 Jahren

      Der Welt-Autor macht den Fehler, Schauspieler mit Musikern zu vergleichen. Der Schauspieler spielt seine Rolle, der Musiker dagegen bringt einen Sound und seine Message mit. Da spielt Authentizität eine viel größere Rolle.

    • Vor 2 Jahren

      Naja, trotzdem ist Kollegah eine Rolle. So abwegig ist der Vergleich also auch nicht.

    • Vor 2 Jahren

      Mag sein. Aber was erwartet der Hörer? Doch wohl kaum einen Schauspieler. Oder doch?

    • Vor 2 Jahren

      "Ne, tut mir Leid, aber gerade das Fler-Interview ist ja einfach nur so eine strunzdumme, sich gegen jede Kritik immunisierende Aneinandereihung von Scheinargumenten, dass es einfach nur noch ein schlechter Witz ist"

      aber fler hat Antisemitismus erfunden. und zwar als erster... auch er gab damals hitler den nötigen input, als es noch nicht "cool" und "angesagt" war und es jeder gemacht hat...

    • Vor 2 Jahren

      @uerb: Glaubst du auch, Campino möchte gerne "zwei, drei, vier, fünf Bullen umschießen" möchte, so wie er es in "Bonnie & Clyde" singt?

      Und falls ja - warum gibt man solch einem gewaltverherrlichenden Menschen einen Echo und lässt ihn schon im zweiten Jahr in Folge Mittelpunkt des aktuellen Echo-Skandals sein?

      Mit Sicherheit, es gibt Künstler, die in ihren Liedern eine ernste Botschaft senden. Kollegah und Farid gehören aber definitiv nicht zu diesen Künstlern (die Toten Hosen größtenteils auch nicht), dazu sind die Texte viel zu überzogen. Ich denke aber auch, dass das Problem nicht die geschmacklose Ausschwitz-Zeile ist, sondern dass Felix Blume gerade seinen inneren Xavier Naidoo entfesselt und eine wirklich hässliche politische Ansicht nach außen trägt. Von daher: doch, in dem konkreten Fall erwarte ich als Hörer einen Schauspieler.

    • Vor 2 Jahren

      Dieser Kommentar wurde vor 2 Jahren durch den Autor entfernt.

    • Vor 2 Jahren

      Naja, ich würde jetzt als Differenzierung vorschlagen, dass ein Schauspieler verschiedene Rollen verkörpert, die mit ihm als Person überhaupt nichts zu tun haben müssen. Ein Rapper hingehen verkörpert eine bestimmte Persona, die eigentlich über sein gesamtes Schaffen immer mehr oder weniger bestehen bleibt und die reale Person zumindest auf IRGENDEINE Weise reflektiert. Teilweise durch Überzeichnung der eigenen Charakterzüge, teilweise aber auch durch Ausrdruck von einem vollkommen entgegengesetzten Charakterzügen. Der Schluss von Rapper-Persona auf den tatsächlichen Menschen ist dann oft immernoch schwierig, aber zumindest besteht irgendeine relativ feste Relation zur realen Person, bei einem Schauspieler muss das überhaupt nicht so sein. Wobei es natürlich auch Schauspieler gibt, die immer "sich selbst spielen". Gleichzeitig "präsentiert" ein Rapper seine Persona aber auch viel mehr und sagt in gewisser Weise "schaut her, diesen Typ von Charakter möchte ich euch zeigen, nahelegen", hat also eine vollkommen andere Signalwirkung als ein Schauspieler, der Teil einer größeren Erzählung ist oder vllt auch ganz klar als Antagonist gezeichnet ist.

    • Vor 2 Jahren

      Der Hosen-Vergleich hinkt aber mMn etwas, da Bonny & Clyde relativ klar als solcher gezeichneter Eskapismus/romantische Fantasie ist und es da eigentlich auch nicht direkt ums Bullenumschießen/um Gewalt geht. Raptracks sind das vllt zT auch, aber selten klar als solche gezeichnet, stattdessen wird die Grenze zwischen Realität/Fiktion bzw Ernst/Fantasie meist ganz bewusst verwischt/vage gehalten.

    • Vor 2 Jahren

      Die Zeit hat "Flizzy" in den Himmel gelobt. Stark an den Haaren herbeigezogen mMn. Aber gut geschrieben.

      http://www.zeit.de/kultur/musik/2018-04/fl…

    • Vor 2 Jahren

      @Gleep Gorp:

      "Wir schießen zwei, drei, vier, fünf Bullen um"

      Singt Campino so im O-Ton. Das klingt schon ziemlich eindeutig. Überhaupt kann man das Lied auch gerne so interpretieren, dass sie damit die echten Bonnie und Clyde (die in echt Polizisten erschossen haben) glorifizieren... man muss nur ein bisschen bösartig sein. Das klappt genauso wie im Battle-Rap.

      Mmn. ist auch im Battle-Rap schon klar erkennbar, dass man dort durch klar unrealistische Übertreibungen seine Überlegenheit darstellt. Ansichtssache.

      Wenn es danach geht, dann könnten wir alle Echos Helene Fischer, Mark Forster und den Beginnern geben, weil sich bei allen anderen Nominierten in den Texten immer irgendwas Skandalöses findet. Oder wir stampfen den Echo ganz ein.

      Ich denke, es wird die falsche Debatte geführt. Das Problem ist nicht die geschmacklose Zeile von Farid Bang, der sich dafür auch schon entschuldigt hat. Das Problem ist auch nicht der Hip-Hop oder der Gangsta-Rap allgemein. Das Problem ist Kollegah, der in seinen Texten und auch in seinem aktuellen Auftreten eine komische Message verbreitet.

    • Vor 2 Jahren

      Mal eben rumgegooglet:

      "Wir schießen zwei, drei, vier, fünf Bullen um,
      Wenn es nicht mehr anders geht
      Jeder weiß genau, was er da tut,
      Wenn er uns aufhalten will"

      So oder so geht es in der Textstelle aber nicht primär ums Bullenumschießen, sondern dient die Textzeile eher dazu eine Fantasie der wilden und kompromisslosen Freiheit und ist dafür überzeichnetes Stilmittel. Das Bullenumschießen ist hier sogar nur notwendiges Übel, "wenn es nicht mehr anders geht".

      Aber gut, im Großen und Ganzen gebe ich dir Recht. Wenn wir zB sowas schlechtheißen/verbieten, müssten wir das Selbe mit jedem Actionfilm tun etc. Und das Battlerap klar überzeichnet ist und das vollkommen okay ist, sehe ich auch genau so.

      Nur ist selbst so etwas wie JBG kein REINER Battlerap mehr. Wenn du dich in den Battlerapring begibst, ist dir klar, dass du auch ordentlich auf's Fell kriegst. Die Auschwitz-Opfer haben sich aber nie kollemtiv zum Battlerap angemeldet oder ihr okay dafür gegeben, Teil der Szene zunsein und die Zeile ist auf CD gepresst und in die weite Öffentlichkeit hinausposaunt. Das ist dann ja schon wieder etwas ganz Anderes und nicht vollkommen mit "ist ja Battlerap-Sprech" entschuldbar.

      Und das die eine Zeile für sich nicht der Untergang der Welt, wenn auch zutiefst geschmacklos ist, sehe ich auch so. Dass man den Battlerap dafür nicht unbedingt verantwortlich machen soll genauso. Deshalb jetzt aber zu sagen, es wäre ja gar nicht der HipHop der ein Problem hat, sondern nur Kolle, ist mir viel zu viel zu viel zu billig.
      Denn erstens IST Kolle ein HipHopper, der seine Ansichten auch mal.mehr mal weniger deutlich in seinen Werken transportiert und zweitens ist er BEI WEITEM nicht der Einzige. Und drittens werden ja vor allem Frauenfeindlichkeit und Homophobie und in gewissem Grade auch Antisemitismus AKTIV in der Szene toleriert oder gar gefeiert, was dann soweit geht das so eine Schnabeltasse wie Fler gar meint, "so spreche man im Hiphop halt und das ist ja vollkommen okay". Nein, ist es nicht. Explizite Mysogonie, Homophobie oder Xenophobie lässt sich dann auch nicht mehr mit "ist ja Battlerap rechtfertigen". Nur weil es okay ist im Battlerap gegen einzelne Mitglieder der Szene auszuteilen und sich dabei auch über deren Hintergrund lustig zu machen, gibt es einem dann doch noch lange nicht das Recht in Folge ganze Bevölkerungsschichten runterzumachen, zumal dann auch noch losgelöst vom direkten Battlerapkontext auf CD. Das ist doch hahnebüchen.

  • Vor 2 Jahren

    Zwei widerliche Vollspacken sprengen
    eine noch widerlichere Veranstaltung.

    So what!?

  • Vor 2 Jahren

    Nunja, das Ding heißt "Echo". War doch irgendwie klar, dass der zurückkommt...