laut.de-Kritik

Gefühlsbefreite Gefühlsmusik.

Review von

Wie gerne wäre Max Giesinger doch ein cooler Singer/Songwriter. So einer, der nur mit seiner Gitarre und ein paar Zeilen alles sagen kann. Das Problem daran: Max Giesinger hat nichts zu sagen. Seine Songs sind alle so vage wie möglich gehalten, jeder soll irgendetwas dabei fühlen können, niemand ein Problem mit ihnen haben. Genau das ist das Problem: Wer keine Kanten hat, bleibt austauschbar. Der einzige Wiedererkennungswert eines Giesinger-Songs steckt in seiner Beliebigkeit.

Auch musikalisch bewegt sich Giesinger vom Singer/Songwriter-Himmel weit entfernt. Statt Reduktion auf das Wesentliche wird jeder Song mit Crashbecken und Huhuhu-Chören überfrachtet, bis alle eine gleichförmigen Klumpen bilden. Auch stimmlich fehlt ihm ein USP. Nie lässt er wirklich locker, immer klingt er gequält-gefühlvoll. Jeden Ton scheint er auf Zwang herauszupressen, damit auch wirklich der letzte Hinterwäldler versteht, dass hier ein leidender Künstler vor ihm steht.

In "Sommer" geht es um das Ende einer Beziehung, Max ist zutiefst traurig. Da Zeilen wie "Gedanken drehen sich / Wie wild im Kreis und ich / Drehe laut die Lieder auf / Die sonst immer geholfen haben" aber nicht nach wirklich Erlebtem, sondern dem tausendsten Aufguss eines alten Klischees klingen, kauft man ihm nicht ab, dass er von seinem eigenen Leben singt. Dazu noch diese seltsame Orgel im Refrain, die wieder keinerlei Eigenständigkeit aufweist.

Mich ärgert auch die Unentschlossenheit der Albumthemen. Betitelt "Die Reise", könnte man leicht von einem durchgehenden Konzept der drei Max Giesinger-Alben sprechen. Zuerst war das kaum beachtete "Laufen Lernen", dann der Durchbruch "Der Junge, Der Rennt" und nun "Die Reise": Die ersten beiden Songs sind passend "Bist Du Bereit" und "Die Reise" betitelt. Der Großteil der Nummern hat aber erstaunlich wenig mit dem Thema "Reise" zu tun.

"Die Ausnahme"? Max ist frisch verliebt (ironischerweise direkt nach dem Herzschmerz im "Sommer"). "Wenn Ich Leiser Bin" bildet dann das Äquivalent zu diesen seltsamen Instagram-Seiten, auf denen 14-Jährige sich als gebrochene Menschen voller Selbstzweifel präsentieren, am Ende aber nur von der süßen Jenni aus der Parallelklasse abgewiesen wurden.

"Australien" versucht sich dann als straighter Roadtrip-Rock, namedropt sogar Bon Iver. Dass die Nummer dann total generisch klingt würde ich noch durchgehen lassen, der Text "Wir müssen nirgendwo ankommen / Müssen nirgendwo bleiben / Das Glück liegt auf der Straße / Unter quietschenden Reifen" ist aber wieder nur die romantisierte Wandtattoo-Version seines Songtitels.

Auch "Zuhause" trägt viel zu dick auf, um seinen Inhalt zu vermitteln. "Ich reiß die Wurzeln aus / Bevor sie tiefer gehen" ist gefühlsduseliger Mist, der jeglichen Anspruch vermissen lässt. Nichts, aber auch gar nichts auf diesem Album bleibt unausgesprochen, jeder Satz donnert wie mit dem Presslufthammer in die Ohren der Zuhörerschaft. Nie bleibt auch nur ein Quantum Mysterium übrig, wenn der letzte Ton dieses Neue-Poppoeten-Quarks verklungen ist.

Der einzige Song, der so etwas wie ein Gefühl bei mir auslöst, ist die Single "Legenden". Marketingtechnisch geschickt parallel zur Fußball-WM veröffentlicht (und damit ein halbes Jahr vor dem Album), haut Max eine Mutmacherphrase nach der anderen raus. "Ich schlag' 'ne neue Seite auf / Seh' schon den Weg vor mir mit meinen Spuren drauf" oder "Wenn die Erde sich zu langsam dreht / Dann laufen wir so schnell es geht / Dahin, wo die Straßen endlos sind / Und keiner unsre Namen kennt." Die Gänsehaut nach diesem Stück Blaupausen-Radiopop fühlt sich mehr wie ein eiskalter Schauer an. Alles, wirklich alles für die Massenkompatibilität. Klavier, Chöre, stampfendes Schlagzeug und ein liebloses Dauerschleifen-Gitarrensolo.

Die vielleicht ehrlichste Beschreibung seiner selbst liefert Max Giesinger in "Wir Waren Hier". Bei "Er hat es einfach mal probiert / Und sich mit Covern von Oasis finanziert" habe ich sofort ein Bild vor dem inneren Auge. Auf jeder Party gibt es einen Poser, der mit seiner ach so gefühlvollen Version von "Wonderwall" beeindrucken möchte und sich danach kunstvoll die Haare aus der Stirn streicht. Genau so stelle ich mir Max Giesinger als Teenager vor. Auf jeder Fete in seinem kleinen Dorf (Waldbronn, ein gutes Stück außerhalb von Karlsruhe) hat er kurz vor dem Höhepunkt die Klampfe ausgepackt, die Musik runtergedreht und "Wonderwall" zum Besten gegeben.

Am Ende vom Lied bietet "Die Reise" gefühlsbefreite Gefühlsmusik. Indem der Künstler selbst aus dem Bild verschwindet, macht er jeden Song zu einer leeren Hülle ohne Inhalt. So kann jeder Zuhörer selbst seine eigene Person ins Zentrum stellen. Falls man Musik so begreifen möchte, als bloße Dienstleistung am Kunden, ist das okay. Falls man allerdings Qualitätsansprüche stellt und einen gewissen Charakter der Songs erwartet, ganz und gar nicht.

Trackliste

  1. 1. Bist Du Bereit
  2. 2. Die Reise
  3. 3. Legenden
  4. 4. Australien
  5. 5. Wenn Ich Leiser Bin
  6. 6. Zuhause
  7. 7. Lieber Geh Ich
  8. 8. Leerer Raum
  9. 9. Ultraviolett
  10. 10. Sommer
  11. 11. Die Ausnahme
  12. 12. Rucksack
  13. 13. Wir Waren Hier

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18 Kommentare mit 40 Antworten

  • Vor 9 Monaten

    Musik für Menschen mit IQ unter 80.

    • Vor 9 Monaten

      Oder über 140.

    • Vor 9 Monaten

      Kenne haufenweise Akademiker, die Fischer, Forster und Giesinger hören. Sogar Engelmann. Die ist besonders beliebt bei Sozialpädagoginnen und Grundschullehrerinnen. Auch die geistige Elite hört also diese Musik.

    • Vor 9 Monaten

      "Geistige Elite"

    • Vor 9 Monaten

      GrundschullehrerInnen machen nen wichtigen Job, aber geistige Elite sind die sicher nicht. Die geisige Elite postet hier.

    • Vor 9 Monaten

      (kann gleichzeitig Klassenlehrer einer 2b sein und hier posten) :smug:

    • Vor 9 Monaten

      Nein, für Leute, die Musik als bloße Dienstleistung am Kunden begreifen, sich aus irgendeinem Grund damit identifizieren können und denen die Musik irgendwie gefällt (was vermutlich viel mit Gewohnheit zu tun hat).

      Als ich so 17 war, hab ich so ähnlich gedacht wie du. Da hab ich gerade George Harrison und Progressive Rock und Pink Floyd entdeckt und fühlte mich besser als die anderen, und war der festen Überzeugung, das Leute, die Popmusik hören, dumm sein müssen.

      Mit Intelligenz hat das aber überhaupt nichts zu tun. Manche Menschen interessieren sich einfach nicht so sehr für Musik, und haben keine hohen Ansprüche daran: Ein paar sich abwechselnde Dur-Akkorde auf gestimmten Instrumenten genügen dann. Um mehr in Musik zu sehen, muss man sich damit beschäftigen, und das tun viele nicht. Und das ist ja okay.

      Es ist halt nur schade, dass diese Art von Musikkonsumenten zu dominieren scheint, und sich daher fast alle Medien, die in Falafel- und Pizzaläden gegen den Willen der Kunden ausgestrahlt werden, daran ausrichten.

    • Vor 9 Monaten

      Ergo: Musik für Leute, die sich nicht für Musik interessieren :koks:

      Dann hätte man die Rezi ja auch lassen können...

    • Vor 9 Monaten

      Das stimmt auf der einen Seite: Eine Musikkritik an Max Giesinger gleicht in etwa einem Gourmet-Feinschmecker-Test eines McDonalds-Restaurants.

      Allerdings versuchen sich diese Poppoeten ja daran, ihre Musik tiefgründig und „wertvoll“ erscheinen zu lassen, und daran kann man sich sehr wohl daran stören (das tu ich auch), und wenn man in einem publizierenden Medium arbeitet, darf man diese Meinung gerne bekannt machen.

      Genau so störe ich mich auch daran, dass McDonalds mit Greenwashing versucht, sich als hochwertig und gesund anzupreisen. Einen Artikel, der darüber rantet, würde ich auch nicht als überflüssig abtun, nur weil ich der Meinung bin, dass die Leute, die zu McDonalds gehen, eh keinen Wert auf gutes Essen legen.

    • Vor 9 Monaten

      Die Sache ist halt die, dass sich so ziemlich jeder selbst für tiefgründig und "wertvoll" hält. Die Folgen der Entsolidarisierung und Vereinzelung der Gesellschaft. Jeder Depp baut sich seine eigene Glaubenslehre mit sich selbst im Zentrum, und denkt in der Folge, dass irgendwelche Wandtattoos, Sprüchebilder bei Facebook oder eben Max-Giesinger-Songs eine tiefere Wahrheit transportieren, ganz einfach weil dieser Rotz stets den kleinsten gemeinsamen Nenner bedient, und sich - ähnlich wie Horoskope - stets nach eigenem Gusto deuten lässt.

  • Vor 9 Monaten

    Was hat Herr Huß eigentlich verbrochen, dass er zuletzt immer wieder solche menschlichen Gräueltaten wie Linas "R3bellin" oder eben Max Giesingers "Die Reise" rezensieren musste? Oder macht er das völlig freiwillig wie diese absichtlich Trash-TV glotzenden Journalisten, die mit sarkastischen Texten menschenverachtende RTL-Fernsehformate entlarven wollen? Ist ein ehrenwertes Handwerk, das meine ich ganz ohne Sarkasmus.

  • Vor 9 Monaten

    Musik für Menschen, die Musik nicht besonders mögen, die querbeet hören, die generell gefälligst nur unterhalten aber um Himmels willen nicht gefordert werden wollen, weil ihr Alltag ja ach so stressig ist.

    • Vor 9 Monaten

      Find ich ne billige Ausrede.
      Selbst wenn ich nur ne Hintergrundbeschallung haben will leg ich mir keine Giesinger Platte auf. Dafür gibts Lofi-Hiphop-Beat-Study-Concentration-Relaxation Playlists auf Youtube... :D

    • Vor 9 Monaten

      dagegen hört sich giesinger ja wie das gelobte land an.

    • Vor 9 Monaten

      @Dildo,

      Ja, ich stimme zu. Daraus speist sich unter anderem auch der Irrglaube, Unterhaltung und Anspruch würde sich ausschließen.
      Wenn ich z. Bsp. Leuten erkläre, dass ich Arthouse Filme mag, wird gerne so getan, als würde ich das ganze "intellektuell" angehen und würde ja Filme gar nicht genießen. Aber das Gegenteil ist der Fall, ich find den shit extrem unterhaltsam, hat halt nur nicht (notwendigerweise) was mit Hirn abschalten zu tun.

    • Vor 9 Monaten

      Filme verhalten sich tatsächlich analog dazu ja, hab die Erfahrung auch schon gemacht..
      Bin da aber nicht ganz so tief drin wie in der Musik, hast du zufällig Tipps von diesem Jahr, lieber Schwinger? :-D Bin auf der Suche für nen kommenden Filmabend mit nem absoluten Nerd, da wäre es natürlich geil, paar Sachen in der Hinterhand zu haben... :-D

    • Vor 9 Monaten

      Was Arthouse-Filme aus diesem Jahr, wenn du einen "absoluten nerd" beeindrucken willst, muss es was aelteres sein: Sátántangó' (1994) von Béla Tarr, 'Vase de Noces' (1974) von Thierry Zéno, 'Jeanne Dielman, 23, Quai du Commerce, 1080 Bruxelles' (1975) von Chantal Akerman und - stets meine Lieblingsempfehlung fuer alle Freunde gepflegter Zerlegung weiblicher Koerper - 'Tumbling Doll of Flesh' (1998) von Tamakichi Anaru. Zur Entspannung danach kann man sich noch Merhiges 'Begotten' (1990) geben, aber den nennt dir jeder Hinz und Kunz.

      Leider ist surrealmoviez seit einiger Zeit down, irgendwo streamen laesst sich das alles aber sicher dennoch.

    • Vor 9 Monaten

      Bedankt, da werd ich mich mal schlau machen!

    • Vor 9 Monaten

      'Kaffee trinken in Israel' (1996) würde ich noch empfehlen

    • Vor 9 Monaten

      Aus diesem Jahr fällt mir Mandy (Panos Cosmatos) ein; ansonsten Love Exposure (Sion Sono), The Endless (Benson & Moorhead), L'amant Double (Francois Ozon), Reflecting Skin (Philip Ridley), alles von Woody Allen von ca. 1975 bis 1995 (z. Bsp. Bullets Over Broadway), Magnolia (PT Anderson)....

      muss ja nicht nur Horror/Exploitation (Feyerabends Tipps) sein.

  • Vor 9 Monaten

    Danke für den Hintergrundbericht! Als ich ihn vorgestern bei Böhmermann gesehen habe, dachte ich auch, dass der eigentlich ganz sympathisch ist. Aber die Musik/Texte sind leider einfach schlimm …
    [https://tagpacker.com/user/peterhbg?t=Max_…

  • Vor 7 Monaten

    Was ihr doch alle für Zeit habt: da gibts endlich mal wieder jemand mit stimme, nachvollziehbaren texten und das noch in harmonie mit instrumenten. texte, wo jeder hundert pro einen kennt, der das sein könnte? Widmet euch doch euren idolen (wer da auch immer deutschsprachig in frage kommt), denn kein kommentar hier war fair, eher persönlich und böse. was macht ihr hier?

  • Vor 6 Monaten

    Bei Max Giesinger muss ich an Ghostbusters II denken: ein riesiger Schleimfluß erscheint unter seinem Knuffeltyp-Foto, wenn man es richtig belichtet. Und dieser hoch emotionale Schleim ruft bei den Menschen nur eins hervor: unbändige Aggressionen, gegen seine "Fans" und diesen Typen. Was dieser Knilch hier an pseudo-empthischem und im Grund bösartigen, da völlig verlogen, Ectoplasma absondert, übersteigt jede Toleranzschwelle. Aber das ist eben das Unheimliche, wenn die dunklen Fürsten der Musikindustrie und Unterhaltungsbranche selbst aus dem gruseligsten Schleimer über eine übermächtige PR-Maschinerie noch einen "Star" zaubern. Fürchterlich, mach das weg!