laut.de-Kritik

Zeige- und Mittelfinger wechseln sich ab.

Review von

"Ich könnte auch Trap-Beats berappen, poppige Arrangements nehmen und die richtigen Features machen. Aber das will ich einfach nicht.", so Lakmann Ende 2015 im Juice-Interview. Und was ein Lakmann nicht will, das tut er nicht. Ende der Diskussion "Klicks & Fame"? Drauf geschissen. Wie kaum ein anderer Akteur im Deutschrapzirkus steht der Wittener seit jeher für Geradlinigkeit, Loyalität und Authentizität. Eigenschaften, die man nicht unbedingt als "en vogue" bezeichnen würde.

Kann "Aus Dem Schoß Der Psychose" auch die überzeugen, die Bunkerwelt höchstens vom Hörensagen kennen, die "Gottes Werk Und Creutzfelds Beitrag" vielleicht mit einer Dekade Verspätung gepumpt haben, und denen Lakmann, wenn überhaupt, als ältestes Drittel von Witten Untouchable ein Begriff ist? Die Antwort ist weder Fisch noch Fleisch, vielmehr ein eindeutiges 'unter Umständen'.

Über mangelnden Respekt innerhalb der Szene kann sich Evangelos Polichronidis kaum beklagen. Aber Legendenstatus allein bezahlt noch lange nicht die Miete. Die fehlende kommerzielle Anerkennung scheint Spuren hinterlassen zu haben. So tief, dass Lakmann der Welt abwechselnd Zeige- und Mittelfinger entgegenstreckt, was ihn bei aller Sympathie nicht vor dem einen oder anderen 'Hängengeblieben'-Vorwurf schützen kann.

Besonders die erste Hälfte des Longplayers strotzt nur so vor Verachtung, stellenweise erscheint auch das Prädikat 'verbittert' angebracht. Titel wie "Ich Fühl Euch Nicht", "Wer Hats Euch Gesagt?", "Runter Von Meinem Thron" oder "Ich Mach Alleine" geben die entsprechende Marschrichtung vor: "Ich bin das Kleingedruckte in dei'm Vertrag, ich spuck' dir in deine Suppe, du kleiner Arsch." Ob Lakmann es besser macht als die Angesprochenen, muss jeder selbst entscheiden.

Zumindest macht er viel anders: "Ich rap' nicht Doubletime, ich hab' genug Zeit". Lakmanns durchweg entspannter Flow gepaart mit einer Stimme, der man ewig und noch länger zuhören könnte, überspielen den einen oder anderen hinkenden Vergleich mühelos. Und dass in dem 37-Jährigen kein krasser Techniker steckt, schmälert die Aussagekraft seiner Zeilen nicht im Geringsten: "Wo ich wohn'? Ich wohn' außerhalb der Industrie. Was ich kill'? Alles, außer halt die Billigbeats."

Obwohl rund ein halbes Dutzend Produzenten, darunter Joshimixu, Ghanaian Stallion, Cap Kendricks und Rooq, an den 20 Tracks von "Aus Dem Schoß Der Psychose" beteiligt sind, klingen die samplelastigen Beats beinahe wie aus einem Guss. Was jedoch keinesfalls nach Einheitsbrei schmeckt, dafür sorgen sowohl die kleinen, aber feinen Details als auch gut platzierte Ami-Samples, Cuts und wenige Filmskits.

Auch wenn "X-Box" hauptsächlich nach unzusammenhängender "Weed-Philosophie" klingt, offenbaren sich in der zweiten Hälfte des Albums verstärkt Tendenzen, den Hörer hinter die Fassade, besser gesagt unter die Oberfläche blicken zu lassen: "Ich bin versunken, tauche tief unten / Kein Atemzug mehr möglich, ich brauche viele Stunden / Um an die Oberfläche zu schwimmen mit diesen Wunden / Dafür hab' ich nicht mehr genug Kraft in meinen Lungen / -flügeln" ("Tief Versunken").

Die Zusammenarbeit mit Mess und Kareem trägt auch abseits von "It Was Witten" klangvolle Früchte und kann es mit dem Nostalgie-Feature von Flipstar auf "Fast Vergessen" locker aufnehmen. Überhaupt setzt Lakmann bei seinen Kooperationen ausschließlich auf ruhrgebiet'sche Stärke, wie Terence Chill und Aphroe eindrucksvoll beweisen. Ohne Zweifel gehören sie zu den Menschen, denen Lakmann ausnahmsweise nicht den letzten, sondern den ersten, sehr besonnenen Track "Family First" widmet.

"Manchmal schlaue Füchse, manchmal Taugenichtse / Manchmal braucht man nur jemand, der daran glauben möchte / Der dir die Augen öffnet, eine kleine Lücke / Manche Momente überdauern ihre Augenblicke", heißt es da in der Hook. Fernab von Zeitgeist und Anbiederung hat Lakmann trotz der kleinen Schwachpunkte vielleicht genau das geschafft, was er wollte: Ein Album, zu dessen Klängen man auch in zehn Jahren noch kopfnickend durch die Gegend schlendern und an die gute alte Zeit zurückdenken kann. Ob man sie selbst erlebt hat oder nicht.

Trackliste

  1. 1. Family First
  2. 2. Ich Fühl Euch Nicht
  3. 3. Klicks & Fame
  4. 4. Wer Hats Euch Gesagt?
  5. 5. Dialog
  6. 6. Es Gibt Niemanden Der Singt In Meiner Hook
  7. 7. Ich Hab Genug Zeit
  8. 8. Ich Mach Alleine
  9. 9. Runter Von Meinem Thron
  10. 10. Tief Versunken
  11. 11. Unschärferelation
  12. 12. Kriegsberichte
  13. 13. Gegen Die Zeit
  14. 14. X-Box
  15. 15. Fast Vergessen
  16. 16. Wer Hat Herz
  17. 17. Exodus
  18. 18. DDM
  19. 19. Missverständnisse
  20. 20. Untouchable 2016

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LAUT.DE-PORTRÄT Lakmann

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6 Kommentare mit 4 Antworten

  • Vor 2 Jahren

    Muss der Kritik stark widersprechen. Ich finde vor allem die Features den ganz großen Schwachpunkt des Albums. Außer Aphroe und Flipstar sind alle Features total Dreck. Es ist zwar konsequent von Lak seine ganzen Homies mit ans Mic zu holen, aber wie bei Witten Untouchable senken die das Level erheblich ab. Sie können (und allen voran die zwei Witten Typen) absolut nicht mit Lak mithalten und wirken dadurch total deplatziert. Dagegen find ich Lak's Flow, wenn auch sehr traditionell, extrem stark und man kann ihm ohne Ende zu hören, egal worüber er rappt. Das die Themen dabei nicht die breitesten sind, finde ich nicht schlimm, da der Vortrag umso besser ist.
    Hätte Lak mal das Konzept Solo Album ernst genommen und die Features weg gelassen, wäre das Album sicherlich ne 4/5 geworden. So leider wirklich nur ne 3/5.

    • Vor 2 Jahren

      Dem muss ich jetzt widersprechen. Finde Mess und Kareem stehen Lakmann in nichts nach. Und Terence Chill ist nicht nur genauso eine Legende, wie Lakmann, sondern auch einer der wenigen deutschen Rapper mit einem individuellen Stil und hier auf "Ich fühl euch nicht" wirklich gut. Selbst Schulz Nice, von dem ich sonst nicht so viel halte, überzeugt mich hier mit seinem Part. Insgesamt finde ich also die Features genau so hochwertig wie den Rest des Albums. Für mich ne klare 5/5.

    • Vor 2 Jahren

      "Schulz Nice alles rund rundherum mit nem Spliff in sein Mund" ist doch Bombe. Die Witten Jungs sind auch gut. Keine Ahnung was ihr habt.

    • Vor 2 Jahren

      sehe es ähnlich, qualitätsmäßig passt jedes feature 5/5

    • Vor 2 Jahren

      Also ich muss auch sagen, dass dies das beste Album ist, das ich jemals im deutschen Rap gehört habe. Gerade weil Lakmann eben auf alle scheisst und die Szene komplett auf den Arm nimmt - finde ich es so geil. Und ich denke, damit spricht er auch vielen alten Hasen aus der Seele, was die jüngere Generation aber kaum zu checken scheint. Und technisch gesehen, sind Songs wie "X-Box" oder "Missverständnisse" einfach genial. Ich meine, wie der da mit den Wörtern im doppelten Sinn spielt... mach das erstmal einer nach. Deshalb verstehe ich auch nicht, wie man da die Technik kritisieren kann!? Vlt. weil man die Technik nicht versteht!? Und wenn mich jahrelang irgendwelche A & R`s abfucken würden, von wegen schreib doch mal dies oder das oder so, - dann würde ich genauso vorgehen!!! Es mag zwar teilweise etwas depri klingen, wie er ja auch selber sagt, - trotzdem ist es ein richtig dickes Album. Und Sorry, nichts gegen Ihn, aber da kann sogar der Azad mal wieder nach Hause gehen und sich noch Scheibe von abschneiden!!!
      In diesem Sinne, Peace!!!

  • Vor 2 Jahren

    Album hat doch auch ein paar trappigere Dinger drauf.

    4.5/5.

  • Vor 2 Jahren

    Mag den schon allein deshalb, weil er quasi mein Nachbar ist.

  • Vor 2 Jahren

    Ein paar der Beats & Lakmanns Flow = heftig; hätte nicht gedacht, dass ich nach 2015 noch mal nostalgisch werde, was Rap angeht. :D

    Aber insgesamt leider zu viele Schwachpunkte bzw. Dinge, die mich nicht ansprechen (als Gesamtprodukt/auf Albenlänge).

    Trotzdem: viel, viel interessanter als die ganzen vereinzelten Tracks der letzten Jahre... und definitiv mit positivem Wiederkennungswert. Big up!

  • Vor 2 Jahren

    Gefällt mir extrem gut, kannte Lakmann vorher immer nur aus Featuren, wo er eigentlich jahrelang konstant abgeliefert hat. Brauch noch ein paar Durchläufe, aber genau so ein Album hat mir letztes Jahr, als beispielsweise ein Sadi Gent mit seinem Album mehr oder weniger versagt hat, sehr gefehlt. Perfekte Musik für den Winter.