laut.de-Kritik

Immer auf der Suche nach dem großen Drama.

Review von

Orange is the new Black. Nachdem sich das Vorgänger-Album "Lost On You" größtenteils in Schwarz und Weiß hielt und LP ihrem Pop-Rock mit Songs wie "Muddy Waters" eine gehörige Portion Blues untermischte, badet Laura Pergolizzi diesmal bei der Covergestaltung in Farbe. Passend dazu klingt "Heart To Mouth" auch weitaus extrovertierter.

Die Frau mit der Frise des jungen Bob Dylan, die Songs für Rihanna, Cher, Christina Aguilera, Rita Ora und die Backstreet Boys schreibt, im Duett mit Mylène Farmer die französischen Charts stürmt und auf dem kommenden Morrissey-Album an zwei Stücken beteiligt ist, steckt auch auf ihrem fünften Longplayer noch voller Energie und Ideen. Als gebe es nichts Einfacheres, als ins Ohr gehende Hooklines zu schreiben, reiht sie eine an die nächste.

Droht ihr Pop-Rock doch zu sehr ins Seichte abzudriften, sorgt sie mit ihrer im Mainstream aneckenden LGBT-Persönlichkeit und ihrem Vortrag für die nötigen Ecken und Kanten. "Ich glaube, mein Image tut mir möglicherweise nicht gut", sagt sie im Interview mit out.com. "Das weithin männlich-heterosexuell geprägte Musikgeschäft reißt sich nicht gerade um den Typ Person, der ich bin. Ich glaube, es fehlt immer noch an hochkarätigen LGBT-Künstlern. Du hast Sam Smith, Adam Lambert und Troye Sivan. Aber für lesbische Frauen ist die fehlende Repräsentation immer noch Thema. Es gibt Melissa Etheridge, es gibt Tegan & Sara, aber dann? Wen gibt es sonst noch? Ich denke, man muss einfach dranbleiben. Dinge passieren schrittweise. Du musst Schlachten gewinnen, wenn du Boden gut machen willst."

LPs von Stevie Nicks geküsste Stimme verbindet sich mit der Extravaganz ihrer frühen Opern-Ausbildung und ihren Vorbildern Janis Joplin, Tracy Chapman und Freddie Mercury. Immer auf der Suche nach dem großen Drama, kippt sie, schreit sie, jodelt und quietscht, wo es nur geht. Eine Mischung, die durchaus abschreckend wirken kann.

Am Anfang, den vor drei Jahren noch das vom Dreck getragene "Muddy Waters" markierte, steht nun das zärtliche "Dreamcatcher". Kuschelig, getragen von akustischen und Slide-Gitarren, gibt LP die Nicks. Aktueller Pop-Sound verbindet sich zu dezenten Tribal Beats mit einem zeitlosen Fleetwood Mac-Spirit.

"When I'm Over You" hingegen geht mehr in Richtung des Pop-Souls einer Adele, wenn diese Mal etwas Fahrt aufnimmt. Eine Spannung aufbauende Bridge ebnet den Weg zum einnehmenden Refrain. Gegen Ende liefert sich LP ein Duell mit gleich mehreren Background-Sänger*innen. Bereits diese beiden Songs zeigen, wie gut die beiden Hauptproduzent*innen LP und Mike Del Rio (Eminem, Cee-Lo Green, Christina Aguilera) mit ganz verschiedenen Mitteln arbeiten und "Heart To Mouth" dennoch wie aus einem Guss klingen lassen.

"The Power" lebt vor allem von seiner Bassline und den von Fills zerhackten Drums, um dann eine kraftvolle, sich deutlich vom Rest abhebende Bridge über den Refrain zu stellen. "Girls Go Wild" bringt ebenso einen leichten New Order- wie Chrissie Hynde-Schlag mit sich. "I've been caged, I've been hounded / I've been hunted and tamed / I'm the outlaw of outside and ready to rage / I'm in search of the heart I can eat to renew me", singt Pergolizzi.

Die von Streichern begleitete Piano-Ballade "Recovery" zeigt noch einmal eindrucksvoll, warum LP als Songwriterin gefragt ist. Sie stellt das Herz von "Heart To Mouth" dar. Intim und aus der eigenen Erfahrung gespeist, die (wie wir alle) beide Seiten kennt, fängt sie die verletzlichen Momente ein, in denen man an den Wunden einer unerwarteten Trennung leckt, der Expartner einem aber nicht die nötige Distanz gewährt. "I can't stop sleeping in your clothes / You can't stop calling on the phone / ... / I'm finally sober, I see the light / The worst is over, nobody died." Stimmlich konzentriert sie sich hier weitestgehend auf das Wesentliche, lässt ihre Eskapaden, so weit es ihr möglich ist, außen vor.

"Special" widmet sie ihrem 2016 ermordeten Freund, dem mexikanischen Fernsehmoderator, Schauspieler und Musiker Renato López. Keine rührselige Ballade, sondern eine liebevolle Erinnerung in der Form eines energischen Rock-Songs, in der sie dem Tod trotzig ins Gesicht schreit. "Yeah, the money and the fame / Is all bullshit in the end / ... / All your love is so special."

Trackliste

  1. 1. Dreamcatcher
  2. 2. When I'm Over You
  3. 3. One Night In The Sun
  4. 4. Girls Go Wild
  5. 5. Recovery
  6. 6. The Power
  7. 7. Dreamer
  8. 8. House On Fire
  9. 9. Hey Nice To Know Ya
  10. 10. Die For Your Love
  11. 11. Shaken
  12. 12. Special

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LAUT.DE-PORTRÄT LP

Mehr noch als LP kennt man die Acts, für die sie bereits Songs schrieb. Dazu zählen Rihanna, Cher, Christina Aguilera, Rita Ora und die Backstreet Boys, …

6 Kommentare mit 3 Antworten

  • Vor einem Jahr

    *Droht ihr Pop-Rock doch zu sehr ins Seichte abzudriften, sorgt sie mit ihrer im Mainstream aneckenden LGBT-Persönlichkeit und ihrem Vortrag für die nötigen Ecken und Kanten*

    Seicht bleibt seicht, ganz egal wen man fickt und welche Fiktion als Realität verkauft werden soll.
    Also ungehört 0/5, wegen bullshitting.

  • Vor einem Jahr

    Wo eckt eine LGBT-Persönlichkeit bitte im Mainstream an? In Südafrika? Hier auf jeden Fall nicht.

  • Vor einem Jahr

    Man sehe sich einmal um und stelle fest, daß gut 80% aller Bands aus Männern bestehen. Frauen sind offenbar im Durchschnitt weniger interessiert daran, den Beruf als professioneller Musiker auszuüben. Dann zieht man von den Frauen, die Musiker sein wollen, noch die 93% ab, die nicht lesbisch sind. Außerdem einberechnet gehört die Quote an Musikern, die es überhaupt zu einer gewissen Bekanntschaft schaffen.

    Aber man kann das ganze natürlich auch für eine lesbenhassende Verschwörung des Musikgeschäfts und der Gesellschaft an sich halten.

    • Vor einem Jahr

      "Man sehe sich einmal um und stelle fest, daß gut 80% aller Bands aus Männern bestehen. Frauen sind offenbar im Durchschnitt weniger interessiert daran, den Beruf als professioneller Musiker auszuüben."

      Nein nein, die Frauen wollen genauso gerne Mücke machen, werden aber von der Männerdomäne abgeschreckt / unterdrückt.

      Nee mal ernsthaft. Ich leite ne Jamsession bei uns im Kaff und da finden sich (zum Musizieren) 99% Männer ein.

    • Vor einem Jahr

      Ist doch ganz einfach, Musikertum für sich genommen ist sozial nicht sonderlich wertvoll oder angesehen. Instrumentalmusik sowieso nicht (mehr). Frauen lassen sich jedoch noch von Gitarren, Schlagzeugen und ähnlichem beeindrucken, was andersherum nicht funktioniert.

      Bei Gesang sieht es schon wieder ganz anders aus, aber das kann man (gerade heutzutage) locker auch ohne Band und oft sogar erfolgreicher + man steht alleine im Mittelpunkt.

    • Vor einem Jahr

      "Frauen lassen sich jedoch noch von Gitarren, Schlagzeugen und ähnlichem beeindrucken, was andersherum nicht funktioniert"

      Jop, Gitarren und Drums sind tendenziell wenig beeindruckt vom weiblichen Geschlecht.

  • Vor einem Jahr

    "Girls go Wild", "Shaken", Gutes

  • Vor einem Jahr

    Angenehmer Pop, der im Hintergrund laufen kann. Nichts tiefgründiges.