laut.de-Kritik

Dagegen wirkt sogar Shirin David super seriös.

Review von

Katja Krasavices Debüt-Album "Boss Bitch" toppt Eminem in den deutschen Charts: Viel treffender kann man den bemitleidenswerten Zeitgeist Musikdeutschlands wohl nicht auf den Punkt bringen. Nicht dass Eminems "Music To Be Murdered By" ein gutes Album wäre, das die Pole-Position verdient hätte. Trotzdem bitter, dass einer der erfolgreichsten Musiker aller Zeiten von einer YouTuberin überholt wurde, die in Hugh Hefners Playboy-Mansion besser aufgehoben wäre als hinter einem Mikrofon.

Damit will ich ihrer Nische nicht einmal die Existenzberechtigung absprechen. Porno-Rap kann funktionieren, sowohl mit Anspruch als auch ohne. Musikerinnen wie Cupcakke oder Brooke Candy rappen auf Albumlänge über Deepthroats, SM oder Rimming, aber eben mit einer notwendigen Prise Humor oder wenigstens der richtigen Attitüde.

Diese feministische Einstellung gaukelt uns Katja bereits mit dem Titel ihres Debüts vor. "Boss Bitch" evoziert ein progressives Selbstverständnis, das nach einem generischen, aber selbstbewusst vorgetragenen Intro bereits mit dem zweiten Track "Rodeo" einen Schuss ins Knie bekommt. Es wird schnell klar, dass Katrin Vogelova, so der bürgerliche Name des YouTube-Sternchens, ihre Emanzipation über das Bedienen von überholten Rollenbildern aus Schmuddelfilmen definiert.

Über die Melodie eines Bierkönig-Dauerbrenners singt sie: "Ich kann für dich nach der Show strippen. Was für Schmetterlinge, ich habe Schwänze im Bauch." Man fühlt sich ein wenig, als sei man in ein Parallel-Universum gestolpert in dem Mickie Krause dem anderen Geschlecht angehört und sich dafür entschieden hat, seine Malle-Karriere gegen ein minderjähriges millionenfaches YouTube-Following zu tauschen.

Lines wie die oben erwähnte mögen aufgrund ihrer eklatanten Überspitztheit lustig anmuten, sind aber, betrachtet man den Song als Ganzes, todernst frivol gemeint. Die gebürtige Tschechin präsentiert ihren unapologetischen Dirty-Talk als ernsthaften Versuch, sexy zu sein. Von den Beats über ihre säuselnde Stimmlage bis hin zu den Hooks aus dem deutschen Belanglos-Pop Einmaleins: Nichts spiegelt den radial schlüpfrigen Inhalt ihrer Texte auch nur im Ansatz angemessen wider.

So liegt der Fokus noch stärker auf eben diesem Inhalt, der niemals in dem von Katja intendierten Rahmen Verwendung finden wird. In keinem Schlafzimmer des Landes wird man "Boss Bitch" auflegen, wenns zur Sache geht. Es sei denn, man will hören, wie das Playmate-Abziehbildchen mit dem krankhaften Elan eines Mark Forster darüber singt, wie sehr sie auf Anal stehe oder wie gerne sie auf deinem Marterpfahl reiten würde.

Es ist erschreckend, wie unglaublich charakterlos die Instrumentals daherkommen, wie recycelt das komplette musikalische Korsett der LP wirkt. Vom EDM inspirierten "Nudes" bis hin zur Dancehall-Schlaftablette "Alles Bounct": Sämtliche Einflüsse klaut sich die Rapperin aus den deutschen und internationalen Charts zusammen. Das ist maßgeschneiderte Belanglosigkeit, deren künstlerische Integrität nicht mehr zu unterbieten ist.

Wo Kollegin Shirin David wenigstens kompetente Producer und Songwriter in ihrer Entourage mit sich führt, scheint bei Katja alles ihrem Image untergeordnet. Für die Verkaufszahlen sorgt schließlich alleine der Schockfaktor und die kollektive bundesweite Neugier, doch mal "kurz reinzuhören".

Ironischerweise ist das Highlight des Album "Casino" einer der wenigen Songs, in dem sich nicht alles ums Knödeln dreht. Die Hook-Melodie hat Ohrwurmpotenzial, die Strophen tun nicht sonderlich weh: Alles in allem ein akzeptabler Pop-Song, den allein der ihn umgebende Quark zur Nebensächlichkeit degradiert.

Schlussendlich stellt sich die Frage, wieso denn dieses Album überhaupt existiert respektive, für wen es gemacht ist. Fürs Liebe-Machen könnte es kaum ungeeigneter sein, den meisten Personen über zwanzig entlockt es bestenfalls eine gehörige Portion Fremdscham. Selbst auf dem Schulhof, wo sich wohl ein Großteil von Katjas Fans tummelt, dürfte "Boss Bitch" lediglich als Substitut für die ehedem populären "verbotenen Filme" dienen. 2020 reicht man keine "Evil Dead"-Schwarzkopien mehr herum, sondern lauscht gemeinsam schelmisch grinsend Texten über Sugar Daddys und Doggystyle.

Letzten Endes richtet sich "Boss Bitch" wohl an diejenigen, deren Auffassung der weiblichen Sexualität bei Sport Eins nach Mitternacht anfängt und bei Pornhub aufhört. Katja Krasavices Debüt-Album verbreitet unter dem Sex-Positivity-Deckmantel ein bedenkliches, gar rückständiges Frauenbild, das lediglich ihr musikalisches Unvermögen in den Schatten stellt.

Trackliste

  1. 1. UHUH
  2. 2. Rodeo
  3. 3. Gucci Girl
  4. 4. Frühstück Ans Bett
  5. 5. Lolli
  6. 6. Sugar Daddy
  7. 7. Nudes
  8. 8. Liebeslieder
  9. 9. Wer Bist Du
  10. 10. Alles Bounct
  11. 11. Boss Bitch
  12. 12. Casino
  13. 13. Kein Problem
  14. 14. Ein Ander Mal

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