laut.de-Kritik

Ein Album mit zwei Gesichtern.

Review von

Frauenschreie und Schaufelgeräusche eröffnen auf "Premonition - Intro" das Album. Sofort fühlt man sich erinnert an 'den alten Eminem'. Den Horrorcore-Rapper, der seine Gewaltfantasien in so spannende und intensive Tracks verwandelt, dass der Vergleich mit dem Master Of Suspense Alfred Hitchcock gerechtfertigt erscheint. Hitchcock ist die Referenz, die sich vom Albumtitel über das Artwork bis in Intro, Interlude und Outro spannt. Was "Music To Be Murdered By" eröffnet, ist allerdings leider erst mal der alt gewordene Eminem. Der, der sich falsch verstanden fühlt, der auf seine Verdienste pocht, der bei den jungen Hüpfern nicht mehr ganz mitkommt.

Schon im Intro zeigt sich Eminem, wie schon auf "Kamikaze" entrüstet, dass ihm nicht die Wertschätzung entgegengebracht werde, die ihm zustehe. Für einen Underground-Artist Anfang Zwanzig wäre das eine halblegitime Beschwerde. Für einen, der in so gut wie jeder Aufzählung der besten Rapper aller Zeiten auftaucht, der zu den kommerziell erfolgreichsten Musikern überhaupt zählt, ist das einfach nur unverständlich, vor allem weil dieser Komplex seit "Relapse: Refill" fast schon reflexhaft auf jedem Release behandelt wird.

"Music To Be Murdered By" ist eigentlich ein Doppelalbum, und das ist der große Fehler des Releases. Die erste Hälfte hätte man sich getrost sparen können. Mit "Those Kinda Nights" findet sich hier der wahrscheinlich schlechteste Track in Eminems gesamter Diskografie. Der Text über die nächtlichen Versuche, Frauen aufzureißen, wirkt pubertär, die Wortspielereien sind forciert und zünden nicht richtig, die cluborientierte Produktion ist deplatziert und Ed Sheeran klingt mittlerweile auch auf jedem Track gleich, zu dem er einen Part beisteuern darf.

Auch der Beziehungssong "In Too Deep", der davon handelt, sich nicht zwischen zwei Frauen entscheiden zu können, ist sowohl inhaltlich wie ästhetisch komplett belanglos. Die Hook wirkt unnötig melodramatisch, die Produktion ist maximal langweilig.

Auf der ersten Hälfte des Albums findet sich auch "Godzilla", der erste Track, auf dem Juice WRLD, nach seinem Tod im Dezember des letzten Jahres, vertreten ist. Der liefert auch eine wirklich coole Hook ab, Eminem dagegen knüpft an "Rap God" an, indem er in den letzten dreißig Sekunden des Songs seine Silben-pro-Sekunde Frequenz noch mal ordentlich hochschraubt. Das ist dann aber leider nur Rekordgewichse ohne jeden musikalischen Reiz.

Immerhin hat die erste Hälfte noch einen wirklich starken Track zu bieten: In "Darkness" rappt Eminem aus der Perspektive des Attentäters, der bei einem Konzert in Las Vegas 2017 einen Massenmord beging. Das ist bedrückende Rollenprosa, und der düstere Beat, der "The Sound Of Silence" von Simon & Garfunkel samplet, schafft die perfekte Atmosphäre für das eindringliche Statement gegen Waffengewalt.

An anderer Stelle konterkariert sich Eminem dann aber wieder selbst: Auf "Unaccommodating" vergleicht er sich spaßeshalber mit dem Selbstmordattentäter, der 2017 bei einem Ariana Grande Konzert in Manchester einen Sprengsatz gezündet hatte: "But I'm contemplating yelling 'Bombs away!' on the game / Like I'm outside of an Ariana Grande concert waiting." Provokationen wie diese sind natürlich erst mal ein legitimes Stilmittel, gerade im Hip Hop und gerade für Eminem, dessen Karriere sich unter anderem auf ebenjene gründet. Dass er sich heute aber noch genauso wie vor zwanzig Jahren über die kalkulierte Empörung, die ihm nun entgegen schlägt amüsieren kann, wirkt insbesondere vor dem ernsten Hintergrund von "Darkness" irritierend.

Zum Glück gibt es aber die zweite Hälfte von "Music To Be Murdered By". Hier funktioniert plötzlich fast alles. Voller Hass und Wut geht es mit "Stepdad" los: Auf ein rockiges Pescado Rabioso-Sample frönt Eminem seinen Mordfantasien, erzählt von seinem Stiefvater, der ihm das Leben zur Hölle gemacht habe. Im Gegensatz zur kalkulierten Kontroverse aus "Unaccommodating" liegt der Reiz des Gewaltexzesses hier in der Authentizität des Erzählten, gepaart mit einer energiegeladenen Delivery.

"Never Love Again" ist ein clever als Lovesong getarnter Track über die eigene Medikamentenabhängigkeit, über einen Beat, der erst organisch und laid back daherkommt, um sich dann in eine treibende Synthienummer zu verwandeln. "Little Engine" besticht mit einem unheimlichen Beat und einer Hook, die sich auch auf "The Eminem Show" fantastisch gemacht hätte. "Farewell" ist wahnsinnig eingängig produziert - hier zeigt Eminem, dass er doch noch in der Lage ist einen interessanten Beziehungssong zu schreiben.

Am Ende ist "Music To Be Murdered By" ein Album mit zwei Gesichtern. Vielleicht liegt das daran, dass sich Eminem nicht ganz entscheiden kann, wie er als gealterter Überrapper klingen will. Die erste Hälfte sorgt für Überdruss und Langeweile, dafür wird man auf der zweiten Hälfte allerdings großzügig entschädigt.

Trackliste

  1. 1. Premonition - Intro
  2. 2. Unaccommodating (feat. Young M.A.)
  3. 3. You Gon' Learn (feat. Royce Da 5'9'' & White Gold)
  4. 4. Alfred - Interlude
  5. 5. Those Kinda Nights (feat. Ed Sheeran)
  6. 6. In Too Deep
  7. 7. Godzilla (feat. Juice WRLD)
  8. 8. Darkness
  9. 9. Leaving Heaven (feat. Skylar Grey)
  10. 10. Yah Yah(feat. Royce Da 5'9'', Black Thought, Q-Tip & dEnAun)
  11. 11. Stepdad (Intro)
  12. 12. Stepdad
  13. 13. Marsh
  14. 14. Never Love Again
  15. 15. Little Engine
  16. 16. Lock It Up (feat. Anderson . Paak)
  17. 17. Farewell
  18. 18. No Regrets (feat. Don Toliver
  19. 19. I Will (feat. KXNG Crooked, Royce Da 5'9'' & Joell Ortiz)
  20. 20. Alfred - Outro

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11 Kommentare mit 69 Antworten

  • Vor einem Monat

    Music to be irrelevant by...

  • Vor einem Monat

    Gute Rezension, deckt sich mit meinem Eindruck. Was ich wirklich nicht verstehe: Warum macht er wieder so ein ellenlanges Album? Vor allem hätte er hier ohne Probleme zwei kürzere Releases draus machen können.

    • Vor einem Monat

      Du möchtest also lieber 2x dafür bezahlen?

    • Vor einem Monat

      Also mein Musik-Abo berechnet mir für Eminem Alben nix extra.

    • Vor einem Monat

      Ach so, sorry. Bin noch nicht in der Neuzeit angekommen.

    • Vor einem Monat

      #Dorfkind?

    • Vor einem Monat

      Nicht direkt. Mein Musikgeschmack ist nur so eingeschränkt, dass sich so etwas wie ein Abo unter keinen Umständen lohnen würde. Ich habe auch gern was in der Hand bzw. im Regal für mein Geld und kaufe entsprechend CDs. Das sind diese runden Scheiben mit dem Loch in der Mitte. Manch einer mag sich noch daran erinnern. ;)

      P.S. Die ersten 3 Sätze waren ernst gemeint

    • Vor einem Monat

      Alles gut. :D Ich bin auch Fan von Musik auf nem physischen Medium, aber bei der Menge an Output finde ich so n Abo ganz praktisch. Erstmal in alles reinhören und was taugt, wird dann gekauft. Aber grade so ein Album von Eminem würde ich mir nie (mehr) blind kaufen. Dafür waren die letzten Alben einfach zu durchwachsen bzw. einfach nicht mein Geschmack.

      Und preislich macht das streamen halt schon Sinn. Für 15€ können vier Leute unbegrenzt Musik hören, wann und wo sie wollen. Dass für den wirklichen Hörgenuss dann Stereoanlage + Vinyl zum Einsatz kommen sollte natürlich klar sein. :)

    • Vor einem Monat

      Ich habe bis vor einigen Jahren Platten gesammelt, gefühlt steht ein halbes Zimmer voll. Bereue keinen Cent, aber irgendwann wurde es einfach zu viel. Vor allem bietet Streaming den Vorteil, dass man in viele Sachen einfach mal reinhören kann. Alben, die mir wirklich gefallen, besorge ich mir immer noch. Insgesamt finde ich es gut, dass sich in den letzten Jahren langsam ein Trend zu kürzeren Alben durchgesetzt hat. 30-50 Minuten reichen vollkommen, je nach Genre, außer bei wirklich ausufernden Konzeptalben.

  • Vor einem Monat

    Ich hoffe ja, die Langeweile, die dieser Text erzeugt, ist nicht dieselbe der besprochenen Platte. Die Maßstäbe, an denen Hip-Hop sich heute oft messen muß oder will, sind bodenlos öde. Das ist wie eine Mischung aus ewigem Schwanzvergleich und Sextanerlyrikwettbewerb.

    Spätestens nach dem dritten Schwanz gibts keinen Grund mehr, zu bleiben. Und Fleißsternchen für zwei gelungene Zeilen unter dreißig machen höchstens Mama und Papa stolz.

    M&M wird nostalgischerweise mal ausgecheckt. Vielleicht zeigt der alte Hase ja noch immer den Knirpsen, wies geht.