laut.de-Kritik

Mit dem Rücken zur Wand zieht der Rap God in den Krieg.

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Niemand mochte "Revival". Also so gar keiner, sieht man mal ab von Rap-Leitmedien wie dem Rolling Stone oder der Frankfurter Allgemeinen und Eminem selbst. Ich habe es nicht gehört, bis auf "Walk On Water", das lahm genug war, um dem weit verbreiteten Urteil in diesem Fall einfach mal zu glauben und mir das zu ersparen. Zu viel Angst davor gehabt, dass da wirklich jemand sein eigenes Denkmal mit dem Arsch und so weiter und so fort. Wenn sich ein Samy Deluxe auf seine alten Tage noch ein bisschen lächerlich machen will, meinetwegen. Aber der Anblick eines Slim Shady, der sich selbst demontiert, tut weh.

Eminem mag "Revival" immer noch, und von dieser Haltung rückt er in den Texten des neuen Albums auch kein Jota weit ab. Überhaupt kriecht ein Eminem selbstredend nicht zu Kreuze als wäre er irgendwer, und das sähe auch komisch aus. Der Mann nimmt seinen Anspruch, der beste Rapper der Welt zu sein, verdammt ernst. Logischerweise kann er deswegen vor niemandem das Haupt senken und um Absolution bitten, wenn er laut eigenem Anspruch damit beschäftigt ist, auf alle anderen herabzuschauen.

Marshall Mathers befindet sich da oben in einer undankbaren Position, das weiß er selber ganz genau. Es meckert sich schwer nach unten, ohne dass viele einen für einen nervigen renitenten Rentner halten, der seine besten Tage gesehen hat. Zudem haben die Namen, die er in den Schmutz zieht, zwangsläufig immer den Underdog-Bonus auf ihrer Seite. Jemand, der nicht Eminem ist, wird zwangsläufig davon profitieren, dass er Beef mit dem bekanntesten Rapper der Welt hat ("You mention me / millions of views / attention in news / I mention you / lose-lose for me / win-win for you").

Es ist nicht abzustreiten, dass er mit seiner Art Musik zu machen, bei der an erster bis zehnter Stelle stets die Schönheit des Reims und die Kraft des gerappten Wortes zählen, etwas aus der Zeit gefallen wirkt, auf gut Deutsch: Vor allem "Revival" klang wohl ziemlich beschissen, mit einem zu großen Fokus auf Doubletime-Technikgewichse. Ganzheitlich war sein Ansatz in der Tat noch nie. Erst kommt immer der Part, dann lange nichts, und dann der Beat, und das hat sich im Großen und Ganzen auch nicht geändert.

Dass auf "Kamikaze" die Rückeroberung verlorener Ehre dennoch glückt, liegt zum einen daran, dass Eminem offensichtlich sehr wohl Kritik angenommen und auch verstanden hat, auch wenn er das natürlich nicht zugibt. Zum anderen daran, dass mit seinem bis dato tiefsten kreativen Griff ins Scheißhaus Ehre verloren ging, was "Kamikaze" von vornherein zu einer dramatischen Angelegenheit macht. Ohne das Desaster "Revival" wäre "Kamikaze" in dieser Form gar nicht denkbar. Für uns als Hörer ist diese Ausgangslage schlicht geil: Eminem, mit dem Rücken zur Wand, zieht in den Krieg. So wollen wir ihn.

Dass für ihn einiges auf dem Spiel steht, weil er eine ganze Menge zu verlieren hat, spürt und hört man in jedem Track. Seine in mannigfaltiger Weise vorgetragene Verachtung für den Großteil des US-Rap-Mainstreams macht den Großteil des Albums aus. Was die Kids heutzutage abfeiern, schmerzt ihn oftmals, aus Gründen, die man vor allem in Bezug auf Trap gestrig finden kann, oder eben zeitlos, unabhängig von Subgenres: Ein Mangel an Liebe zum Wort und zur Lyrik, ein Mangel an Originalität ("Do you have any idea how much I hate this choppy flow / Everyone copies though / Probably no"), mitunter schlicht ein Mangel an Talent im Rap ist, was Eminem nachts wachhält. "So finger-bang, chicken wang, MGK, Iggy 'zae", man ahnt, wer beziehungsweise was da im Speziellen gemeint ist, und tatsächlich, "Lil Pump, Lil Xan imitate Lil Wayne".

Schon klar, Eminem disst Lil Pump/Xan/Cloud- und Mumblerap als solchen, das ist natürlich erstens eine Kanonen-auf-Spatzen-Geschichte, zweitens werden da Äpfel mit Birnen verglichen. Ist aber halt auch beides Obst. Da ist es völlig legitim darauf hinzuweisen, dass Eminem die Birne nicht so mundet. Beziehungsweise, dass ein (von mir hier stellvertretend angeschwärzter) Lil Pump - den unbestrittenen Unterhaltungswert seiner Musik mal außen vor - bei Lichte betrachtet doch ein recht dämlicher Idiot ist, der vermutlich daran scheitert, einen ganzen Satz zu bilden, und ganz sicher daran scheitert, einen ganzen Part zu schreiben, der diesen Namen verdient hat. Der Diss von Rappern wie Eminem oder Joyner Lucas gegen derlei Figuren wird nicht dadurch delegitimiert, dass sie hundert mal besser rappen können, eher im Gegenteil, auch wenn sie dabei wirken wie Klugscheißer.

Die lustigen kunterbunten Trap-Rabauken kommen aber vergleichsweise glimpflich davon. Der Pfad des Gerechten ist gesäumt von den Tweets selbsternannter Experten und der Tyrannei der Dummschwätzer, und mit Grimm hat Eminem sie auf "Kamikaze" allesamt gestraft. Wie maßlos ihn die Monate nach der Veröffentlichung von "Revival" angekotzt haben müssen, das Unisono-Narrativ von der alternden Legende auf dem absteigenden Ast, merkt man allein daran, dass hier wirklich jeder seine Packung abbekommt, der in letzter Zeit irgendwie aufgemuckt hat. Selbst Vince Staples, der auch nach Eminems Maßstäben zu den Guten gehören sollte, erwähnt er despektierlich, hat er doch auf Twitter gegen den Rap God und dessen BET-Freestyle gefrevelt und muss nun dafür büßen. Ebenso bekommt Tyler The Creator, der Eminem an sich immer Respekt gezollt und ihn als großen Einfluss bezeichnet hat, launig-herablassende Lines an den Kopf geworfen, weil er dem falschen Helden seiner Jugend via WWW ans Bein gepinkelt hat. Zu einem falschen Zeitpunkt, kurz nach dem Release des viel kritisierten "Walk On Water", als sich in Eminem wahrscheinlich schon die Mordlust zu manifestieren begann.

Joe Budden legt er schon harscher ans Herz, dass er sich in Zukunft doch bitte zu Themen, die ihn nichts angehen, schweigen möge ("Somebody tell Budden before I snap, he better fasten it / Or have his body bag get zipped / The closest thing he's had to hits is smackin' bitches"). Der weinerliche Kanadier wird subtil und ohne Namensnennung, aber mit Nachdruck auf seinen Platz verwiesen. Machine Gun Kelly bekommt gleich einen ganzen Paragraphen samt Beatswitch spendiert. Einer der vielen Momente auf dem Album, in denen klar wird, dass es Eminem leidenschaftlich um etwas geht. In diesem Fall die tief empfundene Abneigung gegenüber Kelly als Mensch und Musiker, zurückgehend auf einen Tweet Kellys aus dem Jahr 2012, in dem dieser die Attraktivität von Eminems Tochter bewertete (dumme Idee).

Als einer der wenigen, die vor seinem Urteil Gnade finden, bekommt der schon zuvor erwähnte Waffenbruder gegen den Stumpfsinn Joyner Lucas ein Feature und steht stellvertretend für eine korrigierte Politik im Hinblick auf Gastbeiträge. Die reichten auf "Revival" noch von funktional, aber langweilig (Beyoncé, Skylar Grey) über nett gemeint, aber braucht kein Mensch (Pink) bis hin zu grobem Unfug (Ed Sheeran, X Ambassadors). Auf "Kamikaze" finden sich hingegen zwei Gastrapper (Joyner Lucas, Royce Da 5' 9'') und eine Gastrapperin (Jesse Reyez) ein, die zu Eminem passen, aber vor allem auch neben ihm bestehen können. Und dann schütteln die beiden Executive Producer Em und Dre noch unerwartet das Ass Justin Vernon aus dem Ärmel, dem auf "Fall" das Kunststück gelingt, eine Stimmung zu erzeugen, die man so in einem Eminem-Track noch nicht gehört hat, und gleichzeitig so zu wirken, als würde er ihm schon seit 20 Jahren die Hooks singen. Stichwort Kritik gehört, verstanden und umgesetzt.

Dieses Stichwort kennzeichnet noch zwei weitere Punkte, die dafür sorgen, dass sich "Kamikaze" in der erlauchten Gesellschaft von Alben wie "The Marshall Mathers LP" Teil eins und zwei oder "The Eminem Show" nicht zu schämen braucht, obwohl es natürlich noch einmal etwas ganz anderes ist. Zum einen modernisiert Eminem seinen Sound endlich behutsam auf den Stand der Jetztzeit. Rätselte man bei "Revival" noch vergebens, auf welchem Film und in welchem Jahrhundert Eminem da jetzt genau hängengeblieben ist, bleiben von "Kamikaze" Beats im Ohr, die frisch klingen, ohne sich dem Zeitgeist anzubiedern. Instrumentals wie "Normal" oder "Fall" müssen sich vor dem Status Quo nicht im Keller verstecken. Hie und da haben sich Eminem und der große Satan Trap sogar auf halbem Weg in der Mitte getroffen und ausgetestet, was man zusammen soundtechnisch auf die Beine stellen kann. Tatsächlich mal mehr ("Lucky You"), mal weniger ("Greatest"). Der Lean-Luzifer muss Marshall zudem noch ein paar Reim-Patterns und Flows eingeflüstert haben, die sich verdächtig nach Gegenwart anhören, dabei aber nie nach verzweifeltem Heischen nach Relevanz klingen, sondern schlicht wie Respekt vor der Kultur und ihrer gegenwärtigen Form. Vielleicht hat der Leibhaftige ihm auch schlicht verklickert, dass er eigentlich gar keinen Wert darauf legt, nach vorgestern zu klingen.

Punkt zwei befördert "Kamikaze" von Marshall Mathers Privatfeldzug gegen den Rest der Welt in den Rang eines vollwertigen Eminem-Albums. Vier Tracks auf dem Album, "Normal", "Stepping Stone", "Good Guy", "Nice Guy", beschäftigen sich nicht mit den Querelen um "Revival" und der Szene als solcher. Beziehungsweise mit Leuten, die Eminem auf die Eier gehen. Wobei Letzteres nicht stimmt, denn nichts und niemand, schon gar nicht Pfeifen wie Joe Budden oder Charlamagne Tha God, rauben Marshall Mathers dermaßen auch noch den allerletzten Rest an Nerv wie die Weiblichkeit. Seit annähernd einem Vierteljahrhundert ist er jetzt auf Krise wegen der Frauen, und ein Ende ist nicht abzusehen. Seit 20 Jahren hören wir ihn auf seinen Platten mit dieser zerstörerischen Mischung aus Wut, Selbsthass und Ohnmacht ringen, mit dem "Ich liebe dich für die Dinge, die ich an dir hasse" und sie wird ihn und uns höchstwahrscheinlich noch begleiten, wenn er auf die 60 zugeht. Immer noch erreicht er in der Beschreibung dieses indiskutablen Dauerzustands eine emotionale Intensität und Tiefe, die die wenigsten Rapper von Nahem sehen. Es ist alles außer "Normal". "I love you but I hope you fuckin' die though" fasst die Frau in der Musik nach Eminems Sicht kurz und bündig zusammen.

Emotionaler Höhepunkt auf "Kamikaze" ist "Stepping Stone": Ein Lied für die alten Kameraden von D-12, die jetzt höchstens noch Freunde sein können, weil mit Proof damals die Seele der Band gestorben ist, wie Eminem unmissverständlich klar stellt. All die dummen Dinge, die man zu einander gesagt hat, weil man enttäuscht war, all die falschen Erwartungen aneinander, all das braucht er gar nicht einzeln zu sagen. Man hört es. Wir hatten einen Traum. Der hat nicht funktioniert. Mittlerweile sind wir aus dem Alter raus. "My Band" is fucking over.

"Kamikaze" ist eine Machtdemonstration, mit der man aus dieser Position heraus definitiv nicht gerechnet hat. Eminem hält den Rest des Games auf Abstand. Was seine Rap-Technik angeht sowieso, das ist aber bekannt und braucht man gar nicht mehr extra zu diskutieren. Wer etwas anderes behauptet, weiß schlicht nicht, wovon er redet. Das Album zeigt ihn in jähzorniger Topform und ist zugleich ein künstlerischer Fortschritt. Einer, der das kann, was Eminem tut, so wie Eminem es tut, ist mir weiterhin nicht bekannt. Im "Kamikaze"-Modus legitimiert er sich und seinen Anspruch auf den ewigen Titel des Allergrößten wieder einmal selbst. Die Runde geht an ihn.

Trackliste

  1. 1. The Ringer
  2. 2. Greatest
  3. 3. Lucky You (feat. Joyner Lucas)
  4. 4. Paul (skit)
  5. 5. Normal
  6. 6. Em Calls Paul (Skit)
  7. 7. Stepping Stone
  8. 8. Not Alike (feat. Royce Da 5'9)
  9. 9. Kamikaze
  10. 10. Fall
  11. 11. Nice Guy
  12. 12. Good Guy(feat. Jessie Reyez)
  13. 13. Venom (Music From The Motion Picture)

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