laut.de-Kritik

Indie-Melancholie auf Denglisch.

Review von

2014 schienen Ja, Panik sich mit "Libertatia" zu verabschieden. 2015 veröffentlichte Sänger Andreas Spechtl unter dem Namen Sleep solo, 2016 folgte eine von der Band gemeinsam verfasste Biografie namens "Futur II". Danach war es um die Band ein halbes Jahrzehnt lang recht ruhig, wobei man doch konstatieren kann, dass ihr Sound noch lange nachhallte.

Immerhin schienen die erfolgreichen Bilderbuch mit "Schick Schock" 2015 auf ihrem Fundament aufzubauen. Auch die Musik von Pauls Jets klingt oft, als wäre die Band mit dem Ja, Panik-Œuvre bestens vertraut. Klar, Spechtl und Mitstreiter*innen haben diese Sprach-Hybrid-Musik nicht erfunden, aber verhalfen ihr seit Mitte der 2000er auf jeden Fall zu einem neuen High.

Wo Bilderbuch Sprache auch wegen ihrer phonetischen Qualitäten nutzen, wirkt das bei Ja, Panik meist so, als würden Wortwahl und Sprachwechsel im Dienste eines größeren Statements stehen. Auf dem neuen Album "Die Gruppe" findet sich wieder Gesellschaftskritik, Medienreflexionen und Nostalgie, weiterhin hört man die Hamburger Schule, aber ein bisschen was ist doch anders.

Stellenweise klingt es so, als hätten sich Ja, Panik von denen, die sie inspiriert haben, jetzt ihrerseits inspirieren lassen: Das Gitarrensolo am Ende von "1998" erinnert stark an Bilderbuch, und "On Livestream" erinnert an den verträumten Pop von Pauls Jets. Vor allem aber wirkt das Album als ganzes deutlich düsterer und ist weniger tanzbar geraten als zuletzt "Libertatia" - was den Zugang anfangs erschwert.

"Enter Exit" beginnt mit lauten Knarz-Geräuschen, bevor eine unaufgeregte Gitarre übernimmt, und Spechtl zu den ersten Worten ansetzt: "Die ewigen Jahre / Und die ganz kurzen / Die müden Tage und die zum aus der Haut fahren / Was ist passiert?". Oft klingen die Texte, als könnten sie auch aus der Feder von Blumfelds Jochen Distelmeyer stammen. Nur würde der nicht ganz so unvermittelt englische Phrasen einstreuen.

Dies gelingt, wie gewohnt, meistens gut, ab und an gibt es aber doch die Momente, in denen man den Sprachwechsel hinterfragt. In "The Cure", einer stimmigen Kapitalismuskritik, singt Spechtl lange Zeit auf Deutsch und ist dabei besonders überzeugend, am Ende verfällt das Stück dann aber in eine Wiederholung des Satzes "The only cure from capitalism is more capitalism", was einen aus der bis dahin aufgebauten Stimmung reißt.

Mit "Gift" gönnen sich Ja, Panik einen kleinen Post Punk-Ausflug inklusive Joy Division-Drums. Das tolle Stück ist eines der dynamischsten der Platte. Ein Großteil der Songs, etwa "Memory Machine" oder "Backup", räumen dem Schlagzeug hingegen nur wenig Platz ein und begnügen sich mit halligen Gitarren und Synth-Unterbau. Das funktioniert über weite Strecken gut, gerät beim Closer "Apocalypse Or Revolution" dann aber zu schleppend. Wunderbar funktioniert hingegen das Saxophon als neues Element, es veredelt bereits den Opener und blitzt danach immer wieder auf.

Neben "On Livestream" ist auch der Titeltrack ein Highlight des Albums. "In die Gang der letzten Gangstereien / In den Zirkel dieser Kugel / In den Unterschied der vor uns liegt tret' ich ein / Weil eine Gruppe möchte ich sein", heißt es da über treibenden Drums und sphärischem Sound. Bei aller Kritik bleibt Ja, Panik aber nicht nur irgendeine Band, sondern gehört mit ihrem eigensinnigen Sound nach wie vor zur spannendsten Indiemusik im deutschsprachigen Raum.

Trackliste

  1. 1. Enter Exit
  2. 2. Gift
  3. 3. Memory Machine
  4. 4. What If
  5. 5. On Livestream
  6. 6. 1998
  7. 7. The Cure
  8. 8. Die Gruppe
  9. 9. The Zing Of Silence
  10. 10. Backup
  11. 11. Apocalypse Or Revolution

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LAUT.DE-PORTRÄT Ja, Panik

Zunächst ab 2001 unter dem Namen "Flashbax" aktiv, veröffentlichen die Mitglieder von Ja, Panik bereits 2004 das Album "Straight Outta Schilfgürtel".

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