laut.de-Kritik

Die Party ist vorbei.

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Mittlerweile steht sie felsenfest im Pop-Olymp: Dua Lipa. Ihr Banger-Album "Future Nostalgia" katapultierte sie in den Mainstream, jede Auskopplung wurde ein Hit. Sie trug zum "Barbie"-Soundtrack mit der Lead-Single "Dance The Night" bei und jüngst betrat sie die Kinoleinwand in der Action-Komödie "Argylle" an der Seite von Henry Cavill. Mehr geht derzeit nicht.

Fans lechzen indes nach neuer Musik, vier Jahre Wartezeit sind im Business eine halbe Ewigkeit. Doch wie geht man nach der berauschenden 80er-Disco-Party des Vorgängers um? Wiederholung des Erfolgsrezepts? Komplett neue Pfade beschreiten? Das Genre wechseln? Dua bleibt dem Pop treu, jedoch fühlt sich das neue Werk eher nach nüchterner, entschlackter, kontemporärer Arbeitsleistung an. Kein eindeutiges Konzept, wenig Überraschendes, vorwiegend Strukturen nach Schema F. Da hilft auch ein gewisser Kevin Parker nur pointiert, der an der Mehrheit der Songs werkelte.

"Radical Optimism", wie der Name bereits suggeriert, glänzt mit einem durchweg selbstbewussten und stets positiven Vibe. Es erzählt von den typischen zwischenmenschlichen Querelen, schwierigen Beziehungen, emotionalem Chaos - doch die Protagonistin geht gestärkt hervor. Mit sommerlichem Flair eröffnet sie in "End Of An Era", funky und entspannt erklärt sie sich selbst zu einer hoffnungslosen Romantikerin, bei der ein Kuss eines Liebhabers eventuell ewige Treue verspricht.

Danach folgen zwei frühe Glanztaten. Das unterkühlte "Houdini" kokettiert mit hypnotischem Bass-Riff sowie simplen Synthies. Später setzt eine coole Melodie ein, die fast das Beste am Song darstellt. Hier verdeutlicht sich der Einfluss von Tame Impala am deutlichsten. Das ähnlich aufgebaute "Training Season" wartet mit einem interessanten Refrain auf, der zwischen frenetisch und hymnenhaft pendelt. Klavier und Akustikgitarre vermengen sich im tanzbaren Pop.

Im weiteren Verlauf integriert Dua einige zaghafte Stilelemente, die kein kohärentes Gesamtbild ergeben. Das sympathische "These Walls" taucht in leicht melancholischen Britpop ein, tut niemandem weh, hinterlässt obgleich keinen haftenden Eindruck. "French Exit" (im Deutschen "Polnischer Abgang") beschwört durch Gitarre und Schlagzeug beinahe eine Lagerfeuer-Atmosphäre herauf und erinnert entfernt an Natasha Bedingfield, dazu parliert Dua etwas sehr naiv: "It's not a broken heart if I don't break it / 'Goodbye' doesn't hurt if I don't say it". Nicht die feine englische Art, um bei geographischen Sprichwörtern zu bleiben.

Orientalische Gesangsmelodien beherbergt "Falling Forever" mit pittoreskem Outro und spaßigem House-Beat, bietet abseits davon nichts Erwähnenswertes. "Illusion" fällt komplett durch den TÜV mit seinem formelhaften Dance-Pop und einem vorhersehbaren sowie uninspirierten Refrain. Der gemächliche Funk "Whatcha Doing" punktet immerhin mit einigen elektronischen Spielereien und druckvollem Vortrag der Sängerin. Generell nutzt Dua ihre versatile Stimme zumeist gewinnbringend, performt auf gewohnt hohem Niveau und verströmt Esprit.

Besoders in "Anything For Love", in dem sie nach einer aufrichtigen, beständigen Liebe sucht. Zunächst mit balladeskem Beginn am Piano, entfaltet sich ein frisches, charmantes, kurzweiliges Kleinod. Den Schluss vergeigt sie wiederum. "Maria" entpuppt sich als lyrisch wirres, musikalisch klischeehaftes Gemenge aus Claps und Gitarre, die einen südländischen Abklatsch darbieten, bei der seltsamerweise die irritierende Flötenmelodie positiv hervorsticht.

Das tranige "Happy For You" überzeugt ebenfalls nicht, speziell der kitschige Text trägt zu dick auf: "I'm not mad, I'm not hurt / You got everything you deserve / Oh, I must've loved you more than I ever knew / I'm happy for you". In seiner Songstruktur und Aufbau darüber hinaus recht altbacken.

Dua Lipa gewährt auf "Radical Optimism" Einblicke in ihre emotionale und persönliche Reife, wählt jedoch einen zerfaserten Weg als Vehikel. Die lobenswerte Einstellung, ihre Erfahrungen ausnahmslos positiv auszulegen, offenbart sich als zu radikal und in letzter Konsequenz als eher unreflektiert. Davon zeugt auch das plakative Cover. So steht "Future Nostalgia" zwar weiterhin für sich und erhält keinen lauen Aufguss, dennoch hätte ihr drittes Album mehr Vision und Innovation vertragen können.

Trackliste

  1. 1. End Of An Era
  2. 2. Houdini
  3. 3. Training Season
  4. 4. These Walls
  5. 5. Whatcha Doing
  6. 6. French Exit
  7. 7. Illusion
  8. 8. Falling Forever
  9. 9. Anything For Love
  10. 10. Maria
  11. 11. Happy For You

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10 Kommentare mit 6 Antworten

  • Vor 20 Tagen

    ich liebe houdini einfach dumm.

  • Vor 20 Tagen

    Ist okay. Das größte Problem ist, dass die singles mit Abstand die besten songs sind und der Rest vom Album mit denen leider überhaupt nicht mithalten kann. 'Houdini' ist und bleibt einer ihrer bester songs, 'Training season' auch richtig gutes Ding.

  • Vor 20 Tagen

    Ist halt so ne Sache, wenn der große Erfolg so ne reine Schnapsidee des Produzententeams (wie in Dokus sehr ersichtlich), und eine eigene musikalische Identität nie Teil der Formel war. Dann ziehen die Folgeplatten erst recht nicht mehr.

    • Vor 20 Tagen

      Welche Dokus?

      Zum Album: FN war mein Lichtblick im Corona-Sommer 2020. Duas Stil, das Edle im 80er Style fand ich auch ästhetisch. Außerdem hatte jeder Song etwas Besonderes. Die neue Scheibe besteht leider nur aus Mittelmaß.

    • Vor 20 Tagen

      Gibt auf Netflix so ne Dokuserie, "Song Exploder". Oder es gab sie - hab kein Netflix mehr. In der Folge über Dua Lipa zeigt sich sehr klar, daß Dua Lipa selbst ziemlich wenig zu sagen hatte, und diese FN-Platte das Kind des Produzenten ist. Von ihr selbst kommen nur super flache, hohle Phrasen und Erzählungen, was ihr im Studio vorgesetzt wurde.

    • Vor 20 Tagen

      Irgendeiner muss das Produkt ja verkaufen. Und das hat sie recht gut gemacht bei FN

    • Vor 20 Tagen

      "In der Folge über Dua Lipa zeigt sich sehr klar, daß Dua Lipa selbst ziemlich wenig zu sagen hatte, und diese FN-Platte das Kind des Produzenten ist."

      Wat ne Überraschung. Aber warum sollte das für's Folgealbum nicht auch funktionieren?

    • Vor 20 Tagen

      Weil die letzte Platte eben ein extremer Zufall war. Ohne kreativen Boden der Künstlerin bleibt bei nem reinen Produzentenprodukt nur der leidliche Versuch, das Rezept zu wiederholen. Würde mal sagen, das ist das musikgeschichtliche Standardprogramm von solchen Projekten. Ein mal kann man die Menge verschaukeln, hier habe jemand echte Begeisterung für ein Genre. Ein zweites Mal klappt nie.