laut.de-Kritik

Mundschutz auf, wir gehen rollerskaten!

Review von

Man hätte nicht unbedingt Geld darauf gesetzt, dass Dua Lipa das nächste große Ding sein könnte. Ihr Debüt-Album schwamm 2017 recht generisch auf der Welle internationaler EDM mit, näher an den Bebe Rexhas und Anne-Maries als an den Rihannas und Taylor Swifts. Sie war gut, sie hatte die Stimme, sie hatte die Songs. Aber sie war kein Star. Sie war normal, nachvollziehbar, ein wenig unpersönlich. Keine Sensation, keine Ikone, und nach den Naturgesetzen der Popmusik bleibt man so allem Talent zum Trotz für immer dazu verdammt, in in der zweiten Reihe zu stehen. "Future Nostalgia" ändert alles. Mit diesem Album wird sie den Pop regieren. Jetzt gerade ist Dua Lipa das nächste große Ding.

Dabei hat sich keine der Einschätzungen verändert. Im Laufe dieser elf Tracks lernt man nichts Fundamentales über die Person Dua Lipa, die Klatschpresse wird sie kein My interessanter finden, und ein popkultureller Mythos entsteht daraus sicher auch nicht. Was hat also die Naturgesetze der Popmusik ausgehebelt? Ganz einfach: Dieses Album stemmt all das, was sonst Star-Power, Mythos und Kontroverse anstoßen, mit reinem Handwerk. "Future Nostalgie" hebt Disco aus dem Stand vom Grab in die Neuzeit und klingt überwältigend.

Das sollte jeder ahnen, der die Singles gehört hat. "Don't Start Now" mögen die Radios tottrampeln, es nutzt sich dennoch nur minimal ab. Die Bassline reißt augenblicklich mit, der Build-Up über den epochalen Pre-Chorus in den elektrisierenden Refrain schlägt ein, wie ein großartiger House-Drop einschlagen muss. Vieles auf "Future Nostalgia" spielt mit dieser Formel. Die Basslines treiben nach vorne, locker ein halbes Dutzend schreien schon in den ersten Sekunden nach Hit, die Verses gleiten kurzweilig davon und die Hooks treffen wie Bombenhagel.

Es erscheint fast banal, wie schnell der Reiz dieser Platte erklärt ist. Man könnte nahezu jeden Song nennen, einmal seine Elemente aufzählen und mit "es slappt" resümieren. Also werden wir nun genau das tun: "Hallucinate" modernisiert Disco in die Achtziger, oder eher noch in diejenigen 2010er, die so tun, als seien sie die 80er. Man könnte diese Synthwave-Grooves eins zu eins in den "Miami Vice"-Soundtrack schanzen. Musik, um mit dreihundert Meilen pro Stunde mit Rollerskates über den Regenbogen-Boulevard zu schießen. Es slappt.

Ein absolutes Highlight liefert auch "Love Again". Das samplet White Towns "Your Woman"-Sample von Lew Stones 30er-Klassiker "My Woman". Klingt kompliziert, heißt aber nur, dass hier ein paar der eingängigsten Streicher in ihrer best-modifiziertesten Form noch einmal ausgepackt und geiler gemacht wurden. Es slappt! Über allem thront Dua, die mit ihrer tiefen, dröhnenden Stimme so viel Energie und Selbstbewusstsein ausstrahlt, dass überhaupt nicht ins Gewicht fällt, dass man gerade nichts über sie als Person erfährt.

Sie kanalisiert nicht den modernen Popstar, sie kanalisiert die OG-Disco-Diva. Alle Songs sind auf die denkbar beste Art und Weise unpersönlich geschrieben. Statt eine Persona oder Perspektive auf die Welt als Individuum zu repräsentieren, wird sie zum Avatar universeller Gefühle mit einem erfrischend modernen, feministischen Twist. Sich als "female alpha" zu bezeichnen, ist ja schon eine Ansage, aber die Lässigkeit, Selbstbestimmtheit und Selbstverständlichkeit, mit der Dua die Songs kommandiert, ist beachtlich.

Dazu kommt der handwerkliche Aspekt: Sie singt großartig. Ihre Stimme, schon immer ihre Kernkompetenz, klingt noch dominanter, noch immersiver, noch überwältigender als bisher. Die herbe Tonlage schmiegt sich zu allem Überfluss auch noch in perfekter Synergie an die tosenden Bässe des Albums. Es ist ein Genuss, dem zuzuhören.

Wenn es Schwächen gibt, dann höchstens, dass der sehr Lily Allen-eske Track "Good In Bed" ein wenig albern geschrieben erscheint. Zwar eine interessante Umkehrung männlicher Perspektive auf Sex und auch im Kern ein Song der Marke relateable™, nervt gerade die Hook auf Dauer etwas. Sonst mag es mit "Cool" und "Pretty Please" Nummern geben, die rudimentär vom Gas gehen, dadurch aber auch nur wohlverdiente Atempausen für den Hörer lassen. Weniger eingängig und weniger Spaß machen diese Songs nämlich mitnichten.

Gibt es einen Track, der dieses Album perfekt summiert, dann ist es "Physical". Der ist inhaltlich eine komplette Non-Entität. Aber er kratzt an Pop-Perfektion. Donna Summer auf Daft Punk und Cerrone in 2020. Es gab in den letzten Jahren ab und zu Alben, die fast nur über Sound den Pop-Olymp enterten, Carly Rae Jepsens "E-MO-TION Side B" und Bruno Mars' "24k Magic". Aber es gab keines, das es mit so wenig Brimborium geschafft hat. Die ganze Qualität von "Future Nostalgia" liegt darin, wie absurd gut es klingt. Aber schieß' mir einer ins Bein, wenn mir jemand ein Album zeigt, das in absehbarer Zeit so gut klingt. Was soll man sagen? Es slappt.

Trackliste

  1. 1. Future Nostalgia
  2. 2. Don't Start Now
  3. 3. Cool
  4. 4. Physical
  5. 5. Levitating
  6. 6. Pretty Please
  7. 7. Hallucinate
  8. 8. Love Again
  9. 9. Break My Heart
  10. 10. Good In Bed
  11. 11. Boys Will Be Boys

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