laut.de-Kritik

Ausladender Gegenentwurf zur Generation Streaming.

Review von

Doppelalben erfreuen sich in der elektronischen Musik immer größerer Beliebtheit. Allerdings gelingt nur wenigen über rund 80 Minuten eine perfekte Balance zwischen An- und Entspannung. Vrils Meisterwerk "Anima Mundi" wäre hier als positives Beispiel zu nennen.

Das Wiener Produzentenduo HVOB möchte hier anknüpfen und erschuf zusammenhängende Geschichten über das Loslassen, Verabschieden und Neuorientieren. Dabei speist sich das Konzept vor allem aus der Dramaturgie der einzelnen Tracks, die manchmal eine völlig andere Richtung einschlagen als man zunächst vermutet.

"2nd World" beginnt als nachdenkliche Klavier-Ballade mit dezenten elektronischen Zwischentönen, die von dem hauchenden, fragilen Gesang Anna Müllers lebt, der eine gewisse Nähe zu der ebenso in Wien ansässigen Soap&Skin aufweist. Nach und nach erzeugen schwere Tastentöne und rhythmische Laptop-Beats eine nur schwer greifbare Spannung, die sich jedoch mit treibenden Percussions dramatisch entlädt, bevor die Nummer unvermittelt endet.

HVOB klingen dann am überzeugendsten, wenn die Bässe bedrohlich anschieben, flankiert vom Zirpen und Springen der Elektronik, während Annas Stimme der maschinellen Kühle etwas Warmes und Tröstendes entgegensetzt. Dadurch entsteht eine gewisse Distanz zum Hörer, wodurch sich das Duo seine Ecken und Kanten bewahrt. Als Paradebeispiele dienen "Eraser", "Butter", "Zinc" und – wie der Name schon sagt - "Kante".

"I had cold hands, but I had a warm heart", lässt uns die Sängerin in "A List" wissen. Doch die Nummer dümpelt in ihrer pianolastigen Ausrichtung und der leicht jazzigen Drum-Rhythmik nur wenig ergreifend vor sich hin. Ähnlich zieht sich "Go?" trotz seiner Kürze von drei Minuten unnötig in die Länge. Bleibt den Österreichern nur noch, ihre Club-Qualitäten mit der neu gewonnenen Affinität zum kunstvollen Pop zu verbinden, so dass Mensch und Maschine im Gleichgewicht stehen. Das klappt über weite Strecken sehr gut.

"Panama" fängt als verträumtes Klavier-Stück an, räumt im Anschluss tanzbaren Beats und straighten Handclaps mehr Raum ein und entschwindet schließlich in melancholische Deep-House-Sphären, während der Gesang, oftmals leicht geloopt, über allem schwebt. "Tykwer" wartet anfänglich mit verspulten Electro-Pop-Klängen auf, gleitet aber zwischenzeitlich ins Ambiente über, um die gedankenverlorenen Worte Annas, die sich um Materialismus und das Öffentliche im Privaten kreisen, zu unterstreichen, nur um am Ende Beats und Stimme ins Ungewisse entschwinden zu lassen.

HVOB liefern einen ausladenden Gegenentwurf zum schnelllebigen Fast-Food-Sound des Streaming-Zeitalters, der sich an einigen Stellen aber ein wenig erschöpft, weil sie gerade in den artpoppigen Momenten noch zu unschlüssig agieren. Außerdem fehlt eine klare Struktur, die einzelne Tracks zu einer homogenen Einheit zusammenführt, was die großen elektronischen Doppelalben ausmacht.

Trackliste

  1. 1. 2nd World
  2. 2. Eraser
  3. 3. Bloom
  4. 4. Butter
  5. 5. Sync
  6. 6. A List
  7. 7. Panama
  8. 8. Zinc
  9. 9. Alaska
  10. 10. Shinichi
  11. 11. Kante
  12. 12. Go?
  13. 13. Tykwer

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