Porträt

laut.de-Biographie

Greg Puciato

Reading 2016: Extreme Metal ballert, die Instrumentalisten fegen wie Derwische über die Bühne, Gitarren fliegen, Schreie zerfetzen die Luft – doch deren Urheber sitzt scheinbar tiefenentspannt auf einem Sofa inmitten des Chaos, liest Zeitung und trinkt Tee: Greg Puciato.

Greg Puciato - Child Soldier: Creator Of God Aktuelles Album
Greg Puciato Child Soldier: Creator Of God
Von Dillinger Escape Plan zu Synthpop in Mike Patton-Manier.

Der Grund für den ungewöhnlichen Auftritt: Vierzehn Jahre zuvor hatte Puciato schon einmal mit The Dillinger Escape Plan bei dem renommierten Festival performt und stand in Konsequenz kurz vor einem Einreiseverbot nach Großbritannien. Er hatte sich auf der Bühne in eine Tüte erleichtert und den Kot anschließend ins Publikum gepfeffert. Sein Kommentar: "Das ist ein Beutel Scheiße – ich will euch zeigen wie das aussieht, damit ihr es später am Tag wieder erkennt."

Man könnte weitere Zwischenfälle aufzählen – die teils auch auf Kosten des Sängers selbst gehen, der schon nach einem seiner ersten Auftritte mit The Dillinger Escape Plan mit ausgeschlagenen Beißerchen beim Zahnarzt saß. Leicht verliert man dabei jedoch aus den Augen, dass in all dem Chaos einer der ausdrucksstärksten und vielseitigsten Metal-Sänger überhaupt heranreift.

Durch die Plattensammlung seiner Eltern, die ihn in einer ärmlichen Nachbarschaft in Baltimore, Maryland großziehen, kommt Puciato früh in Kontakt mit ganz verschiedenen musikalischen Spielarten. Die lebendige afroamerikanische Kultur um ihn herum befeuert außerdem seine Zuneigung zu R'n'B und Hip Hop, wie er im Interview mit Fret12 erklärt. Im Alter von neun Jahren entdeckt er Metallica und beginnt, deren Songs auf der Gitarre nachzuspielen. Bald kommen Faith No More, Primus, Nine Inch Nails und vor allem die Bad Brains als prägende Einflüsse hinzu. Mit 13 nimmt Puciato seine erste Kassette mit eigener Musik auf, mit 14 entdeckt er in einer Thrash Metal-Band, der er sich eigentlich als Gitarrist angeschlossen hatte, seine Begabung als Sänger. "Ich war zu sehr Kontrollfreak, um jemand anderen singen zu lassen", erinnert sich Puciato gegenüber FaceCulture. "Ich wollte aber auch niemanden sonst Gitarre spielen lassen, musste mich aber entscheiden, weil ich nicht beides gleichzeitig machen konnte."

2001 laden ihn The Dillinger Escape Plan ein, die Nachfolge von Dimitri Minakakis anzutreten. Diese Gelegenheit stellt Puciato buchstäblich in eine Reihe mit einem seiner größten Vorbilder: Mike Patton hatte nach Minakakis' Abschied kurzzeitig mit der Band performt. Die Verbindung entpuppt sich als match made in heaven – mit Puciatos Stimme und Bühnenpräsenz mutieren The Dillinger Escape Plan zu einer der wegweisendsten Metalbands des frühen 21. Jahrhunderts, veröffentlichen die Mathcore-Meilensteine "Miss Machine" und "Ire Works". Kerrang! bezeichnet TDEP als "beste Liveband des Planeten" – und das bleiben sie nach Meinung nicht weniger Genre-Aficionados auch bis zur Auflösung im Jahr 2017.

Schon während seiner Zeit bei The Dillinger Escape Plan betreibt Puciato einige Nebenprojekte. 2008 veröffentlicht er zusammen mit John LaMacchia (Candiria), Julie Christmas und Jeff Caxide (Isis) die EP "Spylacopa" als Debütwerk des gleichnamigen Projekts. 2011 gebiert er gemeinsam mit Troy Sanders (Mastodon), Dave Elitch (The Mars Volta) und Max Cavalera die Supergroup Killer Be Killed. 2014 startet er zusammen mit dem Electronic Künstler Josh Eustis und Nine Inch Nails Guitar Tech Steven Alexander die Synthwave Gruppe The Black Queen. Daneben erscheint er des Öfteren als Gastsänger, unter anderem bei Devin Townsend, Architects, Lamb Of God und Suicide Silence.

Nach dem Ende The Dillinger Escape Plans gründet Puciato zusammen mit dem Visual Artist Jesse Draxler das Label Federal Prisoner. Es soll nicht nur als Heimat für Musik, sondern für Kunst aller Art dienen, und als Möglichkeit, den gängigen Industriestrukturen zu entfliehen. 2020 veröffentlicht er darüber auch sein erstes Soloalbum "Child Soldier: Creator Of God" – ein Werk, dessen Spektrum von Metal über Industrial bis Pop und Singer/Songwriter reicht. Puciato erklärt: "Mit dieser Platte erkläre ich mir die ultimative Freiheit. Mit The Black Queen wollte ich etwas ganz Anderes machen als mit The Dillinger Escape Plan und allen zeigen, dass ich mehr als nur eine Seite habe. Letztendlich wurde mir klar, dass ich beides bin – und all diese anderen Dinge auch."

Für sein Soloprojekt greift Puciato auch wieder zur Gitarre – mehr noch: er spielt auf "Child Soldier: Creator Of God" alle Instrumente außer Schlagzeug. Für Letzteres organisiert er Ben Koller (Converge), seinen ehemaligen TDEP-Kollegen Chris Pennie und Poison The Wells Chris Hornbrook.

Ein klares Mission Statement fehlt – doch genau das zeichne ihn als Künstler aus, meint Puciato: "Ich habe viel darüber nachgedacht, weil ich mich manchmal schuldig fühle, dass ich keinen Sinn oder Bestimmung habe, Musik zu machen. Wenn man in einer Band wie Rage Against The Machine spielt, hat man so viele Ziele. Oder wenn man eine Person ist, die an Depressionen leidet und wirklich deprimierende Musik macht, um die Krankheit zu verarbeiten, ergibt das sehr viel Sinn. Aber ich habe keine Marke. Ich versuche nicht, immer und immer wieder eine Rolle zu haben, sondern will nur ich selbst sein. Ich wünschte, ich könnte Themen wie Politik oder Kunst versus Kommerz in meinen Songs kreative verarbeiten, dass würde die Erklärungen zu meinen Songs einfacher machen, aber das bin ich nicht. Es ist alles völlig selbstgesteuert und in Reiz des Entstehungsprozesses verwurzelt."

Alben

Surftipps

  • Federal Prisoner

    Website von Puciatos Label.

    https://www.federalprisoner.com
  • Bandcamp

    Musik und Merch.

    https://gregpuciato.bandcamp.com

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