laut.de-Kritik

"Kennste, kennste" als Adlib wäre der logische nächste Schritt.

Review von

Erstaunlich, wie konsequent Edgar Wasser und Fatoni auf den Singles zu "Delirium" daneben gehauen haben. Dabei sind sie doch Vorzeigekinder ihrer Sparte, gerade Edgar bewies so oft, wie clever er sein kann. Auch über Fatoni habe ich mir glaubhaft versichern lassen, dass er dabei schon gesichtet wurde. Aber mit jeder neuen Auskopplung schälte sich klarer heraus, dass da nicht gerade Magie entstanden ist. Die Singles: Ein Sprücheklopfen ächzend vor Müdigkeit.

Songs darüber, dass man keine Ideen für Songs habe, und Schläge auf die Feindbilder von vorgestern. Um den ganzen Mist noch zu garnieren, gab es einen Promobeef, so lieblos dargeboten, dass Fans die Album-Absage nur etwas verwirrt mit "Joa, hehe, wir freuen uns aufs Album" kommentierten. Doch all das bereitete nicht darauf vor, wie hart dieses Projekt wirklich crashen sollte. "Delirium" zu hören fühlt sich an wie die siebzehnte Staffel "Family Guy" gucken. Es ist nicht nur schlecht. Es ist so schlecht, dass man hinterfragt, ob man die guten Staffeln überhaupt je gemocht hat.

Dabei machen die beiden auf den ersten Blick gar nicht so viel anders als sonst. Sie machen es nur offensichtlich mit so viel weniger Inspiration. Späßchenmacher-Rap im Endstadium. Meistens klingen die Verses wie ein extrem mittelmäßiger Comedian am Ende seiner Kaffeehaus-Tour, der sich durch eine nicht enden wollende Impro schleppt. Minutenlang hängt er am selben Witz und mit jedem Versuch, ihn noch einmal zu drehen, knüppelt er die Pointe noch toter. Bestes Beispiel: "11 Minuten". Weiß der Teufel, ob die da dachten, das sei ein cleverer Kommentar zu Frauenbildern im Rap, aber am Ende ist die einzige Pointe, dass sie unwitzige Scheiße labern, aber danach grinsend anerkennen, dass es unwitzige Scheiße war. Line nach Line reiten sie auf derselben greisenhaften Pointe herum, mit jeder neuen Zeile scheint ihr gezwungenes Mario Barth-Grinsen weiter anzuschwellen, die Nummer wird an irgendeinem Punkt so unerträglich gezwungen, dass ein "Kennste, Kennste"-Adlib eigentlich nur die logische Konsequenz gewesen wäre.

Auffällig oft rappt Edgar Wasser darüber, dass ihm entweder keine Lines einfallen oder dass er die, die er gerade gesagt hat, eigentlich selbst blöd findet. Zeilen wie "Ich hab' immer noch so viele Punchlines / Dass ich grad nicht so ganz weiß, welche ich jetzt aufschreib' (Äh)" findet man zuhauf. Megaloh wäre stolz, denn was Edgar da sagt, verkörpert er auf der Platte auch bis zum Äußersten. Wie sonst erklärt man sinnloses Gerante wie: "Des weiteren grüß' ich an dieser Stelle die freundliche Stewardess (High) / Die mich vor den Flug dran erinnert, dass da, wo ich sitze die Notausgangstüre ist (Ni) / Sollte der Flieger abstürzen, dann zählt sie auf meine Kooperation (Oh) / Eigentlich ist mir das zu viel Verantwortung, aber der Platz für die Beine ist cool." Wenn ein Texter wie Edgar vier Zeilen für diesen Kalauer verballert, den er anscheinend bei vier Upvotes von Jodel gestohlen hat, dann muss er wirklich down bad gewesen sein, irgendwie das Textblatt vollzumachen.

Aber das bleibt die Formel: Irgendein schlechter Witz, dann ein anerkennendes Zwinkern, weil das ja ein schlechter Witz war. Ist das dieser ironische Rap? Aber warum? Jungs, warum verschwendet ihr meine Zeit, warum verschwendet ihr eure Zeit? Und das von Leuten, die für die besten Texter Deutschlands gehalten werden? Ich fühle mich unter Beweiszwang, die unerschütterliche Mittelmäßigkeit dieser Lines zu erklären. Deswegen hier, ich widme einem ganzen Absatz nur Beispielen von völlig sinnlosen Füllerlines, die aus unerfindlichen Gründen ins Gesamtprodukt eingezogen sind:

"Dickerchen, Dickerchen, Dickerchen, Dickerchen (Digga) / Wache ich morgens auf, machе ich anschließend immer еrst einmal ein Nickerchen (Whu) / Dann rapp' ich paar Bars ein (Uh, krass) / Und schlafe danach ein." ("Der Beste") "Ich bin der Allerbeste hier, ist so (Ist so) / Keine Frage, so wie ein Stromausfall bei 'ner Quizshow." ("Der Beste") "Ich nehm' sie dann, aber nur fiktiv / Verstehste? Fick tief (Haha), denn ich bin Mitglied / Verstehste? Mit Glied (Haha)." ("11 Minuten") "Das hier ist alles nicht echt (Echt) / Elon Musk hatte Recht! (Recht) / Was ein Glück für seinen Sohn, dessen Name sich von niemand aussprechen lässt (Echt?)." ("Realität") "Ich schreib' diesen Text in meinen Kopf (Woah) / Es war beeindruckend, dafür klingt er wie Schrott (Oh)." ("Yolo") "Ich habe keine Moral, ja / Ich hab' ein'n Major-Vertrag, ja / Ich lass' mir gerne diktieren, wie ich zu klingen habe, ich komm vom Theater / Fällt mir kein dummer Witz ein über deine Mutter, red' ich irgendeinen Müll und pitch' die Stimme einfach runter (Ha)." ("Künstlerische Differenzen")

Ich habe noch nie so oft in einem Hip Hop-Album an den YouTube-Clip denken müssen, in dem sie die Laugh-Tracks aus "The Big Bang Theory" geschnitten haben. Aber wer weiß, vielleicht hätte ein bisschen Lachen aus der Dose dieser Platte ja sogar gut getan? Geschenkt, dass zwischendurch auch mal eine solide Line dabei ist. Die Menge an uninspirierten Verses und belanglos zusammen gebullshiteten Songs ist zu groß für ein Album, das sonst absolut keine Hook hat. Wofür soll man das denn sonst hören? Für die Flows und die Beats?

Hier hält Fatoni weiterhin vehement seine nervigste Eigenschaft hoch, das Beharren auf extrem mediokeren Trap-Beats, die er mit ironischen™ Flows bespielt. Produktionen von Enaka oder Dexter hätten sogar Flavour entfalten können, aber der konstant witzelnde Ton mit den sperrigen, immer gedoppelten Vocals lässt quasi über die ganze Platte nicht einen Hauch von Atmosphäre aufkommen.

Das Allerschlimmste: die Hooks. Nirgends zeigt sich die Holzhammer-Produktion mehr. So viele Refrains auf dieser Platte bestehen aus hirn-schmelzend nerviger Wiederholung des Songtitels ohne Groove oder Melodie. So oft wählen sie den Weg des geringsten Widerstands, niemand kann in diese Hooks mehr als drei Minuten Nachdenken investiert haben. Die Logik scheint: Wenn man es besoffen, live und sehr laut hört, wird es schon irgendwie passen. Aber es passt nicht. Die kolossale Wackness dieser Refrains rettet auch nicht irgendeine Form von Ironie davor, auditiv eine komplette Zumutung zu sein.

Einen kleinen Wermutstropfen findet man höchstens gegen Ende, wenn das Doppel aus "Yolo" und "Das Leben Ist Dumm" das erste Mal etwas die Witze beiseite schiebt und ein bisschen durchblicken lässt, was wirklich in den beiden vor sich geht. Unsicherheiten, Unzufriedenheit, da steckt eine ganze Menge Bitterkeit in diesen Songs, die davor nur unangenehm im Subtext gebrodelt hat. Aber hier wird explizit gejammert, über Erfolg, der sich nicht wie gewünscht einstellt, über Fans, die insgeheim nerven, über Unwissen, was das Leben noch so bringen soll, und kurz fühlen sie sich wie reale Charaktere an, die etwas zu erzählen haben. Vielleicht wäre dieses "Delirium" tatsächlich interessant gewesen, aber die konstant erzwungene Schicht von banalster Ironie knüppelt diesen Tiefgang von vornherein tot.

Die Ideen und Ansätze existieren irgendwo, sie kommen nur völlig zu kurz. Besonders irritierend wirkt das spektakuläre, von Mine übernommene Ende von "Das Leben Ist Dumm". Auf einmal gibt es Blechbläser, geschmackvoller gelayerte Vocals, einen eingängigen Pop-Chorus (mit nicht einmal so schlechten Vocals von Fatoni), und für vierzig Sekunden gaslightet das Album einen zu der Annahme, hier steckten wirklich musikalische Ambition und ein paar Hintergedanken drin. Danach kommt aber mit "Künstlerische Differenzen" nur der nächste Lachi-Lachi-Pseudo-Trap-Scheißsong, und man erinnert sich, dass es auf diesem Album musikalisch kaum ambitionierter als auf dem handelsüblichen Moneyboy-Mixtape zuging. Es lagen halt irgendwelche Beats herum und man hat irgendwelche Parts darauf zusammengekratzt.

Jesus Christus, zu sagen, dass dieses Album enttäuscht, würde es noch in Watte packen. Es wirkt es wie ein halbherziges, nicht durchdachtes Machwerk, auf dem beide Protagonisten konstant darauf warten, dass der andere den Wagen anschiebt. Aber der Wagen steckt im Dreck, von vorne bis hinten. Dieses Album, das eigentlich nichts bieten will als Witz, ist leider so lieblos und unwitzig, man könnte einen Lil Dicky darauf packen und es würde kein bisschen stören. Man fragt sich regelrecht, ob Fatoni und Edgar diese Art Musik überhaupt mögen, die sie da die ganze Zeit mit ironischer Distanz produzieren. Wer weiß? "Delirium" weiß es jedenfalls nicht.

Trackliste

  1. 1. Ratatatatatatata
  2. 2. Alle 11 Minuten
  3. 3. Homie Du Weißt
  4. 4. Der Beste
  5. 5. Newcomer Des Jahres
  6. 6. Freierssohn
  7. 7. Danke Für Dein Feedback
  8. 8. So High
  9. 9. Realität
  10. 10. YOLO
  11. 11. Das Leben Ist Dumm
  12. 12. Künstlerische Differenzen

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15 Kommentare mit 39 Antworten

  • Vor einem Monat

    Gut, für mich ist "mediokrer Trapbeat" ein Pleonasmus, aber bitte ;)

    Den Rest kann man wahrscheinlich so unterschreiben. Bei K Pop bitte nächstes Mal genauso kritisch :*

    • Vor einem Monat

      Du gibst dir auch immer wirklich größtmögliche Mühe, immer maximal gestrig zu wirken. :lol:

    • Vor einem Monat

      nur mal kurz tangent weil das argument ja n paar mal kam schon, mit dem kpop isses für mich so, dass ich halt reviews mach, wenn ich n release für bemerkenswert gut halte. Es kommt super viel schlechter und mittelmäßiger K Pop raus, offensichtlich. aber ich seh halt nicht, auf der plattform drüber zu sprechen (wenns jetzt nich bts blackpink oder so sind, dass es bis hier rüberschwappt), nur um drauf zu scheißen. Ich denk, sachen zu rezensieren, die hier keiner kennt, lohnt sich vor allem dann, wenn ichs wirklich cool find. Ist ja auch mit Trap und Indie sachen so. Da muss ich ja auch nix aus der Obskurität zerren, nur um gehässig zu sein

    • Vor einem Monat

      Dieser Kommentar wurde vor einem Monat durch den Autor entfernt.

    • Vor einem Monat

      Hai: Den Reflex wollt ich ja nur triggern ;) Gestrig wirken find ich aber auch nicht ehrrührig mit Ende 30. Konträr fänd ich eher peinlich, mir alles Zeitgeistige "auf Deibel komm raus" schönhören zu wollen. Auch das gibt es. Dennoch war das selbstredend nicht ganz ernst gemeint. Ich höre natürlich qualitative Unterschiede. Richtig gezündet hat allerdings wirklich noch nix. Tipps?

      @Yannik: Muss den Eindruck zur Musik ja nicht teilen und tue dies auch ehrlicherweise kein Stück, den Ansatz find ich allerdings wiederum honorabel, wenn's denn wirklich kein Kalkül ist.

    • Vor einem Monat

      ich mein hey, ich seh ja, dass es echt schwer ist, sich auf die mukke einzulassen und versteh jeden, dem das überhaupt nichts gibt. Ich hab selbst trotz viel längerer exposure erst n paar jahre später mit dem kram geklickt. Ich war 2015 schon in korean studies eingeschrieben, meine freundin übersetzt beruflich aus dem koreanischen, ich hab trotzdem erst so richtig 2017 angefangen, das genre privat zu hören. Die paar K-Pop-Geschichten die ich hier mach sind ja auch keine Klickgranaten oder so, die Twitter-Kids wirste auch mit mehr Lobhudeln nicht auf die Seite bekommen. Mein Kalkül ist echt einfach nur, dass ich halt ne ganze Weile schon die Musik mag und Leuten zumindest n Argument dafür dalassen möchte, was man daran interessant finden kann. Ich weiß nicht, ich find das immer cool, wenn ich Artikel find, die erklären, was Leute in Musik sehen, die ich nich mag. Heißt ja nich, dass ichs plötzlich auch geil finden muss

    • Vor einem Monat

      sorry fürs abschweifen lol, dachte ich erklär mich mal zu dem thema wenns irgendwo aufploppt

    • Vor einem Monat

      Props dafür. So ganz ohne Erklärung wirkte es zuletzt wie Kalkül der Redaktion, ein paar K-Pop-Fans auf die Seite zu ziehen, bzw. Klicks zu generieren, wenn wir uns hier über diese peinliche 90er-Trashmucke auslassen. Hauptlektion aus der Hip-Hop-Sparte der Seite ist ja, daß man mit Müll die meiste Aufmerksamkeit generiert. Zumindest weiß ich jetzt, daß es Dein Geschmack ist und wir hier nicht bewußt getrollt werden.

    • Vor einem Monat

      Einer meiner besten Kumpel wohnt mittlerweile in Japan und wollte mich früher mit asiatischem Rap etc missionieren, hat natürlich nicht geklappt, schon der Sprachbarriere wegen. Hat man einen Bezug, kann ich das Faible verstehen und definitiv Props für deine Ausführungen hier, allerdings ist ja ebenso legitim, wie du schon sagst, dass es für das Gros hier generische Popmusik bleibt ;)

    • Vor einem Monat

      Gebacki spricht wahr, yo. Thread kann dann jetzt auch zu.

  • Vor einem Monat

    Raus mit die Viecha!

    0/5 für diesen unlustigen Schrott von diesen zwei Opfern! Fatoni sollte zusammen mit Patrick dem Rübenbauer seine "Karriere" beenden, wirklich unerträglich der Typ...

  • Vor einem Monat

    "Tourettesyndrom EP" und "Yo Picasso" waren echt stark...Alles danach voll daneben. Schade.