Porträt

laut.de-Biographie

MoneyBoy

"Steige aus dem Bääääääätt, dreh den Swäg auf, schaue kurz in den Spiegel, sag: What up." Man wünscht, es handle sich um einen Gag des Satire-Magazins Titanic, sieht sich aber tatsächlich mit Deutschraps Hype des Jahres 2010 konfrontiert.

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Ernst gemeint oder nicht, verzweifelter Versuch oder überzogene Parodie: MoneyBoy erregt die Gemüter wie kaum ein Zweiter, seit er mit "Dreh Den Swag Auf" durchs Internet geistert. Heißer Scheiß oder alter Warz: Über dieser Frage knackt die Nummer die Eine-Million-Klicks-Marke.

Sido kutschiert extra nach Wien, um den Österreicher zu treffen. MoneyBoy arbeitet mit Eko Fresh, Ali A$ oder Manuellsen zusammen, während er sich von KC Rebel oder Sentino werbewirksam dissen lässt. Sogar 50 Cent ist MoneyBoys Remix von Soulja Boys "Turn My Swag On" einen Kommentar auf seiner offiziellen Homepage wert.

"Es ist wichtig, Talent zu haben. Man muss coole Texte schreiben können und die Technik beherrschen", verkündet MoneyBoy im Interview mit Bild.de. Sebastian Meisinger, wie der Möchtegern-Rapper mit bürgerlichem Namen heißt, kann all das zwar offensichtlich (noch) nicht, unterzeichnet im Dezember 2010 aber dennoch einen Deal beim Major Sony Music.

Warum nur, warum? Der geneigte Rap-Fan rauft sich das Haupthaar. Doch Hype bleibt eben Hype, unabhängig davon, wie hoch oder unterirdisch niedrig die Qualitäts-Messlatte liegt.

Immerhin bringt MoneyBoy die Genre-typische Sozialisation mit: Aufgewachsen im 15. Wiener Bezirk kommt der 1,98m-Mann über seinen Sport Basketball zum Hip Hop. Der Rap-Fan greift bald selbst zum Stift und gründet schon zu Schulzeiten seine erste Crew.

MoneyBoy - Dripolympics
MoneyBoy Dripolympics
Anglizismen, Adlibs und absurde Vergleiche.
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Meisinger studiert Kommunikationswissenschaften, arbeitet als Journalist und im PR-Bereich. Erst mit "Dreh Den Swag Auf" wird MoneyBoy zur Heimsuchung, der nicht länger zu entrinnen ist. Die globale Vernetzung machts möglich: "Ich habe sofort voll auf das Internet gesetzt und meine Songs kostenlos über Dienste wie Facebook und Twitter promotet."

"Dreh Den Swag Auf" wird diskutiert, parodiert - und geklickt wie gestört. MoneyBoy, dem mancher lediglich 15 flüchtige Minuten Ruhm prophezeit hat, schickt sich (jedenfalls in Sachen Medienpräsenz) an, die Nachfolge seiner erklärten Vorbilder Eminem, Lil Wayne und Bushido anzutreten.

Ein einziger Witz? MoneyBoy zumindest sieht sich nicht so: "Viele Leute denken, ich will nur entertainen. Mit meiner Musik meine ich es ernst, ich bin keine Parodie!" Trotz der riesigen Anzahl an Hatern macht MoneyBoy weiter und weiter. Er steigert seinen Bekanntheitsgrad mit seinem niemals schwindenden Output und mit polarisierenden Aussagen und Tweets.

Die Interviewanfragen häufen sich, genauso wie die Bookinganfragen. Mit seinen Zöglingen Hustensaft Jüngling und Medikamenten Manfred tourt der Boy immer wieder durch ganz Deutschland, Österreich und die Schweiz.

Nach der erfolgreichen Eroberung des Internets macht MoneyBoy auch vor dem Fernsehen nicht Halt und kickt ein paar unzensierte Freestyles in der Show von Joko und Klaas zur besten Sendezeit auf ProSieben. Für den Sportstreaming-Dienst DAZN interviewt Meisinger sogar NBA-Star Kyrie Irving.

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Der Österreicher über Business, Beef, Arbeitsweisen und Adlibs.

Mit jedem Song, jedem Mixtape und jedem Album steigert sich auch die Qualität von MoneyBoys Musik und seinen Videos. Aus dem Möchtegern-Rapper wird ein Künstler mit unterschätzten Rap-Skills und großem Unterhaltungswert, der kleinere Hallen füllt und seinen teuren Lebensstil mit dem Verkauf von Merchandise finanziert.

Auch wenn viele den Rapper MoneyBoy noch immer nicht ernst nehmen können, zeigt sich: Die Leidenschaft des Österreichers für den Hip Hop ist echt, und den Fleiß kann ihm wahrlich auch niemand absprechen: Mixtape um Mixtape ballert er unters Fanvolk.

Ganz nebenbei sorgt MoneyBoy, der zwischenzeitlich unter diversen Namen wie Why SL (oder YSL) Know Plug, Beezy oder Frencho Santana veröffentlicht, auch für das leibliche Wohl seiner Followerschaft: In mehreren Staffeln führt er in seinem YouTube-Koch-Format Trap House Kitchen die Zubereitung seiner Lieblingsgerichte vor, wenig überraschenderweise handelt es sich dabei größtenteils um US-amerikanische Fastfood-Klassiker. Kochen allerdings scheint der Boy tatsächlich zu können: Seine Resultate sehen durch die Bank schweinelecker aus.

Ob man seinen Rapstil und seinen Output nun schätzt oder nicht, ob man ihn für real hält, für ein Realität gewordenes Meme oder für einen außer Kontrolle geratenen Witz, eins muss man MoneyBoy lassen: Einen größeren Beitrag zur Überführung von US-Trends in den deutschsprachigen Rap hat vermutlich kein anderer Künstler geleistet.

Nicht anzunehmen, dass all das aus Versehen passiert ist: "MoneyBoy ist alles andere als dumm", glaubt zumindest einer, der es wissen muss: Dr. Peter Vitouch, Kommunikationswissenschaftler an der Universität Wien und der Mann, der Sebastian Meisingers Diplomarbeit betreute, teilt diese Überzeugung mit der Leser*innenschaft von Noisey. In seiner Abschlussarbeit untersuchte der Boy, der sich seitdem Magister der Philosophie nennen darf, übrigens wissenschaftlich "Die Rezeption aggressiver und sexistischer Songtexte und deren Effekte auf jugendliche Hörer".

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