laut.de-Kritik

Vom unfassbaren Glück über längst verloren geglaubte Essensreste.

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Berlin war geil! Kannteste? Irgendwie hat man das Gefühl, dass neue und aufregende Musik schon länger nicht mehr aus der Hauptstadt kommt. So wirklich frisch ist der antiquierte Electro-Punk von Grosstadtgeflüster auch nicht, aber mit "Fickt Euch-Allee" hatten sie 2015 immerhin einen netten Indie-Hit.

"Trips & Ticks" heißt ihr neues Album und der Album-Titel lässt schon Ungutes ahnen. Die Themenauswahl in der Zusammenfassung: Berghain, druff sein, scheiße zu allen benehmen und vor allem immer wieder druff sein. RTL2 erschuf daraus eine Vorabend-Soap mit erschröcklichen Laiendarstellern, Grossstadtgeflüster zaubern aus diesem Stoff die Dauerwiederholung ihrer Druffi-Parolen.

Dabei wird kein Stereotyp ausgelassen. Na, um was geht es wohl in "Meine Couch"? Genau, um das schöne Versacken auf dem edlen Möbelstück und das unfassbare Glück über längst verloren geglaubte Essensreste. Auch der Rest des Tages verläuft zwischen "Hallus" und "Feierabend"-Suff durchgehend auf Trash-Niveau.

"Das was Peter Pan sagt" bringt den eigenen Lebensentwurf auf den Punkt "Ich werde nie erwachsen / Vor 20 Jahren beschloss ich das Konzept ist Schwachsinn / Bisschen stänkern, bisschen Stimmung, bisschen stören". Peter Fox und seinem Rentner-Traum "Haus am See" wird wie folgt mit großen Unverständnis begegnet: "Entweder er hatte Kraut im Tee, oder ich bin die Ausnahme".

Ihre eigene (Schreckens)-Utopie fassen Jen Bender, Raphael Schatz und Chriz Falk in "2080" zusammen. Dort sind alle Menschen suchtfrei, die Hippies haben sich durchgesetzt und "Babos baten ihre Mütter um Verzeihung / Singen jetzt Lieder über Liebe und den Tag der Befreiung." Die Abrechnung mit biederem Lifestyle funktioniert leider nur semigut, weil nicht wie bei Deichkind eine weitere Ebene geöffnet wird. So bleibt es bei einem zynischen Kommentar mit gar nicht mal so guten Wortspielen, ähnlich bescheiden ist die musikalische Leistung. Wie bei einem ein besoffenen MC Fitti-Versuch landet eine Mischung aus Einhorn-Synthie-Kotze und Atzen-Schweiß direkt auf den goldfarbenen Sneaker der empfängnisfreudigen Nonstop-Party-People.

So ganz wissen Grossstadtgeflüster auch nicht, wohin sie eigentlich wollen. Bloß nicht mit dem Strom schwimmen, aber mit sich selber auch im Unreinen. "Nee,ich ertrag nicht, wenn es sich um mich dreht und ich ertrag nicht wenn es nicht um mich geht". Die Selbstdiagnose lautet deswegen folgerichtig "Anpassungsstörung". Also das, was infantile Menschen propagieren und damit lustigerweise nicht die Minderheit, sondern die Mehrheit in der Generation 30-50 stellen. Das like, wer es von dem Altersheim-Netzwerk Facebook und " 1 Reimsaufen vong Geilheit"-Jugendsprache von vor-vorgestern kennt.

"Trips & Ticks" sei die perfekte Beschreibung des Berliner Nachtlebens, jubilierten schon erste Kritiker zu dem Album. Es taugt als Generationen-Porträt viel besser. Die Adoleszenz nie richtig abgeschlossen, geht es auch mit 40 in Skinny Jeans, Bierbauch und übergroßem Tank-Top in den Club. Für immer und ewig Kind, niemals erwachsen werden. Strobo, Bums-Beats und Konfetti-Kanone. Ob das wirklich der große Spaß ist, darf bezweifelt werden.

Sängerin Jen Bender wirkt jedenfalls auch in dem neuen Aufguss ihres Electro-Pop-Punk nicht zufrieden, und auf Dauer ist das Gemaule ohne spannende Einfälle einfach langweilig. Wie eine Besoffene in der Ringbahn, die laut und mit kotziger Alkfahne die immer gleichen Stories raus krakeelt.

Kennste? Ja, seit mehreren einfallslosen Alben, neuerliche Rekapitulation unnötig. Im beigelegten Fanzine zur Deluxe-Box gibt es übrigens noch einmal ein Best-Of der bisherigen Verrisse, die für die Band besonders motivierend seien. Na dann: Uff jehts und Stösschen!

Trackliste

  1. 1. Feierabend
  2. 2. Neue Freunde
  3. 3. Meine Couch
  4. 4. Das Was Peter Pan Sagt (Feat. Danger Dan)
  5. 5. Skalitzer Strasse
  6. 6. Simsalabim (Skit)
  7. 7. Diadem
  8. 8. Huxley's
  9. 9. Anpassungsstörung
  10. 10. Auf Alles
  11. 11. Hallus (Feat. Hgich.T)
  12. 12. Der Springende Punkt (Skit)
  13. 13. Trotzdem
  14. 14. Meine Mama
  15. 15. 2080

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8 Kommentare

  • Vor 2 Jahren

    Dieser Kommentar wurde vor 2 Jahren durch den Autor entfernt.

  • Vor 2 Jahren

    Dieser Kommentar wurde vor 2 Jahren durch den Autor entfernt.

  • Vor 2 Jahren

    Ob nun antiquierter ElectroPop-Punk oder nicht, ist völlig egal.
    Das neue Album von GSGF macht Spaß und mehr wollen Sie auch nicht. Der Wortwitz ist nach wie vor da und besser denn je. Diese Rezension liest sich, als würde ich eine Kritik zu einem neuen Album von Oasis machen. Ich hasse Oasis. Ich finde diese Kritik ziemlich voreingenommen.