laut.de-Kritik

Gelungenes Zeitdokument seiner schwersten Karriere-Phase.

Review von

David Bowies Musik aus den 1970ern mit der aus den 1980ern zu vergleichen, ergibt so viel Sinn, wie einen Van Gogh einem Marvel-Comic gegenüber zu stellen. Künstlerisch spielen sie nicht ansatzweise in derselben Liga, aber Spiderman macht trotzdem jede Menge Spaß. Denn gleichzeitig ist dies eine Epoche in Bowies Entwicklung, in der ihn eine ganze Generation kennen und lieben lernte.

Wir Menschen, die in den Achtzigern aufwuchsen, haben immer noch ein Herz für "China Girl", "Time Will Crawl", "Absolute Beginners", dem "Changes"-Zitat im Vorspann von "Breakfast Club" oder letztendlich seiner Rolle in Jim Hensons "Die Reise Ins Labyrinth". Und diese Songs, auf die ihr spuckt, sind immun gegen eure Mäkelei und führten uns erst zu seinen Meisterwerken wie "The Rise And Fall Of Ziggy Stardust And The Spiders From Mars" oder "Low". Ohne Jared, den Koboldkönig wären am 10. Januar 2016 weitaus weniger Menschen in Tränen ausgebrochen.

Egal ob Genesis, Queen, Stevie Wonder, Tina Turner, Elton John oder Yes, mit dem Einsetzen der 1980er kamen die Stars der 1970er künstlerisch mächtig ins Straucheln. Manche von ihnen schafften es, sich die Kanten abzuschleifen und das aalglatte Yuppie-Jahrzehnt mit einer Pop-Version ihrer selbst perfekt zu bedienen. Dennoch haftet ihnen bis heute der Ruf des Ausverkaufs an. Nur an Iggy Pops Lederhaut prallt trotz "Blah Blah Blah" jeglicher Vorwurf bis heute ab.

Mitten in dem Trubel fand sich auch David Bowie wieder. Zeigte er Anfang des Jahrzehnts mit "Scary Monsters (And Super Creeps)" noch sein Näschen für aufkommende Trends und flirtete intensiv mit den New Romantics, ignorierte er diese ab seinem größten Erfolg ""Let's Dance" über Jahre. Stattdessen blieb er erstmals in seiner Entwicklung stehen, konzentrierte sich auf die Reproduktion des Triumphs, ohne diesen noch einmal erreichen zu können. Eine problematische Phase, auf die nun das vierte Box-Set "Loving The Alien (1983 – 1988)" zurück blickt.

Die Zeiten, die Bowie selbst als seine "Phil Collins-Jahre" bezeichnete, waren voller Extreme. Auf jedes "Let's Dance" folgte ein "Shake It", auf jedes "Loving The Alien" ein "God Only Knows". Einige der besten Aufnahmen fanden nicht für seine Alben, sondern für Soundtracks statt: Das mit der Pat Metheny Group für "Der Falke Und Der Schneemann" entstandene "This Is Not America", das ausschweifende "Absolute Beginners" aus dem gleichnamigen Film und nicht zuletzt die "Labyrinth"-Lieder. Wer diesen Film ins Herz geschlossen hat, kommt nur schwer an der herzerweichenden Edelschnulze "As The World Falls Down" oder "Magic Dance", diesem Fraggle eines Songs, vorbei.

Der Startschuss seiner Popstar-Werdung mit seinem bis heute noch erfolgreichsten Longplayer "Let's Dance" bedeutete für Bowie vor allem eines: Ein Experiment. Ein Rückbesinnen und Verdichten seines "Young Americans"-Souls, zusammen mit Nile Rodgers, einem auf dem absteigenden Ast befindlichen Produzenten, dessen letzte Arbeiten entweder floppten oder nicht einmal veröffentlicht wurden. Dazu kam der der Blues-Gitarrist Stevie Ray Vaughan, der dem Blue Eyes Soul-Konzept einige weitere unerwartete Wendungen gab. Bowie färbte sich die Haare blond und zeigte etwas, das man so von dem Sänger zu diesem Zeitpunkt noch nicht kannte: Lebensfreude, die sich in einem ständigen breiten Lächeln ausdrückte. Mit dem aufgehellten Cover von Iggy Pops "China Girl", das die beiden gemeinsam für "The Idiot" geschrieben hatten, zauberte er nebenbei dem seinerzeit reichlich klammen Herrn Osterberg noch ein paar Kröten in die klammen Taschen.

Trotz oder gerade wegen des buntes Pop-Gewandes zeigte sich Bowie hier und in den folgenden Jahren so politisch wie nie zuvor. Die Angst vor einem Dritten Weltkrieg, Nuklearkatastrophen, religiösem Fanatismus sowie ein Blick auf die Verlierer der Globalisierung, Straßenkriminalität und Obdachlosigkeit durchziehen die Songs. Der Nachfolger "Tonight" wollte die Erfolgswelle von "Let's Dance" weiter reiten, kam aber zu schnell, geriet zu lustlos und gilt daher, auch wenn Bowie dies anders sah, als sein schlechtestes Album mit einer unausgewogenen Mischung aus neuen Stücken, die auf dem Vorgänger höchstens B-Seiten gewesen wären und teilweise schauerlichen Cover-Versionen. "God Only Knows" von den Beach Boys erinnert von der Interpretation an seine acht Jahre zuvor für "Station To Station" entstandene "Wild Is The Wind"-Auslegung. Mit unsäglichem Schmalz und 80er-Sounds fährt er die Vorlage, wohl eines der besten Stücke überhaupt, komplett gegen die Wand. Gerade im Vergleich zum Original wohl Bowies schrecklichste Aufnahme.

Ähnlich erging es Iggy Pops qualvollem Drogenepos "Tonight" (von "The Idiot"), das er mit Hilfe der gerade mit "Private Dancer" auferstandenen Tina Turner schmückte und daraus einen Sunshine Reggae formte. Wie fühlt es sich wohl an, wenn man sich dank intensiven Drogenkonsums kaum noch an die Aufnahmen der eigenen Meisterwerke erinnert und stattdessen mitten in den 1980ern im Studio aufwacht und an einer Bon Jovi-Nummer wie "Neighborhood Threat" arbeitet? Letztendlich bleiben auf der Habenseite nur "Blue Jean" und "Loving The Alien", die wiederum zu seinen besten Stücken des Jahrzehnts zählen.

Das oft gescholtene "Never Let Me Down", der Fadeout von Bowies Popstar-Karriere, bietet hingegen mehr als sein Ruf. Im Gegensatz zum lustlosen Vorgänger fanden sich hier wieder größtenteils Eigenkompositionen, die ihre Inspiration aus den 1950ern und der Musik von Chuck Berry, Little Richard sowie Smokey Robinson bezogen, nun aber mit der Plastikproduktion der 80er zusammen prallen. Vieles hier verfügt über ein gewaltiges Hinkebein, doch gelingen ihm mit dem zarten "Never Let Me Down", dem energetischen "Zeroes" und dem dynamischen "'87 And Cry" einige gelungene Stücke, den nur die überfrachtete Produktion im Weg stehen. Mit dem atmosphärischen "Glass Spider", das in den 1970ern auch "Diamond Dogs" gut zu Gesicht gestanden hätte und "Time Will Crawl", einem der besten Bowie-Songs überhaupt, finden sich hier zudem zwei wahre Highlights der Ära.

Bowies Verlangen, an dieses Album noch einmal Hand anzulegen, ist mehr als verständlich. 2008 remixte er mit Mario J. McNulty für die Compilation "iSelect" bereits "Time Will Crawl", nun lässt der Produzent das gesamte Album folgen. Vom Original-Longplayer bleibt bis auf die Gesangsspuren nur wenig übrig. Im Zentrum der Neuaufnahmen steht eine Band aus alten Bekannten. Zu dem langjährigen Tin Machine-Gefährten Reeves Gabrels, Gitarist David Torn ("Heathen", "Reality", "The Next Day"), Bassist Tim Lefebvre ("Blackstar") und der ihn lange Zeit begleitende Schlagzeuger Sterling Campbell. Eine spannende Idee, mit vielen interessanten Momenten, die jedoch auch zeigt, dass eine nicht unerheblich wichtige Person bei den Aufnahmen fehlte: David Bowie.

Die Neuproduktion bietet Alternativen, aber keine Lösung zum "Never Let Me Down"-Problem. Kurzfristig wecken die Veränderungen Neugierde, langfristig funktioniert nur wenig, denn beim intensiven Herumfrickeln im Studio entgeht den Stücken Kraft, Dynamik und vor allen Dingen Leben. Gerade Campbell wirkt hölzern und über das gesamte Album wie ein Bremsklotz am Bein, den der Rest nicht abschütteln kann.

Am Ende sind es auch nicht Gabrels oder Torn, sondern Nico Muhlys (Philip Glass, Björk) brillante Streicher-Arrangements, die in Songs wie "Beat Of Your Drum" und dem auf "Moonage Daydream"-Tempo abgebremsten "Bang Bang" einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Die deutlichste Veränderung findet in "Glass Spider" statt. Nun knietief im Industrial badend, erinnert es an an Bowies "1. Outside" und "Earthling"-Phase. An die Stelle von Mickey Rourkes schaurigen Rap in "Shining Star (Makin' My Love)" tritt nun ein Spoken-Word-Part von Laurie Anderson.

Die zwei Live-Alben zeigen Bowies Entwicklung zwischen 1983 und 1987 nur zu gut. Auf dem gelungenen "Serious Moonlight (Live'83)" schöpft er aus dem Vollen seines Backkatalogs, spielt für das Publikum. Die Arrangements passt er geschickt, aber nicht zu zerstörerisch an das Konzept der Tour an. Die Bläser stehen Songs wie "Look Back In Anger" und dem in "Let's Dance" übergehenden "Fashion" gut zu Gesicht. Den Platz des sich kurz vor der Tour aus dem Staub gemachten Stevie Ray Vaughan übernimmt mit Earl Slick ein alter Bekannter.

Vier Jahre später wendet sich Bowie auf "Glass Spider (Live Montreal '87)" von seinem Publikum, das er nicht mehr versteht, ab. Vielmehr ließ er das 1974 gescheiterte Konzept der "Diamond Dogs"-Tour neu aufleben und verbindet unter einer gigantischen Spinne Rock-Show mit Theater. Ein Stagedesign und Konzept, das später großen Einfluss auf die Auftritte von U2, Prince, Madonna oder die Rolling Stones hatte, aber mehrfach auch wie eine unfreiwillige Mischung aus Spinal Tap und Starlight Express wirkte.

Bowie, ausgesprochen gut bei Stimme, führte mit mit einer Tänzerin Zaubertricks vor, thronte auf dem Kopf der Spinne als strahlender Engel oder baumelte zu "Glass Spider" telefonierend von der Decke herunter. Wer war eigentlich auf der anderen Seite der Leitung? Was antwortete die Person auf Zeilen wie "Up until one century ago there lived / In the Zi Duang province of eastern country / A glass-like spider /Having devoured its prey it would drape the skeletons over its web"?

Bereits der Anfang gerät zäh: Auf ein ewiges, immer wieder von "Shut Up"-Rufen unterbrochenes Gitarrensolo folgt ein blasses "Up The Hill Backwards" und der Spoken Words-Einstieg zu "Glass Spider". Zwar finden sich unter den wenigen Songs aus den 70ern einige ungewohnte Stücke wie "Sons Of The Silent Age" und "Big Brother", diese werden aber rabiat den damaligen Hörgewohnheiten angepasst. Keyboard-Glitter und Synthesizer-Tinnef beherrschen das Klangbild. Gerade das komplett auf den Kopf gestellte "All The Madmen" und "Time", das immens unter dem Fehlen von Mike Garson leidet und zu einer Kirmesnummer verkommt, leiden darunter. Eine der Riesenspinnen verbrannte Bowie nach der Tour in Neuseeland. "Das war eine Erleichterung!"

Fest zu dem Jahrzehnt gehörte zudem der "Extended Mix", der "12''Mix", der "Maxi Remix". Mit einigen Effekten aufgehübschte Sieben-Minuten-Versionen von Tracks, die bereits das kompakte Heavy-Rotation-Format des Radios dröge dudelte. Wenige (Frankie Goes To Hollywood, Shep Pettibone) schafften es, den Songs auf diese Weise eine neue Wendung zu geben. Bowies Maxis gehörten nicht zu ihnen. Wer allerdings doch den "Vocal Dance Mix" von "Tonight" oder den "Re-Mix Aka Long Version" von "Shake It" sucht, wird auf dem ansonsten verzichtbaren "Dance" fündig.

Das einst von Bowie selbst von "Never Let Me Down" gekickte "Too Dizzy" bleibt weiterhin verschollen, aber im Gegensatz zu vergangenen Boxsets der Reihe, kommt "Loving The Alien (1983 – 1988)" ohne große Lücken oder ärgerliche Mastering-Fehler aus. Ein rundherum gelungenes Zeitdokument von David Bowies schwerster Karriere-Phase. Warum jedoch jede einzelne CD in Zeiten des Klimawandels noch einmal in eine Plastikhülle verpackt werden muss, bleibt ein Rätsel.

Trackliste

Let's Dance

Seriouse Moonlight (Live'83)

Tonight

Never Let Me Down

Never Let Me Down (2018)

Glass Spider (Live Montreal '87)

Dance

Re-Call 4

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4 Kommentare mit 6 Antworten

  • Vor einem Jahr

    Mit seinen besten Stücken aus diesen fünf Jahren hätte er eine durchschnittliche Bowie-Platte machen können. Die 80er waren eine überwiegend grauenhafte Zeit für die Musik des Meisters.

  • Vor einem Jahr

    Seine grukigsten Platten auf einem Haufen gesammelt. Alternativ kann man sich einfach die Lets Dance kaufen, und wenn man dann weiter Lust hat noch die Tonight. Spätestens dann ist es vorbei mit der Lust auf Bowie ;-)

  • Vor einem Jahr

    ein Plädoyer pro 80er Bowie:

    Mit dem 80er-Bowie ist es ein wenig wie mit dem 80er-Miles Davis. Sein Schaffen in dieser Dekade wird unterschätzt. Obwohl sich in dieser Periode auf den Alben auch manch ein Füllsong findet, bleiben genug Nummern übrig als helle Seite des Jahrzehnts.

    Auf dem Soundtrack „Brecht's Baal“ zerrt Bowie den alten Berthold komplett in die Finsternis. Die sinistre Totenklage „The Drowned Girl“ garantiert unbedingte Gänsehaut.

    Mit “Cat People” (nur echt in der 1982er Soundtrack/12 Inch-Version; nicht die zerhackte LP-Variante von “Let’s Dance”) und dem prophetischen “Time Will Crawl” gelingen ihm zwei der besten melodischen Rockstücke aller Zeiten. “Loving The Alien” ist ein anmutiger Monolith epischen Pops. Der melancholische Protestsong “This Is Not America”, der sexy drei Minuten-Klopper “Blue Jean” (samt viertelstündigem Shortstory-Videofilm) oder das romantische “Absolute Beginners” sind allesamt Zierden ihrer Zunft. Seine einflussreiche Hymne “Let’s Dance” geriet zum Gradmesser damals zeitgenössicher Unterhaltungsmusik.

    Und mit den damals weitgehend unverstanden gebliebenen Tin Machine dekonstruiert er all dies 1989 konsequent. Mit dem Zorn des Punk und dem Weltschmerz des später folgenden Grunge tanzt er auf den Trümmern der Yuppie-Ära und feiert die Desillusion („Heaven’s In Here“, 1989).

    Schade finde ich, dass auf diesem Boxset die ultimative Version fehlt.
    “Cat People” – Full Length; eine 10 min Version – und die einzig komplette – die auf dem Soundtrack fehlt und lediglich 1982 in Australien als limitierte 12 Inch Veröffentlichung findet. Hätte hier gut ins Bild gepasst.

    • Vor einem Jahr

      Cat People (leider nicht full length) und Baal sind und gehören ja auf die „A New Career In A New Town (1977-1982)“. Tin Machine dürfte dann ja auf der nächsten Box sein.

    • Vor einem Jahr

      verstehe...abgesehen von dem "cat people"-einwurf war das auch eher als reaktion auf ragism gedacht. ies gibt einfach verdammt viel gutes zwisch 80 und 89.

  • Vor einem Jahr

    China Girl ist mein absolutes Lieblingslied von David Bowie, saugeiles Stück. Ich bin aber an sich auch kein Bowie-Fan. :)