laut.de-Kritik

Die K-Pop-Overlords sind im Westen angekommen.

Review von

Zwei Jahre ist die Trennung von One Direction nun her. Popmusik hat sich in dieser Zeit verändert. Mit der Nachfrage nach Trapmusik, Dancehall und Tropical House als tragende Einflüsse im Mainstream rückten durchfrisierte Schönlinge, Tanz-Choreographien und Arena-Refrains in den Hintergrund. So sehr, dass wir scheinbar seit zwei Jahren in einer Boyband-losen Zeit leben.

Ganz Boyband-los? Nein. Denn die Gesellschaft will, sie braucht ihre Boybands. Und seit der Westen sie nicht mehr liefert, schauen sich die Kids dieser Generation anderweitig um: Die Alternative heißt K-Pop – und was als ein paar Twitter-Hashtags und Tumblr-Blogs anfing, landet dank einer Fanbase, gefühlt militanter und organisierter als die Al-Qaida, in den vergangenen Wochen ein Nummer-Eins-Album, einen Top-Ten-Hit und einen Billboard-Award. Der Grund für diese Explosion? Die Bangtan Boys. BTS. Unsere neuen K-Pop-Overlords sind endgültig im westlichen Mainstream angekommen.

Das neue Projekt "Love Yourself: Tear" klingt wie der Vorgänger "Love Yourself: Her" - westlicher Pop auf Steroiden. Der durchschnittliche Hörer muss sich deshalb an den Musikstil der siebenköpfigen Boyband kaum gwöhnen, denn auf dem elf Track starken Album geben sich Arena-tauglicher Pop-Rap, melodramatische Synth-Leads und R'n'B mit traditioneller Kante die Klinke in die Hand. Dazu flirten Songs wie "Airplane Pt. 2" mit Latin Pop-Grooves, "134340" integriert eine fast an modernen Funk erinnernde Bassline und "Magic Shop" passt sehr gut in eine Pop-Landschaft, in der The Chainsmokers Superstars werden konnten.

"Love Yourself: Tear" vereint amerikanischen Top 40-Sound aus zwei Jahrzehnten und hat dabei so wenig Konzept, wie seine Protagonisten Persönlichkeit. Es sei den Twitter-Communities überlassen, zwischen diesen Jungs Unterschiede identifizieren zu können. Fakt ist, dass einer Rap Monster heißt, und die anderen auch Namen haben. Fakt ist auch, dass die Formation handwerklich auf einem irren Niveau spielt. Build-Ups, Harmonien und Timbre stellen ein Groß aller westlichen Produktionen himmelhoch in den Schatten.

Der Unterschied wird noch eklatanter, wenn man die Musikvideos oder Liveshows betrachtet. Mit Millimeterpräzision reißt BTS in perfekt arrangierten Outfits Choreographien in makellosen Sets runter, während die Bildanordnungen und Shots ästhetisch in einer Liga für sich spielen. Selbiges gilt für die Musik. Es geht nicht darum, dass die koreanische Boyband irgendetwas annähernd Neues oder Interessantes machen würde, es geht darum, dass sie alle entlehnten Elemente auf einem deutlich höheren Niveau als die Originale spielen.

Ein Vibe, auf den man sich erst einmal einlassen können muss. Bedenken muss man auch, dass K-Pop-Idols von ihren Plattenläden schon von Kindesalter mit einem Drill ausgebildet werden, der selbst im antiken Sparta gegen das Arbeitnehmerrecht verstoßen hätte. Dazu unterstehen die Gruppen einem Heer an Produzenten, Songwritern und Stylisten, so dass man durchaus mit der Künstlichkeit des Produkts zu beißen haben könnte.

Heißt aber auch nicht, dass "Love Yourself: Tear" komplett ohne Identität von statten geht. Gerade "Singularity" zeigt Sensibilität für R'n'B und Soul der alten Schule und das beeindruckende Talent der Gruppe für Balladen. Im 6/8-Takt harmonieren die gehauchten Vocals einwandfrei mit der organischen Produktion und lassen eine der ansprechendsten Texturen der Platte entstehen.

"So What" ist ein Pop-Cut, der mit seiner maximalistischen Synth-Produktion an die Lady Gaga-Ära um 2010 erinnert und bedrohlich andeutet, dass wir nur noch wenige Jahre davon entfernt sind, dass 2000er-Nostalgie ein handfestes Ding werden wird. Im Gegensatz dazu bedient sich die Leadsingle "Fake Love" modernster EDM-Tropen, um einen kontemporären Popsong mit endlosem Ohrwurm-Potential zu schaffen.

Bedenkt man, dass bis auf die gelegentlichen englischen Satzfragmente kaum ein Wort zu verstehen ist, kommt es nur gelegen, dass BTS sehr performativ mit Emotionen umgeht. Heißt im Klartext, dass viele der Vocal-Performances sehr ausdrucksstark sind, im Rahmen der Produktion aber auch ins Melodramtische auszuarten scheinen: Die Energie, mit der sich im Refrain in eine Line wie "I'm so sick of this fake love, fake love“ geworfen wird, muss man eben auch erst einmal mögen.

Es lässt sich aber auch nicht leugnen, dass es einiges an diesem Album zu mögen gibt. Einiges, das das Boyband-Vakuum mehr als potent auszufüllen vermag. Im Grunde waren Popstars schon immer Projektionsflächen. Da ist es nur radikal und sinnvoll, dass man sprachbedingt gar nicht mehr verstehen muss, was eigentlich gesungen wird. Was bleibt, sind die ausufernd emotionalen Vocals und die handwerkliche Millimeterpräzision in Songwriting, Produktion und Performance.

"Love Yourself: Tear" kondensiert westlichen Pop auf die Essenz und bläst ihn dann überlebensgroß auf. Viele Songs fühlen sich in Konzepten bekannt und wenig originell an, und es braucht eine ganze Weile, sich wirklich auf die Charaktere der Sänger einzulassen. Wer damit aber in Ordnung ist, den erwarten ein paar der handwerklich besten Popsongs des Jahres und eine extrem kompetent umgesetzte musikalische Vielfalt, die sonst kaum eine Gruppe in dieser Form bewerkstelligen könnte.

Trackliste

  1. 1. Intro: Singularity
  2. 2. FAKE LOVE
  3. 3. The Truth Untold (feat. Steve Aoki)
  4. 4. 134340
  5. 5. Paradise
  6. 6. Love Maze
  7. 7. Magic Shop
  8. 8. Airplane Pt. 2
  9. 9. Anpanman
  10. 10. So What
  11. 11. Outro: Tear

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3 Kommentare mit 8 Antworten

  • Vor 8 Tagen

    Ich glaube es gibt allgemein keine seelenlosere, bis auf den letzten Winkel zynisch durchproduziertere, durchchoreographiertere und in ihrem Entstehungsprozess menschenverachtendere, mehr auf Produkt getrimmtere Musikform als K-Pop. Ich habe ehrlich gesagt fast schon Probleme, Vieles davon überhaupt noch als Musik wahrzunehmen. Einfach weil da langfristig nichts von hängen bleibt und es keinerlei genuinen emotionalen Kern mehr hat, an dem man sich irgendwie aufhängen könnte. Das ist dann wirklich nur noch Fassade und auf Kurzweiligkeit und Eingängigkeit getrimmtes Produkt und sonst gar nicht mehr. Klingt alles ganz fein, aber bedeutet einem, oder mir zumidest, so gar nichts.

    Gibt natürlich auch immer Ausnahmen, muss man auch sagen. Aber so ganz im Allgemeinen?

    :gleep glorp:

    • Vor 8 Tagen

      * :conk:

      Mein Fehler.

    • Vor 8 Tagen

      Du hast die Zeit, dir K-Pop anzuhören?

    • Vor 8 Tagen

      Zeit nicht unbedingt. Aber die entsprechende Sozialisierung/Auslandserfahrung.

    • Vor 8 Tagen

      "Ich glaube es gibt allgemein keine seelenlosere, bis auf den letzten Winkel zynisch durchproduziertere, durchchoreographiertere und in ihrem Entstehungsprozess menschenverachtendere, mehr auf Produkt getrimmtere Musikform als K-Pop."

      K-Pop kann man da aber durch so einiges ersetzen.
      90ies boybands, die castingprodukte, deutscher schlager zB.

    • Vor 8 Tagen

      Naja, aber ich glaube da gibt es schon noch einen Unterschied in der Hinsicht, dass das nirgendwo so perfide und rigoros durchgezogen wird wie in Korea. Wo ein paar große Firmen, wasweißichwieviele Hunderte von Jugendlichen jahrelang herantrainiert und auch bzgl. Lebenstil kontrolliert werden, dann in irgendwelchen Gruppen zusammengewürfelt, wo von Kleidung, Musik bis Tanz alles perfekt durchchoreographiert ist und in ein paar Monaten dann schon wieder die nächste Gruppe in den Startlöchern steht.

      Im Prinzip ist natürlich nicht anders als irgendwelche Boybands im westlichen Raum, schon klar, nur ist das in Korea das ganze nochmal auf Steroiden und hyperindustrialisiert.

    • Vor 8 Tagen

      *zusammengewürfelt werden
      ** ist das natürlich nicht anders

    • Vor 8 Tagen

      Ich ärgere mich schon wieder über Laut! K-Pop brauch hier niemand und wenn die Redaktion nun sagt, die heimliche Mehrheit an Lesern hier wären alles unterbelichtete Kids, wo die Eltern an der Musiksozialisation gescheitert sind, dann haben sie halt nicht alle auf dem Gartenzaun. Deshalb nur eine Frage, WHY das Review? Schönschreibwettbewerbe veranstaltet ihr ja hoffe ich nicht, sehr geehrte Lautredaktion!

    • Vor 8 Tagen

      Weil es auf einem hohen Niveau produziert ist und Fußballfelder voll Kreuzfahrtschiffen füllt? ;)

  • Vor 7 Tagen

    Wohl denen, die jegliche Optik und Choreo bei diesem Werk ausblenden können... (siehe herrlich minimalistisches Cover-Artwork)
    Aber selbst dann bleibt noch eine super produzierte Platte übrig, die - wie in der Rezi steht - eine enorme Bandbreite bedient.
    [mit Optik+Choreo sogar noch eindrucksvoller]

    Und ja, mit einiger Recherche sollte man das K-Pop-System wohl eher verfluchen... aber ich habe das Gefühl, dass es hierbei eine Ausnahme sein könnte. So oder so ist BTS jedenfalls die erste Gruppe mit dieser Reichweite.

  • Vor 7 Tagen

    Dieser Kommentar wurde vor 7 Tagen durch den Autor entfernt.