Porträt

laut.de-Biographie

The Ex

Was genau ist eigentlich Punk? Diese Frage nach einer allgemeingültigen Definition ist so alt und umstritten wie das Genre selbst. Sind es die Poppunk-Heinis aus den US-Teen-Magazines? Wohl eher nicht! Sind es Green Day? Vielleicht! Aber ganz bestimmt sind The Ex aus den Niederlanden so sehr Punk wie man es nur sein kann.

Mit gezielter Unbequemlichkeit sowie ungezügelter musikalischer Experimentierwut geben die Wahnsinnigen um Terrie Hessels seit 1979 mit diebischer Freude den Stachel im Fleisch des Establishments und der eigenen Bewegung. Dabei ist es im Jahr der Bandgründung nicht im Geringsten absehbar, wie legendär die Combo einmal sein wird.

Der Anfang klingt - rein musikalisch betrachtet - nämlich alles andere als vielversprechend denn bei The Ex handelt es sich um ein Quartett, das weder Instrumente beherrscht noch sonst künstlerisch beleckt ist. Doch im Hausbesetzermilieu und alternativen Jugendzentren finden sie schnell eine eigene Nische, die da lautet: Totale Autonomie, unbedingter Antikapitalismus sowie gegen Rassismus und bitte keine Trennung zwischen Kunst und Privatexistenz!

Eine Punkband als kollektiv ganzheitliches Anarchokonzept? Klingt verquast, funktioniert bei den Exxen aber wunderbar. Ehe sie es selbst so recht bemerken, glänzen sie als kontinentale Pioniere einer britischen Anarcho-Punk-Szene der Marke Crass. Sie machen ihrem Ruf wirklich alle Ehre. Mal betätigen sie sich selbst als Hausbesetzer. Dann touren sie im Namen des britischen Bergarbeiterstreiks Anfang der 80er und spenden den gesamten Erlös. Schließlich sammeln sie mit der Single "Weapons For El Salvador" Gelder für die sozialistische Revolutionsarmee des kleinen mittelamerikanischen Landes. Ein Ruf wie Donnerhall und der unbedingte Szenerespekt ist ihnen willkommener Nebeneffekt und verdienter Lohn.

Wer glaubt, mit solcherlei Aktionen würden die umtriebigen Holländer nur vom hauseigenen Mucke-Diletantismus ablenken, der darf sich eines besseren belehren lassen. Mit fast gespenstisch anmutender Überschallgeschwindigkeit erlernen sie nicht nur die Spielweise ihres Instrumentariums,s ondern reißen als erste bekennende Punkband bewusst jede musikalische Grenze ein. Vielschichtige Einflüsse von Noise über osteuropäische Melodien und afrikanische Rhythmus-Tupfer bis hin zu beträchtlichen Free Jazz Elementen integrieren die Holänder in ihren Sound.

Die Band besteht nicht länger nur aus den Gründungsmitgliedern, sondern gewinnt eine Kontur als offenes Künstlerkollektiv mit wechselnder Besetzung und der Konstante Sok (Vocals) und Hessels (Guitar). Bei so viel geordneter Turbulenz und vielschichtiger Experimentierfreude schläft das Feuilleton nicht lange. The Ex gelten ab Mitte der 80er als Medienlieblinge und sind natürlich im Blickwinkel der Presse nicht länger schnöder Punk, sondern Avantgarde.

Die mediale Beachtung löst keinerlei Aufweichen oder Kompromissbereitschaft bei den fröhlich-ernsten Neu-Avantgardisten aus. Im Gegenteil: Ab 1988 koppeln sie sich komplett von jeglichem Showbiz-System ab und treten ausschließlich über das hauseigene Label Ex-Records in Erscheinung. Verstärkt arbeiten sie in Kollaboration mit anderen Künstlern. Dabei entwickelt sich nach und nach eine Art Woody Allen-Effekt. Obwohl The Ex nahezu keine Gage zahlen, bekommen sie jeden, den sie rufen ins Studio.

Mal sind es Tortoise (Fishtank 5), dann die Ikonen-Kollegen von Sonic Youth (Fishtank 9) oder auch Chumbawamba. Künstlerischer Höhepunkt ist die fruchtbare Zusammenarbeit mit der New Yorker Jazzlegende Tom Cora. Der hochangesehene und als Genie geltende Cellist/Composer zeigt sich extrem angetan von den Crazy Dutchmen. Das gemeinsame Musizieren mündet schließlich in den großartigen Jazz-Punk-Alben "Scrabbling At The Lock" und "And The Weathermen Shrug Their Shoulders".

2006 steigt Gründingsmitglied und Sänger Sok aus. Er fühlt sich am Mikro ausgebrannt, möchte aber weiterhin künstlerischer Teil des Ex-Biotops bleiben. In welcher Form auch immer; nur eben nicht als Sänger. Nachfolger Arnold de Boer ersetzt ihn nahtlos und spielt das Ende 2010er Album "Catch My Shoe" ein. Stilistisch und qualitativ gibt es keinen Bruch. Im Gegenteil: Die Platte verkörpert eine Rückkehr zu alten musikalischen und textlichen Tugenden der mittleren 80er Periode in etwas ruhigerem Tempo. So bleiben die Exxen weiterhin politisch und musikalisch relevanter Faktor in der europäischen Punkszene. Wie sagt Terrie Hessels so schön: Solange es noch eine irgendwo Gruppe von Menschen gibt, die glauben, sie wären The Ex, ist doch alles ok!.

Alben

Videos

Video Video wird geladen ...

Noch keine Kommentare