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Sie scheinen frisch den fünfziger Jahren entsprungen, sind aber doch Kinder der Moderne: Sam, Basti und Digger pflegen den guten alten Rock'n'Roll - handgemacht und unverfälscht.
Als The Baseballs leben und arbeiten sie in Berlin zusammen. Doch keiner von den sämtlich um die Mitte der Achtziger Geborenen ist eine waschechte Großstadtpflanze. Basti wächst in Magdeburg auf, Sam in Reutlingen, und Digger nennt seine eigentliche Heimstatt Rheine.
Die Geburtsstunde der Band schlägt 2007 in der Berliner Teeküche eines Heavy Metal-Proberaumkomplexes. Die drei treffen dort aufeinander und entdecken gemeinsame musikalische Neigungen.
In diesem Jahr entstehen erste Probeaufnahmen, bis im Herbst 2008 das Label Warner auf die Künstler aufmerksam wird. Es kommt zum Plattenvertrag, im Mai 2009 erscheint mit "Strike!" das Debüt-Album.
Die zwölf Songs sind keine Eigenkompositionen, sondern ausschließlich Cover-Aufnahmen. Dies jedoch nicht, wie es stilistisch zu vermuten wäre, mit Nummern aus dem Repertoire von Elvis Presley, Jerry Lee Lewis oder Chuck Berry.
The Baseballs greifen sich aktuelle Chart-Hits von Beyoncé über Rihanna bis hin zu den Scissor Sisters. Das Konzept bietet ein spannendes Hör-Erlebnis. Im musikalischen Gewand der fünfziger Jahre machen die im Original soundtechnisch oft hochgezüchteten Songs eine gute Figur und erhalten neue Nuancen.
Das Spiel mit Schmalztolle und Petticoat bedeutet für The Baseballs keine vordergründige Masche, sondern ernsthafte Liebe zur Musik der Vergangenheit. Alle Bandmitglieder hegen seit ihrer Jugend eine Vorliebe für den Lifestyle der Rock'n'Roll- und Rockabilly-Gründerzeit.
In regelmäßigen Abständen beglücken die drei Wahlberliner auf ausgedehnten Tourneen ihre Fans. Die längst nicht mehr nur in Deutschland stattfinden: Das Albendebüt "Strike!" schafft es gar bis in die britischen Charts und heimst für die Verkaufszahlen reichlich Edelmetall, unter anderem in Holland, Österreich und der Schweiz, ein. In Finnland gibt es den Emma Award für das bestverkaufte Album 2010.
Ausgestattet mit den selbst eingespielten Klavier, Gitarre, Schlagzeug, Bass und Saxophon, besticht besonders der mehrstimmige Gesang des Trios, Elvis-Stimmschmelz inklusive.
Sowieso war früher alles besser, meint Basti: "Wer damals gegen seine Eltern rebellieren wollte, musste sich nur eine Tolle kämmen und eine Lederjacke anziehen. Heute dagegen kann man seine Eltern doch kaum noch schocken - es sei denn, man wird Investment-Banker."
Sam, Digger und Basti über große Hallen, Rockabilly-Rap und ein Porno-Casting in Polen.
2010 war das Jahr der Baseballs, die nun mit neuem Album ihren Erfolg zementieren möchten. Von Eindrücken bei Reisen rund um die Welt und den Transfer von Hip Hop in Rockabilly erzählen die drei im Gespräch mit laut.de.
The Baseballs sind stark gefragt an diesem Tag. Bei meinem Eintreffen zum Interview sind sie auf dem Rückweg von einem Radio-Sender-Besuch inklusive Live-Performance. Doch schneller als gedacht tauchen Sam, Digger und Basti in dem kleinen Besprechungsraum der Plattenfirma auf, in dem wir unser Gespräch führen. Begleitet von einem Betreuer, der entschuldigend auf eine Erkrankung von Sam hinweist - in der Tat wirkt er sehr angeschlagen. "Ich weiß auch nicht recht - Schnupfen und Kopfschmerzen, der Kopf ist ganz dicht im Moment, und beim Singen vorhin war es sicher auch nicht vorteilhaft". Doch Sam steht tapfer seinen Mann, echte Rock'n'Roller sind hart im Nehmen.
Bereits zur VÖ des Debüts "Strike!" erhielt ich die Gelegenheit zu einem Gespräch mit den drei Newcomern; trotz ihres großen Erfolges hatten The Baseballs schon damals mit Jungstar-Allüren nichts am Hut. Heute wirken sie - trotz des Stresses - noch offener und unkomplizierter. Abgehoben ist was anderes.
Zum Anfang muss ich gestehen, dass ich völlig ahnungslos hier auftauche. Da das Interview kurzfristig angesetzt wurde, hatte ich noch keine Gelegenheit, auch nur einen Ton eures aktuellen Albums zu hören, weil ich noch keine Promo erhielt. Amazon hat auch noch keine Hörproben am Start. Darum stürze ich mich zunächst mal auf die schlichte Titelliste. Ich vermute, "Hello" ist ein Cover des alten Lionel-Ritchie-Klassikers? ...
Basti: Nee ....
Dann von Shakespear's Sister?
Digger: Auch nicht. Das ist von Martin Solveig, so eine Dance-Nummer. Viele Leute werden den Song bestimmt nicht kennen und vielleicht sogar denken, der wäre von uns. Beim zweiten Album wollten wir auch mal anderes ausprobieren. Zusätzlich zum Rock'n'Roll haben wir diesmal versucht, Einflüsse der Sechziger - wie z. B. die Beach Boys - mit einzubringen. Gerade "Hello" hat sich prima für so eine Art Beach Boys-Version angeboten.
Aha! Dann liege ich sicher nicht falsch damit, dass "California Girls" ein Beach Boys-Cover darstellt?
Digger: Doch, falsch! (Alle lachen) Das ist nämlich "California Gurls" von Katy Perry. Der Song hat sich so angeboten, daraus was zu machen. Gut, der Hook-Part klingt tatsächlich ein wenig nach den Beach Boys. Und dass die Assoziation dazu schon da ist, freut natürlich!
Zweimal gepatzt. Na gut, aber: "Quit Playing Games (With My Heart)" ist doch nun bestimmt von den Backstreet Boys, oder kommt da wieder was anderes?!
(alle:) Ja! Diesmal richtig! Bravo! Gelächter
Und mit "Ghetto Superstar" von Nas dürfte ich nicht falsch liegen.
Digger: Richtig. Wobei der Nas-Song selbst sich aber ebenfalls einer früheren Aufnahme bedient, nämlich "Islands In The Stream" von Kenny Rogers und Dolly Parton, geschrieben von den Bee Gees. Irgendwie schließt sich da bei uns mit ein Kreis: nämlich dass wir mal einen Song covern, der sowieso selbst schon ein Cover darstellt. Da bekommt man, wenn man die Historie verfolgt, schon einen ganz anderen Bezug zu.
Covern ist aus irgendeinem Grunde seit ewig gang und gäbe. Beispielsweise "Singin' In The Rain", das eigentlich allen in der Version von Gene Kelly bekannt ist. Das Original stammt eigentlich aus den Zwanzigern oder Dreißigern, und wurde schon vor Gene Kelly sehr oft aufgenommen.
Basti: Der Rock'n'Roll ist sowieso voll davon. Vieles existierte schon als z. B. Blues-Songs, bevor es dann in den Fassungen von Elvis und anderen richtig bekannt wurde.
Basti: Wir haben da natürlich auch weiter dran gearbeitet, und ein Song ist dabei.
Was? Nur einer?
Digger: Wir hätten schon ein paar weitere gehabt, weil wir live sowieso immer ein paar mehr spielen, dennoch ist das Album sehr vielseitig geraten. Der eigene Song heißt "Hard Not To Cry", und ist fast sowas wie eine A Capella-Ballade, mit ein bisschen Kontrabass und Gitarre ergänzt. Das bringt eine ganz neue Note hinein. Denn eine richtige Ballade hatten wir noch nie. Der Song kam bei den Fans immer sehr gut an, deshalb haben wir den dann draufgepackt.
Was hat sich im Gegensatz zu "Strike!" sonst noch geändert?
Sam: Zunächst einmal wollten wir uns selbst treu bleiben. Dennoch sind wir abseits von Rock'n'Roll und Rockabilly offener für neue Einflüsse. In diesem Falle für die Musik der sechziger Jahre, mitsamt den bereits angesprochenen Beach Boys. Das Ganze sollte recht sommerlich gestaltet sein, aber gleichzeitig auch nicht so die Haudrauf-Sommermusik. Man dreht im Auto die Fenster runter, es ist schön warm, und damit verbindet man einfach positive Gefühle. Das war die Kernvorgabe.
Basti: Wir haben uns bei der Auswahl der Songs an Nummern gewagt, die für uns vorher eigentlich tabu waren. Eben Rap-Songs wie "Candy Shop" von 50 Cent, da hatten wir uns gesagt: sowas hatten wir auf dem ersten Album nicht drauf. Und es dann ausprobiert und gefragt: was können wir mit diesem eigentlich sehr unmelodiösen Text machen? Das war der erste Rap-Song überhaupt, mit dem wir experimentierten. Wir haben den eigentlichen Basslauf herausgezogen, bearbeitet, und dann versucht, die Nummer auf die fünfziger Jahre zu übertragen.
Und damit eine völlig neue Musikrichtung kreiert: den Rockabilly-Rap?
Basti: Als wir die ersten erkennbaren Züge von "Candy Shop" fertighatten, da dachte ich schon: oh je, funktioniert das eigentlich? Kann man das machen? Ist das eigentlich noch Rock'n'Roll? Dann stellte sich schnell heraus, dass das Ganze tatsächlich groovt, und eine Menge Spaß macht.
Habt ihr gestern zufällig TV Total mit Stefan Raab gesehen?
Digger: Nicht so richtig, das heißt, spät eingeschaltet ... wer war denn da?
Peter Kraus, der Urvater des deutschen Rock'n'Roll.
Digger: Stimmt, das habe ich im Nachhinein noch mitgekriegt! Da war doch diese eine Frau, die Raab die Frage stellte, ob ihr der Name Peter Kraus was sagt.
Kraus hat mit 72 Jahren einen absolut blitzsauberen Auftritt hingelegt. Was denkt ihr über die alten deutschen Helden wie eben Peter Kraus und Ted Herold?
Sam: Ich hab' ihn vor kurzem mal gesehen, in dieser Sendung, die Andy Borg oder so moderiert ... irgendwas mit Volksmusik ... hab' da natürlich nur zufällig reingeschaltet, aber mitbekommen, wie er "Save The Last Dance For Me" gesungen hat. In einer deutschen Version, "Ich Bin Nur Ein Mann" - glaube ich. Er hat es gut performt, andererseits war es ein bisschen schwierig: wenn man so einen Song nur im Original kennt, also auf Englisch, wenn nur der Text übersetzt wird, geht etwas von dem eigentlichen Zauber verloren. Im Kopf hatte ich den Original-Ablauf, und von der Silben-Rhythmik her kam mir das ein bisschen komisch vor. Das ist aber nicht negativ gemeint. Wenn ich mich entscheiden müsste zwischen Peter Kraus und Ted Herold, wähle ich immer Peter. Ted Herold hat ebenfalls Super-Sachen gemacht, klar. Man muss auch bedenken, dass die beiden Konkurrenten waren damals. Kraus eher der Nice Guy, Herold der Rocker, und dennoch haben beide auf ihre Art das gemacht, was sie wirklich berührte. Das finde ich ziemlich cool. Man muss natürlich nicht alle Lieder von den beiden toll finden, ich find' das aber großartig, was sie damals in Sachen Rock'n'Roll in Deutschland auf die Beine stellten.
Nun sind Elvis und die Sun Records-Zeit bei eurer Art, Musik zu machen, sehr dominant. Habt Ihr auch andere Helden als die üblichen großen Namen? Baggert ihr auch in anderen Kisten des Gestern?
Digger Wir stöbern gern auf YouTube, und du stößt da natürlich auf viele andere Künstler des Genres. Auch da findest du haufenweise Cover früherer Zeiten, z. B. bei Dion: sein "The Wanderer" ist von vielen anderen Sängern neu aufgenommen worden. Wen ich zunächst schon lange nicht mehr auf dem Schirm hatte, war Sam Cooke. Da kennt man oberflächlich eigentlich nur die ewiggleichen Songs, aber der hatte nun wirklich eine ganze Menge mehr zu bieten, als das, was nur immer wieder im Radio gespielt wird. Daraufhin habe ich mir ein Album runtergeladen, und so beschäftigt man sich dank YouTube viel intensiver mit diesen Sachen.
Legal runtergeladen, hoffe ich doch ...
Digger: Ja, klar! Ich hab' sowieso kein Programm, mit dem man sowas illegal runterladen kann, das hab' ich mir auf ITunes besorgt. Ich bin sowieso Fan davon, tatsächlich in Geschäfte zu gehen, und sich dort Platten und CDs zu besorgen. Es gibt z. B. so viele Elvis-Alben, praktisch jedes Jahr kommt ein neues mit unentdeckten Songs oder Probeaufnahmen und so weiter heraus, das ich mir einfach holen muss. Ich bin immer ein Fan davon gewesen, eine CD oder LP in den Händen zu halten, im Booklet und den Beilagen zu blättern. Ich bin kein Fan vom illegalem Runterladen - von legalem auch nicht sonderlich. Nebenbei: wir sind ganz stolz darauf, dass "Stars'N'Stripes" auch auf Vinyl herauskommt - das ist ein Super-Feeling. Und: das Album kann man sich nicht runterladen!
Nun wart ihr im abgelaufenen Jahr viel auf Tournee. Funktioniert die Freundschaft untereinander noch, oder geht man sich irgendwann schon mal auf den Sack?
Sam: Es ist so: gerade, wenn man viel unterwegs ist, im Bus, in dem man auch schlafen muss, sind wir nicht nur zu dritt. Insgesamt sind wir 14 Leute auf Tour. Die einzige Möglichkeit, wenn es um Privatsphäre geht, ist quasi, in die Kabine zu gehen, und den Vorhang zuzuziehen. Wir verstehen uns immer noch super, weil wir untereinander alle gleichberechtigt sind, alles zusammen machen. Ob es nun um die Song-Erarbeitung geht, oder um Video-Drehs. Wir haben da keine tausend Leute im Hintergrund, und fühlen uns deshalb auch nie irgendwo und von irgendwem auf den Schlips getreten. Das schweißt sehr zusammen, und bewahrt vor wirklich brenzligen Situationen. Auch wenn wir jeder unsere ganz eigenen Macken haben. Es klingt vielleicht komisch, aber irgendwie steckt man in sowas wie einer Beziehung. Und nimmt untereinander Rücksicht, das ist sehr wichtig.
Basti:In England hatten wir eine eigene kleine Tour und den Support für Jeff Beck gespielt. Das war eine Riesensache, gerade, wenn man in einem Land mit einer solchen Musik-Geschichte auftreten darf. Wir hatten aber schon Befürchtungen, was die Resonanz anging. Gerade bei Besuchen von Radio-Stationen, das wurde natürlich aufgegriffen mit unserer Herkunft, aber nicht im Negativen. Eher im Gegenteil, vor allem, wenn sie merkten, dass wir auch über uns selbst lachen können. Das ist schließlich nicht unbedingt etwas, was man dort von Deutschen erwartet. Einfach mal blödeln, was aber nie bedeutet, dass wir die Musik nicht ernst nehmen. Wir waren selbst überrascht, wie positiv die Aufnahme war.
Digger: Die Auftritte in der Royal Albert Hall waren eine tolle Sache. Irgendwie klopft man sich dann gern mal selbst auf die Schulter, wenn sowas klappt. Wir waren sogar in einer Halle, in der schon Buddy Holly auftrat, das macht richtig stolz.
Basti: Irgendwie kommt es mir vor, als ob wir im letzten Jahr nur an 20 Tagen nicht im Ausland unterwegs waren. Eigentlich fehlten nur Neuseeland und Australien. Wir waren viel in Skandinavien, Spanien, Italien, Holland, Belgien, Frankreich, kurz in Polen ...
War Polen so schlimm?
Digger: Das nicht, aber wir wurden einquartiert in einem Hotel, in dessen Räumen am gleichen Tag ein Casting für eine Porno-Website stattfand. Wir kamen also da hin, stiegen aus unserem Bus, und sahen nur hübsche, hmm - Bitches! Ja, ich muss das so sagen! (Gelächter) Wir dachten: also, wenn das so weitergeht, sollten wir vielleicht hier hinziehen! Auf dem Flughafen liefen Polizistinnen in High Heels herum, da denkst du nur: 'Meine Güte, was geht hier denn ab?' Polen ist schon etwas anders.
Wie stehts mit der persönlichen Bodenhaftung? The Baseballs heben nicht ab?
Digger: Gut, wir waren mit dem ersten Album sehr erfolgreich überall, das heißt aber nicht, dass wir nun zum zweiten Album nur große Hallen buchen, wo mindestens 2.000 Leute reingehen. Lieber viermal in einer Stadt in kleineren Clubs spielen, um das Rock'n'Roll-Feeling zu behalten, anstatt nur einmal zu spielen, und zu viele Leute hereinzulassen. Natürlich kommt mal einer aus der Pop-Branche und meint: 'Ihr würdet finanziell aber viel besser dastehen, macht ihr nur ein großes Konzert'. Das ist uns egal. Am Ende geht es darum, was wir und die Fans auf und vor der Bühne fühlen. Es bringt nichts, da nur auf einer großen Bühne herumzustehen, und der Spirit ist nicht da.
Eher Clubs von der Größenordnung der Großen Freiheit also?
Digger: Selbst das war uns schon ein bisschen zu groß. Wir haben danach zwei Monate nur davon gesprochen, dass wir überhaupt in der Freiheit waren, und so viele Leute gekommen sind! Es war ein Super-Konzert, keine Frage. Aber am besten sind Clubs mit so 500 bis 900 Leuten, wo man noch bis in die letzte Reihe gucken kann. Und es wirklich voll ist.
Im Gegensatz zu Lena. Da startet demnächst eine Tour in den größten Hallen, aber ausverkauft ist das Ganze längst nicht. Vielleicht auch, weil die Karten nun nicht gerade im unteren Preis-Bereich angesiedelt sind.
Basti Wenn man in große Hallen geht, werden die Karten automatisch teurer. Das ist ja das Problem. Wenn man faire Preise für die Fans bieten will, kann man nicht in sowas auftreten. Man braucht viel mehr Leute, die da mitarbeiten müssen, das schaukelt sich dann gegenseitig hoch.
Ihr seid auf jeden Fall preiswerter als Lena? ...
Basti Wir sind billiger als Lena! (Großes Gelächter)
Gibt es aktuelle deutschsprachige Künstler, die ihr schätzt?
Digger: Z. B. Bands wie Wir Sind Helden. Das ist alles noch handgemacht, was mehr oder weniger Grundvoraussetzung dafür ist, dass wir uns mit anderer Musik, als wir sie machen, anfreunden. Abgesehen natürlich von Lady Gaga schmunzelt.
Basti: Clueso ist ein Künstler, den ich gern höre.
Sam: Deutschland hat allgemein schon sehr gute Künstler zu bieten. Peter Fox ist sehr cool. Pohlmann finde ich auch großartig. Persönlich ist er ein sehr angenehmer, freundlicher Mensch, der Umgang mit ihm macht einfach nur Spaß. Was er ausstrahlt, wenn er da nur mit seiner Gitarre auf dem Stuhl sitzt, ist super.
Gab es im abgelaufenen Jahr ein Erlebnis, das euch besonders bewegt hat?
Digger: Ganz klar der Amerika-Trip. Da haben wir Graceland besucht, und es nicht nur von außen gesehen! Wir sind auch drinnen gewesen. Das war etwas ganz Besonderes, dort umherzugehen zu können, wo einst Elvis gelebt hat. Als ob der Geist von ihm ganz nahe wäre. Und natürlich die Sun Studios. Da bekommst du Gänsehaut, bist irgendwie inmitten lebendiger Geschichte. Das Original-Piano von Jerry Lewis steht da noch, und ich ging auf die Knie, um es zu umarmen. 'Oh mein Gott, das ist Jerrys Klavier' - ich konnte einfach nicht anders.
Unsere angesetzte Gesprächszeit ist längst vorüber, der Betreuer schaut vorbei, denn der nächste Interview-Termin wartet bereits. Er überreicht mir ein Exemplar von "Stars'N'Stripes" - nun bin ich endlich fachgerecht ausgestattet. Wir verabschieden uns voneinander.
Sam, Basti, Digger: vielen Dank für Gespräch und Platte, und bis zum nächsten Mal!
Nach ihrem plötzlichen Erfolg wollen die drei zeigen, dass sie kein One Hit Wonder sind.
Sie sind einer der Überraschungs-Acts von 2009. Praktisch aus dem Nichts feierten The Baseballs mit ihrem Rockabilly-Album große Charts-Erfolge.
Es ist ein kurzfristig anberaumter und - wegen des später stattfindenden Konzerts - zeitlich überschaubar bemessener Treff mit The Baseballs. Bei meiner Ankunft in Hamburgs Großer Freiheit 36 steht die Band gerade für Video-Aufnahmen zur Verfügung, sie geben eine gut anzuhörende A-Capella-Einlage.
Danach macht mich die Betreuerin mit Sam, Digger und Basti bekannt. Von der Hektik drum herum lassen sich die Jungs aber nicht anstecken: gelöst, äußerst gut gestimmt und sehr herzlich begrüßt Digger mich mit "Ah, Herr laut.de! Herzlich willkommen!" - "Dann seid ihr auf uns anscheinend gut zu sprechen ..." - "Na, eure Plattenkritik zu uns war ja nun wirklich nett!" - Die drei lachen, und wir entscheiden uns für eine kleine, abseits und ruhig gelegene Ecke und starten unser Gespräch.
Ihr seid alle noch jung - wie kommt ihr auf so 'alte' Sounds?
Sam: Es war bei uns allen so, dass wir in sehr jungem Alter in Kontakt kamen mit dieser Musik, unsere ersten Tonträger waren tatsächlich alle von Elvis Presley und diesen Leuten, also, in meinem Fall war es eine Cassette. Uns hat uns auf verschiedensten Wegen die Liebe zum Rock'n'Roll ergriffen, eben nicht nur zum King, sondern generell zur Musik dieser Zeit.
Digger: Damals liefen auch immer diese alten Elvis-Filme im TV, Sonntagnachmittags, beim Kaffetrinken mit Mama und Papa. Die wurden geguckt, und mir gefiel das immer besser, mit jedem Streifen. Besonders natürlich die Musik dazu.
Wie alt wart ihr denn da?
Sam: Puuh ... ich war so sieben, acht Jahre. Mein Vater hat das damals noch auf Video aufgenommen, das lief dann immer wieder, und ich tanzte während der Songs dazu. Mein Vater besaß ebenfalls einen Camcorder, und der hat das dann auch noch aufgenommen! Mich muss die Musik schon sehr früh sehr gepackt haben, denn ich war schon damals nicht mehr zu bändigen, wenn ich das hörte.
Euer Album wurde praktisch null beworben, der Erfolg kam praktisch aus dem Nichts heraus. Wie habt ihr das empfunden?
Sam: Also, die CD ist seit rund einem halben Jahr draußen, und noch immer in den Charts! Wir sind riesig froh darüber, haben damit aber null gerechnet. Man bringt - als Newcomer - so was ja nicht raus und denkt: "So, jetzt geht das in die Top Ten", da ist ein Weg vorgezeichnet, so ist das ja nicht. Wir fühlten uns ziemlich übertölpelt. Und wir genießen das auch! Aber nicht so, dass wir uns darauf ausruhen, denn wir sehen das als Chance. Die Leute kennen uns nun ein bisschen, wissen, was wir machen, aber nun liegt es an uns, zu beweisen, dass wir kein One Hit Wonder sind und das Publikum auch weiter unterhalten können. Das alles ist in erster Linie Ansporn, und gerade deshalb kein Grund, sich zurückzulehnen.
Was ist das denn für ein Gefühl, in sehr jungen Jahren aus dem Nichts heraus auf einmal ein Star zu sein?
Digger: Ach, Star. Das ist doch nicht das Ding, und das sind wir auch nicht. Für uns ist das eine viel größere Ehre - ich meine es wirklich so -, dass es Menschen gibt, die unsere Leidenschaft teilen. Es ist ja nicht so, dass wir sagten: Wir machen jetzt Musik und überzeugen die Leute davon, sondern es war eher umgekehrt. Gerade Jüngere haben durch uns einen ersten Kontakt zum Rock'n'Roll bekommen, und das äußerst sich in vielen Sachen, nicht nur im Konzert-Feedback. Wir kriegen Mails, in denen wir nach Tipps zu Filmen aus dieser Zeit gefragt werden, oder wie man sich eine Tolle macht und diese Dinge, eben weil das für viele ganz junge Leute komplett neu ist und sie uns als kompetente Ansprechpartner verstehen.
Digger: Das ist eine besondere Sache, wenn wir erleben: Hey, ihr macht gute Musik, da ist so ein besonderes Feeling, das mit den fünfziger Jahren zusammenhängt, wie und durch was kann ich mich darüber informieren? Und das nicht nur vordergründig, was auch besonders wichtig für uns ist: denn es geht dabei um wirkliche, echte und richtige Leidenschaft.
Basti: Halt, halt! Wir sehen uns nicht als Missionare! Aber im Laufe der Festivals, die wir im Sommer spielten, haben wir entdeckt, dass tatsächlich Leute mit Baggypants vor der Bühne stehen und dann - beim vierten oder fünften Song - anfangen, mitzufeiern. Hey, man ist als Mensch doch eh nicht nur festgelegt auf nur einen Bereich, und gerade beim Feiern kann man sich schon gut auf Rock'n'Roll einlassen, und das findet dann eben einfach statt.
Habt ihr, außer bei eurem jungen Publikum, auch bei den alten Rock'n'Roll-Fans, bei den Beinharten schon Credibility?
Sam: Gestern, in Berlin, war eine Frau da, die kam zu uns und erzählte, dass sie ein Original-Autogramm von Elvis hat. Selber geholt!
Hui, das hat was! Da kann man neidisch werden ...
Basti: Es ist irgendwie krass auf den Konzerten. Wir sprechen tatsächlich mehrere Generationen an. Man sieht das auch jeden Abend, wenn wir irgendwo auftreten: in den ersten Reihen stehen schon die jüngeren Leute, sogar Girls mit Petticoats, aber wenn man weiter nach hinten schaut, sieht man keine Grenze mehr, das geht von 13 oder 14 altersmäßig bis ganz nach oben.
Digger: Das war gerade gestern auch so, ich hab da drei Generationen zusammen gesehen: da war so eine 14-Jährige, die stand beisammen mit Mutter und Großmutter. Und die haben alle zusammen ihren Spaß gehabt!
Warum nennt ihr euch "The Baseballs" und nicht Dion & The Belmonts oder Joey Dee & The Starliters, wie es in den späten Fünfzigern und frühen Sechzigern üblich war?
Sam: Genau, genau! Für uns war es wichtig, nicht nur so einen Frontmannnamen plus Band zu haben, sondern einen gemeinsamen Schwerpunkt setzen - wie etwa die Temptations, eben einen Bandnamen zu finden, der eben schlicht sagt: "Das ist eine Gruppe". Wir wollten aber auch nicht klingen wie so jede andere Neo-Rock'n'Roll-Band .. .
... etwa "The Shakers" ...
Sam: ... oder "The Hot Rods", all das wollten wir nicht drin haben. Wir wollten nicht, dass die Leute irgendwie voreingenommen sind. Was kann man also für einen Namen benutzen, der einen starken Bezug zu den fünfziger Jahren hat, aber trotzdem nicht automatisch an den Rock'n'Roll erinnert? Baseball war das Ding in den Staaten, die große Volkssportart in den Fünfzigern.
Digger: Das Gute für uns ist: Hier in Europa kennt den Begriff zwar jeder, aber keiner hat so richtig eine Ahnung, wie das funktioniert. Also, wir hegen die Hoffnung: Wenn im nächsten Jahr der Begriff "Baseballs" fällt, und die Leute denken an uns, und nicht an die Sportart, dann ... ja , dann haben wir's geschafft! (Gelächter)
Digger: Bei der Entstehung des Debüts haben wir uns wegen der Song-Auswahl schon was gedacht! Wir wollten den Leuten den Rock'n'Roll näher bringen, also unserer Generation hauptsächlich, denn da ist er ja nicht mehr so präsent. Deswegen machten wir das mit Songs, die sie kennen. Aber das ist nur der erste Schritt. Wir sind jetzt dabei, eigene Titel zu machen, und haben drei davon auch bereits in unser Live-Programm eingebaut. Das Schöne dabei ist, dass wir merken, dass die auch tatsächlich anzukommen scheinen. Die Leute fangen schon beim zweiten Refrain an, mitzusingen, und das ist natürlich eine tolle Sache. Wir machen es so, dass wir die Titel eigentlich als Pop-Songs schreiben, und sie dann wieder in den Rock'n'Roll transferieren. Das ist der Kniff.
Basti: Es ist wunderschön, wenn man sieht, dass die Besucher bei den eigenen Songs mitsingen. Bei den Covers ist das ganz klar, die sind ja bereits bekannt, aber bei den neuen Sachen ... das ist was ganz Besonderes.
Von eurem Album gefällt mir ganz besonders "Don't Cha" mit dieser süßen weiblichen Stimme. Wer ist das eigentlich?
Digger: Das ist eine ehemalige Freundin von Basti!
Ehemalig?
Digger: Ehm, sie war ehemalige Leadsängerin in einer Gala-Band, die auch so Sechziger-, Siebziger-Mucke spielte. Wir kannten sie also, und Sam und ich haben letztendlich gedacht: "Das ist eine so süße Maus!", die holen wir für einen Song mal mit ins Boot! Sie hat auch irgendwie so eine tolle Fünfziger-Stimme, das passt atmosphärisch prima. Dann musste Basti sie kontaktieren, und sie war auch sofort von der Idee begeistert und hat gern mitgemacht.
Bei den Damen scheint ihr schon kräftig einen Schlag zu haben. Draußen vor der Freiheit stehen schon nicht wenige, rund drei Stunden vor dem Anpfiff!
Sam: Das sind unsere Beinharten - die reisen uns sogar nach! (schmunzelt)
Schnell fliegt die Zeit herum, und bevor die Jungs verschwinden müssen, frage ich sie nach ein paar schnell geschossenen Fotos. Die Atmosphäre ist unkompliziert, The Baseballs sind gut drauf. Sie drängen mich, doch unbedingt auch ein Bild mit mir dabei zu machen - die in der Redaktion so beliebten 'Fanboyfotos'. Beim Verlassen drängelt sich draußen inzwischen eine noch erheblich angewachsene Fan-Schar, nahezu ausnahmslos junge Damen. Es zieht eben noch immer, das Heart Of Rock'n'Roll. Egal, welche Jahreszahl dransteht.
Strings'N'Stripes Live (2012)
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