laut.de-Kritik

Wer braucht noch Porcupine Tree?

Review von

Neues Jahr, neue Platte. So einfach könnte man das Erscheinen des Rabens zusammenfassen. Und doch ist alles anders.

Ursprünglich wollte Steven Wilson ja in seinem Trott an einem neuen Porcupine Tree-Album arbeiten. Doch diese Vorgehensweise erschien ihm wohl zu einfach, da alle Welt genau das von ihm erwartete. Aber da der gute Mann nimmermüde wird, der Welt zu verkünden, dass er sich als ernstzunehmenden Künstler sieht, musste sich hier etwas ändern. Was genau den Ausschlag gab, dass er PT in einen stillen und traumlosen Schlaf versetzte, ist nicht wirklich wichtig, denn wo Wilson draufsteht, ist immer auch Wilson drin. Ob mit PT, Storm Corrosion, noisig mit Bass Communion oder poppig als No Man.

Vorgeblich wollte er Musik für genau die Truppe von Instrumentalisten schreiben, mit denen er für "Grace For Drowning" unterwegs war. Sechs Songs sind dabei entstanden, die er mit seiner Live-Band in Los Angeles einspielte, unter gnädiger Mithilfe von Alan Parsons.

Auch das Cover weist auf eine Neuerung hin, denn an die Stelle von Wilsons Haus- und Hof-Visualist Lasse Hoile tritt nun Hajo Müller, der schon bei der Deluxe-Ausgabe von "The Incident" sein typisches Krikelkrakel zur Verschönerung des Albums beitrug. Seine chrakteristischen Zeichnungen zieren das Booklet und zuvorderst das Cover-Artwork, das auf den thematischen roten Faden des Albums hinweist.

Es geht um Geschichten über Geister. Nicht in erster Linie um die Spezies mit Kette und Bettlaken, sondern um die Abgründigkeiten des menschlichen Verstandes und wie dieser mit Extremsituationen umgeht. In diese Kategorie fallen "Drive Home" und der Titeltrack. Der Einstieg ist aber erst einmal etwas für Prog-Liebhaber. "Luminol" war in einer Live-Version schon auf "Get All You Deserve" vertreten. Das klingt erst einmal gar nicht nach Geistern oder astralem Gesocks.

Etwas angejazzt kommen Minnemann, Holzman, Govan, Beggs und Travis im Eröffnungstrack rüber. Wer bei Jazz an ausuferndes instrumentales Gedudel denkt, bei dem einem die Füße oder andere Extremitäten einschlafen, darf beruhigt sein, denn so opulent fällt der Jazz-Anteil bei weitem nicht aus, als dass sich der gemeine Rock-Hörer nicht damit anfreunden könnte. Theo Travis' Geflöte mag zwar etwas artfremd klingen, nach einigen Umläufen fügt sich aber auch dieses Element vollkommen natürlich in den Kontext ein. Nach viereinhalb Minuten verklingen die instrumentalen Muskelspiele des Openers und münden in ruhigeres Fahrwasser.

Sanfte Töne vertreiben den zuvor permanent drückenden Rhythmus und lockern den Opener mittels klarer Melodieführung auf. Wilson erzählt von einem Straßenmusikanten, der jeden einzelnen Tag bei Wind und Wetter Cover-Songs schlecht auf der Gitarre klimpert, in der irrigen Annahme, das würde auch nur irgendjemanden interessieren. Aber keiner nimmt ihn wahr, weil er so schlecht ist, nicht einmal er selbst, als er stirbt und dann als Geist einfach jeden Tag weiterspielt.

Diese Story ummanteln von paranoid hysterisch bis düster dräuend reichende Stimmungsschwankungen, die sich mit hellen und luftigen Momenten abwechseln, in denen Wilson Straßengeräusche einstreut, die fast schon optimistisch lebendig klingen. Im weiteren Verlauf kippt dies wieder in zackig hin und her springende musikalische Wahnvorstellungen. Meisterhaft.

Der Sound der Scheibe befindet sich, wie man es von Steven kennt, absolut in der Balance. Die Rhythmus-Gruppe mit Beggs und Minnemann walzt den Kollegen ein kraftvolles Fundament, auf dem sich alle austoben können. Speziell Beggs trägt den Opener mit fulminantem Basslauf und Tönen, bei denen man sich unweigerlich fragt, ob der Ex-Kajagoogoo-Tieftöner nach dem Spielen neue Finger benötigt.

Im 5.1. rollt die Combo sprichwörtlich über einen hinweg. Wer kann, sollte sich unbedingt den Surround-Sound zu Gemüte führen. Einmal mehr stellt Wilson seine Extraklasse beim Raumklang unter Beweis.

Kurz fährt es einem dann dennoch tief ins Mark. Im ruhigeren Beginn von "Drive Home" singt Wilson tatsächlich mit Autotune. Zwar nur kurz und vorübergehend, aber das Handwerk, seinen Hörern einen Schrecken einzujagen, beherrscht er aus dem Effeff. Effekthascherei um ihrer selbst Willen hat er aber überhaupt nicht nötig. Vielmehr gefällt der Rabe mit allerlei wundervollen Details. So jagt er zum Beispiel Instrumente durch artfremde Verstärker, so dass man sich fragt, wer denn hier das Solo spielt. Klarinette? Keyboard? Gitarre? Egal!

Was etwas verwundert, ist die Eingängigkeit des Albums. Ein halbes Dutzend Songs gehört zum melodieseligsten Material, das Wilson bislang komponiert hat. Die Ausnahme bestätigt bei "Holy Drinker" die Regel, wenn die Band zu Beginn instrumental erst einmal ordentlich eine Zwirbelung veranstaltet. Auf der lyrischen Seite begrüßen wir einen alten Bekannten. Wie schon bei "Halo" auf "Deadwing" thematisiert Wilson die Scheinheiligkeit derer, die sich für unfehlbar halten. Die Rechnung bekommt der Säufer aber postwendend präsentiert und fährt zur Hölle. Den Abgang versüßen ihm Wilson und Co. mit einem aggressiven Riff-Wirbel. Herrlich.

Dass Wilson keine Zwölf-Minüter benötigt, um tragisches Gefühlskino aufzufahren, beweist "The Pin Drop", das neben dem Titelsong wohl am einfachsten konzipierte Stück des Albums, das mit einer herzzereißenden Stimmung aufwartet. Das Solo nach eineinhalb Minuten zieht einem schlicht die Schuhe aus.

"The Watchmaker" nimmt alleine aufgrund seiner Länge schon eine prominente Stellung ein. Nach "Luminol" der längste Track im Programm, geht die musikalische Reise auf und nieder, schnell und langsam, beschwingt oder todtraurig. Kontrapunktisch gesetzter Gesang sowie Rush-Zitate inklusive.

Der finale Vorhang mit dem Titelsong am Ende fällt noch einmal erhaben aus. Die Vertonung der Geschichte um den alten Mann, der in einem Raben seine vor langer Zeit verstorbene Schwester sieht, geht durch Mark und Bein. Dabei klimpert das Lied die meiste Zeit nur auf vier Tönen herum. Aber aus dem Einfachen etwas Außergewöhhnliches zu formen, ist eine Kunst, die man erst einmal lernen muss.

Erst nach knapp vier Minuten erweitert Wilson das Leitmotiv des Stücks um einige Noten, ehe gegen Ende eine unaufdringliche Gitarrenwand die Melodien flankieren und aus dem Album heraus leiten.

Die Wilson-Trademarks sind alle da, so dass man sich fragen darf, wozu dieser Mann überhaupt noch einen festen Bandkontext à la Porcupine Tree benötigt.

Zwischen Dies- und Jenseits pendelt der Sound hin und her. Wahnsinn und Hoffnung stehen Seit an Seit. Ob es eine Erlösung für die tragischen Figuren der Lieder gibt? Das bleibt der Fantasie des Hörers überlassen.

"The Raven That Refused To Sing (And Other Stories)" formt mit seinen sechs Songs ein Album, das in seiner Vielfalt und gleichzeitiger Homogenität fast schon monolithisch durch die Tür stürmt. Wohin Wilson nach diesem Wurf noch hin will? Egal wohin, lasst ihn einfach machen. Er wird wissen, was das Beste für uns ist.

Trackliste

  1. 1. Luminol
  2. 2. Drive Home
  3. 3. The Holy Drinker
  4. 4. The Pin Drop
  5. 5. The Watchmaker
  6. 6. The Raven That Refused To Sing

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