laut.de-Kritik

Leck' ihr die High Heels, Deutschrap!

Review von

"Nicht rappen, bleib' Nutte!" So rät Jetset Mehmet Schwesta Ewa zu Beginn ihres seit gefühlten 47 Jahren angekündigten Debütalbums, das ab heute tatsächlich käuflich zu erwerben ist. Das gilt für Ewas sexuelle Dienstleistungen zwar mittlerweile nicht mehr. Dennoch dreht sich "Kurwa", polnisch für "Nutte", erwartungsgemäß um die turbulente Vergangenheit der Ex-Prostituierten, die allerlei Geschichten aus ihrem Milieu in der Mainmetropole Frankfurt auspackt.

Ewa will weder irgendeine Message unters Volk bringen, noch legt sie gesteigerten Wert auf ausgefeilte Technik-Skills oder Flow. Sie möchte schlicht und einfach aus ihrem Leben berichten. Dabei nimmt sie kein Blatt vor den Mund oder beschönigt gar etwas. Klar, dass dieses Vorgehen in der männerdominierten deutschen Hip Hop-Welt nicht selten belächelt oder gar angefeindet wird. Davon lässt sich diese Dame jedoch keineswegs unterkriegen. Im Gegenteil.

"Reich' mir das Sektglas, AON-Zepter!" Mit breiter Brust und einem erfolgreichen Label im Rücken verlangt "Schwesta Elektra", Deutschrap solle ihr doch bitte die High Heels lecken. Hungrig und angriffslustig präsentiert sich Ewa von Beginn an, doch auch wenn sie sich in Reim und Flow im Vergleich zum Vorgänger-Mixtape enorm steigerte, gibt es in der Hinsicht noch Luft nach oben. Vor allem "Von Hype Zu Ayb" gestaltet sich arg hölzern. Auch an anderer Stelle schleicht sich der eine oder andere zurechtgebogene Zweckreim ein.

Eine Sache hat Ewa jedoch mindestens 90 Prozent der gesamten Rap-Konkurrenz voraus: die Realness. Wenn sie erzählt, wie sie "Paxx Im Puff" vertickt hat, nimmt man ihr das nicht nur ab, sondern fühlt sich dabei auch noch bestens unterhalten. Wie Ewa im laut.de-Interview berichtet, musste Labelboss Xatar sie beim Storytelling sogar noch bremsen. "Muttechnisch hab' ich riesige Eier", erklärt die Grand Dame des Deutschrap bei der großartigen "Peepshow 2". Keine Einwände.

Die vorab ausgekoppelten Tracks "Escortflow" und "Schwesta Schwesta" dagegen dienen als klassische Representer. Ersterer dreht sich rund ums "Para" als einzigem Antrieb zur Prostitution, das Ewa heute in Gucci-Handtaschen und farblich darauf abgestimmte Karren investiert. "Schwesta Schwesta" kann man dank des funky Beats und Zeilen wie "... keine schmeckt so wie du: bittersüüüß wie Caipi" den großen Trash-Faktor zwar nicht absprechen, die Eingängigkeit jedoch ebenso wenig.

"Ramba Zamba" mit Marteria tönt entgegen des Titels relativ nüchtern, unterbricht aber die sich einschleichende Eintönigkeit des immer gleichen Vortrags. Eko Fresh, der sowieso auf (fast) jeder Hochzeit tanzt, ist ebenfalls mit von der Partie und stellt fest: "Schwesta, Schwesta, du bist für mich wie Käsekuchen." Festzuhalten bleibt jedoch: Auch wenn keiner der Featuregäste Höchstleistungen vollbringt: Verstecken muss sich Ewa hinter niemandem.

Dass Xatar und SSIO zu ihr passen wie die Faust aufs Auge, bedarf eigentlich keiner Erwähnung. Doch auch Megaloh und Chefket fügen sich trotz des introvertierteren Stils schön ein und verschaffen Ewa einen "Guten Tag". Was bedeutet, dass sie ihren Elektroschocker mal nicht benutzen musste. Das Puff-Leben ist eben kein Ponyhof. Vor dieser Kulisse erzählt das nachdenkliche "Spiegelreflex" vom Schicksal und der dazugehörigen Vorgeschichte verschiedener Gestalten: "Hinter all den Narben hört man es schlagen."

Ewas persönliche Erlebnisse kommen auch nicht zu kurz: "Für Elise" berichtet davon, wie sie als 18-Jährige ihre Mentorin kennenlernt, wie aus Neid Freundschaft wird und die beiden zusammen Freier über den Tisch hauen. Wie sehr sie diese Vergangenheit belastet, verdeutlicht "Du Liebst Mich Nicht". Eindringlich klagt Ewa über die Schwierigkeiten, als Ex-Hure zu lieben und geliebt zu werden. "Eine zweite Chance für uns, nein, die gibt es nicht." Dass sie inzwischen wieder mit Besagtem zusammen ist, macht doch noch Hoffnung auf ein Happy-End. Zu wünschen wäre es ihr.

Die Boombap-Beats aus dem Hause AON versprühen hin und wieder einen Hauch von Westcoast-Funk und bieten Ewas Stimme genügend Raum, um sich auszubreiten. Man könnte meinen, die Thematik "Nonne Wird Nutte" sei nach "Realität" und diversen Singles ausgelutscht. Langeweile kommt bei "Kurwa" trotz stattlicher zwanzig Tracks tatsächlich aber zu keinem Zeitpunkt auf. Auch wenn es sich bei Schwesta Ewa nicht um die begnadetste Rapperin handelt, erzählt sie Geschichten wie kaum ein(e) Zweite(r) und mischt mit einem High Heel in deiner Fresse gekonnt die deutsche Rap-Szene auf.

Trackliste

  1. 1. Rap, Kurwa! feat. Jetset Mehmet
  2. 2. Kurwa
  3. 3. Schwesta Elektra
  4. 4. Von Hype Zu Ayb
  5. 5. Skit 1 feat. Xatar
  6. 6. Paxx Im Puff
  7. 7. Peepshow 2
  8. 8. Escortflow
  9. 9. Ramba Zamba feat. Marteria
  10. 10. Tunneln Und So feat. Eko Fresh
  11. 11. Schwesta Schwesta
  12. 12. Ein Guter Tag feat. Megaloh & Chefket
  13. 13. Viktor
  14. 14. Spiegelreflex feat. Grace
  15. 15. Für Elise
  16. 16. Skit 2 feat. Xatar
  17. 17. Nonne Wird Nutte
  18. 18. 24 Stunden feat. Xatar & SSIO
  19. 19. Boomerang
  20. 20. Du Liebst Mich Nicht feat. Fard & Samy

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16 Kommentare mit 13 Antworten

  • Vor 2 Jahren

    Sorry, ich kann mit der Dame einfach nix anfangen. Erste Singleauskopplungen waren unhörbar. Für mich ist auch der Hype um sie kaum nachvollziehbar.

  • Vor 2 Jahren

    Leider nicht ganz so gut, wie ich es mir erhofft habe. Das Album ist einfach zu lang geworden. 5-6 Tracks weniger wären wirklich besser gewesen.

    Klar Ewa ist Storytechnisch ganz weit vorne, die meisten Beats sind auch Super, aber es gibt wirklich einige Titel, die den Gesamteindruck trüben. Durch "Schwesta Elektra" und "Vom Hype zum Ayb" musste ich mich durchkämpfen. Materia geht als Feature überhaupt nicht klar, passt einfach nicht (vgl. auch das Pseudoharte Feature von ihm auf Russisch Roulette, oder auch schlicht und einfach, weil ich mir Materia nicht mehr geben kann), Eko fängt gerade an mich zu nerven, und Fard liefert leider auch nichts wirklich neues.

    Für Elise, Viktor und Spiegelreflex (Grace passt da übrigens super zu!) sind dagegen absolute Story-Bretter. Auch wenn ich die Pointe bei Boomerang schon gefühlt tausendmal gehört habe, trägt Ewa das ganze glaubwürdig und frisch vor. Davon würde ich gerne mehr hören. 24 Std. ist nach Konnekt vom 415 einer der besten Posse-Tracks.

    Auch wenn das ganze etwas unter meinen Erwartungen ist: überdurchschnittliches Deutschrap-Album. Bin gespannt auf Xatar und Kalim dieses Jahr!

  • Vor 2 Jahren

    Hatte meine Meinung ja schon geaeussert, viel mehr habe ich darueber hinaus nicht zu sagen. 3 Punkte sind in Ordnung, ich habe das jetzt mit 4 bewertet, einfach weil ich eben die Sichtweise immer noch recht spannend und erfrischend finde.

    Die (absichtliche?) Aehnlichkeit von 'Fuer Elise' mit 'One Love' sollte aber dann doch noch erwaehnt werden. Falls das in der Rezi nicht schon gemacht wurde, hab' die noch nicht gelesen.

  • Vor 2 Jahren

    Also der Hybe um die Dame ist mehr als nachvollziehbar wenn man den Verlauf des Mainstreams nachverfolgt und auch versteht. Die Beats des Albums sind sehr gut und die Vocals... naja... muss man sich mit anfreunden. Aber ohne Frage ein rundes Album dass sich auf die volle Länge auch anhören lassen kann.

  • Vor 2 Jahren

    Wer hatet, ist ein Spasti. Glaub, das sind wohl alles Leute, die sich nach "Schwätza" nicht mehr mit ihr beschäftigt haben. Album ist nämlich technisch und musikalisch sehr viel stärker.
    Einzige Rapperin, im deutschsprachigen Bereich, die man sich geben kann. 4/5 von mir.

  • Vor 2 Jahren

    Sorry fürs Ausgraben, aber ich mache mir mittlerweile selber Vorwürfe, dass ich das so lange ignoriert habe. Vom Unterhaltungswert muss sich das Album vor der Konkurrenz kein Stück verstecken. Es fällt mir auch schwer, da einzelne Highlights hervorzuheben, weil das Ding erst auf LP-Länge und erst nach einigen Durchläufen die Wirkung entfaltet. Klare Empfehlung für jeden, der nicht krampfhaft Silben zählen muss und einfach mal bereit ist, in diese Zuhälter-Nutte-Freier-Welt vorurteilsfrei einzutauchen. Ganz großes Kino!

    4/5