laut.de-Kritik

Beängstigender Zusammenprall von Jazz, Soul und House.

Review von

Im Juni nahmen die drei Jazz-Musiker von The Thing Neneh Cherry bei der Hand und führten sie mit "The Cherry Thing" in einen verrauchten Jazzkeller hinab. Eine ihr nicht unbekannten Umgebung. Das Ergebnis, eine gelungene Melange aus warmen Soul und wildem Free Jazz, gehört zu den spannendsten und überraschensten Alben des Jahres. Für "The Cherry Thing Remixes" lädt Cherry ihre Freunde aus der elektronischen Musik ins Studio, und die Party geht von vorne los.

Jim O'Rourke entblößt "Accordion" bis auf den Basslauf von Ingebrigt Håker Flaten, lässt diesen gegen eine sich langsam aufbauende Wand aus Lärm prallen. Die zurückgebliebenen Vocals von Cherry klingen allein, verletzlich und verloren. "Livin' off borrowed time, the clock tick faster."

Von "What Reason Could I Give" bleibt in den Händen von Kim Hiorthøy nur eine Demo-Skizze. Die klackenden Beats aus den 1980ern hangeln sich an hypnotischen E-Piano-Klängen durch den Remix. Ganz anders sieht das schon bei der Carmen Villain-Version des selben Tracks aus. Heroin getränkt schraubt dieser den Hurz-Faktor in ungeahnte Höhen. "Maybe we could repeat it from the first phrase."

Bis Merzbow mit "Sudden Moment" an die Reihe kommt. Entrückt brechen Schlagzeug, Saxofon und Bass von den Rändern des Tracks, bröckeln mit allerlei elektronischem Unrat in sich zusammen. Ein "Sudden Moment", der einer Supernova gleicht. Am Ende steht Leere.

Wie ein Widerborst stemmt sich der 'Lindstrøm & Prins Thomas Remix' von "Cashback" gegen die restliche dröhnende Phalanx. Ein Drittel "Club Tropicana", ein Drittel "Copacabana" und ein Drittel French House, lässt dieser in der Kaltfront der anderen Tracks fast schon Urlaubsgefühle aufkommen. Latin Percussions, Marimbas und Tom Cruise am Cocktailshaker. Bis völlig unerwartet Mats Gustafssons Saxofon wie eine kalte Nadel in das tanzende Fleisch der überbrodelnden Schaumpartyfantasie stößt. Ein brutaler entmenschlichter Schmerz in einem kunterbunten Ballpool.

Knotenpunkt und Herzstück des Longplayers stellt die Four Tet-Interpolation von "Dream Baby Dream" dar, die bereits mit Release des Cherry Thing-Albums für Aufsehen gesorgt hat. Meisterlich lässt diese die Extravaganz der Jazz-Vorlage mit einem düsteren House-Rhythmus zerfließen. Von Cherry bleibt nur ihr zentrales Mantra. Das Vibraphon bildet eine selbstvergessene Basis, bis sich das Saxofon dem weiteren Verlauf verweigert, sich auf den Kopf stellt und laut schreiend versucht, aus diesem verdrehten Jazz-House auszubrechen.

Verstörend und zum Teil beängstigend prallen Jazz, Soul und House auf "The Cherry Thing Remixes" ohne Vorwarnung aufeinander. Eine eindrucksvolle Ergänzung zu "The Cherry Thing", die kreativ und anerkennend mit ihrer Quelle umgeht. "Keep that flame burnin' / Forever."

Trackliste

  1. 1. What Reason Could I Give (Kim Hiorthøy Remix)
  2. 2. Dream Baby Dream (Four Tet Remix)
  3. 3. Accordion (Hortlax Cobra Remix)
  4. 4. What Reason Could I Give (Carmen Villain Remix)
  5. 5. Accordion (Jim O' Rourke Remix)
  6. 6. Cashback (Lindstrom & Prins Thomas Remix)
  7. 7. Sudden Moment (Merzbow Remix)
  8. 8. Golden Heart (Nymph Remix)
  9. 9. Dirt (Kurzmann Remix)
  10. 10. Golden Heart (Lasse Marhaug Poole Blount Legacy Dub)

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2 Kommentare

  • Vor einem Jahr

    The Cherry Thing war schon super. Riesengeil - vor allem aufgrund des Überraschungseffekts. Für mich die Platte des Jahres. Bin sehr auf das hier gespannt.

  • Vor einem Jahr

    Hab mir das Album gerade probeweise angehört, und war so begeistert, daß ich mir The Cherry Thing auch gleich antun musste! Sehr guter Stoff, wirklich empfehlenswert! Allerdings - so finde ich - ist die im Untertitel enthaltene Stilmischung aus Jazz, Soul und House etwas zu kurz gefasst. Was hier an "Elektronik" aufwartet, ist viel gewaltiger als einfach nur House und für den aufgeschlossenen Hörer absolut nicht beängstigend.