laut.de-Kritik

Zweieinhalb Stunden Nena gehen einfach nicht klar.

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Das wird ein Eierschalentanz: "40 Jahre Nena – das neue Best Of Album". Vierzig Anspielstationen lang lässt man das Schaffen der NDW-Ikone Revue passieren, mit Blick auf die wirklich großen, allgemein geliebten Hits ("99 Luftballons", "Irgendwie, Irgendwo, Irgendwann", "Willst Du Mit Mir Geh'n") und einer ganzen Menge Schmand dazwischen. Von den ersten Erfolgen bis hin zum 2015er Album "Oldschool" trifft Nenas irgendwo punkige Stimme auf konstant mittelmäßiges Pop-Geplänkel zwischen 80er-Synthpop, Electro und Schlager.

Eine Sammlung also, die vor Nostalgie und Sehnsucht nach besseren Zeiten trieft, voller Stolz und Selbstreferenz. Kult, um diesen eigenartigen Begriff zu verwenden, der immer dann zitiert wird, wenn man die Liebe für alten Mist nicht mehr so wirklich rational rechtfertigen kann, aber nicht davon abrücken will, dass dem Mist irgendeine objektive Qualität innewohne.

Beispiel: Im Haus meiner Eltern steht ein Sofa in einem unaufdringlich schlichten Wohnzimmer. Dieses Sofa war einst knallpurpur, schräg modern designt und potthässlich. Ich konnte die tiefe, emotionale Verbindung meiner Eltern zu diesem verwaisten Stück Achtziger nie nachvollziehen, habe sie aber auch nie in Frage gestellt. So war das eben mal, warum sollte man da jetzt noch retrospektiv daran herummosern?

Nena ist eben Kult, was auch immer das bedeutet. "99 Luftballons" bleibt einer der besten deutschen Popsongs aller Zeiten, die Komposition ist griffig und treibend, der Text funktioniert. Würde das "Best of Nena" nur aus diesem und ein, zwei anderen Titeln bestehen (bestenfalls "Strobo Pop" mit den Atzen), würde es nicht nur dem Namen gerechter werden, sondern auch wesentlich konsumierbarer. Ihr restlicher Katalog besteht aber zu großen Teilen aus berstend mittelmäßigen, selbstverliebten und vor Kitsch und Pathos triefenden Allgemeinplätzen um die immer gleichen musikalischen Ideen.

Der vielleicht erschreckendste Punkt ist, dass hier ein musikalisches Werk mit vierzig Jahren Spannweite auf und ab durch die Zeit rotiert und sich dabei trotzdem wie ein Album aus einem Guss anhört. Manche Songs sind etwas motivierter und ambitionierter als andere, manche täuschen zumindest eine kleine Rock-Edge an, aber scheinbar haben vier Dekaden weder inhaltlich, noch musikalisch, noch stimmlich irgendwelche Spuren an Nena hinterlassen.

"40 Jahre Nena" präsentiert die Sängerin, die ich via Sozialisierung als kritische, patzige und rebellische Stimme der Jugendjahre meiner Vorgeneration kennengelernt habe, allen voran als harmlose, kantenlose, selbstgefällige und langweilige Konsens-Pop-Sängerin mit den emotionalen Zuständen "wehleidig", "verliebt" und "zufrieden". Geschätzte 90% der Platte könnte man via Tauschkonzert allen Revolverhelden, Tim Bendzkos und Mark Forsters dieser verlausten Radiorepublik in den Mund legen und es würde nicht einmal Hardcore-Fans der beiden Parteien auffallen. Man möge sich einmal ernsthaft fragen, warum so viele Fans ihr regelmäßig "Punk-Attitüde" oder Titel wie "Powerfrau", "Rockröhre" unterstellen. Ihre Diskographie fließt aalglatt wie ein Sportfreunde Stiller-Konzert von den Boxen in den Abfluss.

Die Themenpalette um Liebe, Jugend, mildes Melodrama und Pseudo-Rebellion gegen irgendwelche nie konkreter benannten Pappfiguren klingt so blechern typisch für deutschen Pop, dass die reine Erschöpfung solcher Tropen die "Henne oder Ei"-Frage vergessen lassen sollte. Entweder ist sie Teil dieser Pro-Belanglosigkeits-Bewegung oder Pionierin davon. Eines ist schlimmer als das andere. Das Problem ist schlicht, dass ihr Katalog selbst über all diese Zeit nicht genug Tiefe mitbringt, um vierzig Anspielstationen mit Qualität und Abwechslung zu bieten und das Qualitätsgefilde zwischen den wenigen tauglichen Songs und eimerweise Filler nicht zu überdeutlich werden zu lassen. Zweieinhalb Stunden Nena gehen einfach nicht klar.

Dabei mag ich die Sympathie oder Verbindung zu ihrer Musik am Ende des Tages niemandem verübeln oder ankreiden. Es ist handwerklich solider, musikalisch leicht einzuordnender und gut konsumierbarer Pop, um Rotwein zu trinken, ein bisschen sentimental zu werden und auf einem hässlichen, violetten Sofa zu sitzen. Als Nostalgiker oder Fan der Sängerin kann man sich auch diese Best Of bedenkenlos anschaffen. Der musikalische Rückblick gestaltet sich allerdings leider als langatmige, über weite Strecken ermüdend mittelmäßige und kirchenfromm spießbürgerliche Bummelbahn durch Deutschpopgefilde, die damals genauso abenteuerarm und unspannend waren, wie sie es heute sind.

Trackliste

  1. 1. Nur Geträumt
  2. 2. 99 Luftballons
  3. 3. Leuchtturm
  4. 4. ?
  5. 5. Irgendwie, Irgendwo, Irgendwann
  6. 6. Ganz Oben
  7. 7. Rette Mich
  8. 8. Lass Mich Dein Pirat Sein
  9. 9. Haus Der Drei Sonnen
  10. 10. Ich Häng Immer Noch An Dir
  11. 11. Wunder Gescheh'n (Live)
  12. 12. Mach Die Augen Auf
  13. 13. Wir Sind Wahr
  14. 14. Willst Du Mit Mir Gehn
  15. 15. In Meinem Leben
  16. 16. Liebe Ist
  17. 17. Leuchtturm
  18. 18. Lieder Von Früher
  19. 19. Genau Jetzt
  20. 20. Das Ist Nicht Alles
  21. 21. Auf Dich Und Mich
  22. 22. Carpe Diem
  23. 23. Du Bist Überall
  24. 24. Kino
  25. 25. Du kennst die Liebe nicht
  26. 26. 99 Luftballons (2002)
  27. 27. Vollmond
  28. 28. Ganz Gelassen
  29. 29. Im Rausch der Liebe
  30. 30. Jung Wie Du
  31. 31. Manchmal Ist Ein Tag...
  32. 32. Was Hast Du In Meinem Traum Gemacht
  33. 33. Anyplace, Anywhere, Anytime
  34. 34. Ectacy (The Stripes)
  35. 35. Du Kannst Zaubern
  36. 36. Ich Kann Nix Dafür
  37. 37. Oldschool Baby
  38. 38. Strobo Pop (Die Atzen)
  39. 39. Zusammen (Live)
  40. 40. Es Regnet

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7 Kommentare mit 17 Antworten

  • Vor 7 Tagen

    Yannik, srsly...wieso machst du Rezis zu solchem Dreck? Hatte gehofft, dass du mal die Relevenazfahne hier ein wenig hochhälst und nicht der neue Toiboi von r1er wirst. :(

  • Vor 7 Tagen

    oh, wird weihnachten. die "lasst uns kohle aus den idioten quetschen"-veröffentlichungen erscheinen.

    in vorliegendem fall bleibt natürlich nur die (teilgehört weil aus altersgründen an der ndw teilgenommen) 1/5.

    • Vor 7 Tagen

      "teilgehört weil aus altersgründen an der ndw teilgenommen"
      Hehehehe

    • Vor 7 Tagen

      Nix WEIHNACHTEN..nicht so was profanes..
      Frage ..warum ist da 40 im CD Titel ??
      Genau ..weil Oma Nena ihr 40 jähriges Bühnenjubiläum feiert. Und das feiert die junggebliebene (die mit Riesen-Pony ihre Stirnfalten verdeckt) Sängerin natürlich im ZDF. Und wer moderiert das ganze ??
      Genau..der alte Blubber und Sabbel Onkel Thomas Gottschalk.Aber das ist nicht alles. Viele Bekannte dürfen ihre Lieder nach singen. Dabei sind :
      Alina Süggeler(Frida Gold) zusammen mit Dieter Meier (von Yello),natürlich die Tauschkonzert Recken BossHoss,
      natürlich ihre "alte Band" ,Dave Stewart, ebenfalls dabei Rea Garvey, Scandal aus Japan, Gianna Nanini, Sasha, Sophie Thomas (Gewinnerin The Voice Kids), Zara Larsson, ihr Sohn Sakias (ja richtig..er heißt Sakias), Wolfgang Niedeken , Daniel Wirtz, Sammy DeLuxe , Wanda und Last but not Least die Frontmänner von: City, Karat und den Puhdys (die singen zusammen einen Song).

    • Vor 7 Tagen

      seit niedecken der schlag getroffen hat, läuft da iwas bei ihm nimmer rund :-(

  • Vor 7 Tagen

    Ich sehe das auch so. Nena, DJ Bobo oder DJ Ötzi gehören hier nicht besprochen. Punkt aus. Warum ich trotzdem geklickt habe, sind die zu erwartenden lustigen Kommentare.