laut.de-Kritik

Zwischen Lärm und schwärmerischer Eleganz, zugleich fragil und brutal.

Review von

"Das vageste Stück Musik, das jemals in die Charts gekommen ist", urteilte Brian Eno über My Bloody Valentines "Loveless", nur um danach noch eine Schippe drauf zu setzen. Für ihn war klar, dass alleine "Soon" bereits einen neuen Pop-Standard für die Zukunft setzte. Heute befinden wir uns in ebendieser Zukunft und auch wenn dem Longplayer kein großer kommerzieller Erfolg beschert war, hinterließ es rückblickend monumentale Fußabdrücke in der Musikgeschichte.

Mit seinem innovativen und außergewöhnlichen Sound, der sich auf Dinosaur Jr., Sonic Youth und Hüsker Dü bezieht, beeinflusste es, um nur die größten Namen aufzuzählen, The Smashing Pumpkins, Radiohead, R.E.M., Nine Inch Nails und The Cure.

Von all dem konnten die beiden Creation Records-Gründer Alan McGee und Dick Green noch nichts ahnen, als sie "Loveless" zum ersten Mal hörten. MBV-Mastermind Kevin Shields hatte die beiden Labelbosse, die sich später nicht einmal von den gefürchteten Gallagher-Brüdern in den Wahnsinn trieben ließen, mit seinem Hang zu Perfektion und Eskapaden zwei Jahre an den Rand des Nervenzusammenbruchs und des Ruins geführt. Gegen Ende der Aufnahmen flehte Green Shields unter Tränen an: "Du musst mir jetzt endlich eine Platte liefern!" Als sie endlich ein Ergebnis in ihren Händen hielten, fielen ihnen, plopp, die Augen aus dem Kopf und im Mittelohr der Hammer vom Amboss. Auf Grund des leiernden Sounds dachten sie zuerst, die Band würde ihnen einen üblen Streich spielen oder das Tapedeck, mit dem sie das Album abspielten, wäre schlichtweg defekt.

Dabei hatte Creation Records nach dem Debüt "Isn't Anything" und diversen EPs gerade einmal fünf Studiotage für die Aufnahmen des Nachfolgers veranschlagt. Stattdessen stand ihnen und der irischen Band eine legendäre Tortour voraus, die durch neunzehn verschiedene Studios führte, einige Toningenieure verschliss und dem Label, das zu der Zeit noch von der Hand in den Mund lebte, nach Einschätzung des Melody Makers 250.000 Pfund kostete und damit fast das Genick brach.

Mehr als einmal waren McGee und Green kurz davor die Band aus purer Verzweiflung vor die Tür zu setzen. Für eine kurze Zeit behielten die Britannia Row Studios auf Grund offener Rechnung das Equipment der Band ein. Die Aufnahmen verzögerten sich ein weiteres mal, als sowohl Kevin Shields als auch Gitarristin und Sängerin Bilinda Butcher wegen eines Tinnitus über mehrere Wochen ausfielen.

Bis heute schieben sich die beiden Parteien den schwarzen Peter für die Schuld am Chaos und den Kosten gegenseitig in Schuhe. Shields erklärte mehrfach, die Ausgaben wären niemals so hoch gewesen und einen großen Teil davon hätte die Band zudem selbst getragen. McGee, der mit seinem exzessiven Kokain-Konsum die Spesen in die Höhe trieb, hätte die Geschichte allein zu Promo-Zwecken hoch frisiert.

Während der Aufnahmen zeigte sich Shields als verrückter Wissenschaftler, der in Alleinherrschaft bis ins kleinste Detail an neuen Sounds bastelte. Bassist Debbie Googe und Schlagzeuger Colm Ó Cíosóig werden zwar im Booklet genannt, finden aber auf "Loveless" zum größten Teil gar nicht statt. Auf Grund physischer und persönlicher Probleme konnte Letzterer nicht an den Aufnahmen teilnehmen. Shields nutzte stattdessen kurze, von seinem Schlagzeuger im Vorfeld eingespielte, Drum-Loops. "Wenn man vom Colm Song 'Touched' und 'Only Shallow' absieht, bin ich der einzige Musiker, den man auf der Platte hört", erklärte der Sänger und Gitarrist später.

Neben Shields Gitarrenwänden bestimmen verschwenderische Feedback-Samples das Klangbild. Im Gegensatz zu anderen Bands der Ära verzichtete er vollständig auf den Ton angebenden Flanger-Effekt. Seine überwältigende Glide-Gitarre, vom schwankenden Tremolo malträtiert, wird zum Hauptmerkmal des Albums.

Nach dem ersten wuchtigen Schlag von "Only Shallow" verschiebt "Loveless" die Perspektive auf unsere Realität. Willkommen in einer ebenso fahrigen wie exotischen Utopie, die bis heute nichts von ihrer Bizarrheit eingebüßt hat. In schlingender Hassliebe verbunden liebkosen und verfluchen sich zwei heulende Gitarrenspuren, bis sie sich letztendlich kielholen. Zwischen Lärm und schwärmerischer Eleganz, zugleich fragil und brutal pendelnd, reibt der Track Gegensätze aneinander, bis sie zerbersten. "Soft like there's silk", haucht Bilinda Butcher wie ein entrückter Rauschgoldengel.

Wie im weitläufigem "When You Sleep" drängt sich der androgyne Gesang von Shields und Butcher niemals in den Vordergrund, sondern dient zwischen schielenden Keyboards und dröhnenden Gitarren viel mehr als weiteres Instrument. Das schemenhafte "To Here Knows When" war bereits auf der im Februar 1991 erschienenen EP "Tremolo" enthalten. Ein psychedelisches Klangkarussell, in dem Butchers wehmütig verschwommene Stimme ein Hohelied auf Sehnsucht, Hoffnung und Blümchen-Sex anstimmt.

Das ohrenbetäubenden Chaos "I Only Said", dessen Melodie und tobende Pracht sich erst auf den zweiten Blick offenbart, gleicht einem Feedback eines Feedbacks. Dagegen wirkt das massive "Come In Alone" wie ein ein Tohuwabohu aus schwerfälligem Schlagzeug, einem Tumult aus Gitarren und erdrückenden Vocals. Eine düstere Lichtung, durch dessen Unterholz sich zaghafte Lichtstrahlen ziehen.

Nahezu körperlos schwirrt Shields durch die zeitgleich spröde und bittersüße Ballade "Sometimes". Die gedämpfte und unergründlicher Atmosphäre lädt sich mehr und mehr auf. Ein kurzer Lauscher auf die mit Aufruhr einbalsamierte Akustikgitarre verdeutlicht schnell, von welchen Song sich Billy Corgan bei "Disarm" inspirieren ließ. Auf dem von Shields zusammengestellten Soundtrack zu "Lost In Translation" enthalten, brachte der Track My Bloody Valentine einer neuen Generation nahe. Song und Film ergeben eine perfekte Symbiose, stecken ohnmächtig in einer Endlosschleife aus Jetlag, Hilflosigkeit, Fremdartigkeit und Isolation fest, aus der es keinen Ausweg gibt. Hey, lupfe meinen Schlumpf!

"Soon" beendet "Loveless" mit flüchtiger Euphorie und verbindet einen hypnotischen Madchester-Groove mit tosenden Sonic Youth-Einflüssen. Ein versöhnlich jubelnder Schluss, der die einschnürende Spannung löst. Eine zuckersüße Zurückführung ins reale Leben. Weiter als in diesem Song kann sich ein Mensch der Erfahrung, wie es ist, eine Honigbiene zu sein, nicht annähern.

Merklich angefressen kickte McGee My Bloody Valentine kurz nach der Veröffentlichung aus dem Vertrag. "Entweder Shields oder ich", ließ er verlauten. In der Folge unterschrieb die Band einen Vertrag bei Island Records, veröffentlichten dort aber nie eine Platte.

Eingeschnürt von einer Schreibblockade zog sich Shields mehr und mehr zurück. Ein gequältes Genie, das sich außer Stande sah, einen ebenbürtigen Nachfolger zu schreiben. Als ängstlicher und vom Perfektionismus verfolgter Einsiedler versteckte er sich in einem Haus im Norden Londons. "Kevin hatte einen kompletten Zusammenbruch", erinnert sich McGee. "Er hat total den Plan verloren. Er vergrub sich in diesem großen Haus. Jeder wurde sein Feind. Er verlor seine Freunde und seine Band. Ich bin mal mit Bobby Gillespie zu ihm und überall war Stacheldraht und Chinchillas in Käfigen, gut 20 von ihnen."

"Ich bin verrückt aber nicht psychisch krank", erklärt Shields. "Da gibt es einen Unterschied. Die Ärzte bekommen mich nicht in Kontrolle. Es war damals sehr manisch, aber es geriet niemals außer Kontrolle. Ich war noch nie normal und werde es niemals sein. Bevor ich mich verändere, verändert sich die Welt." Erst 2013, 22 Jahre nach "Loveless" veröffentlichten My Bloody Valentine mit "mbv" tatsächlich und völlig unerwartet ihr drittes Album im Eigenvertrieb.

Vom Wahnsinn eines Brian Wilson oder Syd Barret infiziert, erschuf Shields mit "Loveless" das Opus Magnum des Shoeganzing. Eine vernichtende Missachtung der Hörgewohnheiten, das sich jeglichem anbiedernden Refrain verweigert. Ein von androgynen Melodien durchzogenes "Metal Machine Music". Nur wer sich die Mühe macht, tief in den Schichten von zürnendem Lärm und abweisender Verzerrung zu graben, gelingt es, sich die Songs zu erarbeiten. Eine verstörende Klangcollage, die ihre eigene, zu dem Zeitpunkt ungehörte, abstrakte und sinnliche Welt entwickelt. Eine scheinbar endlose atonale Symphonie, die sich von jeglicher Definition befreit und die einen befremdlich neuen Weg zur Schönheit beschreitet.

In der Rubrik "Meilensteine" stellen wir Albumklassiker vor, die die Musikgeschichte oder zumindest unser Leben nachhaltig verändert haben. Unabhängig von Genre-Zuordnungen soll es sich um Platten handeln, die jeder Musikfan gehört haben muss.

Trackliste

  1. 1. Only Shallow
  2. 2. Loomer
  3. 3. Touched
  4. 4. To Here Knows When
  5. 5. When You Sleep
  6. 6. I Only Said
  7. 7. Come In Alone
  8. 8. Sometimes
  9. 9. Blown A Wish
  10. 10. What You Want
  11. 11. Soon

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