laut.de-Kritik

Love & Peace und Rock'n'Roll gehen Hand in Hand.

Review von

Motorpsycho gehören zu den dreiköpfigen Formationen, die trotz ihrer personellen Limitierung musikalisch extrem offen agieren. Vergleiche zu Größen wie Rush wirken vielleicht zunächst übertrieben, sind jedoch beim Blick auf das Œuvre nicht von der Hand zu weisen. Die Unterschiede zwischen den Alben fallen bisweilen so groß aus, dass einzig Gesang und einige spielerische Manierismen zum Wiedererkennungswert beitragen.

Ähnlich der musikalischen Entwicklung von Amplifier seit "The Octopus" traten die Norweger seit "The Death Defying Unicorn" ein wenig auf die Bremse und veröffentlichten Alben, die eher in Richtung Artrock wiesen. Das letzte Motorpsycho-Album "Here Be Monsters" fiel regelrecht ruhig und gleichförmig aus.

Die Hinwendung zu einem dynamischen und verspielten Sound im Jahre 2017 fußt auf mehreren Gründen. Langzeitschlagzeuger Kenneth Kapstadt verließ die Band Mitte 2016. Das Getöse um den Wechsel hielt sich in Grenzen, wohl auch weil mit Thomas Järmyr schnell Ersatz parat stand. Und der studierte Drummer bringt mehr Struktur in die abwechslungsreiche Musik des neuen Outputs, weiß wann er zu lärmen hat oder sich in Zurückhaltung üben muss.

Kapstadts Band "Spidergawd" dürfte für die beiden Gründer Bent Sæther und Hans Magnus Ryan ein Arschtritt hin zu wieder härteren Gangarten gewesen sein. Auch die Teilnahme als Begleitband an einem Musical im vergangenen Winter dürfte dazu beigetragen haben, einen musikalischen Schlenker zu fahren.

"The Tower" nennt sich nun das neue Monstrum aus dem norwegischen Frankenstein-Labor für artifizielle Tonkunst. Dabei gibt es kein durchgängiges Konzept, geschweige denn wiederkehrende musikalische Themen. Vielmehr folgt die Band einer linearen, minutiösen musikalischen Ausleuchtung des lyrischen Geschehens und bedient sich ihrem Stream Of Consciousness folgend höchst unterschiedlicher musikalischer Sprachen. So gibt zumindest die biblische Sage vom Turmbau zu Babel mit dem Thema Sprachverwirrung die musikalische Marschrichtung vor.

Los gehts mit kraftvollen Riff-Rockern, die gehörig Staub aufwirbeln und an wilde Urzeitviecher im Wüstensand erinnern. Das Eröffnungsdoppel ist heavy as fuck und lässt die letzten Releases von Mastodon ziemlich alt aussehen. "A.S.F.E." wildert bei Black Sabbath und nimmt den Hörer mit einem straighten Riff auf einen paranoiden Trip mit Nackenmuskelkater-Garantie.

Folkige Einschübe wie "Stardust" oder "The Maypolet" mit betörenden Crosby, Stills, Nash And Young-Harmonien sind poppige Kleinoden voller fantastischer Melodien für die selbst ein Steven Wilson seine rechte Hand geben würde. Hier wird geschwelgt und geträumt, während andere Songs pures Adrenalin durch den Körper pulsieren lassen.

Dann gibt es noch die psychedelischen und progrockigen Anklänge die ihre Urväter Yes, Jethro Tull oder King Crimson in Ehren halten, ohne in plakative Selbstzitation zu verfallen, nachzuhören auf "A Pacific Sonata" oder "Ship Of Fools", die zusammengenommen eine halbstündige Odysee durch die Tiefen der menschlichen Seele bilden.

Dass der Hörer trotz Nebelschwaden und Staubwolken den Durchblick behält, liegt am einprägsamen, britisch-beatlesken Gesang, der bei allem Krach immer melodiösen Gitarre und der kraftvollen Rhythmus-Gruppe. Ähnlich der letzten The War On Drugs entstand "The Tower" unter kalifornischer Sonne sowie unter dem Eindruck der Wahl in Amerika. Wen wunderts, dass Love & Peace und Rock'n'Roll hier Hand in Hand gehen. Motorpsycho bewegen sich mit dieser Platte in schwindelerregenden künstlerischen Höhen: Tief Luft holen und genießen.

Trackliste

CD1

  1. 1. The Tower
  2. 2. Bartok of the Universe
  3. 3. A.S.F.E.
  4. 4. Intrepid Explorer
  5. 5. Stardust
  6. 6. In Every Dream Home (There's a Dream of Something Else)

CD2

  1. 1. The Maypole
  2. 2. A Pacific Sonata
  3. 3. The Cuckoo
  4. 4. Ship of Fools

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LAUT.DE-PORTRÄT Motorpsycho

Aus Norwegen stammt manch interessante Band, man denke nur an A-ha oder die Dirty Street Punk'n'Roll-Fraktion der 90er mit Namen Hellacopters, Gluecifer …

3 Kommentare

  • Vor 2 Monaten

    Ambitioniert trifft es irgendwie. Dabei machen Motorpsycho vom Sound nicht besonders viel anders als sonst und lehnen sich musikalisch etwas zurück. Hier ein bisschen was von "Timothy's Monster", da ein bisschen " Trust Us", dort "The Death Defying Unicorn". Aus jeder Schaffensphase ist irgendwie was dabei. Bisher bin ich erst einmal dazu gekommen, es komplett zu hören. Weitere Durchgänge folgen. Deswegen noch keine Wertung.

  • Vor 2 Monaten

    Motorphsycho sind wieder (mal) da und liefern wie so oft. Sehr leicht zugänglich, wirkt teilweise wie ein Jam...teuflisch perfekt portionierte Dynamik. Viele Songs haben durchaus Ihre Länge aber es flutscht nur so und die Zeit geht rum wie nix. Es kann nur 5/5 geben.

  • Vor 2 Monaten

    Die haben allein schon aus Sympathie-Gründen 5/5 verdient.