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Von einer Band aus dem nordenglischen Manchester darf viel erwartet werden. Nicht jedoch, dass sich ebendiese in psychedelisch angehauchtem Alternative-Rock ergeht. Die Garagenrock-Hysterie, die anno 2003 auf der Insel herrschte, verführt dazu, hinter vielen Newcomern einige White Stripes-Klone oder The Strokes-Derivate zu vermuten. Im Falle Amplifier (deutsch: Verstärker) könnte diese Einschätzung falscher kaum sein.
Auf eine vernünftige und druckvolle Produktion legen Sel Balamir (Gesang, Gitarre), Neil Mahony (Bass) und Schlagzeuger Matt Brobin gesteigerten Wert. Der Einsatz dieses Mittels kommt den starken und ausdrucksvollen Songs des Trios sehr entgegen. Leicht verdauliche Kost präsentieren sie ihren Hörern indes nicht. Massenkompatibel ist anders. Mit epischen Songs, die nicht selten die sechs Minuten-Grenze überschreiten, fordern sie den Hörer. Hat der sich aber dazu aufgerafft und schenkt dem Trio mehr als nur die gewöhnliche dreiminütige Aufmerksamkeitszeit eines Popsongs, so wird er mit Klangsphären belohnt, die einiges an Charisma besitzen. Das liegt nicht nur an Sels gefühlvollem Gesang. Instrumentierung, Arrangements und Melodien der Amplifier-Stücke erweitern die Halbwertszeit um ein Mehrfaches.
Drei Jahre lassen sich Amplifier Zeit, um ihre Einflüsse in die Kreation des Bandsounds einfließen zu lassen. Eigenaussagen zufolge kulminieren Led Zeppelin, The Who, The Police, Mogwai, Massive Attack und David Bowie in ihrer Definition des modernen Alternative Rocks. Ob das Ergebnis dann auch tatsächlich das "biggest three piece in the world" ist, wie sie selbstbewusst auf ihrer Homepage verkünden, sei dahingestellt, aber eine gewisse Überheblichkeit dürfen sie sich angesichts der zehn Songs ihres Debütalbums schon erlauben.
Am Ende der Entwicklung zu einer ernsthaft ambitionierten Band, steht der Abschluss eines Labeldeals mit Music For Nations, das in Zusammenarbeit mit Zomba das selbstbetitelte erste Album 2004 weltweit veröffentlicht. Balamir, Mahony und Brobin spielen den Erstling unter der Mithilfe des Produzenten Steve Lyon (The Cure, Depeche Mode) ein, wobei Sel einen Großteil der Arbeit übernimmt. So ist auch sicher gestellt, dass nur das auf die Platte kommt, was der Band auch passt.
Am 3. November 03 erscheint auf der Insel die Vorab-Single "The Consultancy" und von Ende November an sind sie als Support für Therapy? auf deren England-Tour unterwegs. Mit diesen verstehen sie sich prima und auch die Leute im Publikum, die hauptsächlich wegen des Hauptacts den Weg in die Konzertsäle finden, zollen ihnen Beifall. Somit steht einer erfolgreichen Eroberung des restlichen Kontinents eigentlich nichts mehr im Wege.
Verkaufstechnisch kommt die grandiose Platte aber - trotz euphorischen Presseechos - leider nicht so recht aus dem Quark. Das könnte auch auf die mangelnden Touraktivitäten zurück zu führen sein, denn Amplifier konzentrieren sich hauptsächlich auf ihre Heimat. 2005 ordnen sie ihr Umfeld neu, damit endlich jeder mitbekommt, welch musikalische Perle ihm bislang entgangen ist. Mit SPV ziehen sie einen neuen Label-Deal an Land. SPV wirft das Debüt mit einer zusätzlichen EP erneut auf den Markt. Damit aber noch nicht genug für 2005. Im Oktober erscheint - in Anspielung auf den Film 2001 - die EP "The Astronaut Dismantles Hal". Etwas sperriger gehen Amplifier hier zur Sache.
Während sich Fans und Kritiker noch am neuen Material erfreuen, arbeitet das Trio bereits am Zweitling. Mitte September 2006 erscheint "Insider", das wieder etwas songorientierter zur Sache geht. Auch auf dem diesem Werk bieten Amplifier dem Hörer einen sagenhaft faszinierenden Hörgenuss im Breitwand-Format mit dem dazugehörigen knallenden Sound. Balamir, Mahony und Brobin bewältigen den gewagten Spagat zwischen ausgefeilten, vertrackten Songstrukturen und einer satten Portion kraftvollem Rock scheinbar spielend leicht.
Hernach wird es um die Band etwas stiller, was Veröffentlichungen angeht. Zwar schieben sie die nur als Download erhältliche EP "Eternity" unters Volk, aber auf ihr lange angekündigtes drites Album wartet man weiterhin. Ohne Label und in Eigenregie- muss diesmal alles stimmen. Bloß keine halbgaren Sachen!
Ihre treue Gefolgschaft spannen sie drei Jahre auf die Folter, während derer sie unentwegt am Doppel-Album "The Octopus" basteln. Über zwei Stunden Musik satt gibts dafür ab Januar 2011 auf die Ohren. Eigentlich sollte die Scheibe als Doppelalbum "The Octopus/Mystoria" erscheinen. Letztendlich wollen sie aber zwei Projekte daraus machen. Der zweite Teil erscheint aber nicht wie angekündigt 2012.
Laut eigener Aussage macht die Band mit "The Octopus" mehr Geld als noch zu Zeiten, als sie bei einem Label unter Vertrag standen. Eigentlich stehen jetzt alle Zeichen auf Sturm. Die Konzerte im Anschluss an den Octopus-Release sind gut besucht, die Stimmung steigt. Als Dankeschön schieben Amplifier die Gratis-EP "The Fractal" nach.
So könnte es eigentlich weitergehen. Im April 2012 kommen die Engländer dann aber wieder einmal mit einer schlechten Nachricht um die Ecke: Neil Mahony verlässt die Band. An seiner statt zupft in Zukunft Alex Redhead die dicken Stahltrossen. Ferner steigt der ehemalige Oceansize-Klampfer Steve Durose nach dem Ende seiner Combo fest bei Amplifier ein.
Sel Balamir über die schwere Geburt von "The Octopus" und enttäuschte Fans.
Ich erwische Sel Balamir, Gitarrist, Songschreiber, Manager, Marketingchef und Sänger von Amplifier in einer spannenden Phase seines Lebens am Telefon. Das Baby "The Octopus", an dem er mit seinen beiden Mitstreitern Neil Mahoney (Bass) und Schlagzeuger Matt Brobin über drei Jahre unermüdlich gearbeitet hat, steht kurz vor der Veröffentlichung.
Alles fiebert auf den Release hin, um zu sehen, ob die Band überhaupt noch eine Zukunft hat. Es scheinen doch noch bessere Zeiten anzubrechen, nachdem es vor nicht allzu langer Zeit noch sehr düster um das Trio bestellt war.
Die typischen Abzocker-Deals machten es den Mancunians schwer, im gnadenlosen Business zu bestehen. Mittlerweile haben Amplifier aber ihr Schicksal in die eigene Hand genommen und bestellen den Acker, der die Früchte ihrer Arbeit abwerfen soll, komplett selbst.
Ein etwas angespannter, aber stets freundlicher Sel Balamir steht am Telefon Rede und Antwort. Dass dieser Musiker mit Leib und Seele Künstler ist, hört man seinen enthusiastischen Auslassungen zu jeder Zeit an.
Sel Balamir: Alles, was mit diesem Album zu tun hat, entstand aus Leidenschaft. und genau diese Zuneigung und Leidenschaft bekommen wir jetzt auch wieder zurück. Wenn wir mit unserem ersten Album einigermaßen erfolgreich gewesen wären, dann hätten wir mit unseren Hörern gar nicht die Interaktion, wie wir sie jetzt haben. Von Leuten die es interessiert, was wir machen. Und nicht nur das. Wenn diese Leute sagen, dass sie unsere Musik wertschätzen, dann meinen die das auch aus tiefstem Herzen und sagen das nicht nur so dahin.
Was ist das für ein Gefühl? Wenn man bei euch ins Forum schaut, bekommt man den Eindruck, dass es viele gibt, die eine behutsame Zuneigung zu "The Octopus" und eurem Werk entwickelt haben. Wie ist das, wenn das von Menschen kommt, die eine halb Ewigkeit auf den Release gewartet haben?
Es ist zumindest eine lange Zeitspanne, um die Aufmerksamkeit hoch zu halten. Ich bin froh, dass die Hörer es mögen und auch wenn es jemand hassen würde, wäre das ok. Ich persönlich bin zu 100% stolz auf jeden Aspekt von "The Octopus", und auch wenn jeder Kritiker auf der Welt es hassen würde, wäre mir das egal. Wenn mein Kind aufwächst und sich irgendwann einmal für Musik interessiert, würde ich ihm die Platte in die Hand drücken und sagen: 'schau, so wirds gemacht'. (lacht)
Glaubst du nicht, dass es in Zukunft schwierig sein wird, dieses Level noch einmal zu toppen?
Darüber habe ich noch nicht einmal nachgedacht, das würde mich nur depressiv machen. (lacht) Doch, ernsthaft. Ich habe es schon einmal gesagt, dass dies das beste sein wird, was wir jemals machen werden. Es muss es einfach sein, denn wir haben so lange für die Fertigstellung gebraucht und haben so viel hinein gesteckt. Da wir mittlerweile auch ein gewisses Alter erreicht haben, dürfte es fast unmöglich sein, so etwas auch physisch noch einmal zu stemmen. Das war eine einzigartige Chance, die sich uns bot, weil sich unsere Karriere eben so entwickelt hat. Wir mussten niemandem Rechenschaft ablegen, wussten aber immer noch, dass es Leute gibt, die unser Album kaufen wollen, zwar nicht sehr viele, aber immerhin. Wir werden vielleicht nie besser werden, aber das kann ich für mich so hinnehmen.
Wir haben so lange an "The Octopus" gearbeitet, dass wir jetzt nicht sagen können 'das wars'. Es ist für uns weit mehr als ein Album. Eher so etwas wie ein archäologisches Experiment. Wir wollen mit dem Logo gerne etwas Virales machen, so dass es gar nicht mehr mit der Band Amplifier in Verbindung gebracht wird; mehr wie ein kulturelles Symbol. Alle, die "The Octopus" kaufen, sind ein Teil davon. Das, was in dem Buch steht (Text, der "The Octopus" beiliegt, Anm. der Red.), hat nicht wirklich eine feste Bedeutung, es dreht sich eher um einen bestimmten Vibe, nenne es Kult oder Religion ... so wie Scientology ... who knows. (lacht) Alles ist offen. So wie wir, wir sind auch offen für alles Mögliche.
Ich habe meine Kollegen auch schon genervt. Ich habe die kleinen Aufkleber auf jeden Monitor geklebt.
Nicht auf den Escape-Button? (lacht) Wir haben uns über die kleinen Sticker Gedanken gemacht und wie wir die am besten Verwenden können, weil sie ja auch so winzig sind.
In der Tat
Und zwar gibt es in Großbritannien bei jedem Bankomaten die üblichen Tasten mit Ziffern, Bestätigung, Korrektur, Abbruch. Und überall gibt es eine Taste, auf der gar nichts steht. Auf jeder einzelnen dieser Tasten soll in Zukunft ein kleiner Octopus kleben.
Interessante Idee
Ja, aber eine, die man auch in die Tat umsetzen kann. Absolut; quasi als Markierung des eigenen Territoriums. Überleg doch mal. Jeder geht zum Bankomaten. Die Queen oder der Arbeitslose, der sich seine Stütze holen muss, alle müssen zum Automaten.
Bei der Queen habe ich so meine Zweifel. Aber lass uns mal schauen, wie das funktioniert.
Ja, mal schauen. Aber wir haben ja Zeit, wir können das über fünf oder zehn Jahre hinweg machen. Wir müssen einige Platten verkaufen, um überleben zu können. Es ist schwer für eine Band, die ein künstlerisches Konzept verfolgt, die Balance zwischen Kunst und Kommerz zu bewahren. Man muss auch die eigene Familie ernähren.
Ich habe nachher noch Gespräche mit Leuten, die unser Album in (Online-)Shops bringen, aber eigentlich passt das nicht so recht. Alleine die Vorstellung, dass man einen Strichcode auf das Album machen müsste, macht mich krank. Man muss eben beide Aspekte unter einen Hut bringen.
Könnt ihr von den Verkäufen des Albums leben?
Well, bislang haben wir schon mehr Geld gemacht als mit allen Plattenverkäufen der Vergangenheit. So beschissen waren unsere Verträge bislang. Aber ich denke, wir sind nicht die einzige Band. So läuft die Scheiße eben. Wenn wir jetzt am Tag zehn Alben von "The Octopus" verkaufen, nehmen wir mehr ein als vorher und derzeit verkaufen wir mehr als zehn pro Tag. Das Hauptproblem der Musikindustrie ist, dass ihnen die Fans eigentlich am Arsch vorbei geht. Für sie sind die Fans nur das Ende der Produktlinie und sollen gefälligst Geld einbringen, das über deren Infrastruktur reinkommt.
Die einzige Infrastruktur, die wir haben, sind die Menschen, die für unsere Musik Geld ausgeben. Aber ich betrachte diese Leute bei dem, was ich tue nicht als Ende einer Produktlinie sondern als Startpunkt.
Das ist ein schöner Standpunkt. Auf der anderen Seite habe ich auch die Entwicklungsgeschichte des Albums etwas verfolgt. Ein paar Stunden nachdem ihr die ersten Exemplare verschickt habt, stand das Teil schon auf sämtlichen Torrents zum illegalen Download. War das nicht eine traurige Erfahrung?
(Lacht)Wenn du "Amplifier" und "The Octopus" bei Google eingegeben hast, hast du am ersten Tag auf den ersten dreißig Seiten nur Torrent-Links als Treffer erhalten. Das war tarurig. Die, die es hochgeladen haben, haben es anscheinend nicht verstanden, dass eine Band mit unserem Background auf die Verkäufe angewiesen ist. Als das Album als Download bei den Torrents auftauchte, haben wir drei Tage lang keine einzige CD verkauft. Ich habe einige Zeit darauf verwendet, zu versuchen, dass die Links wieder runter genommen werden, aber das ist unmöglich. Diejenigen, die das uploaden, denken, das hätte keine weitere Auswirkungen, aber die hat es definitiv. Diese Typen denken, dass die Leute das Album runterladen, sich das anhören und dann trotzdem kaufen werden, aber das ist ein Märchen. Da stimmt einfach nicht.
Nimm unsere ersten beiden Alben, da kriegst du echt die Krise. Wenn du auf last.fm gehst, hast du hunderttausende, die dein Album haben sollen. Aber wir wurden vielleicht für ein paar tausend bezahlt, speziell beim Debüt. Man sollte endlich mal mit dem Märchen aufräumen, dass Torrents Alben-Verkäufe befördern würden. Das mag bei einem von Tausend so sein, aber wenn man das umsonst haben kann, wieso sollte man dann dafür Geld ausgeben? Einige von denen werden sich vielleicht ein Shirt über die Webseite bestellen, weil sie uns nicht live sehen konnten. Das Problem ist nur: woher sollen wir das Geld nehmen, um auf Tour gehen zu können? Das ist ein Teufelskreis. Aber ich habe höchste Wertschätzung für diejenigen, die uns unterstützen. Das hat was von Charity. (lacht)
Das hat ja eher was von geben und nehmen. Ihr gebt eure Musik und der Hörer geben euch ein bisschen Geld für eure Mühen.
Kunst und Kommerz sind eben keine einfachen Bettgenossen. Hier die Balance zu finden ist unglaublich schwer. Ich habe Leute gesehen, die erfolgreich wurden. Ich hingegen habe mich die letzten zehn Jahre mit dem kompletten Gegenteil befasst- die Kombination aus diesen beiden Polen ist "The Octopus". Als Künstler wäre die Idealsituation die, dass sich jemand um die monetäre Seite deiner Kunst kümmert, ohne deine Ideale zu verraten. Die Musikindustrie hat sich von diesen Idealen aber verabschiedet.
Jetzt sieht es so aus, dass ihr alles selbst macht, also jeden Aspekt, über Produzieren, Marketing, etc.?
Alles. Nimm zum Beispiel die Special Edition-Bücher, die wir gemacht haben. Wir haben an drei Tagen über 14 Stunden pro Tag nichts anderes gemacht, als die Bücher zu widmen, sie zu signieren, sie in Umschläge zu packen, frankieren und sie zur Post zu bringen. Drei Tage! Ganz zu schweigen vom ganzen organisatorischen Kram, wie zum Beispiel die Organisation von Interviews wie diesem hier. Also einfach all das, was normalerweise eine Plattenfirma für dich macht.
Wie sieht es eigentlich mit deiner Hand aus, nachdem du über 500 mal deinen Namen in ein Buch kritzeln musstest? Kannst du noch Gitarre spielen?
(lacht) Ich weiß, was du meinst, aber ich muss halt machen, was ich machen muss. Ich bin ein Hustler. So fühle ich mich zumindest. Ich kann mich ja jetzt, wo alles fast fertig ist, nicht vor der Arbeit drücken.
Definitiv. Wir müssen die Sachen, die wir in Zukunft machen, vierteljährlich planen. Jetzt machen wir Interviews und die ganze Promo. Erst dann werden wir auf Tour gehen. Aber wenn wir jetzt mit "The Octopus" losziehen, werden wir nicht das komplette Programm spielen, sondern vielleicht ein Viertel oder die Hälfte davon. Das wird auch schon schwierig werden, weil viel davon improvisiert ist und es nicht sehr realistisch wäre, das aus dem Stand auf die Bühne bringen zu wollen. Wir werden das mit altem Material mischen und vielleicht in den nächsten Jahren einmal in der Lage sein, das komplette Konzept auf die Bühne zu bringen und eine Produktion dafür zu entwickeln. Man kann einen Film daraus machen oder was auch immer. Ich habe Gedanken im Kopf, so etwas wie ein Planetarium zu machen oder so etwas Ähnliches. Jetzt geht es eben darum, so etwas zu entwickeln und hoffentlich auch das Budget zusammen zu bringen.
Früher wäre das nicht möglich gewesen, denn Labels arbeiten in einem zyklischen System, so dass man eigentlich alle 18 Monate etwas Neues heraus bringen müsste. Außer, man ist auf einem Level, dass von vorneherein ein Tour-Budget einschließt. Ansonsten hat man überhaupt keine Chance, irgendetwas zu entwickeln.
Du steckst also über beide Ohren in der "Octopus"-Geschichte?
In jedweder Dimension.
Ich frage deshalb, weil ich die ersten paar Seiten des Textes gelesen habe, der dem Album beiliegt und ich kam mir vor wie in einem Logik-Seminar an der Universität.
Ja, ist auch ein bisschen so. Das ist so, als ob sich Wittgenstein und Byron treffen würden. Es bedeutet alles und nichts, eine Art Informations-Wolke. Ja, genau das ist es. Ein Modell dafür, was "The Octopus" darstellt, ein nebulöses Konzept.
Ich hab mich gefühlt wie bei einem gepflegten Hirnfick, als ich es durchgelesen habe
Ja, das ist es, so wie ein Computer-Crash. Alle Behauptungen in diesem Text sind zirkulär, gehen im Kreis herum und münden in Krach und Informations-Chaos.
Apropos Information. Irgendwann habt ihr angefangen, Newsletter oder Statements auf eurer Homepage auch auf Deutsch zu veröffentlichen. Habt ihr hier eine so große Fangemeinde, dass ihr das machen musstet?
Unsere Anhängerschaft in Deutschland ist so substantiell, dass es töricht wäre, das nicht zu tun. Wenn du in Amerika oder England lebst, bist du oft so anglo-zentriert, dass du vergisst, dass nicht jeder Englisch spricht. Das ist eine Falle, in die man tappen kann. Ich bin einmal mit meiner Gitarre dagesessen und habe gemerkt, dass es nicht gut wäre, wenn über die Hälfte unseres Publikums den Text, den ich geschrieben habe, nicht versteht. Damit würden sie einen wichtigen Teil verpassen. Ich habe Glück, dass ich eine Freundin habe, die gut übersetzen kann.
Jetzt wo es abzusehen ist, dass mehr und mehr Leute "The Octopus" kaufen und ihre Namen in den nächsten Editionen verewigt werden (jeder, der das Album kauft, wird in der nächsten Auflage namentlich erwähnt, Anm. der Red.), würde ich auch gerne das Buch erweitern. Nicht nur um weitere Kapitel des Artworks, sondern um weitere Kapitel über "The Octopus", das Dasein oder was auch immer. Das, was bislang darin steht, sind nur meine persönlichen Gedanken. Überleg mal, jeder hat doch etwas über sein Leben zu erzählen, was anderen zugute kommen könnte.
Also "The Octopus" eher wie ein Konzept oder Lifestyle?
Das Konzept ist ein Konzept!
Oder ist das Konzept, kein Konzept zuhaben?
Es ist nicht so, dass wir nur dudeln und ein bisschen Musik machen. Der Punkt ist, Musik ist nicht das Endprodukt des Lebens, sondern nur ein Nebenprodukt. Wir haben uns gefragt, was das Octopus-Symbol bedeuten kann. Im Moment bedeutet es gar nichts, es symbolisiert unser Album. Ich möchte, dass die Menschen das mit Inhalt füllen. Nimm zum Beispiel das Kruzifix. Jeder hat eine bestimmte Vorstellung über dessen Bedeutung.
Deshalb finde ich auch das der Comic zu Beginn eine gute Einführung ist. Irgendwie kann der ja alles und nichts bedeuten ...
Ja. Wir hatten auch keine Zeit, allzu viel als Comic umzusetzen. Vielleicht kommt später noch mehr. Moment, entschuldige mich kurz.
(Sel sagt seiner kleinen Tochter gute Nacht)
So. back to business.
Aye! Sag mal, am Ende von "Interstellar" gibts eine Hommage an Pink Floyd, "set the controls for the heart of the sun". Was hat es denn damit auf sich?
Das basiert auf einem Insider-Joke unter uns dreien. "The Octopus" ist einfach unser "Dark Side Of The Moon". Das soll jetzt keine Hommage sein, "The Runner" ist ein bisschen wie der Anfang von "Shine On You Crazy Diamond", aber als Hommage sollte man das nicht verstehen.
Zu Beginn nicht. Wir hatten am Anfang ein paar Riffs und nach und nach hat sich das immer weiter ausgedehnt, wurde größer und größer und größer und länger und länger, bis wir nahezu vier Stunden Material beisammen hatten. Das teilten wir dann auf zwei Parts auf. Das eine wurde zu "The Octopus" und der andere Teil ist Bestandteil eines Albums, das wir noch nicht fertig gestellt haben. Als wir "The Octopus" weiter entwickelt haben, hat sich dann einfach heraus gestellt, dass das nicht auf eine CD passen würde. Außerdem dachten wir auch, dass ein Doppel-Album ein besseres Statement sein würde als eine normale CD. Gerade vor dem Hintergrund, dass wir mit der Fertigstellung so lange gebraucht haben.
Für uns war es wichtig, den Leuten einfach mehr zu geben als das, was sie sich erwartet und erhofft haben. Wir wollten alle überraschen. Wie eine Flutwelle sollte das sein. Deshalb ist auch die Buch-Edition größer, weil es einfach so sein musste. Ich hätte beim Text auch nur acht Seiten schreiben können, aber irgendwie musste das größer ausfallen.
Sehe ich das richtig? Ihr habt also immer noch Material in der Hinterhand, das ihr veröffentlichen wollt?
Oh ja. Ein weiteres Album ist schon zu 75% fertig gestellt. Wie müssen das zwar noch weiter entwickeln, aber wir können darauf zurück kommen, wann wir wollen. Es besteht kein Grund, in Hektik zu verfallen. Wir müssen keine Verkaufs-Quoten oder Business-Pläne erfüllen. Wir könnten den Rest unseres Lebens damit zubringen, "The Octopus" weiterzuentwickeln. So wie Mr. Heintz mit seinen Bohnen daher kam. Er hatte sicherlich nicht lange für die Idee gebraucht, hat sie dann den Rest seines Lebens verkauft.
Wer ist eigentlich der Simpsons-Fan in der Band? Ich denke da an das wunderbare 'Excellent' am Ende von "White Horses At Sea", das geradewegs von Mr. Burns stammen könnte.
Ach, das ist Matt. Der redet so.
Keine Referenz an die Simpsons?
Nein, nein, nein, nein. Absolut nicht. (lacht) Da gibt es überhaupt keine Verbindung zu den Simpsons.
Ha ha! Jetzt verarsch mich mal nicht!
Wie du wünschst. (lacht)
Du hast sicherlich schon eine Menge Feedback auf das Album bekommen.
Ja. Jede Menge. Ich habe das auch aktiv betrieben und beim Verschicken der CDs immer gesagt, die Leute sollten sich bei mir melden, wenn sie die Platten bekommen. Auch deshalb, weil ich so Feedback aus den Leuten heraus kitzeln wollte. Die meisten haben tatsächlich etwas loswerden wollen. Es gab einen einzigen, der enttäuscht war. Das war ok. Er hat mir das auch gesagt. Ich wollte ihm alle Auslagen zurückerstatten, aber er wollte nicht. Einige sind schwerer zufrieden zu stellen als andere, aber eine einzige Person von 1.500 ist eine gute Quote, und nicht einmal der wollte sein Geld zurück.
Ich habe gelesen, ihr wollt unbedingt Soundgarden auf deren Reunion-Tour supporten. Ich zitiere: "Amplifier have the collective policy that no penis is too big to be sucked or complimented in order to make this happen". Was ist aus dem Vorhaben geworden?
Das wäre wirklich großartig, aber auf der anderen Seite wäre es wohl doch nicht so, wie wir uns das vorstellen. Man sollte seine Helden niemals treffen. Ich mag zum Beispiel auch The Police, aber irgendwann kommt der Punkt, wo man denkt, dass diese Typen den Biss verloren haben. Wahrscheinlich liegt es am Erfolg und nicht am Alter.
Hast du Police auf ihrer Reunion-Tour gesehen?
Nö
Besser so. Ich war ziemlich enttäuscht. Das war ein lahmes Sting-Konzert. Mehr nicht. Ein "Every Breath You Take"-Best Of Gig.
Live At Desert Fest (2013)
The Fractal (2011), Eternity (2009)
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