laut.de-Kritik

Verraten, verkannt, aber plötzlich glücklich. Fast.

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Es sollte einfach nicht sein. Weder wurde Morrissey tödlich von einem Doppeldeckerbus erfasst, noch erlebte er einen Atombombenabwurf. Am Ende beweinte ihn nicht einmal der Himmel aufgrund seiner Verdrießlichkeit. Es kam schlimmer: Seine einzige Liebe im Leben wurde ihm genommen - die Smiths lösten sich auf. Dem großen Trauerkloß ging es danach nicht anders als den meisten anderen Menschen auch: Er musste einfach weiterleben. Viva Hate! Erst im Jahr 1993 fühlte sich alles plötzlich gar nicht mehr so schlimm an.

Rückblick: Mit "Your Arsenal" gelingt dem zölibatären Dandy im Vorjahr das erste rundum gelungene Soloalbum, eine furiose Hommage an Glamrock und Rockabilly, veredelt vom alten Bowie-Idol Mick Ronson ("Ziggy Stardust") und gleichzeitig ein Knockout für die unnachgiebig nach den Smiths kreischende UK-Presse. In Amerika bricht mit diesem Album fünf Jahre nach dem Smiths-Split eine ungeahnte Morrissey-Hysterie aus, die den Kultsänger auf die Madison Square Garden-Ebene der Superstars hievt. Hotelbelagerungen und Ausschreitungen inklusive. "Du hast Alternative Music für den Mainstream salonfähig gemacht und das ohne die Unterstützung von MTV. Das ist einfach unglaublich", bejubelt ihn seinerzeit der amerikanische Sire Records-Boss. "Er hatte recht", resümiert Morrissey in seiner Autobiographie, nur um gallig zu ergänzen: "Und ich habe es auch ohne die Unterstützung von Sire Records geschafft."

Dies sagt viel aus über das Selbstverständnis des Komponisten, dessen Weg aus eigener Sicht selbst im größten Triumph stets vorwiegend von Steinen denn Nelken gesäumt war. Doch trotz all der Erfolge ist er 1993 in Großbritannien nicht mehr die unangefochtene Indie-Galionsfigur. Zum einen weckt eine junge Band namens Suede mit ihrem gleichnamigen Debütalbum gerade das Interesse der Medien, die in deren Sänger Brett Anderson einen hedonistischen Nachfolger erblickt. Und zum anderen ist er seit seinem Auftritt beim Madness-Open Air "Madstock" im Vorjahr Hassobjekt der Medien. In einen Union Jack eingehüllt tritt er vor eine Leinwand mit Fotos von Skinheads, eine im Vorfeld des Britpop-Hypes noch äußerst provokante Idee für eine Livebühne, zumal das Madness-Publikum auch aus Skinheads besteht. Ob aus Desinteresse an seiner Musik oder falscher Interpretation dieser Geste: Auf Morrisseys Bühne fliegen all die Dinge, die man für einen langen Festivaltag so in den Rucksack packt, nach nur neun Songs ist die Support-Vorstellung vorbei.

Als er danach vom NME nachhaltig als Rassist gebrandmarkt wird, teilt sein Label die Furcht vor großen Verkaufseinbrüchen, zu Morrisseys Erschrecken aber völlig andere: "Wenn diese NME-Sache irgendwie auf die Pet Shop Boys abfärbt, sind wir gezwungen zu handeln", warnt ihn ein EMI-Offizieller. Gekränkt lässt Morrissey die Anschuldigungen im Raum stehen, so dass sie weiter wuchern.

Und überhaupt: "What the fuck am I doing second on the bill to Madness?", soll er danach gewütet haben, während er in L.A. die Hollywood Bowl mit 18.000 Zuschauern für zwei Abende in 23 Minuten schneller ausverkauft als einst die Beatles. So verändert er bald den Blickwinkel und ignoriert die Lästermäuler ("All of the rumours keeping me grounded", "Speedway"). Mit den Aufnahmen zu "Vauxhall And I" kommt die Wende.

Eine "Explosion des beengten Herzens", wie er sich später erinnert. Eine in dieser Weise nicht gekannte, private Bestandsaufnahme in elf Songs, die erstaunlicherweise viele positive Momente durchblitzen lässt. Zwar weisen Morrisseys eröffnende Zeilen noch auf neuerliche Abrechnungen hin ("There's gonna be some trouble"), doch im Refrain spricht aus "Now My Heart Is Full" eine für seine Verhältnisse neue, positiv konnotierte Gelassenheit: "Now my heart is full / and I just can't explain / so I won't even try to". War Morrissey etwa ... glücklich?

Sagen wir: annähernd. Ein schweres Schicksal versucht er über das Schreiben zu verkraften. Sein Manager Nigel Thomas erleidet eine Herzattacke, kurz darauf stirbt Videoregisseur Tim Broad, mit dem er elf Clips drehte und nur einen Monat später Produzent Ronson an Krebs. Innerhalb weniger Wochen verliert Morrissey drei enge Vertraute.

Doch zu jener Zeit findet er auch für zwei Jahre einen Seelenverwandten ("For the first time in my life the eternal 'I' becomes 'we', as, finally, I can get on with someone"), wie er in seiner Autobiographie wehmütig protokolliert und diese für ihn scheinbar völlig neuen Gefühlswelten, gepaart mit der vorübergehenden Akzeptanz des fortschreitenden Alters, fließen in einen von melancholischer Grandezza getränkten Eröffnungssong.

Für alle offensichtlich ist die neue Liebe, die er zu seiner Band entwickelt. Jahrelang muss er sich eingestehen, dass kein Partner seine Texte so akzentuiert vertont wie der fahnenflüchtige Johnny Marr, dann begegnet er dem Gitarristenpaar Boz Boorer und Alain Whyte - die Chemie stimmt von Tag eins.

Nach dem ersten Testlauf "Your Arsenal" versteht sich das Trio auf "Vauxhall" blind: Morrisseys Songs über unstillbare Gelüste und vorsichtig optimistische Zufriedenheit kleiden beide in tiefgehende, zumeist ruhige Songs. Boorers "The More You Ignore Me, The Closer I Get" wird zu Morrisseys erfolgreichster US-Single, in der er praktisch das Thema Stalking vorwegnimmt. Die Zeile "Beware! / I bear more grudges / than lonely High Court judges" liest er zwei Jahre später als Überschrift in vielen Zeitungen, die Tag für Tag genüsslich den Gerichtsstreit der ehemaligen Smiths-Mitglieder begleiten.

Whyte brilliert mit dem getragenen "Hold On To Your Friends", und Morrissey revanchiert sich mit einem Text über echte Freundschaft, mit eingebautem Seitenhieb auf das von Marr herbeigeführte Ende der Smiths ("A bond of trust has been abused"). Als weiteren Glücksgriff stellt sich die Wahl des Produzenten Steve Lillywhite heraus. Obwohl Morrissey das Gefühl bemächtigt, Lillywhite habe "wenig Geduld mit meinen I-refuse-to-be-born-Lyrics", wird er für zwei weitere Alben an Bord bleiben.

Ohne den raumgreifend expansiven, dabei aber schwerelosen Sound des U2- und Peter Gabriel-Produzenten wäre "Vauxhall And I" wohl nur halb so faszinierend. In großartigem Einklang gehen Wärme und Zielgerichtetheit mit den Texten Hand in Hand und versüßen die nach wie vor vorhandene Bitterkeit.

Schon in Boorers "Spring-Heeled Jim" gelingt es Lillywhite, haufenweise Samples aus der 50er Jahre-Doku "We Are The Lambeth Boys" über die britische Arbeiterklasse so zu platzieren, das sie der Atmosphäre zuträglich sind. Das stürmische "Billy Budd" ist der einzige Track, der auch auf "Your Arsenal" gepasst hätte. In der Mitte des Albums platziert Morrissey das fast schon frohgemute "Why Don't You Find Out For Yourself", eine Art folkige Rückbesinnung auf alte Smiths-Tage, auch textlich, wo er selbstgefällige Plattenfirmenvertreter nur noch verhalten sarkastisch angreift: "Some men here / they have a special interest in your career / they wanna help you to grow". Bevor er dem Verdacht der Altersmilde ausgesetzt ist, legt er am Songende nach: "I've been stabbed in the back / so many many times / and I don't have any skin / but that's just the way it goes."

"I Am Hated For Loving" leitet über in die wehmütige Ausklangphase, besonders "Lifeguard Sleeping, Girl Drowning" setzt mit Boorers klagender Klarinette hier gleich den Ton. Der Walzer "Used To Be A Sweet Boy" behandelt ein bei ihm immer wiederkehrendes Kinder-Motiv ("Suffer Little Children"), eine langsame Elegie eines Jungen, der Vaters Hand hält und trotz eines schwierigen Verhältnisses sein Lächeln bewahrt, was sich auch auf die Trennung seiner Eltern beziehen könnte, als er 17 Jahre alt war.

"Speedway" ist ein herausragender Abschluss für das Album und ein zentraler Song in Morrisseys Karriere. Einmal mehr zeichnet er sich darin als autarke, von keiner noch so mächtigen Organisation beeinflussbare Person. Musikalisch begleitet wird diese unbeugsame Haltung mit dem abrupten Einsatz einer Kettensäge nach der Eingangszeile "And when you slam down the hammer / can you see it in your heart?". Wenig verwunderlich, dass sich eine Morrissey-Fanseite, die bald vom Meister selbst als offizielles Verlautbarungsorgan genutzt wird, für den eigenen Namen bei "Speedway" bedient: "In my own sick way / I'll always stay true to you".

Als "Vauxhall And I" im März 1994 erscheint, erreicht das Album trotz weitgehender Medien-Ignoranz Platz eins der britischen Charts, verdrängt zumindest für eine Woche Mariah Careys "Music Box" und setzt doppelt so viele Exemplare ab wie Pink Floyds "The Division Bell". Doch schon im Folgemonat erscheint "Parklife" und im Herbst schließlich "Definitely Maybe", die das Land in eine Union Jack umhüllte Feier-Nation verwandeln. Von Morrissey spricht nun endgültig niemand mehr, mit Ausnahme von Thom Yorke, der im Folgejahr zur "The Bends"-Veröffentlichung von Radiohead Vergleiche zu "Vauxhall And I" zieht.

Es wird Morrisseys letztes erfolgreiches Album in diesem Ausmaß, das ihm sicher dabei behilflich war, seinen Lebensmittelpunkt kurz darauf in ein von Clark Gable konzipiertes Herrenhaus in die Hollywood Hills zu verlegen, direkt neben das Anwesen von Johnny Depp. Erst 2004 triumphiert er wieder, ironischerweise mit dem musikalisch seelenverwandten "You Are The Quarry".

"Mit 'Vauxhall And I' kehrte endlich Frieden ein, in sehr großzügigen Schüben, die mich dümmlich grinsend zurück ließen", schreibt er in "Autobiography". Ein Gefühl, das die Platte, die 2014 remastered und inklusive eines 1995er-Livemitschnitts erneut erscheint, bis heute vermittelt.

In der Rubrik "Meilensteine" stellen wir Albumklassiker vor, die die Musikgeschichte oder zumindest unser Leben nachhaltig verändert haben. Unabhängig von Genre-Zuordnungen soll es sich um Platten handeln, die jeder Musikfan gehört haben muss.

Trackliste

  1. 1. Now My Heart Is Full
  2. 2. Spring-Heeled Jim
  3. 3. Billy Budd
  4. 4. Hold On To Your Friends
  5. 5. The More You Ignore Me, The Closer I Get
  6. 6. Why Don't You Find Out For Yourself
  7. 7. I Am Hated For Loving
  8. 8. Lifeguard Sleeping, Girl Drowning
  9. 9. Used To Be A Sweet Boy
  10. 10. The Lazy Sunbathers
  11. 11. Speedway

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