Porträt

laut.de-Biographie

Michelle Shocked

"I can't tell you where I'm going. But I can tell you where I come from." Eine Selbsteinschätzung, die auf Leben und Werk Michelle Shockeds gleichermaßen zutrifft. Wenn man der texanischen Singer/Songwriterin eines nicht vorwerfen kann, so ist es, biographisch wie musikalisch betrachtet, Absehbarkeit. Als Karen Michelle Johnston am 24. Februar 1962 in Dallas das Licht der Welt erblickt, kann wirklich niemand ahnen, dass die Göre aus Texas ohne es zu merken die britischen Indie-Charts stürmen sowie zweimal für den Grammy nominiert werden soll.

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Zunächst sieht es nicht danach aus. Michelle wächst im Haushalt ihrer fundamentalistisch-mormonischen Mutter in Gilmer/Texas auf, wo sie die Highschool besucht. Die Sommer verbringt sie gemeinsam mit ihrem Vater, der sie mit der Musik von Countryblueslegenden wie Big Bill Broonzy und Leadbelly, aber auch mit zeitgenössischen Songwritern wie Randy Newman vertraut macht. Michelles Vater legt das Fundament für ihre tiefe Verwurzelung in der Tradition von Bluegrass, Blues und Texas Swing, die sich bin heute in ihren Songs ausdrückt. Die Mutter kann dem nur wenig abgewinnen; die ständigen Differenzen gipfeln in Michelles Auszug von zu Hause. Gerade mal eben 16 Jahre alt, ist sie auf sich allein gestellt und lernt früh, sich durchzuwursteln. Ohne jegliche finanzielle Unterstützung seitens der Eltern meistert sie ein Studium an der University of Texas in Austin.

Mit dem Bachelor in der Tasche hält sie nichts mehr. In den frühen 80er Jahren schreibt sie erste eigene Lieder, spielt Geige und Mandoline und tingelt mit diversen Straßenmusikkapellen durch Kalifornien. Der Weg führt in die Hardcorepunkszene von San Francisco, Michelle - oder 'Chel, wie sie genannt wird - kommt in Kontakt mit den Dead Kennedys und MDC. In dieser Zeit entsteht aus einem Wortspiel ihr Pseudonym: 'Chel Shocked - "Shell Shock", Kriegstrauma.

Ihren persönlichen kleinen shell shock holt sich Michelle, als sie im Zuge einer Demonstration verhaftet wird. Ein Foto der Szene, wie sie schreiend von bis an die Zähne bewaffneten Polizisten einkassiert wird, ziert Jahre später das Cover von "Short Sharp Shocked". Michelle kehrt nach Texas zurück. Keine gute Idee, wie sich heraus stellt: Ihre Mutter, vollkommen entsetzt ob der "gottlosen Umtriebe" ihrer Tochter, veranlasst ihre Einweisung in die Psychiatrie. 30 Tage später wird Michelle für geheilt erklärt und entlassen; es ist bestimmt reiner Zufall, dass just zu diesem Termin ihre Krankenversicherung die Zahlungen einstellt. Michelle zieht nach New York, wo sie sich in der Hausbesetzer-Szene einen Namen macht. Obwohl sie sich rund um das legendäre CBGB's bewegt, denkt noch niemand an eine Musikerkarriere.

Michelle selbst sieht sich als Politaktivistin. Mit diesem Selbstverständnis verlässt sie Mitte der 80er die Vereinigten Staaten, um quer durch Europa zu trampen: Demonstrationen, Hausbesetzungen und Piratensender in Madrid, Paris und Amsterdam ... Der Weg ist das Ziel.

Ziel vielleicht, aber keine Heimat: 1986 zieht es Michelle erneut ins vertraute Texas zurück. Sie hilft bei der Durchführung des Kerrville Folk Festivals mit: eine hervorragende Gelegenheit, um Freunde zu treffen, Musik zu hören und eigene Songs zu spielen. Die Arbeit von Guy Clark und Townes Van Zandt gehört zu dieser Zeit zu ihren Inspirationsquellen. Pete Lawrence, Produzent und Inhaber eines frischgegründeten Indie-Labels aus England, hört Michelle und nimmt einige ihrer Lieder auf. Mit seinem Walkman, der auf altersschwachen Batterien läuft, fängt er neben Michelles Gitarre und Gesang auch jede Menge Hintergrundgeräusche ein. Die Bänder sind lausig, nichtsdestotrotz werden sie von Cooking Vinyl Records verwendet, um "The Campfire Tapes" zu veröffentlichen. Das Material läuft auf BBC, die Platte schlägt in den britischen Indie-Charts ein. Erst jetzt erfährt Michelle via Telefon, dass sie ihr Debütalbum "produziert" hat. (Später, im Zuge diverser Rechtsstreitigkeiten mit ihrer Plattenfirma, bezeichnet Michelle die damals entstandenen und ohne ihr Wissen oder gar ihre Zustimmung publizierten Aufnahmen als "The Campfire Thefts".) In den kommenden Monaten absolviert Michelle (angefangen mit ihrem ersten Konzert überhaupt, in London) zahlreiche Auftritte. Die Texanerin wird als britisches Pop-Phänomen wahrgenommen.

Der Erfolg trägt ihr 1988 einen Major-Plattenvertrag mit Mercury Records ein. Michelle konzipiert ihre ersten drei Alben als zusammengehörig: "Short Sharp Shocked" (1988), "Captain Swing" (1999) und "Arkansas Traveler" (1992) bilden ihre "American Trilogy". "Short Sharp Shocked", produziert von Pete Anderson, zeigt neben der Liebe zum traditionellen amerikanischen Folksong feministische Sichtweisen und eine deutliche Affinität zum Punk; das Album begeistert Alternative-Community wie Kritiker gleichermaßen. Nach zwei EPs - "Anchorage" und "When I Grow Up" (1988) - folgt mit "Captain Swing" der zweite Streich. Wer auf eine Fortsetzung von "Short Sharp Shocked" gehofft hat, wird enttäuscht: Auf "Captain Swing" dominiert, der Name legt es nahe, Big Band Swing, wie er für die 40er Jahre typisch ist. Der dritte Teil (nach einer weiteren EP, "If Love Was A Train"), "Arkansas Traveler", begibt sich wieder "back to the roots of American homegrown music" und zollt den Folk-Sounds aus Michelles Jugendzeit Tribut. Für die Aufnahmen zu "Arkansas Traveler" bereist sie drei Kontinente; sie spielt mit Größen wie Gatemouth Brown und Taj Mahal.

Nach dem Abschluss ihrer Trilogie lässt sich Michelle auf einem Hausboot in Los Angeles nieder und beginnt mit der Arbeit an einem stark gospel-inspirierten Album. Mercury Records hat allerdings ganz offensichtlich die ständigen Stilwechsel satt und verweigert die Veröffentlichung. Michelle Shocked verlässt die Firma stinksauer, produziert ihr "Kind Hearted Woman" auf eigenes Risiko und begibt sich 1993 auf eine Solotournee. "Kind Hearted Woman" wird in dieser Fassung ausschließlich während der Tour verkauft, um ein Eingreifen der (ebenfalls stinksaueren) Plattenfirma unmöglich zu machen. An "gütliche Einigung" ist nicht mehr zu denken. 1995 zieht Michelle gegen Mercury Records vor Gericht, um die Entlassung aus ihrem Vertrag zu erwirken. Sie beruft sich auf den 13. Zusatz zur amerikanischen Verfassung; den Paragraphen, mit dem in den USA die Sklaverei abgeschafft wurde - und hat Erfolg.

1996 ist sie "frei" und (durch kluges Verhandeln schon beim Abschluss der Verträge) im Besitz sämtlicher Rechte an ihrem kompletten Backkatalog. Ein guter Zeitpunkt, um sich wieder einmal auf Tour zu begeben. Bei den Shows verkauft sie ihre zweite unabhängige Produktion: "Artist Make Lousy Slaves" entsteht in Zusammenarbeit mit Fiachna O'Braonain von den Hothouse Flowers. Noch im selben Jahr veranlasst Michelle eine kommerzielle Neuauflage von "Kind Hearted Woman" (diesmal mit Band); diese erscheint bei Private Music/BMG. Mercury hält dagegen und bringt mit "Mercury Poise: 1988 - 95" eine Best-of-Compilation auf den Markt; quasi Michelles "Lösegeld".

2002 ruft Michelle Shocked schließlich ihr eigenes Label Mighty Sound ins Leben. Michelle lebt mittlerweile abwechselnd in Los Angeles und New Orleans. Sie ist in einer Kirchengemeinde aktiv (und als "Sister Shocked" bekannt), und engagiert sich gegen Gewalt sowie für ein AIDS-Hilfe-Projekt. Reisen durch Mexiko und Guatemala inspirieren sie ebenso wie die Brass-Szene von New Orleans. Ihre Eindrücke resultieren in diversen Songs mit erkennbar lateinamerikanischem Einschlag. Die erste Veröffentlichung auf Mighty Sound: das gospelige "Deep Natural", das, alternativ instrumentalisiert, wenig später als "Dub Natural" aufgelegt wird. Daneben gibt Michelle unter dem Dach von Mighty Sound ihre alten Alben in um Bonustracks erweiterten Fassungen noch einmal in Eigenregie heraus.

"I tend to think in concepts of trilogies, tryptichs, trios ..." gibt Michelle Shocked in einem Interview zu Protokoll. Siehe da: Die für 2005 anstehende Veröffentlichung kommt wieder im Dreierpack daher: "The Threesome" besteht aus den drei Einzelalben "Don't Ask, Don't Tell", "Got No Strings" und "Mexican Standoff" und erscheint Mitte des Jahres. "Don't Ask, Don't Tell" wird von Dusty Wakeman produziert; Kritiker sprechen von einer "erwachsenen Version von 'Short Sharp Shocked'". "Got No Strings" umfasst eine Reihe klassischer Disney-Songs, swingend interpretiert, während "Mexican Standoff" eine Hommage an Shockeds gleichermaßen texanische und lateinamerikanische Wurzeln bildet: Latin Music und der gute, alte Blues reichen sich die Hand.

Womit der Kreis noch lange nicht geschlossen wäre: Bereits vor der Veröffentlichung von "The Threesome" ist die dritte Trilogie so gut wie fertig gestellt; mit Gospel-Electronica, New Orleans Jazz und einer Huldigung der Bluessängerin Memphis Minnie beweist Michelle Shocked ein weiteres Mal ihre stilistische Vielfalt. Wie gesagt: alles andere als absehbar.

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