laut.de-Kritik

Was er vor vier Jahren versprach, löst er nun ein.

Review von

Marvin Gaye, Curtis Mayfield, Isaac Hayes, Bill Withers: Am Vergleich mit diesen Legenden zerbrach schon manch ein Künstler. Nicht jedoch Kiwanuka. Er strauchelt nicht ein bisschen.

Sein Debüt "Home Again" gab vor vier Jahren ein Versprechen, das er nun einlöst. Wo andere auf ihrem zweiten Album auf Nummer sicher gehen und nur das Konzept des Vorgängers kopieren, explodiert Kiwanuka förmlich. Er hebt sich selbst und sein Songwriting auf ein neues Level: eindringlich, verletzlich, rau und voller Anmut.

Dabei schien es zeitweise so, als liege Kiwanukas Zukunft mit "Home Again" bereits hinter ihm. Als habe er seine 15 Minuten Ruhm bereits verprasst. Verunsichert vom Trubel um seine Person, zog sich der Sänger zurück und begann sich, seine Emotionen, seinen Ehrgeiz und die Spiritualität zu hinterfragen. Dieser kathartische Ansatz gab ihm die Möglichkeit, zu wachsen. Aus dem Lecken seiner Wunden entstanden melodramatische und schwelgerische Songs, die einerseits seine verletzliche Persönlichkeit widerspiegeln, anderseits aber auch universal funktionieren.

Mehr Stax als Motown, verbindet "Love & Hate" verschwenderische Streicher-Arrangements, Kiwanukas störrische Fuzz-Gitarren, warme Bassläufe, Hammond-Orgeln und dynamische Percussions. Auch wenn seine angenehme Stimme nicht in der obersten Liga des Genres mitspielt, verhilft ihr sein Songwriting doch zum perfekten Einsatz. Gemeinsam mit psychedelischen und Folk-Einflüssen ergibt sich ein erhabener Soul-Sound, den die Produzenten Brian Burton aka Danger Mouse und Inflo mit behutsamem Feintuning ins Hier und Jetzt heben. Eine Produktion, die Kiwanuka nicht im Weg steht, sondern ihm die zentrale Rolle einräumt.

Der Opener "Cold Little Heart" setzt sich nur langsam und zögernd in Gang. Ein Epos, das wie eine lang verschollene Zusammenarbeit von Isaac Hayes und - Überraschung - Pink Floyd klingt. Gerade die erste Hälfte lässt deutliche Reminiszenzen an den Klassiker "Shine On You Crazy Diamond" erkennen, zu dem sich ein Ennio Morricone-Chor gesellt. Stück für Stück setzen Piano, üppige Streicher und ein schleppendes Schlagzeug ein. Burton lässt Kiwanukas Gilmour-Gitarre fünf majestätische Minuten, um sich zu entfalten. Psychedelischer Soul vom Feinsten, der sich ab der Mitte zum Folk wandelt. In dieser ausufernden Verzweiflung gelingt eine Eröffnung zum Niederknien, nahe an der Vollkommenheit. "Maybe this time I can be strong / But since I know who I am, I'm probably wrong."

Meditativ wiederholt die alte Seele Kiwanuka in "Black Man In A White World" den Titel des Tracks immer und immer wieder. Klatschen, Percussions und Schlagzeug bauen eine kompromisslose Stimmung auf, konfrontieren Blues mit Afrobeat und Gospel. Streicher setzen ein und sorgen für eine zunehmend bedrückende Anspannung. Indem er Gegensätze gegenüberstellt, reflektiert der schwarze Sänger seine Gefühlswelt in einer von Weißen bestimmten Welt. "I'm in love but I'm still sad / I found peace but I'm not glad." Trotz seiner introvertierten Herangehensweise entsteht vor dem Hintergrund der zunehmenden Rassenunruhen in Amerika eine dringliche Hymne in der Tradition von "The Revolution Will Not Be Televised" (Gil Scott-Heron), "Niggers Are Scared Of Revolution" (The Last Poets) und "Say It Loud – I'm Black And I'm Proud" (James Brown).

Wie um diese Gedanken weiterzuführen, fasst das meisterhafte Titelstück die persönliche und politische Seite des Albums in einer einzigen Frage zusammen: "Love and hate / How much more are we supposed to tolerate?" Im Song findet sich die "What's Going On"-Ästhetik aus Marvin Gayes "Inner City Blues (Make Me Wanna Holler)" wieder. Der monotone, durch den Track fließende Chor frisst sich nachhaltig ins Hirn. Scheint zuerst nicht viel zu passieren, zieht die Intensität kaum spürbar mehr und mehr an. Letztendlich gipfelt sie in Kiwanukas rostfarbenem Gitarrensolo, das sich zusammen mit den Streichern empor hebt. "You can't break me down / You can't take me down."

Die Intensität dieser drei Songs über eine Albumlänge zu halten, erscheint schlichtweg unmöglich. Egal für wen. Trotzdem lässt Kiwanuka weitere aufrichtige Stücke folgen, die "Love & Hate" ruhiger, intimer, aber immer noch betörend klingen lassen. Die leichtfüßige Geradlinigkeit von "One More Night" entspannt. "Rule The World" startet, nur zur Gitarre vorgetragen, beim "Home Again"-Folk, um sich, ähnlich wie der Titeltrack, aufzurichten.

Der allgegenwärtige Chor adelt den Slow-Funk "Place I Belong" zu einem Siebzigerklassiker. Einzig das schunkelnde Finale "The Final Frame" mit seiner spröden Fuzz-Gitarre, die dem seidenweichen Arrangements gegenüber steht, erinnert zeitweise zu sehr an die aufgesetzte Retro-Mania eines Lenny Kravitz' und funktioniert nicht vollkommen.

Michael Kiwanuka tänzelt mit "Love & Hate" leichtfüßig auf den Schultern von Giganten. Sein Retro-Soul erfindet das Genre zwar nicht neu, lässt sich in seiner Intensität jedoch ohne weiteres neben die Großwerke der späten Sechziger und frühen Siebziger einreihen.

Trackliste

  1. 1. Cold Little Heart
  2. 2. Black Man In A White World
  3. 3. Falling
  4. 4. Place I Belong
  5. 5. Love & Hate
  6. 6. One More Night
  7. 7. I'll Never Love
  8. 8. Rule The World
  9. 9. Father's Child
  10. 10. The Final Frame

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