laut.de-Kritik

Vom Sexsymbol zum Revolutionär des Soul.

Review von

"Die schlechteste Platte, die ich je gehört habe", erregt sich Motown-Boss Berry Gordy über Marvin Gayes Song "What's Going On". Die Nummer besitze "keinerlei komerzielles Potenzial", töne zudem "viel zu jazzig". Gratulieren wir Mr. Gordy zur größten Fehleinschätzung seiner Laufbahn.

Marvin Gaye hat sich längst einen Namen gemacht, gilt Ende der 60er Jahre als Sexsymbol und Garant für schwungvoll unters Volk zu bringende, smoothe Love-Songs. Mit "I Heard It Through The Grapevine" bescherte er Motown seine bisher erfolgreichste Hit-Single.

Doch der Sänger hadert - mit sich und der Welt. Der Tod seiner Freundin und Duettpartnerin Tammi Terrell setzt ihm zu, ebenso die verstörenden Berichte seines Bruders Frankie, der im Vietnamkrieg dient. Zudem sieht Marvin Gaye seine Ehe auseinander brechen, er ringt mit seiner Alkohol- und Drogenabhängigkeit. Das zeitlebens angespannte Verhältnis zu seinem Vater krönt die private Misere.

"Immerzu schreien sie: 'Warum bist du nicht im Studio? Wo bleibt deine Platte?' Mein Telefon klingelt, Motown ist dran und möchte mich zurück an die Arbeit treiben", zitiert David Ritz Marvin Gaye in seiner ebenso packenden wie todtraurigen Biografie "Divided Soul". "Ich konnte nicht schlafen, ich konnte nicht aufhören zu weinen. Drei-Minuten-Songs zu singen, in denen sich 'moon' auf 'June' reimt, interessierte mich einfach nicht."

In diese düstere Stimmung platzen Renaldo 'Obie' Benson und Al Cleveland mit einer halb ausgegorenen Song-Idee. Auf Tour mit den Four Tops bekam Benson Einiges zu sehen. Ihn erschütterte insbesondere das rüde Vorgehen der Polizei gegen Anti-Vietnamkriegs-Demonstranten, das sich allenthalben beobachten ließ. Seine Band jedoch wollte dieses heiße politische Eisen nicht anpacken. Man könnte ja Fans verprellen.

Marvin Gaye verschwendet daran keinen Gedanken. Er krallt sich die Versatzstücke von "What's Going On", der bisher fehlende Text kommt ihm fast wie von selbst. Gemeinsam setzen er, Benson und Cleveland die Nummer zusammen, nehmen sie in einer Session mit Hilfe der Funk Brothers, Motowns grandioser Studio-Band, auf.

Labelboss Berry Gordy stellt sich quer. Die schlechteste Platte, die er je zu Ohren bekam, will er keinesfalls veröffentlichen. Sie passe darüber hinaus so gar nicht ins leichte Unterhaltungskonzept seines Unternehmens. Doch auch Marvin Gaye hat einen erheblichen Dickschädel. Er gibt bekannt, er werde nichts, rein gar nichts aufnehmen, so lange "What's Going On" nicht veröffentlicht ist.

Ein Radio-DJ aus Los Angeles beendet nach sieben Monaten das Starr-Duell: Er spielt "What's Going On" in seiner Show - und tritt eine Lawine los. (Nebenbei bemerkt: Leaking ist eben keine Erfindung der digitalen Neuzeit.) Die in Gordys Ohren ach so sperrige Single nimmt die Hörer im Sturm, klettert unaufhaltsam in den Hitlisten nach oben, erobert die R'n'B-Charts, an deren Spitze sie bald steht, und erreicht auch in den Pop-Charts Rang 2.

Motown verzeichnet einen Crossover-Hit, den verkaufsträchtigsten seines Bestehens obendrein. Ein Argument, das selbst Berry Gordy überzeugt. Jetzt muss ein komplettes Album in diesem Stil her. Er sichert Marvin Gaye größtmögliche künstlerische Freiheit zu. Das wiederum könnte die richtigste Entscheidung seiner Laufbahn gewesen sein.

Marvin Gaye beschenkt die Welt am 21. Mai 1971 mit einem ebenfalls "What's Going On" betitelten Album, das in vielerlei Hinsicht Maßstäbe setzt. Es handelt sich nicht nur um das erste Album, das er komplett selbst mit-produzierte, nicht nur um das erste Album, auf dem die Funk Brothers Erwähnung finden, nicht allein um das erste Konzept-Album eines schwarzen Künstlers überhaupt. "What's Going On" steuert nicht nur das Flaggschiff Motown in eine neue Richtung. Dieses Album hebt ein ganzes Genre auf ein neues Level.

Musikalisch dehnt und überschreitet Marvin Gaye Grenzen. Er integriert Jazz und Klassik in den bewährten Motown-Soul, experimentiert (in "Right On") auch mit lateinamerikanischen Klängen, Rhythmen - und einer Flöte. Als weit bahnbrechender erweist sich jedoch der Inhalt. Statt sich auf Liebe, Sex und Zärtlichkeit zu beschränken, besingt Marvin Gaye plötzlich Probleme seiner Zeit - eine Revolution.

Aus dem Blickwinkel eines Vietnamkriegs-Kämpfers erzählt er von der Nutzlosigkeit des Krieges, vom Unverständnis und der Ratlosigkeit, die den Umgang von Heimkehrern und Daheimgebliebenen prägen. Gaye erzählt von der Suche nach Trost, von der Flucht in Traum- und Drogenwelten. Er macht Ungerechtigkeit, Korruption, Armut zum Thema, prangert Achtlosigkeit im Umgang miteinander und mit der Schöpfung an - und bleibt damit auch vierzig Jahre nach Veröffentlichung in gruseligster wie berührendster Weise brandaktuell.

Prägnante Basslinien, pointiert eingesetzte Percussion, die so Motown-typischen Streicherteppiche und ätherische Background-Chöre, beigesteuert von den Andantes, spannen Marvin Gayes unvergleichlicher Stimme ein Netz auf, in das sie sich vertrauensvoll fallen lassen darf. Der Gesang scheint die Lyrics zu streicheln, zu umschmeicheln, verleiht ihnen schier greifbare Gestalt.

"What's Happening Brother", legt er seinem fiktiven Veteranen, der angesichts der herrschenden Zustände seine Heimat kaum wiedererkennt, die hilflose Frage in den Mund. Bittersüß die Erkenntnis: Nichts ist mehr, wie es einmal war. Uhren lassen sich nicht zurück drehen.

"Save The Children", so Marvin Gayes eindrücklicher Appell. "Live life for the children." Eine Spoken Word- und eine gesungene Fassung des Textes vereinen sich vor sich stetig verdichtendem Hintergrund. Marvin Gaye intoniert ein Duett mit sich selbst, ehe er sich mit dem spirituellen Bekenntnis "God Is Love" in höhere Sphären schwingt.

Eine der schönsten und schmerzlichsten Nummern, die jemals aufgenommen worden sind, rundet ein großartiges Album ab und vollendet ein Gesamtkunstwerk, indem es seinen Anfang, indem es "What's Going On" noch einmal aufgreift. Percussion und Saxophon spielen auch hier neben dem zart-kraftvollen Gesang die Hauptrollen. Unzählige Male coverten und sampleten Kollegen diese Nummer. Die Intensität des Originals wurde nie wieder erreicht. Wie auch? Wenn es überhaupt einen perfekten Song gibt, dann heißt er "Inner City Blues (Make Me Wanna Holler)".

"What's Going On" erfuhr in den vergangenen vier Dekaden von Musiker- wie Kritikerseite reichlich Anerkennung. Es geht auch gar nicht anders: Die Aufrichtigkeit, mit der Marvin Gaye seiner Hörerschaft seine Gedanken, Zweifel, Überzeugungen, seine ganze Seele zu Füßen legt, sucht genauso ihresgleichen wie die Kunstfertigkeit, mit der er dies unternimmt. "Die schlechteste Platte, die ich je gehört habe" So, so. Irgendwie tröstlich: Sogar ein Berry Gordy liegt mal daneben.

Zum vierzigjährigen Jubiläum erscheint "What's Going On" in einer Ausgabe, die den Titel "Super Deluxe Edition" wahrhaftig zurecht trägt: Zur LP gibts eine Doppel-CD und ein ausführliches Booklet mit Fotos, Texten und Linernotes - Archivmaterial galore.

In der Rubrik "Meilensteine" stellen wir Albumklassiker vor, die die Musikgeschichte oder zumindest unser Leben nachhaltig verändert haben. Unabhängig von Genre-Zuordnungen soll es sich um Platten handeln, die jeder Musikfan gehört haben muss.

Trackliste

  1. 1. What's Going On
  2. 2. What's Happening Brother
  3. 3. Flyin' High (In The Firendly Sky)
  4. 4. Save The Children
  5. 5. God Is Love
  6. 6. Mercy Mercy Me (The Ecology)
  7. 7. Right On
  8. 8. Wholy Holy
  9. 9. Inner City Blues (Make Me Wanna Holler)

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