laut.de-Kritik

Der muskelbepackte Söldner spielt seine Stärken wie Trumpfkarten aus.

Review von

"Sorry. Ich artikuliere mit Blei." Für alle, denen es sonst entgangen wäre, schiebt Massiv noch nach seinem "Outro" die Erklärung hinterher. Ganz "ohne Ersguterjunge-Hype", hat er es geschafft, einmal mehr, "mit der Stimme, die den Schall bricht" und einem "Erdbebenpegel von 9,3".

Schnurgerade geradeaus pflügt sich Massiv den Weg durch sein inzwischen wohlvertrautes Ghetto-Phantasia. Was der Vorgänger ahnen ließ, bekräftigt "Blut Gegen Blut 2": Der Kerl hat einfach nur Zeit zum Üben gebraucht.

Die muskelbepackte, unfreiwillig komische Witzfigur von einst hat sich längst zu einem ernst zu nehmenden, nicht weniger muskelbepackten Söldner im ewig tobenden Straßenrap-Kmapf (!!) hochgedient. Zumal sich Massiv inzwischen seiner Stärken voll bewusst ist und diese wie Trumpfkarten ausspielt.

Nicht nur auf "Roll Das Rr" feiert er seinen eigenwilligen Akzent und zelebriert das gelegentliche Überschnappen seiner Stimmbänder inbrünstig wie eine Messe: Recht so, handelt es sich doch um unbestrittene Alleinstellungsmerkmale seines Vortrags, mit denen er das Gros seiner zahlreichen Mitstreiter in einer Weise in den Schatten stellt, wie es sonst nur Beton-Boss Azad fertig bringt.

Beihilfe von Beirut, Farid Bang, Bass Sultan Hengzt, Haftbefehl, Silla und wie sie alle heißen stört zwar nicht. Massiv hätte auf alle zusammen aber genau so gut verzichten und die dicke Hantel alleine stemmen können. Wirklichen Eindruck hinterlassen einzig die eiskalte Bosheit eines Basstard und ein bis an die Schmerzgrenze aufgedrehter Orgi in "Unter Der Erde". Tja, dort muss die Freiheit wohl grenzenlos sein ...

Produktionstechnische Schützenhilfe aus vollen Rohren liefern an vorderster Front Abaz und Johann S. Kuster. Sie schöpfen das bewährte stockfinstere Waffenarsenal voll aus. Lebensfreude und fluffige Melodieseligkeit vermutete wohl ohnehin niemand auf einem Werk, das den plastischen Titel "Blut Gegen Blut 2" trägt. Statt dessen wird munter durchgeladen und geschossen.

Sirenen jaulen durch die Nacht, die ansonsten düsteren Streichern, den ewig tönenden Friedhofsglocken oder dauerstrapaziertem Donner gehört. Innovativ ist anders, Wirkung entfaltet der bewährte Cocktail dennoch. Die Kulisse gestaltet sich derart martialisch, dass man glaubt, die Krieger Spartas spazierten schon lange vor ihrem tatsächlichen Auftauchen durchs Bild.

"Wir sind schlecht gelaunt und tragen Eisenstahl in unseren Boots." Gar kernig führt Massiv von Beginn an durch seinen "Gangster-Entertainmentpark", greift jede verfügbare Waffe vom Schlagstock über die Kettensäge bis zur Kalaschnikow und suhlt sich im Blut, bis es selbst der hartgesottensten "Twilight"-Jüngerin in Schwällen zu den Ohren rauskommt.

Das große Problem heißt - wieder einmal - inhaltliche Einöde. Wieder einmal bedeutet "Kriminalität auf dem allerhöchsten Level", dass man Dealer- und Messerstecher-Geschichtchen aufgetischt bekommt, die man schon auswendig herunterbeten kann. Zopfiger Männlichkeitswahn der Marke "stolz, ehrlich und hart" muss doch irgendwann selbst seine Urheber in traumlosen Tiefschlaf langweilen.

Damit wir uns nicht missverstehen: Bloß nix gegen zünftige Gewaltverherrlichung! So lange Bilder bemüht werden, die man nicht an jeder Straßenecke nachgeschmissen bekommt - wie im Schraubstock eingezwängter Hüftspeck aus "Showtime Pt. 2" oder in Ohren gestopfte Blutegel ("Eisenstahl In Unseren Boots") - sehr gerne. Abgesehen von solchen seltenen Highlights ist der Asphalt aber mittlerweile so oft explodiert, dass er sich in bodenlosen Treibsand verwandelt hat. Darin versinkt unweigerlich jede Aufmerksamkeit. Wer Massivs bis an die Zähne bewaffnete Phrasensammlung tatsächlich konzentriert am Stück aushalten und dabei noch genießen kann, bekommt ein Fleißbildchen.

"Mein Booklet ist wie 'ne Gebrauchsanweisung für'n Mord" - in meiner Welt sieht es eher nach einer Bewerbungsmappe für die Aufnahme in die Reihen der Vamummtn aus. Den im Hintergrund dozierenden Dr. House - "See? Steroids shrinks the testicles!" - versuchen wir mal zu ignorieren.

"Für 'nen Bestseller benötige ich nicht mal 'ne Thematik", brüstet sich Massiv. Stimmt vermutlich - doch was wäre eigentlich so verkehrt an einem kleinen bisschen Storytelling? Es kann doch nicht sein, dass in Gangsterhausen so wenig passiert, dass man zum x-ten Mal den ollen kleinen Streit mit der Sony-Rechtsabteilung an den Haaren herbei zerren muss.

Halten wir fest: "Echter Gangsterrap aus dem nachtschwarzen Leichenwagen" klingt anno 2011 zwar ziemlich beeindruckend, besitzt aber noch immer erschreckend wenig Substanz. Dabei ist es - kuck' auf die Uhr! - doch schon "kurz vor Armageddon".

Mit "100.000 Kinder Träumen" lockert diesmal eine einzige nachdenkliche Nummer die Gewaltorgie unwesentlich auf: "Nur du entscheidest, was du aus deinem Leben machst", lautet deren auch nicht eben brandneue Erkenntnis. Dann doch lieber Ratschläge für den Alltag in Wedding: "Man sollte niemals einen schlafenden tollwütigen Hund wecken, es sei denn, man hat einen Löwen an der Leine." Amen.

Trackliste

  1. 1. Intro
  2. 2. Roll Das Rr
  3. 3. Gangster-Entertainmentpark
  4. 4. Eisenstahl In Unseren Boots
  5. 5. Ghettolied 2011
  6. 6. Wir Randalieren Im Knast feat. Bass Sultan Hengzt & Farid Bang
  7. 7. Ashraf Rammo
  8. 8. Massaka-Kokain feat. Haftbefehl
  9. 9. Schutzgeldmelodie feat. Beirut
  10. 10. Die Sterne Die Aufs Ghetto Knallen feat. Silla
  11. 11. Komma, Komma, Kiss
  12. 12. Wedding 65 feat. Beirut
  13. 13. Showtime Pt. 2
  14. 14. Unter Der Erde feat. Basstard & Orgi69
  15. 15. Blas Den Lauf Meiner AK feat. Beirut
  16. 16. Wenn Die Druckwelle Kommt
  17. 17. Kragen Runter, Ketten Rein
  18. 18. 100.000 Kinder Träumen
  19. 19. Hart Und Gerecht feat. Saad
  20. 20. Kalaschnikows Und Handgranaten
  21. 21. 3..2..1..Lauf! feat. Nazar
  22. 22. Der Immigrant In Handschellen
  23. 23. Wenn Der Asphalt Brennt feat. Automatikk
  24. 24. King Of The Ring
  25. 25. Outro

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