laut.de-Kritik

Die Oberpfalz empfiehlt sich als sechstes Borough.

Review von

"Ausi mit'm altn Scheiß, eini mit'm neien Scheiß", gibt Liquid in "Liaba Mal Zensiern" die Stoßrichtung vor. "Des is' der neie Scheiß. Vertraut's mir einfach: Der taugt eich!" Siehe: Der Mann spricht wahre Worte. Wenn auch in Zungen, die manch einem vielleicht leise befremdlich anmuten.

Rap in Mundart, in bayerischer noch dazu: kein Wunder, schießen da die Berührungsängste munter ins Kraut. Muss es denn wirklich ausgerechnet dieser schauderhafte Dialekt sein? Angesichts der Wortfontänen, die Liquid getrieben vom wiederholt beschriebenen Druck in der Lunge speit, kommen solche Gedanken aber nicht weit. Es gibt schlicht keine denkbare Alternative: Der Kerl rappt, wie ihm der oberpfälzische Schnabel gewachsen ist. Heraus kommt Real Talk - im besten Sinne.

Das große Wort von der Realness ... wer hat das nicht schon alles im Munde geführt und seine ach so tiefe Liebe zum Hip Hop beschworen! Ähnlich vehement wie aus Liquids Zeilen heraus hat mich letztere allerdings schon lange nicht mehr angesprungen - und äußerst effektiv umgehauen.

Wenn er im Titeltrack aus sicherem Abstand, vom Mond aus, auf das Geschehen blickt und den katastrophalen Zustand des Genres und weiter Teile seiner Hörerschaft beklagt, wirkt das weder rührselig noch in ewiger Gestrigkeit gefangen. Vielmehr schimmert ehrliche Trauer über den Schaden durch, den kommerzorientierte Produzenten und Interpreten Hand in Hand mit gedankenlos konsumierenden Käufern anrichten. "Manchmal frag' ich mich, ob sich des Drama lohnt, weita Rap zum macha."

Die Antwort darauf hat Liquid zu diesem Zeitpunkt längst mehr als ein Dutzend Mal selbst gegeben: Ja, ja, oh, ja und jawoll! Einer muss es ja tun und den rudelweise durch die Charts quakenden Image- und Fassadenrappern (und deren Fans) den Unterschied zwischen einem "MC" und einem "Popsängerpenner" erklären, ehe Verkaufsstatistiken und Goldauszeichnungen das Wissen darum vollends unter sich begraben.

Liquid verzichtet auf "La Le Lu" dankenswerterweise auf alles, von dem man dieser Tage leicht glauben könnte, es gehöre zwingend auf ein deutsches Rapalbum. Muskelaufbau, Markenklamotten, Mutterfick: allesamt keine Themen, die dem Regensburger auch nur eine müde Zeile wert wären. Hurra! Autotune, schmalzgebackene R'n'B-Hooklines und das offenbar obligatorische käsige Liebeslied an die Eine, die - bis zum bösen Ende, jedenfalls - so ganz anders ist als all die anderen miesen Schlampen, lässt er gleich mit unter den Tisch fallen.

Liquids Auserwählte kriegt ihren Song schon auch, nur muss sie sich nicht mit hundertfach ausgezuzzelten, durchgekauten und ausgespuckten Phrasen abspeisen lassen: Sie bekommt statt dessen einen Trip per "Zauberteppich" ins Eurodisneyland spendiert, wo sie sich zwischen Arielle, Belle, Cinderella und wie sie alle heißen unter die Zeichentrick-Märchenprinzessinnen einreihen darf. Süß.

Als waschechter Sohn der '90er, hörbar angefixt von Madlib, J Dilla und Gang Starr, lässt Liquid das Jahr "1999" wieder aufleben, huldigt "Pac Man" oder dem "Superhero Comic Shit". Uuuh, etwa noch so ein Nostalgieheini, der der großen Vergangenheit hinterher greint? Na, zum Glück nicht! Was der Rapper, sein Beatbauer Maniac und DJ Sticky, der Mann an den Plattentellern, hier zusammenbasteln, wirkt ganz und gar nicht unzeitgemäß, sondern "fresh to the bone".

"Ratatatatat, i spuck' Takt für Takt." Liquids auch in Hochgeschwindigkeit noch völlig mühelos flowender Vortrag ballert den Irrglauben, Dialekt gehe zwingend mit Behäbigkeit einher, dahin zurück, wo er hingehört: auf den Holzweg. Sein Bajuwarisch verträgt sich so hervorragend mit den Versen seiner Gäste, etwa Skanks oder Ruste Juxx aus Brooklyn, als empfehle sich die Oberpfalz als sechstes Borough. Irgendwo muss der Ruf vom "bayerischen Busta Rhymes", der Liquid voran eilt, ja hergekommen sein.

Ohne den passenden musikalischen Rahmen bedeutete alle Zungenfertigkeit aber nur den halben Spaß: Mindestens fünfzig Prozent des erheblichen Vergnügens, das "La Le Lu" beschert, geht auf das Konto der phantastisch einfallsreichen Beats. Maniac hält sich fern von dramatischen Klischees und setzt statt dessen auf erfrischend originelle Samples. Rauschen, Knistern und staubige Drums versprühen zusammen mit Stickys Scratches Oldschool-Atmosphäre. Weniger ist mehr: Die kunstvoll schlichten Produktionen treten hinter die Raps zurück, stärken ihnen von da aus aber solide den Rücken.

"Schunkel Umanand" könnte seine Inspiration aus einem angejahrten Schwarz-Weiß-Krimi gezogen haben. Auch andere Nummern besitzen den Charme alter Filme: etwa "E=MC²", ein elendiglich klingklongender Kopfnicker, in dem Liquid mal eben die Mathematik eines gelungenen Raptracks vorrechnet, oder "Lemon Beck's Shit", eine überfällige Abrechnung mit dieser geschmacklosen Plörre.

Bläser begleiten "Superhero Comic Shit": "Was passiert, wenn der Maniac und der Liquid auf einem Track miteinander drauf sind?" Die beiden spielen sich erst Verse, dann Zeilen wie Bälle zu und und erledigen quasi im Vorüberfahren noch einen Pandabären.

Den Sample-Vogel schießt "Pyradonis" ab: Maniac verwendet hierfür das Arsenpudding-Rezept, nach dem der Asterix-Bösewicht, der dem Track den Namen gab, einst Königin Kleopatra (die mit der niedlichen Nase) bekochte. Liquid empfängt in seiner Hexenküche dazu seinen verbal wie technisch ebenbürtigen Beikoch Flexis. Schön!

Ach, ein wunderbares Album, trotz - ich wiederhole mich gerne - trotz des Dialekts. Selbst die Skits, in denen der Antenne Bayern-Späßlemacher Nullinger den lärmempfindlichen Nachbarn gibt, geraten amüsant. Auch, wenn man den Witz vielleicht nicht unbedingt über vier Zwischenspiele auswalzen und noch dazu im Track "Umpfta Umpfta" hätte münden lassen müssen. "La Le Lu" hätte der Platte einen irgendwie würdevolleren, runderen Ausklang beschert. Wer übrigens den Clip zum Titeltrack noch nicht gesehen hat, hole dies umgehend nach! Ihr verpasst sonst am Ende noch das Rap-Video des Jahres.

Trackliste

  1. 1. Wasser
  2. 2. Pyradonis feat. Flexis
  3. 3. 1999
  4. 4. Damn feat. Skanks
  5. 5. Nullinger Skit 1
  6. 6. Stuntman
  7. 7. Liaba Mal Zensiern
  8. 8. Pac Man feat. Ruste Juxx
  9. 9. E=MC²
  10. 10. Nullinger Skit 2
  11. 11. Galaxie feat. Chrizondamic
  12. 12. Glei Klatschts feat. Romantikka
  13. 13. Lemon Beck's Shit
  14. 14. Zauberteppich
  15. 15. Nullinger Skit 3
  16. 16. Schunkel Umanand
  17. 17. Superhero Comic Shit feat. Maniac
  18. 18. La Le Lu
  19. 19. Nullinger Skit 4
  20. 20. Umpfta Umpfta feat. Nullinger

Preisvergleich

Shop Titel Preis Porto Gesamt
Titel bei http://www.jpc.de kaufen La Le Lu €13,99 €2,99 €16,98

Weiterlesen

LAUT.DE-PORTRÄT Liquid

"Listen to the Bavarian Barbarian!" Da sage noch einer, Mundart-Rap sei nicht jedermanns Sache. Wenn wir ehrlich sind, sagen das ohnehin nur diejenigen, …

4 Kommentare mit 3 Antworten

  • Vor 3 Jahren

    Jaja die Dizzee Rascal Hommage im Video. Herrlich. :D Liquid konnte schon immer was, und zum Glück bin ich des Bayrischen mächtig. Schon immer Opti der Typ.

  • Vor 3 Jahren

    Dope, und das sag ich als hamburger.

  • Vor 3 Jahren

    Hab mir eben mal Snippet & Vorboten reingezogen.
    Beats kommen wesentlich besser als noch bei LALILULELO, fürs Asterix&Obelix-Sample gibts natürlich Props.
    Klingen tut sein Rap sowieso fein, was heißt da "trotz des Dialekts", das ist selbstverständlich ein dicker Pluspunkt.

    Zumal mir die Texte leider wieder nicht soo gut vorkommen und das ist auch der Grund, aus dem ich mir das Album erstmal nicht kaufen werde.
    Überhaupt: "kaufen", was da los, war Umsonstmukke nicht eins seiner Prinzipien gegen den fiesen Kommerz?
    Finde ich aber ja eigentlich gut, von daher...

    • Vor 3 Jahren

      Na ja ich gönn's ihm, wenn er auch mal nen par Kröten für seine Musik bekommt.

    • Vor 3 Jahren

      Fjedn, so mein ich das schon auch.
      Hatte ihn nur aus irgendnem Interview als in diesem Punkt beinahe dogmatisch in Erinnerung, daher die Verwunderung.
      Kann mich aber täuschen, ist lang her und andernfalls ja eigentlich auch wurscht, weil... wie du schon sagtest.

  • Vor einem Jahr

    Doch noch nachgeholt und Rolle rückwärts - Album ist wirklich richtig gut. Super Beats, Rap geschmeidig wie immer und stellenweise auch gut getextet, wie ich finde/zugebe.
    Die Sachen, die mir vll. doch ein bisschen zu arg in Richtung frühermessageheuteimage-Gejammer gehen, sind so charmant verpackt, dass es selbst da eigentlich nix zu meckern gibt. Auch bei den Nullinger-Skits nicht, hätte ich mir unwitziger vorgestellt.

    Steht ja alles eigentlich schon in der Rezi (Chapeau übrigens, sehr gelungen), ich wollts nur offenbar auch nochmal geschrieben haben. Jedenfalls: Danke fürs Empfehlen :)