Porträt

laut.de-Biographie

Jlin

Wenn Jlin in Interviews sitzt, dann fertigt sie oft eine lange Liste an Dingen ab, von denen sie findet, dass sie sie gar nicht so beeinflusst haben, wie andere glauben. Zum Beispiel, dass sie mal in einer Stahlfabrik gearbeitet hat? Keine große Sache. Dass sie erst Mathe, dann architektonisches Bauwesen studiert hat? Hmm, irgendwie ein bisschen, Herbie Hancock sagt ja auch, dass Mathe und Musik zusammenhängen, aber nee, nicht wirklich. Aber am wichtigsten: Ihr Genre? Nur, weil sie mit Footwork aufgewachsen ist, beim größten Footwork-Artist ever gelernt hat und ihre Musik nach Footwork klingt, geht es in die Köpfe der Leute nicht rein: Jlin macht kein Footwork!

Jlin - Perspective Aktuelles Album
Jlin Perspective
Mit der Billo-808 wie Bob Ross gemalt.

Aber fangen wir am Anfang an. Denn wenn sie etwas offen zugibt, ist der Einfluss ihrer Mutter. Mit der lebt sie bis weit in ihre Karriere zusammen, die zeigt ihr Sade und Anita Baker, die stützt sie in allen Lebenslagen und will alle Musik gegenhören. Gemeinsam wachsen sie in der Arbeiterstadt Gary in Indiana auf, und auch, wenn Jlin sich früh für elektronische Musik interessiert, zeichnet sich nicht direkt etwas Spektakuläres ab.

Als Jlin 2008 ihre ersten Tracks veröffentlicht und ein kleines Label findet, stellt ihre Mutter die wegweisende Frage, wie sie eigentlich von sich aus klingt. Was ist ihre musikalische Identität? Da setzt ein Umdenken ein und Jlin emanzipiert sich vom Dancefloor-Zufriedenstellen. Sie ist zwar vom amerikanischen Footwork geprägt, geht aber eine etwas avantgardistischere Route. Damit bekommt sie direkt ermunternde Worte vom Genre-Godfather DJ Rashad persönlich – und ihre Musik wird ein kleiner, lokaler Geheimtipp.

Das explodiert dann allerdings, als ihr 2011 verwendeter Song "Erotic Heat" in einer Fashion-Show von Rick Owens verwendet wird (der Rick Owens, der später dank Rappern wie Playboi Carti oder A$AP Rocky für den wahrscheinlich einflussreichsten Modemacher neben Virgil Abloh gehalten wird). 2015 legt sie das Debütalbum "Dark Energy" nach und lässt das Chicago-Mikrogenre von Indiana aus global gehen.

Auch, wenn Jlin nie den großen Sprung hinaus aus der Nische geht, läuft es doch von da an spürbar bei ihr. Sie geht global auf Tour, lernt auflegen, ihre DJ-Sets sind überall gefragt. Es folgen Features mit Szene-Ikonen wie William Basinski, Holly Herndon, Fawkes und Dope Saint Jude; gerade ersterer Ambient-Pionier, der sie nach einer Show auf einem Festival anspricht, zu dem sie beide gebucht sind, geizt sonst eher mit Kollaboration. Zu Jlin scheint er sofort vollstes Vertrauen aufgebaut zu haben: Er schickt ihr einfach Spuren und sagt, sie solle machen, auf was sie Lust habe.

2017 geht es direkt weiter, als sie gebeten wird, für den Choreographen Wayne McGregor eine auditive Autobiographie auf Basis psychoanalytischer Einsichten über den Mann zu schaffen. Herauskommt "AutoBIOgraphy", ein eher in ruhigen Passagen verwurzeltes Werk. 2020 beginnt die Arbeit an "Perspectives", ein langfristiges Ball-hin-und-her-Spielen zwischen analogen Spuren und DAWs mit der Grammy-ausgezeichneten Gruppe Third Coast Percussion, die schließlich im Release von Jlins digitaler Interpretation als Album "Perspectives" erscheint. Dafür wird sie schließlich in der Kategorie Komposition für einen Pulitzer-Preis nominiert und man merkt: Jlin mag kein kommerzieller Titan sein. Aber die Kenner-Bubble hat sie in zehn Jahren nahezu durchgespielt.

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