laut.de-Kritik

Mit einer Handvoll Songs vom Wasserträger zum Idol.

Review von

Monterey, Juni 1967: Als Jimi Hendrix bei dem legendären Festival auftritt, kennt ihn in den USA noch kaum jemand. Schon die Wildheit, mit der er das nette Pubrockstück "Wild Thing" von The Troggs zur echten Bestie hochkocht, ist schlichtweg sensationell. Unsterblich gerät sein Auftritt aber wegen des Voodoo-Rituals, bei dem er während des Liedes seine Gitarre in Flammen setzt und das jaulende Instrument nahezu messianisch opfert. Schlagartig ist der junge Gitarrero aus Seattle ein Superstar. Im Gepäck führt er "Are You Experienced?", angetreten, um die Rockwelt in ähnlich biblischem Ausmaß zu erschüttern.

Die Wucht der Platte zeigt sich vor allem im zeitlichen Kontext. Während die Beatles noch dösig in der "Yellow Submarine" herumgurken und die Stones recht harmlos "Between The Buttons" stecken, kommt mit Hendrix bereits der große Zerberster um die Ecke. Seine "Foxy Lady" hat in der damaligen Musiklandschaft den Härtegrad einer A-Bomb zwischen Wunderkerzen. Einzig die komplett Irren Velvets boten mit "The Velvet Underground And Nico" Paroli. Sogar die als ultra-heavy geltenden Cream sehen mit "Disraeli Gears" neben Jimi musikalisch auf einmal genau so blass aus wie optisch.

Kein Wunder, dass ein zutiefst beeindruckter Mick Jagger einigen Journalisten entgegnet: "Warum wollt ihr überhaupt noch mit mir sprechen? Ihr solltet allesamt Hendrix interviewen!" Solch eine kollegiale Werbetrommel kommt jenem gerade recht. Kontinentale und transatlantische Labels versagen nämlich gleichermaßen in ihrer Veröffentlichungspolitik. In Europa lässt man einfach alle Hits ("Hey Joe", "Purple Haze" und "The Wind Cries Mary") weg. In den Staaten streicht die Plattenfirma kurzerhand drei bluesige Nummern für genau diese Singles und erklärte dem zornigen Hendrix in kaum verhohlen rassistischer Süffisanz: "Die amerikanische Hörerschaft ist an Blues nicht interessiert."

Doch auch solche Widrigkeiten mildern die musikhistorische Detonation von "Are You Experienced?" im Summer of Love nicht einmal ein bisschen. Zum ersten Mal überhaupt ist der "schwarze Junge" keine Marionette, sondern tonangebender Ausnahmekünstler und Sexsymbol. Hendrix, jenseits der Bühne ein distinguierter, meist sehr leise sprechender Gentleman, wertet mit seinem Debüt nebenbei auch die Rolle der Gitarristen im Rock auf. Mit einer lumpigen Handvoll Songs vom Wasserträger zum Idol.

Doch die Jimi Hendrix Experience bestand schon auf dieser ersten LP aus weit mehr als nur ihrem Frontmann. On Stage oder im Studio: Sobald JHE den Raum betreten, bildet das Trio eine einzelne organische Kreatur. Bei der Aufnahme von "Purple Haze" etwa verbraten sie nahezu alle gekaufte Zeit für das legendäre Stück. Es bleiben nur noch knappe 20 Minuten für einen zweiten Track. Hendrix hat die zerknitterte Skizze eines halben Songs dabei, den er in der Nacht zuvor vollkommen benebelt hinkritzelte.

Das Wunder nimmt seinen Lauf. Ihr unfertiges und für alle drei neues Lied komponieren sie spontan zu Ende. Hendrix improvisiert ein paar Zeilen, und alles wird perfekt eingespielt. Damit kann man schon einmal 20 Minuten zu tun haben. Dann ist der Track in Weltrekordzeit auf der Welt: Vorhang auf für "The Wind Cries Mary"!

Wohl keine je erschienene Langspielplatte transportiert eine solche Vielzahl innovativer Rocksongs, die allesamt zu Standards der Popkultur avancieren. "Foxey Lady", "Fire", "Hey Joe", "Purple Haze" und "The Wind Cries Mary" beherbergen lässig ein ganzes Stockwerk im ewigen Tower of Song.

Doch vor allem die Titel aus der eher zweiten Reihe fressen sich musikhistorisch wie eine Brandrodung durch das Feld zeitgenössischer Klänge. Sobald dieser Gitarrist des Teufels den Blues mit entrückter Psychedelik, Jazzfiguren und schroffster Härte umgräbt, entstehen Momente für die Ewigkeit.

Besonders der Beitrag des am Bebop geschulten Drummers Mitch Mitchell ist erheblich. Eigene von Vorbildern wie Max Roach erlernte Fähigkeiten transformiert der Engländer mühelos in einen harten Rockkontext. Damit bildet er das ideale Fundament zur Stimulation und Begleitung von Hendrix Ausflügen in Proto-Prog, Jazz oder schieren Krach ("I Don't Live Today").

Vor allem drei Lieder stechen in zeitloser Kompromisslosigkeit hervor. "Manic Depression" birgt den bis dato härtesten Gitarrenstoff der Welt. Jimi explodiert vom ersten bis zum letzten Augenblick wie eine Supernova. Das Lied ist reinster Progmetal, dem man seine fünf Jahrzehnte auf dem Buckel nicht eine Sekunde lang anhört. Als effektives Salz in der Suppe entpuppen sich die einfallsreichen Stereospielereien. Es lohnt sich sehr, den einzelnen Seiten gelegentlich separat zu lauschen.

Das Titelstück kommt erstmals mit Wah-Wah-Pedal und Verzerrungen in nie dagewesener Konsequenz. Rückwärts laufende Tapes nutzt Hendrix wie seine Nachfahren später ihre Scratches im Hip Hop. Dazu setzt es einen hypnotischen Lavalampen-Beat. Jimis Gesang gibt den Pförtner der Wahrnehmung und lädt alle zum Trip: "Ah, but are you experienced? Have you ever been experienced? Not necessarily stoned, but beautiful ..."

Mein ganz persönlicher Liebling auf "Are You Experienced?" ist das psychedelische Kleinod "Third Stone From The Sun". Mitchell treibt den stürmischen Song mit Jazz-Drive in die Arme eines wunderschönen Grundthemas. Kurz darauf übernehmen Wahnsinn und LSD das Ruder. In einem wüsten Psychedelik-Unwetter zerschellt das Stück schlussendlich an Hendrix' eruptiver Gitarre.

Trotz aller Superlative: Die gesamte Urwüchsigkeit in Hendrix' unbändiger Spielfreude kommt erst live so richtig heraus. Wer all diese Sternstunden seines Erstlings komplett befreit genießen möchte, greife zusätzlich zum besten Auftritt seiner Karriere, dem "Winterland".

In der Rubrik "Meilensteine" stellen wir Albumklassiker vor, die die Musikgeschichte oder zumindest unser Leben nachhaltig verändert haben. Unabhängig von Genre-Zuordnungen soll es sich um Platten handeln, die jeder Musikfan gehört haben muss.

Trackliste

  1. 1. Foxy Lady
  2. 2. Manic Depression
  3. 3. Red House
  4. 4. Can You See Me
  5. 5. Love Or Confusion
  6. 6. I Don't Live Today
  7. 7. May This Be Love
  8. 8. Fire
  9. 9. Third Stone From The Sun
  10. 10. Remember
  11. 11. Are You Experienced
  12. 12. Hey Joe
  13. 13. Stone Free
  14. 14. Purple Haze
  15. 15. 51st Anniversary
  16. 16. The Wind Cries Mary
  17. 17. Highway Chile

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14 Kommentare mit 25 Antworten

  • Vor 2 Jahren

    Tolle Review, auch wenn auf zwei meiner Lieblinge (highway chile und red house) nicht eingegangen wird. Platte für alle Ewigkeit.

    Hendrix ist Gott.

  • Vor 2 Jahren

    Wurde auch mal Zeit. Jetzt kann der Kampf zwischen den "Experienced"- und "Electric Ladyland"-Anhängern beginnen.

  • Vor 2 Jahren

    Dieser Review ist nichts mehr hinzuzufügen. Hendrix ist und bleibt einfach der Beste! Auch wenn ich ihn nicht mehr so exzessiv höre wie zu meiner Jugend, gehört er doch unbestritten zu meinen wichtigen Wegbegleitern. Wobei ich noch anmerken möchte, dass sich bei mir "Are You Experienced?" und "Electric Ladyland" stets die Waage halten. Aber wer solch ein Album sein Debüt nennen kann, der ist wirklich

    Gott.