Porträt

laut.de-Biographie

Jay Reatard

Die Karriere von Jimmy Lee Lindsey beginnt bereits an einem Abend im Jahr 1995. Im Alter von 15 geht er in seiner Heimatstadt, dem Elvis-Geburtsort Memphis, zu einem Konzert von Rocket From The Crypt. Bleibenden Eindruck hinterlässt bei ihm allerdings die brachial performende Vorband "The Oblivians", deren von The Fall beeinflusster Garagepunk in ihm das Verlangen auslöst, selbst auf Bühnen zu stehen. An diesem Abend wird die Figur Jay Reatard erweckt.

Wenige Tage später beginnt der Teenager, der nach eigenen Angaben zu dieser Zeit auch die High School-Besuche einfach einstellte, zu Hause rund um die Uhr eigene LoFi-Demos im Stil der Oblivians aufzunehmen. "Ich hatte keine Freunde, keine Hoffnung und ein lausiges Leben", wird sich Lindsey später in einem Interview erinnern. Ein Tape schickt er unter dem Band-Pseudonym The Reatards an das lokale Independent-Label Gomer Records, dessen Besitzer mit Eric Friedl rein zufällig auch der Kopf hinter den Oblivians ist.

"Ich hatte damals schon das Gefühl, dass hinter den Aufnahmen bloß ein einziger Typ stecken konnte", erinnert sich Friedl. Und schon hatte Jimmy Lee Lindsey seinen Deal. Auf seiner ersten 7"-EP "Get Real Stupid" wird der simple Punk-Rhythmus noch durch das Klopfen auf einen Eimer erzeugt, später werden The Reatards tatsächlich eine vollwertige Band.

Als Trio veröffentlicht man 1998 das erste Album "Teenage Hate", einige Vinyl-Singles und das zweite Album "Grown Up Fucked Up" folgen. Es ist höllisch wütender, verzerrter Garagepunk, meist mit einer Spielzeit von allerhöchtens ein bis zwei Minuten. Die Kids lieben die energetischen Songs, zumal Lindsey bei Konzerten zur unkontrollierbaren Rampensau mutiert.

Und doch verliert er schnell die Lust an dem jugendlichen Krach der Reatards. Mit seiner damaligen Freundin Alicja Trout gründet er 2001 auch noch die Lost Sounds, die es mit besser strukturiertem Highspeed-Synthesizer-Punk auf immerhin vier Alben bringen, ehe sich die Band 2005 auflöst. Parallel hat Lindsey sein eigenes Independent-Label Shattered Records ins Leben gerufen und noch mehrere lose Nebenprojekte wie The Bad Times oder die Angry Angels laufen.

Richtig ernst wird es erst wieder, als der "King Of Homerecording" 2006 beschließt, sich selbstständig zu machen. Als Jay Reatard ändert er seinen Stil hin zu einem Potpourri aus klassisch-schnellem Garagerock, poppigerem New Wave und tanzbarem Post-Punk. Sein erstes Album "Blood Visions" spielt er erneut komplett selbst und zu Hause auf einem digitalen Mehrspurrekorder ein.

"Blood Visions" wird von der Musikpresse gefeiert. Sofort stehen die Labels Schlange, um den unermüdlichen Musiker unter Vertrag zu nehmen. Dieser geht lieber erst mal auf ausgedehnte Tour und entscheidet sich schließlich für Matador, die ihm weiterhin den Release von Spezialformaten wie Vinyl-Singles zusichern. Also veröffentlicht er im Abstand von zwei Monaten sechs limitierte Singles, die rasend schnell ausverkauft sind und später von dem Label zu der Kompilation "Singles 06/07" zusammengefasst werden.

Wenn in dieser Zeit von der Wiederauferstehung von Vinyl philosophiert wird, darf man Jay Reatard gerne als treibende Kraft sehen. Auch 2008 veröffentlicht er erneut sechs exklusive Singles, deren Songs – darunter auch ein Cover der ebenfalls aufstrebenden Band Deerhunter – man erst später auf CD erstehen kann.

Mittlerweile tendiert Jay Reatard sogar zu richtig poppigen Harmonien und lässt folglich auch sein 2009er-Album "Watch Me Fall" ohne größeren Feedback-Lärm produzieren. Um LoFi sei es ihm eh nie gegangen, sagt Jimmy Lee Lindsey in einer Dokumentation über seine Karriere. Er wolle einfach nur gute, handgemachte Rockmusik machen.

Am 13. Januar 2010 wird Lindsey tot im Bett in seiner Wohnung in Memphis aufgefunden. Der Musiker hat in den Tagen vor seinem Tod über Symptome einer Grippe geklagt. Jimmy Lee Lindsey wurde nur 29 Jahre alt.

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