laut.de-Kritik

Das Depeche Mode-Cover gelingt, Elektro-Alice In Chains nicht.

Review von

In Flames marschieren unerschütterlich weiter auf ihrem Feldzug Richtung Mainstream. Man kommt nicht umhin, gewisses Kalkül zu unterstellen, wenn sich auf einer Cover-EP der einstigen Melodic Death Metal-Speerspitze ausgerechnet einige der meistgecoverten Songs der Musikgeschichte finden: Bei "Hurt" und "Wicked Game" fällt es manchen ja bekanntlich schwer, die Originale zu identifizieren.

Dass das Promotion-Department dann zum Releasetag auch noch ein Takeover der Facebook-Seite Depeche Modes einfädelt, zeigt noch deutlicher, dass In Flames sich längst nicht mehr damit zufrieden geben, in der angestammten Metalszene nach Hörern zu fischen. Mit Metal hat "Down, Wicked & No Good" bis auf rar gesäte Heavy-Riffs auch nichts mehr zu tun, geschweige denn mit Melodic Death Metal. Wer das nach den beiden jüngsten Alben ("Siren Charms" und "Battles") erwartet, dem ist allerdings nicht mehr zu helfen.

Speziell bei der Depeche Mode-Metzgerei machen In Flames einen ziemlich guten Job. Den trockenen Grund-Rhythmus von "It's No Good" behalten die Schweden bei, gehen allerdings wesentlich forscher zu Werke als Gahan und Co. Die tiefgestimmten und immerhin metallisch angehauchten Riffs stehen dem Track genauso wie Björn Gelottes Gitarrenmelodien. Wenn man möchte, kann man dazu sogar ein bisschen headbangen.

Während "It's No Good" also an Energie gewinnt, gehen In Flames bei Alice In Chains' "Down In A Hole" eher den umgehehrten Weg. Da hat das Original ja bereits dominante Gitarren, also bemühen sie Klavier und Streicher. Das ist gepaart mit Fridéns angestrengter Vocal-Performance und der später einsetzenden, sehr industriellen und kalten Elektronik doch eher zum Einschlafen. Bei "Wicked Game" funktioniert Fridéns Interpretation wiederum, während sich auch hier nicht so ganz erschließen will, warum nun Synthesizer die Gitarren von Chris Isaaks Original kompensieren sollen – abgesehen davon, dass es halt "was anderes" ist.

Für "Hurt", das in einer Liveversion enthalten ist, setzen sich In Flames zwischen Nine Inch Nails und Johnny Cash, angedeutete Screams zur Akustikgitarre klingen schon interessant. Irgendwie fühlt man sich durch die Arpeggios auch an bandeigenes Schaffen à la "The Chosen Pessimist" erinnert. Das wohlige Gefühl verstärkt sich, sobald einem klar wird, dass In Flames auch hier tastechlich eine eigene Version eines Klassikers erschaffen haben. Ob man sie wirklich gebraucht hätte und ob sie besser als das Original ist, sind andere Fragen (die man wohl eher mit "Nein" beantworten müsste). Jedenfalls kann man sie als gutklassig einstuften.

So gibt "Down, Wicked & No Good" (wohl unfreiwillig) einen schönen Überblick, wo die Stärken und Schwächen In Flames' liegen. Sobald Gitarren eine tragende Rolle übernehmen, ist auf das Arrangement-Gespür der Truppe Verlass. Anders verhält es sich bei den elektronischen Elementen. Fast zwanghaft wirkt deren Einsatz bisweilen und entsprechend wenig inspiriert. Die Folge: Absolut verzichtbares Material. Das Problem, mit dem In Flames in letzter Zeit zu kämpfen haben, ist nicht der unbedingte Wille zur Weiterentwicklung auf Kosten der Wurzeln – es ist die Undefiniertheit des eigenen Sounds.

Trackliste

  1. 1. It's No Good
  2. 2. Down In A Hole
  3. 3. Wicked Game
  4. 4. Hurt

Videos

Video Video wird geladen ...

Weiterlesen

LAUT.DE-PORTRÄT In Flames

1990 hat Jesper Strömblad die Schnauze voll und verlässt die Band Ceremonial Oath, in der er bis dahin zusammen mit Anders Fridén (Ex-Dark Tranquillity) …

4 Kommentare