laut.de-Kritik

Die Al-Qaiggy-Armee ist bereit zu sterben. Boom!

Review von

Ein Sprengstoffgürtel um die Wespentaille und das blutrote Fadenkreuz auf der oberkörperfreien Brust: Es ist ja bekannt, dass Iggy Pop auch als 66-jähriger, im Rentnerparadies Miami Beach residierender Ferrari-Fahrer noch auf alles und jeden scheißt. Aber dieses Cover dürfte in die ikonographisch ohnehin nicht arme Geschichte des Mannes eingehen. Zuletzt war es tatsächlich das 40 (!) Jahre alte "Raw Power"-Cover, das die von diesem Mann ausgehende, immanente Gefahr und irre Unberechenbarkeit annähernd adäquat ausdrückte.

Nun entstand das Cover-Foto zwar lange vor den Boston-Anschlägen, es bedarf aber nicht allzu viel Vorstellungskraft, um sich auszumalen, was der Punkrock-Psycho auf den Plattenfirmen-Vorschlag eines Alternativcovers wohl geantwortet hätte: "Fuck Off!" Womit wir auch schon bei den neuen Stooges-Songs angelangt wären.

Wüst und derbe kleiden die vier Post-Stooges unter der Gitarren-Ägide des großen Unbekannten James Williamson gleich im Opener "Burn" in Töne, was Stammeshäuptling Iggbert in einem Trailer unverblümt versprach: "Meine Motivation, die dieser Platte zugrunde liegt, ist zu beweisen, dass eine echte fucking Band auch wenn sie älter geworden ist, noch eine fucking Platte machen kann. Dass man dann nicht nur auf der Bühne rumgniedeln muss, nur um einen fucking Haufen Kohle abzugrasen. Wir sind nicht die fucking Smashing Pumpkins oder sowas. The Stooges sind eine echte Band."

Tatsächlich ist es maximal noch Motörhead-Lemmy, der sich auch im gehobenen Alter nicht zu fein ist, solch außerordentliche Lärmwände zu konstruieren. Nichts auf "Ready To Die" erinnert an die anämischen Altherren-Songs von "The Weirdness", das vor sechs Jahren ebenso groß angekündigte wie enttäuschende Comeback-Album der Original-Stooges.

Während damals das Szene-Idol Steve Albini als Produzent an der unmenschlichen Aufgabe scheiterte, die Faszination des alten Rumpelsounds nachzustellen, saß nun mit Williamson ein Mann an den Reglern, der damals schon live dabei war. Sein Vorteil: So schrottig wie David Bowie 1973 "Raw Power" abmischte, würde es heute nicht mal ein Tontechnik-Erstsemester hinkriegen.

Auf "The Weirdness" klang Iggys Stimme jedenfalls arg separiert vom Rest, was vielleicht auch den zwiespältigen Eindruck verstärkte, den Iggys Floskelhuberei allein schon anrichtete ("We're free & freaky in the USA"). Vom Hardrock-Stampfer "Burn" an besinnt er sich heute dagegen wieder auf die Vermittlung kerniger Lebensweisheiten wie sie sonst nur Lemmy formuliert: Die Welt, in der wir leben, wird regiert von Arschlöchern ("The truth is a motherfucker", "The toughest bull owns the ground / the others can't come around"). Soll doch alles in die Luft gehen, ich rücke keinen Millimeter von meinem Weg ab ("Burn, burn / am I concerned? / should I be so? / Well I don't know").

Die Al-Qaiggy-Armee hat das Hirn endlich wieder voller Napalm, ihr Auftrag lautet schlicht "Search & Destroy" und alle sind bereit zu sterben. Boom! Die Gedenkminuten müssen wir uns wohl noch eine Weile aufheben.

Die urwüchsige Kraft alter Ann Arbour/Michigan-Tage durchzieht das gesamte Album. Als würde es Iggy selbst spüren, ist die gesamte Platte auf Wiedergutmachung mit dem eigenen Erbe aus: Sogar "Fun House"-Saxophonist Steve Mackay steuert sein unnachahmliches Spiel bei. Dieses stellt sich mit Auftakt des zweiten Songs "Sex & Money" etwas arg abrupt vor, an diese Stelle hätte man vielleicht lieber die Uptempo-Bomben "Job" und "Gun" gesetzt.

Textzeilen wie "I got a job / but it don't pay shit / I got a job / and I'm sick of it" vermittelt kaum jemand so glaubhaft wie der große Sicktator. Dass "Job" im Riffing dann auch noch mehr als dezent an "Loose" erinnert, macht dem Vergnügen erst recht keinen Abbruch.

Dass die ruhigen Momente genau so zum Gelingen dieses Albums beitragen, sagt einiges über die neue Chemie zwischen Iggy, Drummer Scott Asheton, Bassist Mike Watt und James Williamson aus. Gerade letzterer war es, der auf "Raw Power" mit Songs wie "Gimme Danger" oder "I Need Somebody" seine gefühlvolles Seite zeigte.

"Unfriendly World" ist so ein unerwartet zarter Akustikgitarrensong mit ungeheurer Ausdruckskraft. Iggy zieht hier mit seinen seit "Preliminaires" bekannten Crooner-Qualitäten alle Register und gibt den weisen Mann ("Hang on to your girl / this is an unfriendly world"). Im Titeltrack "Ready To Die" ist es dann vorbei mit Williamsons banddienlicher Zurückhaltung: Takt um Takt feuert er berstende Soli ab, als wolle er seinen ausweichenden Frontmann endlich umnieten. Doch der kreischt eh schon wie von Sinnen "Die! Die! Die!"

Einzig "DDs" enttäuscht etwas, bevor "Dirty Deal" Iggys miese Label-Erfahrungen aus 40 Jahren in schlanke vier Minuten packt. Das mitreißende "Beat That Guy" lässt es abermals absurd anmuten, dass Iggy und Williamson tatsächlich 16 Jahre lang nicht miteinander gesprochen haben, bevor "The Departed" den würdevollen Abschluss bereitet. Die Hommage an den verstorbenen Ur-Stooges-Gitarristen Ron Asheton gerät zum sentimentalen Wiegenlied. "Where is the life we started / yesterday's a door / opening for the departed" seufzt Iggy.

Die Gedenkakkorde von "I Wanna Be Your Dog" im In- und Outtro lassen derweil Schauer über den Rücken laufen. Längst hat Iggy den Sprengstoffgürtel abgelegt, ist wieder Jim Osterberg und sitzt am Fluss seines Hauses im Schaukelstuhl, in Gedanken weit weg in Ann Arbor, wo diese wahnwitzige Karriere Ende der 60er begann. Selten ließ er uns näher dabei sein.

Trackliste

  1. 1. Burn
  2. 2. Sex & Money
  3. 3. Job
  4. 4. Gun
  5. 5. Unfriendly World
  6. 6. Ready Tio Die
  7. 7. DD's
  8. 8. Dirty Deal
  9. 9. Beat That Guy
  10. 10. The Departed

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