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laut.de-Biographie

Highasakite

Wer in sozialen Netzwerken den Hashtag #highasakite eingibt, stößt auf kuriose Bilder benebelt wirkender Menschen. Denn Highasakite lautet nicht nur der Name einer Indie-Pop-Band aus Norwegen, sondern bedeutet auch "bekifft sein", "zugedröhnt bis in die Haarspitzen".

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"Als wir nach einem Bandnamen gesucht haben, war uns diese Doppeldeutigkeit nicht bewusst", erzählt Kristoffer Lo lachend, "Wir haben den Ausdruck aus dem Elton John-Song 'Rocket Man'. Da wird er ganz wortwörtlich verwendet." Wenn er ihren Bandnamen hört, habe er zumindest immer einen gelben Drachen vor Augen, der weit weg von allem gen Himmel fliegt, sagt Trond Bersu.

Assoziationen von Jenseitigkeit weckt auch ihre Musik. Highasakite verdichten Synthesizer, Drums, Percussion, Gitarre und Blasinstrumente bestens zu einem eindrucksvollen, ätherischen Klangkosmos, der zwischen schimmerndem Glanz und massiver Dunkelheit oszilliert. Gespenstisch brodelnde Momente und zurückhaltende Bedächtigkeit sind darin ebenso präsent wie abrupte Euphorie-Ausbrüche oder weitläufiges Schwelgen.

Das Geschehen dominieren dabei stets die hoheitsvollen, teils bizarren Vocals der Sängerin Ingrid Helene Håvik. Zu ihren Eigenheiten zählen jodelähnliche Laute, Oktavsprünge sowie eine Unmenge an Koloraturen, sprich: das Packen mehrerer Töne auf nur eine oder wenige Silben, wodurch Wörter in eine unnatürliche Länge gezogen werden.

Obwohl Highasakite ohne Zweifel dem Pop-Genre zuzuordnen sind – dafür sprechen allein schon ihre äußerst melodischen, repetitiven Refrains – hängt ihrer Musik etwas wohl Informiertes, klassisch Instruiertes an. Dies ist kein Wunder, schließlich lernt sich das Quintett im Jahr 2012 während des Studiums auf dem Trondheim Jazz Conservatory kennen.

Zunächst besteht die Band nur aus Sängerin Ingrid Helene Håvik und Drummer Trond Bersu. Mit Zither und Schlaginstrumenten wollen sie einen Klang erschaffen, der norwegischen Folk, amerikanischen 60s-Pop und Synthesizer-Sounds vereint. Für die Aufnahmen holen sie ihre Freunde Thomas Dahl für den Producer- und Øystein Skar für den Synthie-Part hinzu.

Nach zehn Recording-Tagen auf einer einsamen Insel ist das Debütalbum fertig. Es trägt den Namen "All That Floats Will Rain" und beschert Highasakite in ihrem Heimatland neben wohlwollenden Kritiken auch eine Grammy-Nominierung.

Highasakite - Camp Echo
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Für den nötigen internationalen Schub sorgt die öffentliche Anerkennung eines prominenten Fans: Bon Ivers Frontmann Justin Vernon twittert nach einem Auftritt der Band auf dem Øya Festival er voller Begeisterung: "Heilige Scheiße, das war mal eine verrückte Band. Ich liebe sie!".

Der Durchbruch gelingt mit dem zweiten Album "Silent Treatment", das auch abseits von Norwegen veröffentlicht wird. Inzwischen ergänzen Kristoffer Lo an Gitarre und Horn und Marte Eberson an einem zweiten Synthesizer das Ensemble. Im Vergleich zum Vorgänger gerät der Sound dadurch noch größer, üppiger und texturreicher. Auch der Percussion-Anteil und die elektronischen Spielereien haben zugenommen.

"Die Aufnahmen haben über ein Jahr gedauert", erinnert sich Øystein Skar. Eventuell sei das ihrem musikalischen Background geschuldet, mutmaßt Kristoffer Lo. "Sobald wir etwas hören, haben wir sofort tausend Ideen im Kopf, womit man dieses musikalische Zitat verbinden oder wie man es weiterspinnen könnte. Wir machen zwar keinen Jazz, aber unser Songwriting-Ansatz hat glaube ich schon etwas Jazziges."

Beim Texten gehen Highasakite ganz ähnlich vor. Sängerin Ingrid Helene Håvik verwendet Filmzitate oder zufällig aufgeschnappte Konversationsschnipsel als Fundament und spinnt anschließend Schicht für Schicht ihre Geschichten darum. Obwohl man im Fall ihrer Lyrics wohl kaum von Geschichten sprechen kann. Es handelt sich vielmehr um eine Ansammlung drückender sprachlicher Bilder, die sie auf eine kryptische Weise aneinander reiht:

"I am a philistine, it's the biggest sin, it's a phetamine, and I'm on a role. And through my villain – I see you and I, I see Paraguay, and I've got to know. Am I the real Darth Vader? I'll see dragons, too."

Ein leicht psychotischer Touch lässt sich Håviks Texten wohl durchaus nachsagen. Das gilt auch für die Songtitel, die bisweilen fast furchteinflößende Namen tragen. Neben "Darth Vader" findet sich da ein "I, The Hand Granade" oder ein Track namens "Hiroshima". Dort heißt es entgegen jeglicher Erwartung: "I should be digging my way to china with a shovel but winded up in Portugal." Die Idee dahinter sei gewesen, einen Song über Hiroshima zu schreiben, der nichts mit dem Atombombenabwurf von 1945 zu tun habe, erklärt Trond Bersu.

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Vielleicht ist dies sogar das auffälligste Merkmal von Highasakite: sich mit assoziationsreichen Begriffen zu schmücken, die den Zuhörer derart neugierig machen, dass er mehr wissen möchte.

Die Faszination hält in Norwegen auf jeden Fall an: "Silent Treatment" bleibt 94 Wochen in den Top 40 der Albumcharts und bricht damit einen Rekord. Auf ihren Lorbeeren ruhen sich Highaskite aber nicht aus, sondern beginnen schon kurz nach dem Release mit den 18-monatigen Arbeiten am Nachfolger "Camp Echo".

Statt nach dem gleichen Rezept zu verfahren, schlagen sie eine elektronischere Richtung ein, die an schwere Synthesizer-Sounds der 80er und 90er erinnert. Sie selbst nennen The Prodigy, Nine Inch Nails und The Knife als Referenz. Die Themen sind so düster wie die Klanglandschaft: Håvik befasst sich mit den Nachwirkungen des 11. September 2001, Terror und Krieg.

Als politisches Album sehen Highaskite "Camp Echo" aber nur in Teilen: "Es ist eher eine Beobachtung. Es gibt keine Agenda. Aber auf der anderen Seite denke ich, dass wir Menschen sind und nichts anderes tun können, als irgendeine Agenda zu verfolgen", sagt Håvik im Interview und Marte Eberson ergänzt: "Ich denke, dass man die Texte oder Lyrics auch als nicht politisch betrachten kann. Man kann sie als Liebesgeschichten sehen oder einfach zwischenmenschliche Situationen im täglichen Leben. Man kann es sich aussuchen".

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Highasakite - Camp Echo: Album-Cover
  • Leserwertung: 2 Punkt
  • Redaktionswertung: 4 Punkte

2016 Camp Echo

Kritik von Andrea Topinka

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