laut.de-Biografie
Herpes
"Das kommt vom Küssen!", proklamiert Sänger Florian 'Schaumschlag' Pühs im gleichnamigen Stück, und man möchte ihm und Band augenblicklich persönlich gratulieren zur Namenswahl. Sich nach einer fiesen Infektionskrankheit zu benennen, das erfordert erstens durchaus Mut zum Ekligen, zweitens ein hartes Fell, denn selbst gewollte Wortspiele dürften nach einer kurzen Weile relativ anstrengend werden.
"Der Virus geht um", heißt es jedenfalls schon seit 2006, als sich Pühs und Gitarrist Gabor Gold auf einem Konzert im Berliner Køpi kennen. Der eine studiert Mathe, der andere Film. Auch sonst hat man nicht viel gemeinsam, außer einer Vorliebe für Deutschpunk. Bald kommen Keyboarderin Anna 'Who?' Hjalmarsson, Bassist Philipp Schreiner und Drummer Christoph Neudeutsch hinzu und man beginnt, mit Hilfe von Drumsamples und dem Keyboard von Florians Freundin Songs zu schreiben.
Erste Auftritte verlaufen "ansteckend", bald redet in der Hauptstadt jeder von Herpes' Post-NDW-Punk. Aus Stockholm und Berlin stammend ist ihr anfängliches Hauptanliegen, den minimalistischen Technosound Berlins und elektronische Tanzmusik im Gemeinen mit 80s New Wave zu verschmelzen. Das Resultat sind die ersten beiden EPs "Tod Eines Discotänzers" und "Komm Vorbei". Für die enthaltene Musik ziehen Kritiker Vergleiche zur Neuen Deutschen Welle von Deutsch Amerikanische Freundschaft oder zum Postpunk von Devo.
Als die Band 2009 beim Hamburger Indielabel Tapete unterkommt, geht der Rummel erst richtig los: Zu "Very Berlin" sowie den weiteren Berlin-bezogenen Stücken des kurzweiligen Punkdebüts "Das Kommt Vom Küssen" (2010) tanzt nicht nur die Stadt selbst. Synthies fiepen, trockene Drums scheppern, und Pühs gibt hysterisch wie ein junger Schorsch Kamerun ironisch aufgeladene Oden zum Besten.
Brunch-Cafés, Galeristen, Berliner Hipstertum, wo das Shirt manchmal wichtiger ist als der Inhalt – niemand wird in den Lyrics verschont. Eine Erfrischung zur rechten Zeit, finden etwa StyleMag und das Vice Magazine. Klar ist, dieses kompromisslose Lippenbläschen stört ganz gewaltig im gleichförmigen Deutschpunk, und das ist auch fein so. "Dieser Beat, dieser Bass, diese Monotonie, das ist very Berlin!"