laut.de-Kritik

Bunte Luftballons für schwarze Zeiten.

Review von

"Manchmal, wenn ich die Alpen überfliege, denke ich: 'Das sieht aus wie all das Kokain, dass ich geschnupft habe'.", lautet ein bekanntes Bonmot Elton Johns. Ein Überflieger in Sachen Songwriting und Performance ist er seit mittlerweile fast 50 Jahren und mehr als 30 Studioalben. Die neue Platte "Wonderful Crazy Night" balanciert auf dem von ihm selbst angelegten Pfad zwischen typischen Trademarks und großen Melodien. Zweifellos: Er hat noch immer alle Tasten im Schrank und serviert einen Strauss bunter Luftballons für schwarze Zeiten.

"Ich brauche mich in den Charts mit niemandem zu messen und bin frei, mit allen Musikern spielen, die ich wirklich liebe." Diesen Umstand nutzt er für diese Platte. Mit dem Spürsinn des Elder Statesman, der alle Superlative und Exzesse bis zur Neige auslebte, angelt sich Elton das perfekte Team: Drummer Nigel Olsson und Saitenhexer Davey Johnstone sind seit 1970/71 stets wiederkehrende Eckpfeiler in Sir Johns musikalischem Garten. Erstmals seit zehn Jahren ("The Captain And The Kid") sind sie wieder an Bord.

Als Poduzent steht ihm daneben nicht zum ersten Mal T Bone Burnett (Robert Plant & Alison Krauss, Elvis Costello, Jeff Bridges, Diana Krall oder der Soundtrack zu "The Big Lebowski") zur Seite. Dessen Erfahrung im Roots-Bereich eignet sich gut für die neuerliche Hinwendung zum Purismus. Burnett fungiert dabei nicht nur ein großer Soundmagier: Er versteht Johns Zerrissenheit zwischen totaler Eingängigkeit und komplexen Arrangements.

"Wenn Billy Joel Mr Piano Man ist, dann bin ich Miss Piano Man." Noch immer schüttelt John beim Klavierspielen Momente großer Intensität aus dem Ärmel. "A Good Heart" oder "The Open Chord" stehen für seine sanfte Seite. Die wie frisch aus dem "Honky Chateau" gepellten "Looking Up"/"Wonderful Crazy Night" sollten daneben alle Freunde seiner Boogie-Tracks erfreuen. Die extrem kurze, dabei erstaunlich effektive Soloeinlage in Letzterem bezeugt jene lässige Eleganz, bei der ihm kaum jemand das Wasser reicht.

Dennoch schiebt John sein Klavier nie unnötig in den Vordergrund. Alle anderen Instrumente erhalten ebenso viel Raum zur Entfaltung. Das Klavier taucht stetig auf und ab oder umspült das Ensemble punktgenau und stets im Sinne dessen, was der Song braucht ("I've Got 2 Wings").

"Ich wollte immer jemandem eine Gitarre über den Kopf ziehen. Aber mit einem Piano klappt das nicht so gut." Hierfür hat er Johnstone, der hie und da den Rocker raushängen lässt. Seit "Madman Across The Water" ist der Gitarrero oft das Zünglein an der Waage und Johns Livejoker. Meist reicht ihm hier ein dezenter Anschlag, wie in "In The Name Of You" oder "Claw Hammer". Filigran wird es zwischendurch mit dem gezupften "Tambourine". Auf "England And America" gönnt er sich eine Spur Offensive, ohne in mackerhafte Breitbeinigkeit zu verfallen. Eine souveräne Vorstellung.

Als ultimativen Feelgood-Anspieltipp empfehle ich das runde "Guilty Pleasure": Hätte Elton John diesen fröhlichen Gassenhauer vor 30 oder 40 Jahren veröffentlicht, er wäre heute sicherlich ein Klassiker im Repertoire. Als besonderen Clou bürstet er die Ausgelassenheit des Stücks mit einem großartigen, sehr ästhetischen Outro gegen den Strich. So zeigt sich das Songwriter-Urgestein Elton John mit "Wonderful Crazy Night" als quicklebendiger und bewusst anachronistischer Zeremonienmeister des totalen Pop.

Trackliste

  1. 1. Wonderful Crazy Night
  2. 2. In The Name Of You
  3. 3. Claw Hammer
  4. 4. Blue Wonderful
  5. 5. I've Got 2 Wings
  6. 6. A Good Heart
  7. 7. Looking Up
  8. 8. Guilty Pleasure
  9. 9. Tambourine
  10. 10. The Open Chord
  11. 11. Free And Easy
  12. 12. England And America

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LAUT.DE-PORTRÄT Elton John

Es war einmal ein kleiner Mann mit Hut. Und Brille und Plateauschuhen und Federboas und anderem Krimskrams. Derart unansehnliche Rockstars sind ja eher …

4 Kommentare mit 22 Antworten

  • Vor einem Jahr

    Elton gehört zu wenigen Dinos die ihren eigenen Untergang überlebt haben. Während einige dieser Fixsterne schon längst verglüht sind, bereichert Elton hell leuchtend unser Firmament.

    Selber hatte ich das Glück 2013 Sir Elton live in der Köln Arena zu sehen. Wo er mit meist vergessenen Stücken der frühen 70er gastierte, natürlich streute er fast alle Greatest Hits ein.

    Als Mensch der darum kämpfen muss auf dem Boden zu bleiben, kann man Elton nur lieben u. insoweit ist ein Rückblick musikalisch zwar nicht die Weisheit letzter Schluss, aber es beinhaltet nahezu Narrenfreiheit. Das gilt für das Konzert wie auch für das aktuelle Album.

    Halt ich bin kein einfacher Fanboy, der in Erinnerungen schwelgt.

    Als jemand der erlebt hat wie Freddie starb an Aids, als jemand der erlebt hat das Sir Elton trotz „Genderwahnsinn“ nicht am nächsten Baum höher gehängt wurde, sondern das überlebte. Davor ziehe ich den Hut. Das er mit seinem 31. Studioalbum, ein Album raus zaubert mit der Lust am spielen auf seinen Tasten, dazu technisch perfekt, was will man eigentlich mehr?

    Eigentlich nur eines, das Sir Elton, die nächsten Millionen Dollar auf den Feierkopf haut und damit unserer unlustigen Welt die um jeden noch so kleinen Anlass gleich Krieg führt, den Mittelfinger zeigt. Deshalb kaufen, hören, freuen das man das noch erleben durfte.

    • Vor einem Jahr

      ja...der freddie-tag war für mich damals doppelt übel. als ob die mercury-tragödie nicht gereicht hätte: in derselben nacht starb auch aguirre/fitzcarraldo/nosferatu/kinski. übler doppelpunch

    • Vor einem Jahr

      Kinski hatte ich damals nicht auf dem Schirm, dafür war ich bezogen auf Freddie tatsächlich zu sehr Fanboy einer Rockband mit dem Namen Queen. Kurz vor Freddies Ableben war ja auch Innoendo (Februar 1991) erschienen. Was ich nach wie vor für das eigentliche musikalische Erbe an die Fans halte. Hab da sicher nichts ausgelassen.

      Das was ich nun preis gebe, wird manchen wieder an den Rand des Nervenzusammenbruches bringen. Meine Mutter starb gut ein Jahr vor Freddie, ich habe mehr Tränen geweint als Freddie starb. Entrüstung macht sich breit.

      Warum erzähle ich das? Weil die Leute in der Kunst und dazu zählt sicher auch Kinski, die auf alle Konventionen pfiffen, waren sehr wichtig für diese Welt. Wahre Heros für unser aller Ewigkeit und Jagdgründe. Ok der Planet dreht sich immer weiter, nur werde ich ausgehend von den 90er Jahren den Verdacht nicht los das er sich seitdem ein gutes Stück rückwärts dreht. Das gehört aufgehalten und umgekehrt. Und wenn meine 2 Cent dazu beitragen können, super.

      Hätte jetzt fast Lust mir ein Kinski Spezial im Netz zusammen zu suchen. ;)

    • Vor einem Jahr

      Als Betthupferl. Roger Willemsen ist vor zwei Tagen gestorben, ich pack das mal hier rein. Weil das ist bezogen auf meinen Aufhänger mehr als wichtig! Sehr traurig dass das so schnell ging.

    • Vor einem Jahr

      Roger Willemsen hat jetzt aber nicht so viel mit Musik zu tun, oder? Ich hab mal den Alarm ausgelöst. Soll der Mod drüber entscheiden.

    • Vor einem Jahr

      PUSH
      Der Programmieraufwand ist nun wirklich kein großer, ich kann das voll gut einschätzen!

    • Vor einem Jahr

      Tut mir leid! Von hinten schlägt mich mein heimliches Ich. Antworte nicht, zuviele Allgemeinplätze, ausgetrettene Pfade, schwer verdauliches Zeug. Soll er/sie sich den Textbaustein doch nehmen und unter deine Kommentare kleben. Beim anderen Thread gilt diese Antwort auch Morpho. Musste nur einmal lesen, spart eine Menge Zeit.

  • Vor einem Jahr

    Mit Elton ist das irgendwie so eine Sache. Er ist ein ganz Großer, keine Frage. Aber irgendwie berührt er mich nicht tief im Innersten. Er ist sehr professionell, aber nicht besonders emotional.

    • Vor einem Jahr

      das täuscht, weil viele der emotionalen sachen nicht unbedingt die allgegenwärtigen radioklopper sind.

      ich empfehle zum checken vor allem die frühen alben bis einschließlich 1976 und songs wie "where to now, st peter?" von der tumbleweed connection oder das rührende "goodbye" von "madman across the water".

    • Vor einem Jahr

      und nicht zu vergessen: das gefühlvolle "sorry seems to be..." von "blue moves"

    • Vor einem Jahr

      Die Blue-Coverversion hat es mir ruiniert, für immer!!

    • Vor einem Jahr

      Nein nichts ruiniert diesen Song... Ich muss bei dem Lied immer die Tränen unterdrücken... Sorry seems to be the hardest word hat mich sehr berührt so wie viele andere Stücke auch. Danke Sir Elton John.

    • Vor einem Jahr

      Schade nur, dass die Schwuchtel im Fegefeuer enden wird #Steilvorlage

    • Vor einem Jahr

      Das verstehst du vollkommen falsch, Tooli. Der Swingmaster wollte damit vergangene Aussagen relativieren, im Stil von: "Außerdem kann ich ja gar nicht homophob sein. Ich höre zum Beispiel Elton John ganz gerne und hab bei dem einen Lied sogar mal fast geweint."

    • Vor einem Jahr

      ...als der Peter tief in meinem Anus war.

    • Vor einem Jahr

      Ich glaube nicht, dass zum Gebrauch solcherlei wendehälsiger Manöver in der #Anleitung aufgerufen wird, Bruder Morpho! Du solltest lernen zu differenzieren!

    • Vor einem Jahr

      Au contraire, mon frère. Ich, für meinen Teil, habe die Gebrauchsanleitung gelesen und bin seitdem - dies aber nur als Nebenhandlung - von einer rezidivierenden depressiven Störung höchsten Schweregrades geheilt. Gerade das Kapitel "Stell dich nicht so an" hat hier wahre Wunder gewirkt.
      Ferner gibt es einen Abschnitt darüber, wie man in der Gesellschaft akzeptiert wird und da wird ausdrücklich vorgeschrieben, man solle genug polarisieren, um im Gespräch zu bleiben, dabei aber auch genug relativieren, um den Anschein zu bewahren, man würde sich differenziert mit einer Thematik auseinandersetzen.

    • Vor einem Jahr

      Du hast Recht, ich habe nochmals in der altehrwürdigen #Anleitung nachgeschlagen und da steht tatsächlich geschrieben, Mk 10 46-52: "Verachte die Homos, so du sie triffst, doch gebe dich auf Laut.de stets als gemäßigter, gefühlsduseliger Elton John-Fan aus, dass du nicht als radikaler Ewiggestriger gebrandmarkt wirst."
      My bad, sorry Bro. Hab' die Sonntagsschule mal wieder geschwänzt :(

    • Vor einem Jahr

      Gibt auch viele Songs von Elton, die ich richtig gut finde, auch abseits des Radios. Und klar, da gibts auch tolle gefühlvolle Stücke... Cold as Christmas wäre auch so ein Beispiel. Mir fehlt wahrscheinlich dieses Charisma, diese Bühnenpräsenz, was Sänger wie z.B. Peter Gabriel oder Fish ausstrahlen. Ich gebe aber zu, dass ich letztere wirklich live erlebt habe, während ich Eltons Konzerte nur durch Videos kenne.

    • Vor einem Jahr

      d a s macht schon nen unterschied. einen großen sogar. und wenn man bei den videos dann noch ne phase erwischt, wo der sound verkitscht rüberkommt (die schlimmen end-80er/früh-90er-gigs), ist das natürlich kein wunder.
      in den letzten jahren jedoch hat er echt wieder zurück zur alten livestärke gefunden. sehr piano-lastig (zb auch die konzertpartie zum 60.) und sehr kraftvoll in der (mittlertweile tiefer klingenden) stimme. wenn er dann live ne viertelstundenversion von zb "madman across the water" nur zum klavier bringt, geht da schon die gänsehaut los.
      das ausgerechnet jemand, der so prädestiniert ist, als nahezu einziger der großen keinen unplugged-gig machte und keine acoustic-tour, ist etwas schade. wäre ein abräumer bei den möglichkeiten seines katalogs.

    • Vor einem Jahr

      Kennst Du nicht das 2001er Türkei-Konzert in Ephesos (ist auf Youtube). Das ist doch quasi ein accoustic/unplugged Konzert. Nur Elton am Flügel.

    • Vor einem Jahr

      nee, kenn ich noch nicht. danke für den tipp. wird angecheckt

    • Vor einem Jahr

      "in den letzten jahren jedoch hat er echt wieder zurück zur alten livestärke gefunden"

      Das kann ich bestätigen. Der Ephesus Gig ist aber auch sehr gut. Kenn das Amphitheater geile Location , allerdings wird man sonst nach einem Besuch dort zu einem Teppichhändler gefahren. ;)

  • Vor einem Jahr

    Das Cover gehört jetzt aber sicher nicht zu den Glanzleistungen seiner Karriere.