Porträt

laut.de-Biographie

Ella Fitzgerald

Am 15. Juni 1996 verliert die Jazzwelt ihre wohl bekannteste und einflussreichste Stimme, ihre First Lady Of Song. Von der Diabetes schwer gezeichnet, entschläft die 79-jährige Ella Jane Fitzgerald nahezu komplett erblindet in ihrem Haus in Beverly Hills. 1980 singt sie, bereits schwer Augenkrank, im Blitzlichtgewitter der Fotografen bei einem Konzert in Hamburg die improvisierten Zeilen "Flashlights, hurting my eyes", 1993 verliert sie schließlich beide Beine.

Weltfrauentag: Die besten Sängerinnen Aktuelle News
Weltfrauentag Die besten Sängerinnen
Ein Hoch auf die Damen! Wer singt am besten? Wir zeigen es euch in unserer ultimativen Liste der besten Sängerinnen westlich des Jupiters.

Es ist diese kleine Anekdote, die das Besondere im Leben und Wirken Ella Fitzgeralds beschreibt, die Frau, die man nur andächtig Lady Ella nannte. Ihre Geistesgegenwart, ihr Herz, der ungeheure Ausdruck, mit dem sie intonierte – mal kehlig, mal kratzig, mal fröhlich-naiv, dann wieder kräftig warm. Beinahe drei Oktaven beherrschte die in Virginia Geborene problemlos.

"Nicht auszuhalten, eine solche unmenschliche Perfektion, hätte sie diese nicht hinter dem Anschein vollkommener Schwerelosigkeit versteckt und sich bis ins hohe Alter eine Art kindliche Naivität bewahrt", schreibt Die Zeit in einem Nachruf. Dabei fehlt ihr vielleicht die technische Versiertheit einer Billie Holiday und vor allem einer Sarah Vaughan, doch mit ihrer enormen musikalischen Intelligenz und Virtuosität gleicht sie diesen vermeintlichen Nachteil aus. Immer wieder verschleift sie Töne zu sogenannten dirty notes, setzt mehr oder weniger bewusst zu früh oder zu spät ein, singt scheinbar mühelos Glissando hinter Glissando.

Ihre Improvisationen sind es, die das Publikum zu Begeisterungsstürmen hinreißen. Legendär ist die Aufnahme des Brecht-Klassikers "Mack The Knife" bei einem Konzert in Berlin 1960, bei dem sie beinahe den kompletten Text vergisst und in wilde Improvisationen ausbricht. Der Mitschnitt wird unter dem Titel "Ella In Berlin" auf Vinyl gepresst, 1961 erhält sie einen Grammy sowohl für das Album als auch für ihre Improvisation. Die Jury geht sogar noch weiter und nimmt "Ella in Berlin" 1999 in die Grammy Hall Of Fame auf.

Es sind zu diesem Zeitpunkt bereits ihre Grammys fünf und sechs, deren acht werden neben unzähligen weiteren Auszeichnungen bis zu ihrem Ableben noch folgen. Ebenso fünf weitere Ruhmeshalleneinträge sowie die National Medal Of Art und die Presidential Medal Of Freedom, überreicht von Ronald Reagen bzw. George Bush Senior, und sogar die Ehrendoktorwürde in Yale und Dartmouth. "Nicht schlecht für jemanden, der nur Musik gelernt hat, um irgendwie an diesen High School-Abschluss zu kommen", kommentiert sie ihre Doktortitel später.

Tatsächlich war diese steile Karriere keineswegs abzusehen. Schon kurz nach ihrer Geburt am 25. April 1917 trennen sich ihre Eltern William und Temperance. Zusammen mit ihrer Mutter zieht Ella nach Yonkers im US-Bundesstaat New York, wo Tempie 1932 den Folgen eines Autounfalles erliegt. Ihr Tante in der Bronx nimmt Ella bei sich auf, doch der Tod ihrer Mutter wirft die bis dato exzellente Schülerin aus der Bahn.

Statt die Schulbank zu drücken arbeitet sie an der Tür eines Bordelles, wo es ihre Aufgabe ist, zu klopfen, sobald sich ein Streife der Polizei dem Etablissement nähert, oder verdingt sich als Kurier eines von der Mafia initiierten, illegalen Wettsystems. Schwierigkeiten mit der Polizei liegen hier in der Natur der Sache, ein Jugendgericht schickt sie schließlich in eine Besserungsanstalt für Mädchen, aus der sie wenig später jedoch entkommt.

Ein 15-jähriges schwarzes Mädchen, obdachlos inmitten der großen Weltwirtschaftskrise. Geprägt vom Leid und der Perspektivlosigkeit, die sie in der Besserungsanstalt am eigenen Leib erfahren hatte, nimmt sie an einem Talentwettbewerb am Apollo Theater teil. Ursprünglich möchte sie die Jury mit einer Tanzdarbietung für sich gewinnen, bereits in früher Kindheit war es ihr Traum gewesen, Tänzerin zu werden.

Eingeschüchtert von der Konkurrenz entschließt sie sich jedoch spontan den Hoagy Carmichael-Titel "Judy" zu singen, indem sie versucht, den Stil ihres damaligen Idols, Connee Bosswell von den Bosswell Sisters, nachzuahmen. Mit Erfolg, das Publikum verlangt eine Zugabe, die junge Ella gewinnt den ersten Preis, das Debüt ist gemacht.

Mitglied der Band ist an diesem Abend Benny Carter, der nicht weniger begeistert von ihrer Darbietung ist und sich ihrer annimmt. In den nächsten Jahren entwächst daraus eine enge Freundschaft. Ella meldet sich fortan bei jeder Talentshow an, die sie finden kann, bis sie schließlich die Möglichkeit gewinnt, eine Woche lang mit der Tiny Bradshaw Band im Harlem Opera House aufzutreten. "Als ich da oben stand, spürte ich die Akzeptanz und die Liebe meiner Zuhörer. Ich spürte, dass ich für den Rest meines Lebens vor Leuten singen wollte."

Einer der Zuhörer ist der Bandleader Chick Webb, mit dem sie schon bald auf Tour geht. Zunächst möchte Webb sie gar nicht für seine Band engagieren, unbeholfen und ungepflegt sei die abseits der Bühne so schüchterne und zurückhaltende Ella Fitzgerald, ein ungeschliffener Diamant sagen andere. Nichtsdestotrotz bekommt sie ihre Chance bei einem Konzert an der Yale University und reißt auch hier die Massen mit. Webb serviert den eigentlich schon gebuchten Sänger Charlie Linton ab und nimmt Ella ins Boot.

Damit ist der Grundstein für ihre Karriere gelegt. Gemeinsam mit Webb nimmt sie die Single "Love And Kisses" auf, die 1935 auf Decca erscheint. Wenig später schon hat sie mit "A-Tisket A-Tasket" ihren ersten großen Hit, der 1986 schließlich ihren ersten Eintrag in die Hall Of Fame markieren wird. Sie habe selbst am Titel mitgeschrieben, der Text adaptiere ein altes Brettspiel, das sie mit sechs Jahren gespielt habe, erklärt sie später.

1939 schließlich stirbt Chick Webb und Ella übernimmt die Leitung seines Orchesters. Es folgen etwa 150 Aufnahmen, unzählige Konzerte und die Heirat mit einem Hafenarbeiter, die bereits nach zwei Jahren wieder annulliert wird. Später heiratet sie außerdem Ray Brown, den Schlagzeuger der Band um Dizzy Gillespie und adoptiert ihren Sohn Ray jr. 1953 geht allerdings auch diese Ehe nach sechs Jahren in die Brüche.

Trotzdem erreicht sie die nächste Stufe ihrer Karriere. Ray Brown arbeitet zu der Zeit, als Ella und er sich kennen lernen mit dem Produzenten und Manager Norman Granz zusammen. Dieser erkennt auf Anhieb Ellas Potenzial und unterstützt und managt sie fortan für den Rest ihrer Karriere. Trotzdem dauert es noch bis 1955, bis er sie endlich auf einem seiner eigenen Labels, Verve Records, unter Vertrag nehmen kann.

In der Zwischenzeit verliert Ellas Paradedisziplin, der Swing, immer weiter an Bedeutung. Kommerziell bis aufs Letzte ausgebeutet, schlingert er dahin und wird sukzessive vom Bebop abgelöst. Ella ist mittlerweile stark beeinflusst von Charlie Parker und Dizzy Gillespie, tourt mit Letzterem sogar durch die Staaten und ist festes Mitglied in der von Granz geleiteten "Jazz At The Philharmonic"-Konzertserie.

In ihrer Begeisterung für Parker und Gillespie versucht sie mit ihrer Stimme die Blasinstrumente der beiden nachzuahmen – Ihr Faible für Scat-Gesang ist geboren. "Erfunden hatte sie den Scat nicht, aber sie hat ihn, spontan, schon früh für sich gefunden, und niemand hat ihn je so einfallsreich, so gewandt und so kess jubilieren lassen wie sie", so Die Zeit. Das Downbeat Magazin ergänzt seinerzeit: "Sie ist eine ebenso große Meisterin des Bops, wie sie eine des Swings war."

"Ich hatte einen Punkt erreicht, an dem ich nur noch Be-Bop gesungen habe. Ich dachte, Be-Bop sei es, und alles, was ich tun muss, ist irgendwo hinzukommen und Bop zu singen. Aber er hat sich schließlich zu einem Punkt entwickelt, an dem es keinen Platz mehr für mich als Sängerin gab. Ich realisierte dann, dass es noch mehr Musik gibt als nur Bop", erinnert sie sich später. "Norman hatte auch das Gefühl, dass ich etwas anderes machen sollte, also hat er "The Cole Porter Songbook" mit mir produziert. Es war ein Wendepunkt in meinem Leben."

Tatsächlich erreicht sie mit ihrer Songbook-Reihe eine völlig andere, gänzlich unterschiedliche und heterogenere Zielgruppe. Ob alt oder jung, reich oder arm, gleich welcher Herkunft und Hautfarbe, Ella Fitzgerald ist fortan nahezu jedem ein Begriff. Insgesamt acht Liederbücher interpretiert und intoniert Ella Fitzgerald neu, einige davon so gut, dass selbst deren Komponisten ins Schwärmen geraten. "Ich wusste nicht wie gut unsere Songs waren, bis Ella sie gesungen hat", kommentiert Ira Gershwin die Interpretation des Songbooks der Gershwin-Brüder.

Die unzähligen Aufnahmen und ausgiebigen Tourneen – mitunter war sie 40 bis 45 Wochen im Jahr auf Tour – zollen schließlich in München 1965 ihren Tribut, als Ella auf der Bühne einen Kreislaufkollaps erleidet. Fünf Jahre zuvor verkauft Granz Verve Records an MGM, die den auslaufenden Vertrag mit ihr nicht verlängern.

Granz vermittelt Ella an Capitol, wo ihr ein völlig anderer Sound auf den Leib geschneidert werden soll. Doch die Suche nach einer neuen Pop-Identität scheitert. Ella wirkt unsicher, weder ihre Versuche, Country zu singen, noch die Interpretationen zeitgenössischer Hits der Beatles oder Marvin Gaye werden Erfolge. Aufwärts geht es mit ihr erst wieder 1973 als sie zu Granz neu gegründetem Label Pablo wechselt.

Fortan spielt sie regelmäßig mit Symphonieorchestern, macht 1974 eine zweiwöchige Show gemeinsam mit Frank Sinatra und Count Basie in New York und nimmt diverse Duette mit dem Gitarristen Joe Pass auf. Noch 1990, als ihre Krankheit schon sehr weit fortgeschritten war, steht sie auf der Bühne. Ingesamt nimmt sie in ihrer Karriere mehr als 200 Platten auf.

Nach ihrem Tod bleibt die Erinnerung an eine ehrgeizige, bescheidene Frau, die Millionen begeistert und die Musik ihrer Generation und deren Nachfolgern entscheidend mitgeprägt hat. Ihre sozialen Kontakte umfassten nur wenige langjährige Weggefährten, die zu treuen und engen Freunden wurden. Bis zuletzt mied sie die Öffentlichkeit, ließ meistens ihren Manager Norman Granz für sie sprechen. Und dennoch wird die Stimme der "First Lady Of Jazz" auf ewig nachhallen.

News

Alben

Videos

These Boots Are Made for Walking
The Best Of
Can't We Be Friends (1956)
a Little Bit Later On
  • Redsugar's Ella Fitzgerald Page

    Auch junge Leute mögen Ella. Mit vielen RA-Hörproben zum Reinschnuppern.

    http://www.redsugar.com/ella.html
  • Essential Jazz Tribute

    Ein romantisches Tribute für Ella.

    http://www.jdscomm.com/ella_pages.html
  • Ella Fitzgerald

    Klasse Seite und sehr übersichtlich.

    http://museum.media.org/ella/
  • The Ella Fitzgerald Lyrics Page

    Wahnsinn! Soooo viiiieeeele Texte zu Ihren Songs.

    http://www.thepeaches.com/music/ella/
  • Offizielle Homepage

    Posthum offiziell gemacht.

    http://www.ellafitzgerald.com/index.php?option=com_frontpage&Itemid=1
  • Jazzecho

    Jazzecho widmet Lady Ella eine ganze Seite.

    http://www.jazzecho.de/ellafitzgerald
  • Zeit

    Ein Nachruf der Zeit von 1996 ...

    http://www.zeit.de/1996/26/ella.txt.19960621.xml
  • New York Times

    ... und einer der New York Times (englisch).

    http://query.nytimes.com/gst/fullpage.html?res=9A00E4DC1E39F935A25755C0A960958260

Noch keine Kommentare