laut.de-Kritik

Samy zeigt uns, wie man richtig rappt. Wir danken!

Review von

Um es vorsichtig auszudrücken: Dynamite Deluxe hatte ich nicht mehr wirklich auf dem Schirm. Sieben Jahre lang blieb das Trio in der Versenkung verschwunden. Die einstigen Weggefährten beschritten Solo-Pfade und versuchten sich eher mehr als weniger erfolgreich an diversen Solo-, Haupt- und Nebenprojekten. Wer ahnt denn, dass die drei plötzlich wieder vereint auf der Matte stehen? Ich nicht - wofür mir ihr Comeback-Album eine nachhaltige Kopfwäsche verpasst.

"TNT" wird seinem explosiven Titel mehr als gerecht. Eingekeilt zwischen sinnig "Erster Song" und "Letzter Song" betitelten Nummern drängt sich eine Sprengladung an die andere. Zwar vermisse ich ein wenig Inhalt. Über die übliche Selbstabfeierei, selbstreflektive Nabelschau und überflüssiges (weil unüberhörbar den Tatsachen entsprechendes) "Wir sind zurück, kuck doch mal, wer da ist"-Gepose reicht "TNT" kaum jemals hinaus.

Das schadet aber so gut wie gar nicht: Samy Deluxe präsentiert sich in Bestform und rattert das Blaue vom Himmel herunter. "Ich zeig' euch, wie man richtig rappt", protzt er großkotzig wie eh und je, das aber nicht ohne Grund, bereits im Einstiegstrack. "Dieses Land ist mir zu Dank verpflichtet" heißt es wenig später.

Ob ganz ohne Begleitung, ob auf einem Reggae-Beat und auch, wenn in "Mein Flow Ist" mit Streichern und Gesang doch mächtig dick aufgetragen wird: Samy operiert sicher und mit hervorragend gepflegter Arroganz. Wer diesem MC den Thron streitig machen will, muss in der Tat Einiges auffahren.

Mit Rückendeckung durch Tropf und Dynamite walzt das Flowmonster unaufhaltsam nieder, was so dumm ist, sich ihm in den Weg zu stellen. So lässt man die alten Zeiten von "Yo! Raps MTV" und VIVAs "Freestyle" hochleben ("Boombox"), beklagt in trauter Eintracht mit Jan Delay die Unabänderlichkeit mancher Zustände ("Alles Bleibt Anders") oder raunzt lästige Fans an: "Komma Klar!"

Mit Ausnahme von "Mein Problem (Take It Easy)", das eine Beziehung in Schräglage besingt, und des abschließenden "Letzter Song", im dem Samy über eine angejazzte Beatkonstruktion hinweg schwadroniert, was er den Leuten in seinem allerletzten Rap noch dringend mitzuteilen hat, hält sich die Themenvielfalt jedoch, wie gesagt, in recht überschaubarem Rahmen.

Solange es derart ins Gebälk kracht wie bei "TNT" auf voller Länge, lass' ich mir das allerdings gerne mal bieten. Nach breitformatigem Intro föhnen dicke Keyboardsounds aus der Box. Kein Wunder, dass es, so beschallt, "'ne Riesenhysterie gibt". Deutlich frickeliger geht es in "Alles Bleibt Anders" zu. "Alles ist im Arsch, wie Jan sagt." In Bezug auf die Produktion lässt sich diese Behauptung jedenfalls nicht unterschreiben, auch, wenn hier geschickt der Featuregast zitiert wird.

Harte, abgehackte Claps unterstreichen in "Komma Klar" die deutlichen Ansagen. Der beschauliche Rückblick auf den eigenen Werdegang "Bis Hierher" verdient selbstredend eine melodischere Untermalung: Fast schon ein bisschen zu viel des Guten, das hier aufgefahren wird, geht doch die Stimme im Brei beinahe unter. Wuchtige, Dancehall-lastige Haudrauf-Stimmung setzt es in "Weiter", synthetisch pumpt "Ab Und Zu".

Die Single "Dynamit!" spielt ebenfalls wieder mit Dancehall-Elementen und bietet tatsächlich eine äußerst brauchbare "Alternative zu all dem Standardmist". Nein, nein, meine Herren: Als "Newcomer Des Jahres" geht dieser Veteranenclub nicht mehr durch. Für ein warmes Plätzchen im abgewrackten Altenheim einer Comeback-Show scheint es glücklicherweise noch viel zu früh. Was also? "Gekommen, um zu bleiben"? Bestens!

Trackliste

  1. 1. Erster Song
  2. 2. Newcomer Des Jahres
  3. 3. Alles Bleibt Anders
  4. 4. Boombox
  5. 5. Komma Klar
  6. 6. Weiter
  7. 7. Mein Problem (Take It Easy)
  8. 8. Ab Und Zu
  9. 9. Mein Flow Ist
  10. 10. Bis Hierher
  11. 11. Dynamit!
  12. 12. Der Thron Ist Meiner
  13. 13. Letzter Song

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122 Kommentare

  • Vor 6 Jahren

    maaaan ich bin so heiß.. das scheiß preorder datum für vinyl hat sich geändert und dann auch noch ups ich krieg zu viel. hoffentlich stimmen jegliche reviews!

  • Vor 6 Jahren

    Ne leider kann ich der Review gar nicht zustimmen, beatz zwar richtig geil, aber sammy rap meist belanglos und lanweilig, wie zuletzt (not hate, war wirklich lange DD Fan, aber dies wird meine letzte Platte sein, die ich gekauft habe).
    Leider geht Laut.de wieder voreingenommen in eine Bewertung und richtet sich nach dem Namen.
    Was aber nur bei Hip Hop der Fall, so sind die anderen Laut Kritiken viel eher an der Qualität des Produkts ausgerichtet.
    Bin mal auf die Fler Kritik gespannt, der meiner Meinung nach wirklich ein überraschend gutes Album hingelegt hat.

    Allerhöchstens 3 Punkte wegen der Beatz und des doch guten Flows, obwohl die Ryhmez an sich von jedem mittelklassigen MC stammen könnten.

  • Vor 6 Jahren

    Hmm, Schade hatte mich schon drauf gefreut, da Samy sowohl live als auf den alten Scheiben eingach geil ist. Werde jetzt erstmal reinhören und dann entscheiden, ob es gekauft wird oder nicht.

  • Vor 6 Jahren

    in samy's lyrics die schwäche zu sehen, halte ich nicht für angebracht.

    einfach mal "alles bleibt anders" wählen und sich vor dieser großen lyrik-kunst verneigen.

  • Vor 6 Jahren

    @Screwball (« in samy's lyrics die schwäche zu sehen, halte ich nicht für angebracht.

    einfach mal "alles bleibt anders" wählen und sich vor dieser großen lyrik-kunst verneigen. »):

    Ja es gibt sicher Ausnahmen wie z.B.: Alles bleibt Anders, Mein Problem, Letzter Song. Aber im grossen und ganzen bleibt der Themenvielfalt von Samy's Lyrics relativ klein. Trotzdem ein sehr gelungenes Album.

    p.s.: 3/5 Punkte für die Lyrics ist ja auch nicht schlecht :cool: .

  • Vor 5 Jahren

    @Screwball (« in samy's lyrics die schwäche zu sehen, halte ich nicht für angebracht.

    einfach mal "alles bleibt anders" wählen und sich vor dieser großen lyrik-kunst verneigen. »):

    Verneigen muss man sich davor ganz bestimmt nicht. Hat sich Mühe gegeben, klingt nicht schlecht und ist passagenweise sogar sinnig. Aber dieses Wow-Gefühl wie bei manchen früheren Tracks oder anderen Interpreten hatte ich nicht.