laut.de-Kritik

Ein Wartezimmer der kleinen Momente.

Review von

Ein Pferdeembryo springt herzlich zum Galopp auf, hinter ihm drohend ein Geflecht aus Menschenhänden: Ja, Blonde Redhead haben dieser Tage ihr neuntes Album veröffentlicht. Und die Ex-Kunststudenten geben sich auf "Barragán" gewohnt kryptisch.

Leider nur, was das Cover angeht. Musikalisch scheinen sie mit der letzten Platte ihr interessantes Postpunk-Gesicht zu einem großen Teil begraben zu haben.

Im Gegensatz zu dem, was das Albumcover suggeriert, sucht man auf der neunten Blonde Redhead lange vergeblich nach wirren synaptischen Schnellschüssen. Oft skizziert das italienisch-japanische Musikprojekt auf "Barragán" abstrakte Sounds, umhüllt von nebulösen Ideen. Nur wirkt das alles kalkuliert nebeneinander gestellt und gibt somit nie wirklich Anlass zum Nachdenken.

Der Titeltrack eröffnet die Platte und provoziert mit sachter Flöte und Vogelgezwitscher das unbeschwerte Bild eines Gangs durch den Park an einem mitunter verkaterten Sonntag: Zwar haben die Soundelemente genügend Platz, sich auszuleben - der Funke der Überraschung springt nie über. Diesen findet man höchstens songübergreifend im Genremix des Albums.

Denn in der Gesamtschau macht es die Mischung. Hier verfällt man eben noch in eher jazzige Lambchop-Muster ("Lady M"). So richtig hinhören lassen einen höchstens die Momente, die an CocoRosie erinnern – wie der langsame und quietschend leise Track "No More Honey". Ansonsten verkommt "Barragán" eher zum Wartezimmer der kleinen Momente, auf der Suche nach einem glänzenden Stück Wert im reißend vorbeiplätschernden Musikstrom.

"Dripping" wirkt vielleicht beim ersten Hören ganz spannend, auf Dauer jedoch so cool wie durchschnittlicher French House aus dem Jahre 2008. Ähnlich "Mind To Be Had", das zwar äußerst krautig, aber zugleich käsig wie ein mittelalter Kasabian-Song klingt und wenig bereit hält, was das Herz in Wallung bringen könnte.

Dann vielleicht eher in "Defeatist Anthem (Henry And I)" eintauchen, dem man zuerst ob seiner sechsminütigen Länge und repetitiver, salsaartiger Muster einen Bruch gar nicht zutrauen würde. Doch die Band um Songwriter Amedeo Pace stellt hier unter Beweis, dass sie das musikalische Puppenspieler-Handwerk nie verlernt hat: Nach Belieben baut die Band den Song auf – und wieder ab. Mal mit Akustikgitarre, später stets mit wirren Geräuschkulissen.

Vielleicht hätte man von Blonde Redhead an dieser Stelle ein vielschichtigeres Album erwartet. Die Bandbio gibt solche Werke ja durchaus her. Auch wenn "Barragán" letztlich eine der dünneren Phasen des japanisch-italienischen Trios markiert, findet man auf der Platte mit ihrer enormen Bandbreite zwischen Barock-Pop und Singer/Songwriter-Stücken durchaus Momente, auf die es sich zu warten lohnt.

Trackliste

  1. 1. Barragán
  2. 2. Lady M
  3. 3. Dripping
  4. 4. Cat On Tin Roof
  5. 5. The One I Love
  6. 6. No More Honey
  7. 7. Mind To Be Had
  8. 8. Defeatist Anthem (Harry And I)
  9. 9. Penultimo
  10. 10. Seven Two

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1 Kommentar

  • Vor 2 Jahren

    Ich vermisse die Blonde Redhead, die Without Feathers, Bean, Bipolar und Symphony Of Treble und Spring Summer Fall gemacht haben. Aber, wie ich selbst immer predige, eine Band kann nun mal machen, was sie will. Barragán hat seine bezaubernden Momente, aber das ist nicht mehr ganz so meins.