laut.de-Kritik

Kurt Felix lacht auf seiner Wolke.

Review von

Fast, Jungs. Fast hättet ihr mich reingelegt. Beinahe hätte ich mir den Bären aufbinden lassen, die zwölf Tracks, die da derzeit unter dem Etikett "Advanced Chemistry" kursieren, bilden tatsächlich das seit x Jahren angekündigte und (von einigen Unverdrossenen offenbar allen Ernstes noch sehnlich erwartete) neue Beginner-Album. Aber: Nee, nee! Nicht mit mir. Ihr Spaßvögel.

Auf keinsten kann es sich bei diesem offenkundigen Humbug um einen ernst gemeinten Longplayer einer (wenn nicht DER) legendären deutschen Rap-Crew handeln. Die Anzeichen dafür, dass hier etwas nicht ganz koscher ist, hüpfen einem doch mit dem nackten Hintern voran rudelweise ins Gesicht.

Allein schon der Titel! Advanced Chemistry? Bitte! Zulu-King Torch hat über die zahllosen Nachfragen, ob er das denn durchgewunken hat, bestimmt gut gelacht. Dann das Cover: Fuchs, Jeansjacke, Ring und Titten schreien geradezu im Chor: "Verstehen Sie Spaß?" Die versteckte Kamera steht gleich dort drüben, hinter der Plastikpalme.

Zugegeben: Bei der Veröffentlichung von "Ahnma" hab' ich es noch nicht geblickt. Da hab' ich mich auch noch aufgeregt: Haben die über lauter Selbstbeweihräucherung den Inhalt vergessen? Wieso laden die Gzuz ein und geben ihm dann gerade einmal eine schäbige Bridge? Was, bitteschön, hat Gentleman da zu suchen? Soll der die hängengebliebenen Alt-Fans versöhnen, die der Auftritt des Strassenbanditen, der einzige, insofern vielleicht ungewohnt frische Moment, eventuell verschreckt hat? Überhaupt: Wie ideen-, lieb- und bocklos kann man sich eigentlich geben?

Wahrlich, ich bin drauf reingefallen. Der fette Sound mit Hamburg-Representer-Schiffshörnern, der hat aber auch fies in die Irre geführt, alle Achtung. Spätestens bei der zweiten Single flog der Schwindel allerdings auf, trotz der Armada (selbstverständlich allesamt eingeweihter) prominenter Lockvögel. Die marschierten im zugehörigen Videoclip auf und - hoppla! - beteten schon wieder den sattsam bekannten Werdegang der Beginner herunter. Das war zu auffällig, Kollegen. So ultrawack wie in "Es War Einmal ..." kann man sich einfach nicht präsentieren und erwarten, dass einem diese Räuberpistole noch einer abkauft. "Denyo. Ich komme rein." Schenkelklopfer.

Das Wissen darum, dass Herr Lisk schon anno dunnemals ein bestenfalls mittelmäßiger Rapper war, hatten die rosaroten Nostalgienebel der Zeit beinahe verschluckt. Einer, der dessen ungeachtet am Mic sein Geld verdienen will, wird den Leuten diesen Umstand doch nicht fingerdick frisch aufs Rundstück schmieren. So einer hat in dreizehn Jahren im Verborgenen doch erstens an seinem Flow und zweitens an seiner Lyrik gefeilt. Der würde doch auch nicht wie Opa Hallmackenreuther wieder und wieder die ausgelullerten Geschichten herunterleiern, die der komplette Familien- und Bekanntenkreis schon auswendig mitsprechen kann. Etwa die vom Fake-Auftritt bei "The Dome": Mönsch, was haben wir alle gelacht.

Sollte "Advanced Chemistry" wirklich die fulminante Rückkehr der Beginner besiegeln, dann würden sich die Hauptakteure doch nicht von vorne bis hinten wie nervige, nahezu unerträgliche Störfaktoren im eigenen Spiel inszenieren. Jan Delay jammert zum Steineerweichen und ist von Mal zu Mal mühsamer zu verstehen. Denyo holpert so unrund daher, wie es unabsichtlich eigentlich nicht möglich ist. DJ Mad bleibt überbetont unauffällig. Obendrein erweckt er bei jedem Fotoshooting den Anschein, er stehe nicht aus freien Stücken da, sondern nur, weil die anderen beiden irgendein schmutziges Druckmittel gegen ihn in der Hand haben ... glaubt das jemand?

Die "Hits-am-Fließ-Bänd", diese angeblich ach so ungebrochen hungrigen "Füchse von der Elbe", diese Typen mit ihrer kultivierten Arroganz überlassen das Feld ihren Gästen? Einfach so? Die inzwischen auch offiziell zertifizierten "Testsieger" gestatten, dass mir nicht nur der Vers von Megaloh im Vergleich wie eine akustische Marienerscheinung vorkommt (das kann schon mal passieren), sondern auch Begegnungen mit Samy Deluxe oder Haftbefehl? Mir!? Dicker, das kannst du der Omi aus dem ersten Stock erzählen, sonst schluckt diesen Scherzkeks niemand. Jedenfalls nicht trocken. Wohlsein.

Wem das alles nicht offensichtlich genug erscheint, dem müsste doch wenigstens Reimkunst dieses Kalibers die Augen mit dem Teppichmesser öffnen: "Wir sind im Haus, ihr seid daheim. Wir gehen aus und ihr geht ein." "Rambo No. 5", höhö - aber dann kein Maus-auf-Haus-Reim? Kommt schon! Das geht derber. Yo, Denyo? Na, sichi: "Man, ich fühl' mich Asbach Uralt. Doch kein Wunder, nach 50 Kurzen. Ich geh' auf Klo, nochma' gründlich furzen." Ja, da scheiß' doch einer die Wand an, dann läuft das wieder ganz flüssig unter "deutscher Meisterflow".

Eine Truppe, die sich explizit "Texte mit Aussage" auf die Fahne geschrieben hat, soll auf einer ganzen Albumlänge nur eine einzige Botschaft unterbringen, und dann in "Spam" zu dramatischem Klischeeklavier (wozu auch sonst?) ausgerechnet eine gestrige Lamentiererei? Mimimi, digital ist böse? Warum nicht gleich "Hometaping kills Music"? Wer den Beginnern das abnimmt, hat im Track davor zwischen "Rap & Fette Bässe" (Buchstabe N war aus) einen weiteren Hinweis auf einen Schabernack verpasst: "Check', wie ich und mein Kompagnon hier ma' eben ganz nonchalant mit 'ner dicken, fetten Bong ankommen und Schwachsinn erzählen wie der Postillon." Merkste was?

"Yippieyippiyeh, ich hab' einen im Tee und schmiere meine Popel an deinen BMW", kaspert sich Jan Delay durch den frech vorvorgestrig anmutenden Reggae-Tune "Schelle", der sich am Ende auch noch bei Audio88 und Yassin bedient. Echt nicht kapiert, dass wir uns hier in ein sozialpsychologisches Experiment von mindestens MoneyBoyschen Ausmaßen verirrt haben? Eine Studie, die ausloten soll, wie viel sich der Gelegenheits-Rap-Plattenkäufer zumuten lässt? Dabei steht das Menetekel in flammenden Lettern an der Wand: "Die Band mit dem Fuchsschwanz verteilt 'ne Schelle und kassiert dafür 'ne Kusshand."

Sicherheitshalber ziehen die Beginner mit "So Schön" noch das Abziehbild eines dümmlichen For-the-ladies-Tracks aus den Kappen. Auftritt: Dendemann. Einst einer von Deutschlands derbsten Reimern, hat er sich inzwischen zum musikalischen Pausenclown vom "Neo Magazin Royale" heruntergewirtschaftet, nicht mal The Roots für Arme, höchstens eine Version von Stefan Raabs Heavytones. Traurig, eigentlich, aber auch der finale Wink mit der Zaunpfahlgroßhandlung, dass hier doch garantiert ganz, ganz groß angelegte Verschaukeleien vonstatten gehen.

Kurt Felix platzt auf seiner Wolke vermutlich vor Stolz. Die Herren Cantz und Böhmermann können jetzt rauskommen, und die Beginner wahlweise den wahren Erscheinungstermin ihres Albums (des richtigen, dann) verkünden. Oder aber sie geben endlich bekannt, dass ein Comeback nie zur Debatte stand. Die zweite Option erscheint ungleich würdevoller. Auf Lorbeeren ruht es sich ja wohl ausgesprochen bequem. Für die, die ohnehin schon oben sitzen, runterkucken, ab und zu grüßen, ab und zu spucken, kann ein neuerlicher Ausflug in die Niederungen des Tagesgeschäfts doch nur einen Abstieg bedeuten.

Trackliste

  1. 1. Ahnma feat. Gzuz
  2. 2. Es War Einmal ...
  3. 3. Meine Posse feat. Samy Deluxe
  4. 4. Schelle
  5. 5. So Schön feat. Dendemann
  6. 6. Rambo No. 5
  7. 7. Kater
  8. 8. Rap & Fette Bässe
  9. 9. Spam
  10. 10. Thomas Anders feat. Megaloh
  11. 11. Macha Macha feat. Haftbefehl
  12. 12. Nach Hause

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114 Kommentare mit 570 Antworten

  • Vor 10 Monaten

    jetzt hat sie gar nicht gesagt, ob tofuschlampen auch sperma schlucken dürfen :( ich bin safe nicht der einzige, der das wissen will!

  • Vor 5 Monaten

    Nach einem Jahr lässt sich feststellen, dass das Album definitiv auch kein Grower ist und besser niemals erschienen wäre.

  • Vor 2 Monaten

    ...ich habe mich wirklich neulich gefragt, wann ich zuletzt etwas vom neuen Album der Beginner gehört habe. Das war Ende letzten Jahres beim Konzert in Hannover. Danach ehrlich gesagt nicht mehr. Spricht irgendwie Bände, mochte ich doch das Bambule-Scheibchen sehr und hörte es rauf und runter. Schon beim ersten Hören des neuen Albums wollte sich für mich der Effekt, "dertrackistjageildenhörichmirgleichnochmalan" nicht einstellen; bis auf ein wenig "Ahnma" im repeat und "es war einmal". "Ahnma" machte damals den Eindruck, hier kommt was monstermäßig großes um die Ecke- waren aber wohl nur die Nebelhörner, die was großes ankündigen.
    Irgendwie schade drum, dass es nicht das erhoffte Hammer-Comeback wurde. Aber vielleicht hätte man damals einfach aufhören sollen. Bambule ist und bleibt für mich die Scheibe meiner Hamburger Schule-Zeit. Daran anzuknüpfen ist wahrlich auch schwer.