laut.de-Kritik

Der Trump aus Berlin erkennt die Zeichen der Zeit.

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Niemand hat damit gerechnet. Viel zu lange wurde unterschätzt, welche Gefahr von ihm ausgehen könnte. Seine verbalen Entgleisungen gegen Frauen wurden als "Locker-Room-Talk" verharmlost. Doch er hat all seine Kontrahenten hinter sich gelassen und sich an der Spitze etabliert. Die Rede ist natürlich von Bass Sultan Hengzt.

Fabio Cataldi hat die postfaktischen Zeichen der Zeit erkannt und legt die Ur-Version seiner Kunstfigur neu auf. Hierfür geht er gleich mehrere Schritte zurück: keine Pop-Sounds, keine Gesangseinlagen von Serk, keine Partytracks, nur straighter Battle-Rap der Berliner Schule. Alles unter dem Motto: "Ich ficke deine Mutter bleibt mein Evergreen."

Vordergründig beschränkt sich der öffentliche Auftritt des Rappers auf Provokation und Ignoranz, Narzissmus und Antiintellektualismus sowie ordinäre und widersprüchliche Statements. Die Ähnlichkeiten mit einem New Yorker Immobilienmogul erscheinen frappierend. Sowohl von diesem als auch von seinem ersten Teil unterscheidet "2ahltag: Riot" die nahezu durchgehende augenzwinkernde Attitüde, die direkt an "Berliner Schnauze" anknüpft ("Rapper haben im Ghetto Briefkastenfirmen.").

Einzig "Zweimal Im Leben" verzichtet auf jeglichen Wortwitz. Über einen Beat mit Spieluhr-Elementen breitet Hengzt einen Racheplan aus, der insbesondere den Hörer ohne Hintergrundwissen irritiert zurücklässt: der heißeste Index-Anwärter der Platte.

"Stute" ist noch als Teil des Promo-Streits mit Jennifer Rostock in Erinnerung. Dankend nimmt Hengzt die Herausforderung an und formuliert auf Grundlage des Instrumentals zum Song "Hengstin" seine Gegenthese: "Du laberst von Feminismus, doch ich hör' nur raus, dass du an den Dick musst." Eine kalkulierte Reaktion auf einen kalkulierten Song. "Wer Anzeige macht wegen Urheberrecht ist ein Hurensohn", gibt sich Hengzt im Original noch großmäulig. Für das Album geht er dann doch auf Nummer sicher und verpasst dem Beitrag aus rechtlichen Gründen nur einen Remix.

Seinen Unwillen, sich klar politisch zu positionieren, hat Hengzt in der Vergangenheit bereits häufiger deutlich gemacht. Dennoch deutet er an, dass es systemische Gründe für seine "Aggression" geben könnte. Der gleichnamige Song lässt sich durchaus als Aufforderung zum Protest auslegen: "Das ist der Aufstand der Armen und Gefährlichen." "Ich lasse meine Aggressionen an Schwachen aus wie Wutbürger", kann in "Riot" nur als Abgrenzung zu PEGIDA und Co. verstanden werden. Eigentlich schade, dass diese lobenswerten Zwischentöne im dröhnenden Proll-Sprech versinken.

Ein kritisches Auge wirft der Berliner auf die Entwicklung der Hip Hop-Szene. Angesichts der Glorifizierung von Luxus-Marken, Fitness- und Social-Media-Wahn sowie übertriebenen Marketing-Strategien, um seine Produkte an den Mann zu bringen, schwillt Hengzt der Kamm: "Jeder Bastard hat 'ne Box." Selbstredend ist auch "2ahltag: Riot" für etwas Kleingeld in einer platzsparenden Box-Version zu erwerben.

Auch die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien gerät immer wieder ins Visier. Lustvoll verteilt Hengzt an diese Nackenschläge, denn ohne ihn "hätten die beim Index wieder nichts zu tun." Wiederholt erfreut er langjährige Fans mit versteckten, unverfänglichen Zitaten seiner indizierten Klassiker ("Gangbang", "Berliner Schnauze"). Findige Chronisten des Berlin-Raps erkennen zudem Bezüge zu Kollegen wie dem Rapdämon, die ebenfalls nicht positiv auf die Bundesbehörde zu sprechen sein sollten. "Denn wenn die Bullen kommen, sollen die Bullen kommen, yeah!"

Weniger kameradschaftlich begegnet er dagegen den mainstreamtauglichen Kollegen der Antilopen Gang, der Orsons und vor allem der Four-Music-Fraktion um Casper, Kraftklub und Chakuza. Auch mit rappenden YouTubern wie Liont und DieLochis sowie sonstigen "Social-Media-Phänomenen" à la Sami Slimani, Hans Entertainment oder Julien Bam rechnet Hengzt am "Zahltag" gnadenlos ab.

Ob sich die BpjM "2ahltag: Riot" als weitere Trophäe an die Wand hängen wird, bleibt vorerst fraglich. Immerhin bewegt es sich angesichts des täglichen Wahnsinns am Puls der Zeit. Wenn all die brutalen Parolen Trumps als mediale Dauerbeschallung durchgehen, wird sich Hengzt doch wohl noch an der einen oder anderen Mutter delektieren dürfen. Wahlweise kann er natürlich auch einfach alternative Fakten schaffen und die Prüfstelle per Dekret schließen lassen.

Trackliste

  1. 1. Intro
  2. 2. Riot
  3. 3. Donald Trump
  4. 4. Drive-By Auf Veganer-Fotzen
  5. 5. Ich Bin Faul
  6. 6. Stute (Remix) (feat. King Orgasmus One)
  7. 7. Feiertag
  8. 8. Postleitzahl
  9. 9. Zahltag (feat. Olexesh)
  10. 10. Warum Bist Du So Ein Hurensohn
  11. 11. Aggression
  12. 12. Zweimal Im Leben
  13. 13. Statements
  14. 14. AFD (Abschiebungs Anthem) (feat. Al Gear)

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9 Kommentare mit 13 Antworten

  • Vor 8 Monaten

    "Drive-By Auf Veganer-Fotzen"

    So stumpf :D

  • Vor 8 Monaten

    Ja man Hengzt is back und gibt mir gleich Goosebumps vor lauter Nostalgia

    Das Album ist richtig und wichtig

    Endlich wieder ein back to the roots und Schenkel klopfen, Zahltag 2009 war der epische Abgang, die B.S.H Zeit eine Stufe der Verwirrung und Scham, nun das Comeback zum richtigen Moment

    Ich freue mich für Hengzt und jeden seiner Hörer. Die vorab veröffentlichten Songs haben alle den gleichen Beat? Mir egal. ausgelutschte Hooklines? Mir egal

    Ich habe das Album in Gänze bisher noch nicht gehört und brauche es sogar gar nicht unbedingt. Das pure Erscheinen genügt vollends um das wohlige Gefühl, zumindest das Gefühl..zu haben, eine der immerwährenden Konstanten im Deutschrap zieht noch immer ihre Kreise, fernab der ganzen Miami Yacines, Frenchman-Connections oder Cloudlümmel

    Danke Hengzt, Danke Fabio. 2006 noch in myspace, heute pure Legende, da verzeihe ich auch die ganzen Pop-Ausrutscher

    Nicht das drölfste sSchnarchcomebackchen eines ehemaligen Rapsternchens , sondern die einprägsame Stimme, die deine Mutter slapt

    ungehört 4/5

    gehört sicher bald auch, yo

    Hengzt ist King, wird jeder bestätigen der den Vibe( gruß an Fler) der Ära 2005-2009 fühlt